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Full text of "Geschichtliche Symptomatologie"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Geschichtliche Symptomatolo| 



Neun Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 18. Oktober bis 3. November 1918 



1982 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaGverwaltung 

Die Herausgabe besorgten J. Waeger (f) und R. Friedenthal 



1. Auflage Dornach 1942 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1962 

3., neu durchgesehene Auflage 
(photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1982 



Bibliographie-Nr. 185 

Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf von Rudolf Steiner 
Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1962 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schiiler AG, Biel 

ISBN 3-7274-1850-8 



2» den Veroffentlicbungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl- 
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder 
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die- 
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim- 
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und 
die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf 
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, muli gegenuber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen 
sich Fehlerhaftes findet.» 

Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 18. Oktober 1918 9 

Das Heraufkommen des Bewufitseins-Impulses 

Zweiter Vortrag, 19. Oktober 1918 35 

Zur Symptomatologie der neueren Zeit 

Dritter Vortrag, 20. Oktober 1918 61 

Charakteristische Seiten neuzeitlicher Geschichtssymptome 

Vierter Vortrag, 25. Oktober 1918 83 

Die historische Bedeutung der naturwissenschaftlichen Denkweise 
als Symptom 

Funfter Vortrag, 26. Oktober 1918 105 

Das iibersinnliche Element in der Geschichtsbetrachtung 

Sechster Vortrag, 27. Oktober 1918 125 

Episodische Betrachtung zum Erscheinen der neuen Auflage der 
«Philosophie der Freiheit» 

Siebenter Vortrag, 1. November 1918 151 

Episodische Betrachtungen anlafilich der neuen Auflage von 
«Goethes Weltanschauung)) 

Achter Vortrag, 2. November 1918 179 

Religionsgeschichtliche Impulse des funften nachatlantischen 
Zeitraums 

Neunter Vortrag, 3. November 1918 198 

Der Zusammenhang tieferer europaischer Impulse mit den Impulsen 
der Gegenwart 

Hinweise 233 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 245 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 251 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 253 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 18. Oktober 1918 



Ich werde versudien, heute, morgen und iibermorgen einiges Bedeu- 
tungsvolle anzukniipfen an die Betrachtung, die ich in der vorigen 
Woche hier vor Ihnen angestellt habe. Was ich ankniipfen will an diese 
Dinge, die uns bis zu einer gewissen Tiefe hineingefiihrt haben in die 
Impulse, welche die neuere Menschheitsentwickelung beherrschen, das 
soli sich herausergeben aus allerlei Wendepunkten des neueren ge- 
schichtlichen Lebens. Wir wollen versuchen, dieses neuere geschichtliche 
Leben bis zu dem Punkte zu betrachten, an dem wir sehen konnen, 
wie die Menschenseele in der Gegenwart im Weltenzusammenhange 
drinnensteht, sowohl mit Bezug auf ihre Entwickelung im Kosmos, 
wie auf ihre seelische Entwickelung gegeniiber dem Gottlichen und 
ihre Ich-Entwickelung gegeniiber dem Geistigen. Aber ich mochte ein- 
mal diese Dinge an mehr oder weniger Alltagliches und Ihnen Bekann- 
tes ankniipfen. Deshalb lege ich heute zunachst - Sie werden morgen 
und iibermorgen sehen warum - jenen geschichtlichen Uberblick iiber 
die neuere Menschheitsentwickelung zugrunde, der auch gestern zum 
Teil der Betrachtung iiber neuere Geschichte zugrunde gelegen hat, die 
ich versuchte in meinem offentlichen Vortrage in Zurich zu geben. 

Wir wissen aus friiheren Vortragen, die ich iiber ahnliche Themata 
gehalten habe, dafi ich vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft 
aus das, was man gewohnlich Geschichte nennt, verwandelt sehen mufi 
in eine Symptomatologie. Das heifit von dem Gesichtspunkte, den ich 
hier meine: Dasjenige, was man gewohnlich empfangt als Geschichte, 
was verzeichnet wird in dem, was man schulmafiig Geschichte nennt, 
das sollte man nicht ansehen als das wirklich Bedeutungsvolle im Ent- 
wickelungsgange der Menschheit, sondern man sollte das nur ansehen 
als Symptome, die gewissermafien an der Oberflache ablaufen und 
durch die man durchblkken mufi in weitere Tief en des Geschehens, wo- 
durch sich dann enthiillt, was eigentlich die Wirklichkeit ist im Werden 
der Menschheit. Wahrend gewohnlich die Geschichte die sogenannten 
historischen Ereignisse in ihrer Absolutheit betrachtet, soil hier das, was 



man historische Ereignisse nennt, nur als etwas angesehen werden, was 
gewissermafien ein tiefer darunterliegendes, wahres Wirkliche erst ver- 
rat, und, wenn man es richtig betrachtet, offenbart. 

Man braucht ja nicht sehr tief zu denken, so wird man sehr bald 
darauf kommen, wie unsinnig zum Beispiel eine sehr haufig gemachte 
Bemerkung ist: dafi der Mensch der Gegenwart ein Ergebnis der Ver- 
gangenheit der Menschheit sei, und diese Bemerkung an die Betrach- 
tung desjenigen knupft, was dann die Geschichte von dieser Vergan- 
genheit gibt. Lassen Sie diese geschichtlichen Ereignisse, die Sie in der 
Schule als Geschichte vorgefuhrt bekommen haben, einmal Revue pas- 
sieren, und fragen Sie dann, wieviel davon Einflufi gewonnen haben 
kann, so wie es die Geschichte glaubt darstellen zu konnen, auf Ihr 
eigenes Gemiit, auf Ihre eigene seelische Struktur! - Aber die seelische 
Struktur zu betrachten, wie sie in der Gegenwart hineingestellt ist in 
die Entwickelung der Menschheit, das gehort ja zur wirklichen Selbst- 
erkenntnis des Menschen. Diese Selbsterkenntnis wird nicht gefordert 
durch die gewohnliche Geschichte. Manchmal wird allerdings ein Stuck 
Selbsterkenntnis gefordert, herbeigefiihrt, aber auf einem Umwege, 
zum Beispiel wie mir gestern ein Herr erzahlte, dafi er einmal in der 
Schule nicht wufite, wann die Schlacht von Marathon geschlagen wor- 
den ist und deswegen drei Stunden Arrest bekommen hatte. Das ist 
allerdings dann etwas, was auf die Seele des Menschen wirkt und 
was dann auf einem Umwege etwas beitragen konnte zu Impulsen, 
die zur Selbsterkenntnis fiihren! Aber die Art und Weise, wie die Ge- 
schichte von der Schlacht von Marathon spricht, wird wenig beitragen 
zur wirklichen Selbsterkenntnis des Menschen. Dennoch mufi audi eine 
symptomatologische Geschichte schon Rucksicht nehmen auf die aufie- 
ren Tatsachen, einfach aus dem Grunde, weil sich gerade durch die 
Betrachtung und Wertung der aufieren Tatsachen der Einblick gewin- 
nen lafk in dasjenige, was wirklich geschieht. 

Nun will ich zunachst nur gewissermafien ein Bild der neueren 
*nenschlichen Geschichtsentwickelung aufrollen, jener, die gewohnlich 
in der Schule dadurch betrachtet wird, dafi man mit der Entdeckung 
Amerikas, mit der Erfindung des Schiefipulvers - nun, Sie wissen ja 
das alles, nicht wahr - anfangt und sagt: Nun war das Mittelalter 



abgeschlossen, jetzt beginnt die neuereZeit.— Aber es handelt sich, wenn 
man eine solche Betrachtung fruchtbar fiir den Menschen anstellen 
will, darum, dafi man vor alien Dingen den Blick hinwendet auf die 
wirklichen Umschwiinge in der Menschheitsentwickelung selbst, auf 
diejenigen grofien Wendepunkte, in denen das Seelenleben des Men- 
schen aus einer gewissen Artung in eine andere Artung ubergegangen 
ist. Diese Ubergange bemerkt man sogar gewohnlich nicbt. Man be- 
merkt diese Obergange eben nicht, weil man sie iiber dem Gestriippe 
der Tatsachen iibersieht. Wir wissen ja aus rein geisteswissenschaft- 
licher Betrachtung, dafi der letzte grofie Wendepunkt in der mensch- 
lichen Kulturentwickelung in den Anfang des 15. Jahrhunderts fallt, 
wo der fiinfte nachatlantische Zeitraum beginnt. Wir wissen, daiR 747 
vor dem Mysterium von Golgatha der griechisch-lateinische Zeitraum 
begonnen hat und bis dahin dauerte, wo dann der neuere, fiinfte nach- 
atlantische Zeitraum begann, bis in den Anfang des 15. Jahrhunderts. 
Nur darum, weil man die Dinge oberflachlich betrachtet, kommt fiir 
die gewohnliche Anschauung nicht heraus, dafi wirklich das ganze See- 
lenleben der Menschen sich geandert hat in dem betreffenden Zeit- 
punkt. Und es ist ein ganz gewohnlicher Unsinn, wenn man zum Bei- 
spiel das 16. Jahrhundert so vorstellt in der Geschichte, als ob es ein- 
fach sukzessive aus dem 11. oder 12. Jahrhundert hervorgegangen 
ware, und auslafk jenen betrachtlichen Umschwung, der gegen das 
15. Jahrhundert zu, dann auslaufend davon, sich zugetragen hat. Na- 
tiirlich ist ein soldier Zeitpunkt approximativ, annahernd; aber was 
ist denn nicht annahernd im wirklichen Leben? Bei all dem, wo ein 
Entwickelungsvorgang, der in sich in einer gewissen Weise zusammen- 
hangend ist, hiniiberdringt in eine andere Zeit, da miissen wir immer 
von «approximativ» sprechen. Wenn der Mensch geschlechtsreif wird, 
so kann man auch nicht genau den Tag in seinem Leben bestimmen, 
sondern es bereitet sich vor und lauft dann ab. Und so ist es natiirlich 
auch mit diesem Zeitpunkt 1413. Die Dinge bereiten sich langsam vor 
und nicht gleich tritt alles und iiberall in seiner vollen Starke auf. Aber 
man bekommt gar keinen Einblick in die Dinge, wenn man nicht den 
Zeitpunkt des Umschwunges ganz sachgemafi ins Auge f afit. 

Nun kann man nicht anders - wenn man, zuruckschauend hinter die 



Zeit des 15. Jahrhunderts, nach der wichtigsten Seelenverfassung der 
Menschheit riickblickend fragt und dann vergleichen will mit dem, was 
nach dem Beginne des 15. Jahrhunderts immer mehr und mehr in diese 
Seelenverfassung der Menschheit hineinkam - man kann nicht anders, 
als das Auge hinwenden zu jenem umfassenden Tatsachlichen, welches 
sich das ganze sogenannte Mittelalter hindurch iiber die europaische 
zivilisierte Menschheit ausbreitete, und das noch innig zusammenhing 
mit der ganzen Seelenkonstitution der griechisch-lateinischen Zeit: Es 
ist die Form, welche sich allmahlich im Laufe der Jahrhunderte aus 
dem Romischen Reiche heraus in dem an das romische Papsttum ge- 
bundenen Katholizismus herausgebildet hatte.DerKatholizismus kann 
ja nicht anders betrachtet werden bis zum grofien Wendepunkt der 
neueren Zeit, als da£ man ins Auge fafk, wie er ein Universalimpuls 
war, wie er als Universalimpuls sich ausbreitete. Sehen Sie, die Men- 
schen waren im Mittelalter gegliedert; sie war en gegliedert nach Stan- 
den, sie waren gegliedert nach Familienzusammenhangen, sie waren 
gegliedert in den Ziinften und so weiter. Aber durch all diese Gliede- 
rungen zog sich hindurch dasjenige, was der Katholizismus in dieSeelen 
traufelte, und er zog sich hindurch in jener Gewandung, welche das 
Christentum angenommen hatte unter mancherlei Impulsen, die wir 
noch kennenlernen werden in diesen Tagen, und unter jenen Impulsen, 
die ich Ihnen in den vorigen Vortragen angefiihrt habe. Es brekete 
sich der Katholizismus aus als jenes Christentum, das wesentliche Ein- 
fliisse in Rom von jenen Seiten empfangen hat, die ich eben charakteri- 
siert habe. 

Womit rechnete denn der von Rom ausgebende und sich in seiner 
Art durch die Jahrhunderte entwickelnde Katholizismus, der wirklich 
ein Universalimpuls war, der die tiefste Kraft war, welche in die Zivi- 
lisation Europas hineinpulsierte? Er rechnete mit einer gewissen Un- 
bewufitheit der menschlichen Seele, mit einer gewissen Suggestivkraft, 
die man auf die menschliche Seele ausiiben kann. Er rechnete mit jenen 
Kraften, welche die menschliche Seelenverfassung seit Jahrhunderten 
hatte, in welchen die menschliche Seele, die erst in unserem Zeitraume 
erwachte, noch nicht voll erwacht war. Er rechnete mit denen, die erst 
in der Gemiits- und Verstandesseele waren. Er rechnete damit, daft er 



ihnen in ihr Gemiit durch suggestives Wirken eintraufelte dasjenige, 
was er fur nutzlich hielt, und er redinete bei denen, welche die Gebil- 
deten waren - und das war ja zumeist der Klerus mit dem scharfen 
Verstand, der aber in sich noch nicht die Bewuikseinsseele geboren 
hatte. Die Entwickelung der Theologie bis ins 13., 14., 15. Jahrhundert 
ist so, da£ sie iiberall auf den denkbar scharfsten Verstand zahlte. Aber 
wenn Sie Ihre Kenntnisse iiber das, was der menschliche Verstand ist, 
von dem Verstande heute nehmen, so konnen Sie niemals eine richtige 
Vorstellung gewinnen von dem, was der Verstand bis ins 15. Jahr- 
hundert bei den Menschen war. Der Verstand bis ins 15. Jahrhundert 
hatte etwas Instinktives, er war noch nicht durchdrungen von der 
Bewuikseinsseele. Es war nicht ein selbstandiges Nachdenken in der 
Menschheit, das nur von der Bewufkseinsseele kommen kann, sondern 
es war da und dort ein ungeheuer groiKer Scharfsinn, wie Sie ihn ganz 
gewifi in vielen Auseinandersetzungen bis ins 15. Jahrhundert finden, 
denn gescheiter sind viele dieser Auseinandersetzungen als die der spa- 
teren Theologie. Aber es war nicht jener Verstand, der aus der Bewufit- 
seinsseele heraus wirkte, sondern es war jener Verstand, welcher, wenn 
man popular spricht, aus dem Gottlichen heraus wirkte, wenn man 
esoterisch spricht, aus dem Engel, aus dem Angelos heraus wirkte; also 
etwas, woriiber der Mensch noch nicht verfiigte. Das selbstandige Den- 
ken wurde erst moglich, als der Mensch auf sich selber gestellt war 
durch die Bewuikseinsseele. Wenn man auf solche Weise mit suggesti- 
ver Kraft einen Universalimpuls so ausbreitet, wie das geschehen ist 
durch das romische Papsttum und alles, was damit in der Kirchen- 
struktur verbunden war, dann trifft man viel mehr das Gemeinsame, 
das Gruppenseelenhafte der Menschen. Und das traf auch der Katho- 
lizismus. Und es brachten es - wir werden die Dinge schon von einem 
anderen Gesichtspunkte noch besprechen - gewisse Impulse der neueren 
Geschichte dahin, daft dieser Universalimpuls des sich ausbreitenden 
Katholizismus gewissermafien seinen Sturmbock f and an dem Romisch- 
Germanischen Imperium, und wir sehen, wie die Ausbreitung des uni- 
versellen romischen Katholizismus eigentlich unter fortwahrendem 
Zusammenprallen und Sich-Auseinandersetzen mit dem Romisch- 
Deutschen Imperium geschieht. Sie brauchen ja nur in den gebrauch- 



lichen Geschichtsbtichern die Zeit der Karolinger, die Zeit der Hohen- 
staufen zu studieren, und Sie werden da iiberall sehen, dafi es sich im 
wesentlichen darum handelt, daft in Europas Kultur einzieht der ka- 
tholische Universalimpuls, wie er von Rom aus gedacht wird. 

Wenn wir von dem Gesichtspunkt des Beginnes der Bewufitseins- 
seelenkultur die Sadie recht ansehen wollen, so miissen wir auf einen 
groften Wendepunkt hinblicken, durch den aufierlich symptomatisch 
sich zeigt, wie das, was durch das Mittelalter wirklich herrschend war 
in dem eben charakterisierten Sinne, aufhort so herrschend zu sein, 
wie es fruher war. Und dieser Wendepunkt in der neueren geschicht- 
lichen Entwickelung ist der, dafi 1309 von Frankreich aus der Papst 
einfach von Rom nach Avignon versetzt wird. Damit war etwas ge- 
tan, was fruher selbstverstandlich nicht hatte geschehen konnen, wor- 
innen sich zeigte: Jetzt beginnt das, wo die Menschheit anders wird 
als fruher, da sie sich beherrscht wulke von einem Universalimpuls. 
Man kann sich nicht vorstellen, daft es fruher einem Konig oder einem 
Kaiser einfach hatte einfallen konnen, den Papst von Rom irgendwo 
andershin zu versetzen. 1309 wurde kurzer Prozefi gemacht: der Papst 
wurde nach Avignon versetzt, und es beginnt jene Zankerei mit Pap- 
sten und Gegenpapsten, die eben an die Versetzung des Papsttums 
gebunden war. Und damit in Verbindung sehen wir dann, wie etwas, 
was allerdings in einem ganz anderen Zusammenhange mit dem Chri- 
stentum war, das in eine gewisse aufiere Verbindung mit dem Papst- 
tum gekommen war, mit betroffen wurde. Wahrend 1309 der Papst 
nach Avignon versetzt wird, sehen wir, dafi bald danach, 1312, der 
Tempelherren-Orden aufgehoben wird. Das ist solch ein Wendepunkt 
der neueren Geschichte. Man soli solch einen Wendepunkt nicht blofi 
hinsichtlich seines tatsachlichen Inhaltes betrachten, sondern als Sym- 
ptom, urn allmahlich zu finden, was fiir eine Wirklichkeit dahinterliegt. 

Nun wollen wir andere solche Symptome vor unserem Seelenauge 
voriiberziehen lassen. Wir haben sie, wenn wir die Zeit, in welcher 
dieser Wendepunkt lag, einmal vor unserer Seele auftreten lassen. Da 
haben wir, iiber Europa hinschauend, die Tatsache auffallig, dafi das 
europaische Leben mehr nach Osten hintiber doch radikal beeinflulk 
wird von jenen Ereignissen, die sich im geschichtlichen Leben, ich 



mochte sagen, wie Naturereignisse wirksam machen. Das sind die fort- 
wahrenden Wanderungen - mit den Mongolenwanderungen haben sie 
in der weiteren neueren Zeit begonnen -, die stattfinden von Asien 
nach Europa heriiber, und die ein asiatisches Element nadi Europa 
hereinbrachten. Sie miissen nur bedenken, dafi man, wenn man an ein 
solches Ereignis wie das von Avignon diese Tatsache anschliefit, man 
sehr bedeutsame Anhaltspunkte gewinnt fiir eine historische Sympto- 
matologie. Denn bedenken Sie das Folgende. Wenn Sie wissen wollen, 
welches die aufieren, nicht die inneren geistigen, sondern die aufieren 
menschlichen Veranlagungen und Wirkungen waren, welche sich an 
das Ereignis von Avignon kniipften und die zu ihm gefuhrt haben, 
dann werden Sie bei einem zusammenhangenden Komplex von mensch- 
lichen Entschliissen und Tatsachen stehenbleiben konnen. Das konnen 
Sie nicht, wenn Sie solche Ereignisse betrachten wie die heriiberziehen- 
den Mongolen, bis spater dann zu den Tiirken. Sondern indem Sie soldi 
ein historisches Ereignis, soldi einen Tatsachenkomplex ins Auge fassen, 
miissen Sie folgende Erwagungen anstellen, wenn Sie wirklich zu einer 
geschichtlichen Symptomatologie kommen wollen. 

Nehmen Sie einmal an: Da ist Europa, da ist Asien (s. Zeichng. S. 16), 
die Ziige gehen heriiber. Nun nehmen wir an, soldi ein Zug sei bis zu 
dieser Grenze vorgedrungen, dahinter seien meinetwillen die Mon- 
golen, spater die Tiirken, wer immer, davor seien die Europaer. Wenn 
Sie die Ereignisse von Avignon nehmen, so finden Sie einen Tatsachen- 
komplex von menschlichen Entschliissen, menschlichen Taten vor. Das 
haben Sie dort nicht. Dort miissen Sie zwei Seiten betrachten, die eine, 
die hier liegt, und die andere, die hier liegt (auf die Zeichnung deu- 
tend). Fiir die Europaer ist dieser Sturm, der da heruberkommt, ein- 
fach wie ein Naturereignis: man sieht nur die Auftenseite. Die kom- 
men heriiber und storen einfach, sie dringen ein. Dahinter aber liegt 
all diejenige Kultur, all die Seelenkultur, die sie selbst in sich tragen. 
Ihr eigenes seelisches Leben liegt dahinter. Das mag man wie immer 
beurteilen, aber es liegt dieses seelische Leben dahinter. Das wirkt gar 
nicht iiber die Grenze hiniiber. Die Grenze wird gewissermafien wie 
ein Sieb, durch das nur etwas wie elementarische Wirkungen durchgeht. 
Solche zwei Seiten - ein Inneres, das bei den Menschen bleibt, die 




hinter einer solchen Grenze stehen, und dasjenige, was nur zugewen- 
det wird dem anderen — finden Sie in dem Ereignis von Avignon 
natiirlich nicht; da ist alles in einem Komplex drinnen. Solche Ereig- 
nisse wie diese Wanderungen von Asien heriiber, die haben eine 
grofie Ahnlichkeit mit der Naturanschauung selber. Denken Sie sich, 
Sie schauen die Natur an, Sie sehen die Farben, Sie horen die Tone: 
Das ist ja alles Teppich, das ist ja alles Hiille. Dahinter liegt Geist, 
dahinter liegen die Elementarwesen, bis heran zu dem hier. Da haben 
Sie auch die Grenze. Sie sehen mit Ihren Augen, Sie horen mit Ihren 
Ohren, fuhlen mit Ihren Handen. Dahinter liegt der Geist, der kommt 
hier nicht durch. Das ist in der Natur so. Das ist ja da nicht ganz gleich, 
aber etwas Ahnliches. Was dahinter als Seelisches liegt, das dringt da 
nicht durch, das wendet nur die Aufienseite nach der anderen Ge- 
gend hin. 

Es ist aufierordentlich bedeutsam, dafi man dieses merkwiirdige 
Mittelgebilde ins Auge fafit, wo Volker oder Rassen aufeinander- 
prallen, die sich gewissermafien nur ihre Auftenseite zukehren, dieses 
merkwiirdige Mittelgebilde - welches auch unter den Symptomen auf- 
tritt - zwischen eigentlichem menschlich-seelischen Universalerleben, wie 



es also angeschaut werden mull, wenn man so etwas erblickt wie das 
Ereignis von Avignon, und zwischen riditigen Natureindrticken. All 
das historische Gerede, das in der neueren Zeit heraufgekommen ist, 
und das keine Ahming hat von dem Eingreifen eines solchen Mittel- 
dings, all das kommt zu keiner wirklichen Kulturgeschichte. Weder 
Buckle noch Ratzel konnten daher zu einer wirklichen Kulturgeschichte 
kommen. Ich nenne zwei weit auseinanderliegende kulturgeschichtliche 
Betrachter, weil sie von den Vorurteilen ausgingen: Nun, man muft 
halt dasjenige, was von zwei Ereignissen aufeinanderfolgt, so betrach- 
ten, da£ das spatere die Wirkung, das friihere die Ursache ist, und die 
Menschen so darinnen gestanden haben. 

Das ist also wiederum soldi ein Ereignis. Wenn man es als Symptom 
betrachtet im neueren "Werden der Menschheit, dann wird es, wie wir 
in diesen Tagen sehen werden, eine Briicke von den Symptomen hin- 
iiber zur Wirklichkeit. 

Nun sehen wir etwas auftauchen aus dem Komplex von Tatsachen 
heraus, was wir wiederum mehr symptomatisch betrachten wollen. 
Wir sehen im Westen von Europa, anfangs noch wie ein mehr oder 
weniger einheitliches Gebilde, dasjenige auftauchen, was spater zu 
Frankreich und England wird. Denn zunachst konnen wir es - wie wir 
auftauchen sehen in der Zeit, was spater zu diesen zwei Gebilden wird, 
wenn wir nicht die aufierlichen Unterscheidungen wie den Kanal ins 
Auge fassen, der aber doch nur etwas Geographisches ist - eigentlich 
nicht unterscheiden. In England druben ist in den Zeiten, als die neuere 
geschichtliche Entwickelung beginnt, uberall im Grunde franzosische 
Kultur. Englische Herrschaft greift heniber nach Frankreich; die Mit- 
glieder der einen Dynastie machen Anspruch auf den Thron im anderen 
Lande und so weiter. Aber eines sehen wir, was da auftaucht, was das 
ganze Mittelalter hindurch ebenfalls zu dem gehort hat, das gewisser- 
mafien in die Unterordnung getrieben wurde durch den katholisch- 
romischen Universalimpuls. Ich sagte schon, die Menschen hatten Ge- 
meinschafben, sie hatten Blutsverwandtschaften in Familien, an denen 
sie zah festhielten, sie hatten zunftliche Gemeinschaften, alles mogliche. 
Aber durch das alles geht etwas durch, was machtiger, herrschender 
war, wodurch das andere in Unterordnung getrieben wird, wodurch 



dem anderen das Geprage aufgedriickt wurde: Das war eben der 
romisch geformte, der katholische Universalimpuls. Und dieser romisch- 
katholisdie Universalimpuls machte, wie er die Ziinfte oder die an- 
deren Gemeinschaften zu etwas Untergeordnetem machte, ebenso die 
nationale Zusammengehorigkeit zu etwas Untergeordnetem. Die natio- 
nale Zusammengehorigkeit wurde in der Zeit, als der romische Uni- 
versal-Katholizismus wirklich seine grofite impulsive Starke entwik- 
kelte, nicht fur das Wichtigste in der seelischen Struktur der Menschen 
angesehen. Aber das ging jetzt auf, das Nationale als etwas zu be- 
trachten, was wesentlich wird fur den Menschen, in unendlichem 
Grade viel wesentlicher als es fruher sein konnte, da der katholische 
Universalimpuls allherrschend war. Und bedeutsam sehen wir es ge- 
rade in dem Gebiete auf treten, das ich Ihnen eben bezeichnet habe. Aber 
wir sehen zu gleicher Zeit, wahrend dort die allgemeine Idee, sich als 
Nation zu fiihlen, auftaucht — wir werden noch iiber die Sache zu 
sprechen haben -, wie gestrebt wird, eine ganz wichtige, bedeutsame 
Differenzierung zu vollziehen. Wahrend wir sehen, wie durch die 
Jahrhunderte hindurch ein gewisser einheitlicher Impuls iiber Frank- 
reich und England sich ausbreitet, sehen wir, wie im 15. Jahrhundert 
Differenzierungen eintreten, fur die der wichtigste Wendepunkt das 
Auf treten der Jung f rau von Orleans 1429 ist, womit der Anstofi ge- 
geben wird - und wenn Sie in der Geschichte nachsehen, so werden Sie 
sehen, daft dieser Anstofi ein wichtiger, ein machtiger ist, der fort- 
wirkte — der Differenzierung zwischen dem Franzosischen einerseits, 
dem Englischen anderseits. 

So sehen wir das Auftauchen des Nationalen als Gemeinsamkeit 
Bildendem, und zu gleicher Zeit diese fiir die Entwickelung der neue- 
ren Menschheit symptomatisch bedeutsame Differenzierung, die ihren 
Wendepunkt 1429 in dem Auf treten der Jungfrau von Orleans hat. 
Ich mochte sagen: In dem Augenblicke, in dem der Impuls des Papst- 
tums die westliche europaische Bevolkerung aus seinen Fangen ent- 
lassen mufi, taucht die Kraft des Nationalen gerade im Westen auf 
und ist dort bildend. — Sie diirfen sich nicht tauschen lassen in einer 
solchen Sache. So wie Ihnen die Geschichte heute dargestellt wird, 
konnen Sie selbstverstandlich bei jedem Volk riickwartige Betrach- 



tungen anstellen und konnen sagen: Nun ja, da ist auch schon das 
Nationale gewesen! - Da legen Sie keinen Wert darauf , wie die Dinge 
wirksam sind. Sie konnen ja bei den Slawenvolkern nachsehen; die 
werden selbstverstandlich unter dem Eindruck der heutigen Ideen und 
Impulse ihre nationalen Gefiihle und Krafte moglichst weit zuriick- 
fiihren. Aber die nationalen Impulse waren zum Beispiel gerade in der 
Zeit, von der wir heute sprechen, in besonderer Art wirksam, so dafi 
Sie eine Epoche umwandelndster Impulse gegeben haben in den Ge- 
bieten, von denen wir eben gesprochen haben. Das ist es, worauf es 
ankommt. Man mufi sich zur Objektivitat durchringen, damit man 
die Wirklichkeit erfassen kann. Und eine solche symptomatisdie Tat- 
sache, die ebenso das Heraufkommen der Bewufitseinsseele ausdriickt, 
aufierlich ofFenbart, wie die angefiihrte, ist audi dieses eigentumliche 
Sich-Herausorganisieren eines italienischen Nationalbewufitseins aus 
dem nivellierenden, das Nationale zu einem Untergeordneten machen- 
den papstlichen Elemente, wie es iiber Italien bis dahin ausgegossen 
war. In Italien wird es gerade in dieser Zeit im wesentlichen der natio- 
nale Impuls, der die Leute auf der italienischen Halbinsel vom Papst- 
tum emanzipiert. Das alles sind Symptome, die in der Zeit da sind, 
als sich innerhalb Europas die Bewufitseinsseelenkultur aus der Ver- 
standes- und Gemiitsseelenkultur heraus entwickeln will. 

In derselben Zeit - natiirlich sehen wir da auf Jahrhunderte hin - 
sehen wir dann die Auseinandersetzung, die da beginnt zwischen 
Mittel- und Osteuropa. "Was sich herausentwickelt hat aus demjenigen, 
was ich als Sturmbock bezeichnet habe fur das Papsttum, aus dem 
Romisch-Germanischen Imperium, das gerat in eine Auseinanderset- 
zung mit den heranstiirmenden Slawen. Und wir sehen, wie durch die 
mannigfaltigsten historischen Symptome dieses Ineinanderspielen Mit- 
tel- und Osteuropas stattfindet. Man mufi den fiirstlichen Herrschaf- 
ten in der Geschichte nicht so weit die lure aufmachen, als es heute 
die Lehrer der Geschichte tun. Schliefilich mufi man schon der Wilden- 
bruch sein, wenn man den Leuten als grofie historische Ereignisse jenen 
Hokuspokus vormacht, der sich abgespielt hat zwischen Ludwig dem 
Frommen und seinen Sohnen und so weiter auf einem bestimmten 
Gebiete von Europa; man mufi der Wildenbruch sein, wenn man die- 



jenigen Ereignisse als historisch bedeutsame aufzahlt, die er in seinen 
Dramen, die gerade von diesen Ereignissen handeln, als historisdi be- 
deutsam hinstellt. Diese historischen Familienereignisse haben nicht 
mehr Bedeutung als sonstiger Familientratsch; diese Familienereignisse 
haben mit der Entwickelung der Menschheit nichts zu tun. Davon be- 
kommt man erst ein Gefuhl, wenn man Symptomatologie in der Ge- 
schichte treibt. Denn dann bekommt man einen Sinn fur das, was sich 
wirklich heraushebt, und fur das, was fur den Entwickelungsgang der 
Menschheit ziemlich bedeutungslos ist. Bedeutungsvoll in der neueren 
Zeit ist die allgemeine Auseinandersetzung zwischen der europaischen 
Mitte und dem europaischen Osten. Aber im Grunde genommen ist es 
nur wie eine Gebarde, was sich da abgespielt hat mit Ottokar und so 
weiter. Das weist eigentlich nur hin auf dasjenige, was in Wirklichkeit 
geschieht. Dagegen ist von grofier Bedeutung, dafi man nicht einseitig 
dieses Ereignis betrachtet, sondern so, dafi man sieht, wie, wahrend 
jene Auseinandersetzung fortwahrend stattgefunden hat, eine koloni- 
satorische Tatigkeit von Mktel- nach Osteuropa hiniiber die Bauern- 
bewegungen brachte, die spater Menschen vom Rhein bis hinunter nach 
Siebenbiirgen brachte, welche dann dort - und durch eine Mischung 
von Mittel- und Osteuropa trat das ein - das ganze Leben, wie es sich 
spater in diesen Gebieten entwickelte, im allertiefsten Sinne beein- 
flufiten. So dafi wir auf der einen Seite die herankommenden Slawen 
durcheinandergeraten sehen in ihrem Tun mit dem, was sich in Mittel- 
europa herausgebildet hat aus dem romisch-germanischen Imperium, 
fortwahrend durchzogen von mitteleuropaischen Kolonisatoren, die 
nach dem Osten hiniibergingen. Und aus diesem merkwiirdigen Gesche- 
hen steigt dasjenige auf, was dann in der Geschichte die Habsburgische 
Macht wird. Aber ein anderes, das da aus diesem Getriebe iiberall in 
Europa aufsteigt, wie ich es Ihnen charakterisiert habe, das ist die Bil- 
dung gewisser Zentren mit einer zentralen, eigenen Gesinnung, die sich 
innerhalb kleiner Gemeinschaften der Stadte ausbildet. Vom 13. bis 
15. Jahrhundert ist die Hauptzeit, wo die Stadte iiber ganz Europa 
hin mit ihrer eigenen Stadtgesinnung heraufkommen. Dasjenige, was 
ich vorher charakterisiert habe, spielt so durch diese Stadte hindurch. 
Aber Individualitaten bilden sich in diesen Stadten herauf. 



Nun ist es immerhin fur diese Zeit bemerkenswert und bedeutsam, 
wie nach der Differenzierung von Frankreich und England, zunachst 
in England, sidi langsam aber griindlich vorbereitet dasjenige, was 
dann spater in Europa zum Parlamentarismus wird. Aus langdauern- 
den Biirgerkriegen - Sie konnen das in der Geschichte nachlesen -, die 
von 1452 bis 1485 dauern, entwickelt sich unter mannigfaltigen aufie- 
ren Symptomen das historische Symptom des aufkeimenden Parla- 
mentarismus. Die Menschen wollen, als im 15. Jahrhundert das Zeit- 
alter der Bewufitseinsseele beginnt, ihre Angelegenheiten selbst in die 
Hand nehmen. Sie wollen mitreden, sie wollen parlamentarisieren, 
sich unterhalten iiber dasjenige, was geschehen soli, und wollen dann 
aus dem, woriiber sie sich unterhalten, die aufieren Geschehnisse for- 
men, oder wollen sich wenigstens manchmal einbilden, dafi sie die 
aufieren Geschehnisse formen. Und das entwickelt sich, aus ihren 
schweren Biirgerkriegen im 15. Jahrhundert, innerhalb Englands aus 
jener Konfiguration heraus, die in deutlicher Differenzierung, in deut- 
lichem Unterschiede ist von dem, was in Frankreich sich audi unter 
dem Einflufi des nationalen Impulses gebildet hatte. Dieser Parlamen- 
tarismus in England bildet sich aus dem nationalen Impuls heraus. So 
dafi man sich klar sein mufi dariiber: Durch ein solches Symptom wie 
die Herausbildung des Parlamentarismus aus dem englischen Biirger- 
krieg im 15. Jahrhundert sehen wir durcheinanderspielen, oder meinet- 
willen auch durcheinanderspiilen, auf der einen Seite die heraufkom- 
mende nationale Idee, und einen Impuls, der uns schon sehr deutlich 
hinfiihrt zu dem, was die Bewufkseinsseele will, die im Menschen 
rumort. Und aus Griinden, die sich schon noch ergeben werden, bricht 
sich der Impuls der Bewufkseinsseele just durch diese Ereignisse in 
England durch, nimmt aber den Charakter jenes nationalen Impulses 
an, den er eben gerade nur dort bekommen konnte; daher bekommt 
er diese Farbung, diese Nuance. Damit haben wir vieles von dem 
betrachtet, was Europa gerade im Anfange des Bewufkseinskultur- 
Zeitalters die Konfiguration gegeben hat. 

Hinter all dem, gleichsam im Hintergrunde wie ein halbes Ratsel 
fur Europa dastehend, entwickelt sich das, was spater zum russischen 
Gebilde wird, mit Recht als etwas Unbekanntes angesehen. Wir wis- 



sen, warum: weil es dasjenige, was es in sich tragt, als Keime fur die 
Zukunft in sich tragt. Aber es gebiert sich zunachst aus lauter Altem 
heraus, oder wenigstens aus solchem heraus, das nicht eigentlich aus 
der Bewufkseinsseele entspringt, iiberhaupt nicht aus der menschlichen 
Seele. Naturlich ist es einmal entsprungen, aber hier entsprang es nicht 
aus der menschlichen Seele heraus. Keines von den drei Elementen, das 
konfigurierend eingriff in das russische Gebilde, entsprang aus der 
russischen Seele heraus. Das eine der Elemente war dasjenige, was von 
Byzanz kam, aus byzantinischem Katholizismus, das zweite dasjenige, 
was eingeflossen war durch die normannisch-slawische Blutmischung, 
das dritte dasjenige, was von Asien heriiberkam. Alle drei sind nicht 
etwas, was produziert wurde aus dem Inneren der russischen Seele her- 
aus, es hat aber die ^Configuration gegeben dem, was sich da als ein 
ratselhaftes Gebilde hinter dem europaischen Geschehen im Osten 
ausbildete. 

Und nun suchen wir uns ein gemeinschaftliches Merkmal fur all die 
Dinge, die uns da als Symptome entgegengetreten sind. Ein solches 
gemeinschaftliches Merkmal gibt es, das sehr auff allig ist. Wir brauchen 
nur das, was ja die eigentlich treibenden Krafte sind, mit dem zu ver- 
gleichen, was friiher die eigentlich treibenden Krafte in der Mensch- 
heitsentwickelung waren, und wir finden einen bedeutsamen Unter- 
schied, der uns charakteristisch hinweisen wird auf das, was das Wesen- 
hafte in der Bewufitseinsseelenkultur ist, und auf das, was das Wesen- 
hafte in der Verstandes- und Gemutsseelenkultur ist. 

Wir konnen es ja, um uns die Sache recht deutlich zu machen, zu- 
nachst mit einem solchen Impuls vergleichen, wie es das Christentum 
ist: etwas, was bei jedem Menschen ganz aus dem ureigensten Innern 
heraus produziert werden mull, ein Impuls, der wirklich ins geschicht- 
liche Geschehen ubergeht, aber der aus dem Innern des Menschen her- 
aus produziert wird. Nun ist das Christentum der grofite Impuls von 
dieser Art in der Erdenentwickelung. Aber wir konnen ja kleinere 
Impulse nehmen. Wir brauchen nur dasjenige, was durch das Augu- 
steische Zeitalter in das Romertum hineingekommen ist, zu nehmen, 
wir brauchen nur auf die zahlreich aus der Menschenseele hervorspru- 
delnden Impulse im griechischen Leben zu blicken. Da sehen wir, wie 



iiberall wirklich aus der Menschenseele heraus produziertes Neues in 
die Menschheitsentwickelung eintritt. Diese Zeit der Bewufkseinsseelen- 
kultur bringt es in bezug auf so etwas zu keiner Naissance, sondern 
hochstens zur Renaissance, zu einer Wiedergeburt. In bezug auf das, 
was aus der menschlichen Seele herauskommt, kommt es hochstens zu 
einer Renaissance, zu einer Wiederauferstehung des Alten. Denn das 
alles, was da als Impulse eingreift, das 1st ja nichts, was aus der mensch- 
lichen Seele herauspulsiert. Das erste, was uns aufgefallen ist, ist ja die 
nationale Idee, wie man es oftmals nennt, man miiike sagen, der natio- 
nale Impuls. Der wird nicht aus der Menschenseele produktiv heraus- 
geboren, sondern der liegt in dem, was wir vererbt erhalten haben, der 
liegt in dem, was wir vorfinden. Es ist etwas ganz anderes, was, sagen 
wir, durch die zahlreichen geistigen Impulse im Griechentum auftritt. 
Dieser nationale Impuls, der ist ein Pochen auf etwas, was da ist wie 
ein Naturprodukt. Da produziert der Mensch nichts aus seinem Innern 
heraus, wenn er sich als Angehoriger einer Nationalist betrachtet, 
sondern er weist nur darauf hin, dafi er in einer gewissen Weise ge- 
wachsen ist, wie eine Pflanze wachst, wie ein Naturwesen wachst. Und 
ich habe Sie mit Absicht darauf hingewiesen, daft, was da aus Asien 
heruberkommt, indem es nur die eine Seite der europaischen Kultur 
zuwendet, etwas Naturhafles hat. Wiederum geschieht in Europa 
nichts, was aus der menschlichen Seele heraus produziert wird, dadurch 
daft die Mongolen, spater die Osmanen einbrechen in die europaischen 
Ereignisse, obwohl vieles unter diesem Impuls geschieht. Audi in Rut- 
land geschieht nichts, was aus der menschlichen Seele herauskommt, 
was dadurch besonders charakteristisch ist; das hat nur Byzantinis- 
mus und Asiatismus ausgebreitet, diese normannisch-slawische Blut- 
mischung. Es sind gegebene Tatsachen, Naturtatsachen, die hereinkom- 
men ins Menschenleben, aber es wird nichts wirklich aus der mensch- 
lichen Seele heraus produziert. Halten wir das einmal fest als Aus- 
gangspunkt fur spater. Der Charakter dessen, worauf der Mensch 
pocht, wird ein ganz anderer vom 15. Jahrhundert ab. 

Betrachten wir mehr innerliche Ereignisse. "Wir haben jetzt mehr so 
die aufierlichen geschichtlichen Tatsachen ins Auge gefafit; betrachten 
wir mehr innerliche Ereignisse, die schon mehr im Zusammenhang 



stehen mit dem die Rinde der menschlichen Seele durchbrechenden 
Bewufkseinsseelenimpuls. Da sehen wir, wenn wir den Blick zum Bei- 
spiel auf das Konstanzer Konzil hin richten, 1415, die Hinrichtung 
des Hus. In Hus sehen wir eine Personlichkeit, die, ich mochte sagen, 
heraufkommt wie einem Menschenvulkan ahnlich, in dieser bestimm- 
ten Art. 1414 beginnt das Konstanzer Konzil, das uber ihn richtet, 
mit Beginn des 15. Jahrhunderts, gerade mit dem Beginn der Bewuik- 
seinsseelenkultur. Wie stent dieser Hus drinnen im modernen Leben? 
Als ein machtiger Protest gegen die ganze suggestive Kultur des katho- 
lischen Universalimpulses. Es baumt sich in Hus die Bewufitseinsseele 
selbst auf gegen dasjenige, was die Verstandes- oder Gemiitsseele an- 
genommen hat durch den romischen Universalimpuls. Aber im Zu- 
sammenhange damit sehen wir - wir konnten auch hinweisen, wie sich 
das schon vorbereitet hat in den Albigenserkampfen und so weiter — , 
wie im Grunde genommen das nicht eine vereinzelte Erscheinung ist. 
Wir sehen ja, wie in Italien Savonarola auftritt, wir sehen, wie andere 
auftreten: das Aufbaumen der auf sich selbst gestellten menschlichen 
Personlichkeit ist es, die durch das Auf-sich-selbst-gestellt-Sein auch zu 
ihrem religiosen Bekenntnis kommen will. Sie wendet sich gegen den 
suggestiven Universalimpuls des papstlichen Katholizismus. Und das 
findet seine Fortsetzung in Luther, das findet seine Fortsetzung in der 
Emanzipation der englischen Kirche von Rom, die so aufierordentlich 
interessant und bedeutsam ist, das findet seine Fortsetzung in dem 
Calvinischen Einflufi in gewissen Gegenden Europas. Das ist etwas, 
was wie eine Stromung durch die ganze zivilisierte europaische Welt 
geht, was mehr innerlich ist als die anderen Einfliisse, was mehr mit 
der Seele des Menschen schon zusammenhangt. 

Aber wie? Auch anders, als das friiher der Fall war. Im Grunde 
genommen, was bewundern wir an Calvin, an Luther, wenn wir sie 
eben als historische Erscheinungen nehmen? Was bewundern wir an 
denen, die das englische Kirchentum von Rom frei gemacht haben? 
Nicht neue produktive Ideen, nicht Neues, das aus der Seele heraus 
produziert wird, sondern die Kraft, mit der sie das Alte in eine neue 
Form gieJ&en wollten, so dafi, wahrend es friiher hingenommen wurde 
von der mehr unbewufk instinktiven Verstandes- oder Gemiitsseele, 



es jetzt hingenommen werden soli von der auf sich selbst gestellten 
Bewufkseinsseele des Menschen. Aber nicht neues Bekenntnis wird pro- 
duziert, nicht neue Ideen werden produziert. Es wird iiber alte Ideen 
gestritten, es wird nicht ein neues Symbolum gefunden. Denken Sie 
nur, wie reich die Menschheit in der Produktion von Symbolen war, 
je weiter wir zuruckgehen. Wahrhaftig soldi ein Symbolum wie das 
Altarsakrament- Symbol, es mufite einmal aus der menschlichen Seele 
heraus produziert werden. Im Zeitalter Luthers und Calvins konnte 
man nur dariiber streiten, ob so oder so. Aber soldi ein Impuls, der 
aus sick heraus, der ein fur sich Individuelles ist, der produziert wer- 
den muf5 aus der menschlichen Seele heraus, war nicht da, im ganzen 
weiten Umfange war er nicht da. Ein neues Verhaltnis zu diesen Din- 
gen bedeutet das Herankommen der Bewufkseinsseelenkultur, aber 
nicht neue Impulse. 

So dafi wir sagen konnen: Indem diese neue Zeit anbricht, wirkt 
in ihr die heraufkommende Bewufkseinsseele. Sie wirkt sich in ge- 
schichtlichen Symptomen aus. Und wir sehen, wie auf der einen Seite 
die nationalen Impulse wirken, wie auf der anderen Seite selbst bis 
in die Tiefen des religiosen Bekenntnisses hinein das Aufbaumen der 
Personlichkeit wirkt, die auf sich selbst gestellt sein will, weil eben die 
Bewufitseinsseele herausbrechen will aus ihren Hiillen. Und diese 
Krafte, diese zwei Krafte, die ich eben charakterisiert habe, die mufi 
man in ihren Wirkungen studieren, wenn man jetzt die weitere Fort- 
entwickelung der reprasentativen Nationalstaaten, Frankreich und 
England, ins Auge fafit. Die erstarken, aber so, daft sie in deutlicher 
Differenzierung zeigen, wie die zwei Impulse, der nationale und der 
Personlichkeitsimpuls, auf verschiedene Weise in Frankreich und in 
England miteinander in Wechselwirkung treten, und nichts menschlich 
produziertes Neues, aber Althergebrachtes in Umgestaltung alsGrund- 
lage fiir die geschichtliche Struktur Europas offenbaren. Man kann 
sagen: Dieses Erstarken des nationalen Elementes, es zeigt sich auf be- 
sondere Weise in England, wo das Personliche, das zum Beispiel in Hus 
nur als reHgioses Pathos wirkte, sich verbindet mit dem Nationalen 
und sich verbindet mit dem Personlichkeitsimpuls der Bewufttseins- 
seele und zum Parlamentarismus immer mehr und mehr wird, den 



Parlamentarismus immer mehr und mehr ausbildet, so dafi dort alles 
nach der politischen Seite hinschlagt. - Wir sehen, wie in Frankreich 
iiberwiegt - trotz des nationalen Elementes, das eben stark durch Tem- 
perament und durch sonstige Dinge wirkt - das Auf-sich-gestellt-Sein 
der Personlichkeit, und die andere Nuance gibt. Wahrend in England 
mehr die nationale Nuance die starkere Farbung gibt, gibt in Frank- 
reich mehr das Personlichkeitselement die nach aufien sichtbare und 
wirksame Nuance. Man raufi diese Dinge wirklich intim studieren. 

Dafi diese Dinge wirken, objektiv wirken, nicht aus der mensch- 
lichen Willkiir heraus, das sehen Sie ja da, wo der eine Impuls wirkt, 
aber nicht fruchtbar wird, steril bleibt, weil er aufierlich keine Forde- 
rung findet und weil der Gegenimpuls noch stark genug ist, um ihn zu 
verkummern. In Frankreich wirkt der nationale Impuls so stark, dafi 
er das franzosische Volk emanzipiert vom Papsttum. Daher war es 
auch Frankreich, das den Papst nach Avignon gezwungen hat. Daher 
wird da der Mutterboden bereitet fur die Emanzipation der Personlich- 
keit. In England wirkt stark der nationale Impuls, aber zu gleicher 
Zeit, wie angeboren, stark der Personlichkeitsimpuls: die Kultur wird 
bis zu einem hohen Grade von Rom emanzipiert durch die ganze 
Nation hindurch, die sich auch ihre eigene Bekenntnisstruktur gibt. In 
Spanien sehen wir, wie der Impuls zwar wirkt, aber weder durch die 
Natur des Nationalen durchwirken kann, noch wie die Personlichkeit 
aufkommen kann gegen das Suggestive. Da bleibt alles, ich mochte 
sagen, in den Eierschalen drinnen und kommt friiher in die Dekadenz 
hinein, als es sich entwickeln kann. 

Die aufieren Dinge sind wirklich nur Symptome fur dasjenige, was 
wir durch die aufieren Symptome hindurch suchen. Und ich mochte 
sagen: Es ist handgreiflich, wenn man nur schauen will, wie das, was 
man gewohnlich historische Tatsachen nennt, nur Symptome sind. 1476 
war auf dem heutigen Schweizerboden eine bedeutungsvolle Schlacht, 
Das, was dazumal in den Menschenseelen gelebt hat, als Karl der Kiihne 
bei Murten besiegt worden ist, das tritt uns symptomatisch am bedeut- 
samsten entgegen in dieser Schlacht bei Murten 1476: die Austilgung 
beginnt des mit dem romischen Papsttum innig verbundenen Ritter- 
tums, des Ritterwesens. Aber es ist wieder ein Zug, der durch die 



ganze damals zivilisierte Welt geht, der sich gewissermafien da nur 
in einer ganz reprasentativen Erscheinung an die Oberflache bringt. 

Naturlich ist, indem sich so etwas an die Oberflache bringen will, der 
Gegendruck des Alten da. Neben dem normalen Fortgang, wissen Sie 
ja, ist immer alles mogliche Luziferische und Ahrimanische da, das von 
zuriickgebliebenen Impulsen herriihrt. Das sucht sich zur Geltung zu 
bringen. Dasjenige, was als normaler Impuls in die Menschheit eintritt, 
das mujS kampfen gegen das, was in der luziferisch-ahrimanischen 
Weise hereinkommt. Und so sehen wir, daiS gerade der Impuls, der 
anschaulich in Wiclif, Hus, Luther, Calvin hervortritt, zu kampfen hat. 
Ein Symptom fur diesen Kampf sehen wir in dem Aufstand der Ver- 
einigten Niederlande gegen die luziferisch-ahrimanische spanische Per- 
sonlichkeit desPhilipp. Und wir sehen einen der bedeutendsten Wende- 
punkte der neueren Zeit - aber nur als Symptom konnen wir ihn auf- 
fassen - 1588, als die spanische Armada besiegt wird, und damit alles 
dasjenige zuriickgeschlagen wird, was von Spanien her als der starkste 
Widerstand gegen das Aufkommen der emanzipierten Personlichkeit 
sich entwickelt hat. In den niederlandischen Freiheitskampfen und der 
Besiegung der Armada sind aufiere Symptome gegeben. Es sind nur 
auftere Symptome, denn die Wirklichkeit erreichen wir nur, wenn wir 
langsam den Weg zum Inneren gehen wollen. Aber indem so die 
Wellen aufgeworfen werden, zeigt sich immer mehr das Innere. Diese 
Welle 1588, als die Armada geschlagen wurde, die zeigt eben, wie die 
sich emanzipierende Personlichkeit, welche die Bewufitseinsseele in sich 
entwickeln will, sich aufbaumte gegen dasjenige, was in starrster Form 
geblieben war aus der Verstandes- oder Gemu tsseele. 

Es ist ein Unsinn, die geschichtliche Entwickelung der Menschheit 
so zu betrachten: Das Spatere ist eine Folge des Friiheren; Ursache - 
Wirkung, Ursache - Wirkung und so weiter. Das ist ja riesig bequem. 
Besonders ist es dann bequem, professorale Geschichtsbetrachtung an- 
zustellen. Es ist ja riesig bequem, so - nun, so fortzuhumpeln von 
Schritt zu Schritt von einer historischen Tatsache zu der anderen histo- 
rischen Tatsache. Aber wenn man nicht blind ist und nicht schlaft, 
sondern offenen Auges die Dinge ansieht, so zeigen die historischen 
Symptome selbst, wie unsinnig soldi eine Betrachtung ist. 



Nehmen Sie ein historisches Symptom, das nun wirklich aufier- 
ordentlich einleuchtend ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus. All 
das, was da heraufkam seit dem 15. Jahrhundert und was diese Im- 
pulse hatte, von denen ich schon Andeutungen gemacht habe: natio- 
naler Impuls, Personlichkeitsimpuls und so weiter, all das brachte 
Gegensatze hervor, die dann zum Dreiftigjahrigen Krieg fiihrten. Die 
Betrachtung des Dreiftigjahrigen Krieges, wie er so geschichtlich dar- 
gestellt wird, die ist ja besonders wenig vom Standpunkte der Sym- 
ptomatologie angestellt. Man kann ihn nicht gut nach der Methode 
des Kaffeeklatsches betrachten, denn schlieftlich hat es fur die euro- 
paischen Geschicke doch keine grofte Bedeutung gehabt, ob gerade der 
Martinitz und Slawata und der Fabricius aus dem historischen Fenster 
zu Prag herausgeschmissen worden sind, und wenn nicht just ein Mist- 
haufen darunter gewesen ware, waren sie tot gewesen; da sie aber auf 
einen Misthaufen - er soil nur aus Papierschnitzeln bestanden haben, 
welche die Bedienten vom Hradschin hingeworfen und nicht weg- 
geschafft haben, bis sie endlich zu einem Papiermisthaufen geworden 
sind - gefallen waren, sind sie am Leben geblieben. Das ist ja eine 
ganz niedliche Anekdote fur den Kaffeeklatsch, aber daft sie in irgend- 
einer inneren Beziehung zusammenhangt mit der Entwickelung der 
Menschheit, das wird man doch nicht behaupten konnen. 

Wichtig ist jedenfalls, daft, wenn man beginnt den Dreiftigjahrigen 
Krieg zu studieren - ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daft er 1618 
begonnen hat er entspringt aus reinen Bekenntnisgegensatzen, aus 
dem, was sich gegen den alten Katholizismus, gegen den alten katho- 
lischen Impuls herausentwickelt hat. Wir sehen iiberall, wie sich die 
schweren Kampfe aus diesen Gegensatzen der neueren Personlichkeit 
zum alten suggestiven Katholizismus herausgebildet hatten. Aber 
wenn wir dann bis zum Ende studieren und bis zum Jahre 1648 kom- 
men, wo bekanntlich der Westfalische Friede dem Treiben ein Ende 
gemacht hat, dann konnen wir uns folgende Frage vorlegen: Was ist 
denn eigentlich geschehen? - Wenn wir uns namlich fragen: Wie stand 
es 1648 mit den protestantischen und katholischen Gegensatzen? Was 
war aus ihnen geworden im Lauf der dreiftig Jahre? Wie hat sich das 
entwickelt? - Nun, es gibt nichts, was einem bedeutsamer ins Auge 



fallen kann, als dafi es mit Bezug auf die Gegensatze zwischen Prote- 
stantismus und Katholizismus und allem, was damit zusammenhing, 
1648 genau so stand wie 1618, und zwar ganz genau so. Wenn audi 
zwischendurch das eine oder andere ein bifichen verandert hatte das- 
jenige, um das man angefangen hatte sich herumzuzanken, war, wenig- 
stens in ganz Mitteleuropa, es dann noch genau so wie beim Ausbruch. 
Blofi was sich da hineingemischt hat, was gar nicht in den Ursachen 
von 1618 lag, all dasjenige, was, nachdem da ein gewisses Feld ge- 
schafTen war, sich hineingemischt hat, das hat dann den politischen 
Kraften in Europa eine ganz andere Struktur gegeben. Der politische 
Horizont derjenigen, die sich hineingemischt haben, der ist ein ganz 
anderer geworden. Aber was da beim Westfalischen Frieden heraus- 
gekommen ist, was sich wirklich verandert hat gegemiber dem Fruhe- 
ren, das hat nicht das Geringste mit den Ursachen von 1618 zu tun. 

Gerade beim Dreifiigjahrigen Krieg ist diese Tatsache von aufier- 
ordentlicher Wichtigkeit und bezeugt uns, wie unsinnig es ist, die Ge- 
schichte nach dem Gesichtspunkte von Wirkung und Ursache zu be- 
trachten, wie man es gewohnlich tut. Jedenfalls hat sich aus dem, was 
sich da entwickelt hatte, gerade das ergeben, dafi die fiihrende Stellung 
von England und Frankreich, wie sie sie in Europa erlangt haben, 
mehr oder weniger aus diesem Kriege hervorgegangen ist, mit dieser 
Entwickelung des Krieges zusammenhangt. Aber sie hangt wahrhaftig 
nicht mit den Ursachen, die zu ihm gefiihrt haben, irgendwie zusam- 
men. Und gerade das ist nun das Wichtigste im Gang der neueren Zeit- 
geschichte, dafi sich anschliefiend an den Dreifiigjahrigen Krieg die 
nationalen Impulse im Verein mit den anderen Impulsen, die ich 
charakterisiert habe, dazu entwickeln, dafi Frankreich und England die 
reprasentativen Nationalstaaten werden. Wenn vom nationalen Prin- 
zip im Osten heute so viel geredet wird, so darf man dabei nicht ver- 
gessen, dafi das nationale Prinzip himibergezogen ist vom Westen nach 
dem Osten. Das ist wie die Passatstromung auf der Erde: so ist die 
Stromung des nationalen Impulses vom Westen nach dem Osten ge- 
gangen. Das mufi man sich nur vollstandig klar vor Augen halten. 

Nun ist es interessant, wie dasselbe, nationaler Impuls im Verein 
mit der Emanzipation der Personlichkeit, in den zwei differenzierten 



Gebilden, wo sie, wie wir gesehen haben, 1429 deutlich anfingen sich 
zu differenzieren, sich ganz verschieden ausnimmt. In Frankreich 
nimmt sich die Nuance der Emanzipation der Personlichkeit innerhalb 
des Nationalen so aus, dafi sie vor allem nach innen umschlagt. Ich 
mochte sagen: Wenn das Nationale (siehe Zeichnung, rot) diese Linie 
ist und auf der einen Seite vom Nationalen der Mensch liegt, auf der 
anderenSeite vom Nationalen die Menschheit, die Welt, liegt, so nimmt 
in Frankreich die Entwickelung vom Nationalen die Richtung zum 
Menschen hin, in England die Richtung zur Menschheit hin. Frankreich 




verandert das Nationale innerhalb des Nationalstaates so, dafi es hin- 
tendiert zur Umanderung des Menschen in sich, dafi es darauf hin- 
tendiert, den Menschen zu etwas anderem zu machen. In England 
nimmt aus dem Nationalen heraus das Personliche den Charakter an, 
dafi es sich hineintragen will in alle Welt, dafi es die ganze Welt so 
machen will, dafi iiberall die Personlichkeit aufwachst. Der Franzose 
will mehr zum Erzieher des Personlichen in der Seele werden, der 
Englander will zum Kolonisator der ganzen Menschheit werden mit 
Bezug auf die Einpflanzung der Personlichkeit. Zwei ganz verschie- 
dene Richtungen; der Mutterboden ist das Nationale. Einmal schlagt 
es nach der Seele, nach innen, das andere Mai schlagt es nach aufien, 
nach der Seele der Menschheit. So dafi wir zwei parallelgehende Stro- 
mungen haben in Frankreich und in England mit zwei sehr stark sich 
unterscheidenden Nuancen. Daher konnte audi nur in Frankreich, wo 
das Innere der Personlichkeit ergriffen wurde, das Gebilde, das sich da 
jetzt, so wie ich es charakterisiert habe, entwickelte, iiber Ludwig XIV. 
und so weiter dann nur zur Revolution hinfiihren. In England fuhrte 
es zum ruhigen Liberalismus, weil es sich nach aufien entlud, in Frank- 
reich nach innen, nach dem Innern des Menschen. 



Dies tritt merkwiirdigerweise audi geographisch zutage, und es zeigt 
sich ganz besonders, wenn wir wiederum einen Wendepunkt in der 
neueren Geschichte als Symptom betracliten, an dem "Wendepunkt, wo 
der aus der Revolution herausgeborene Napoleon 1805 die Schlacht 
von Trafalgar an die Englander verliert. Denn was offenbart sich da? 
Napoleon, als allerdings eigenartige, aber immerhin als Reprasentanz 
des franzosischen Wesens, bedeutet die Wendung nach dem Innern 
audi geographisch, nach dem Kontinente von Europa hinein. Wenn 
Sie Europa sich als dieses Gebilde vorstellen (siehe Zeichnung), so wird 



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Napoleon gerade durch die Schlacht von Trafalgar nach Europa her- 
eingedrangt (Pfeil), England nach der ganzen Welt hinaus, in ent- 
gegengesetzter Richtung. Dabei miissen wir nicht vergessen, wie diese 
Differenzierung natiirlich audi ihre Auseinandersetzung braucht. Sie 
braucht ihre Auseinandersetzung, es raufi sich gewissermafien das eine 
an dem andern abreiben. Das geschieht in dem Kampfe urn die Herr- 
schaft in Amerika. Es geht das schon etwas hervor aus diesem Wende- 
punkt von 1805. Aber wir sehen, indem wir den Buck auf ein paar 
Jahrzehnte vorher wenden, wie das, was gerade die Nuance im Fran- 
zosentum bewirkt hat, der Romanismus, fiir die Welt zuruckgeschlagen 
wird vom Angelsachsentum in Nordamerika. 

So spiiren Sie, wenn Sie nur wollen, was da waltet und wirkt. So 



sehen Sie, wie dieser Bewufitseinsimpuls durch seine Kraft gewisser- 
mafien wie der Zauberlehrling nationale Impulse heraufruft, die sich 
in der verschiedensten Weise in die Menschheit hineinverpflanzen und 
hineinnuancieren. Man kann an diese Dinge nur herankommen, wenn 
man in allem den Bewufitseinsimpuls studiert, aber es vermeidet, pe- 
dantisch zu werden, sondern sich den Blick frei halt fur Bedeutsames 
und Unbedeutsames, fur Charakteristisches und Uncharakteristisches, 
mehr oder weniger Charakteristisches audi, so dafi man dann dadurch 
aus den aufieren Symptomen zum inneren Gang der Wirklichkeit vor- 
dringen kann. Denn das AujRere widerspricht eben oftmals sogar ganz 
dem, was eigentlich als Impuls in der Personlichkeit drinnenliegt. Und 
besonders in emer Zeit, in welcher die Personlichkeit auf sich selber 
gestellt wird, da widerspricht das Aufiere gar sehr dem, was eigentlich 
in der Personlichkeit als ein Impuls drinnenliegt. 




Auch das zeigt sich, wenn man symptomatisch diese Entwickelung 
der neueren Geschichte der Menschheit verfolgt. Es ist iiberall so: Da 
geht die Stromung (rot schraffiert), da geht die Oberflache - und die 
Schullehrer erzahlen als Geschichte die Unwirklichkeit. Aber es gibt 
Punkte, da kommt in die geschichtlichen Ereignisse hinein so wie Wo- 
gen, die da heraufspiilen, manchmal ganz vulkanisch, das durch, was 
da drunter ist. Wiederum an anderen Punkten, da guckt es, ich mochte 
sagen, heraus, und einzelne historische Ereignisse verraten das, was 
drunter ist. Die sind dann als Symptome besonders charakteristisch. 
Aber manchmal sind es gerade Symptome, wo man, indem man hin- 
schaut auf die symptomatische Tatsache, iiber das Xufiere sehr stark 
hinwegsehen mufi. 



Nun, besonders charakteristisdi fiir das Aufkeimen des Bewulk- 
seinsseelenimpulses im Westen Europas ist eine Personlichkeit sowohl 
durch ihre personliche Entwickelung, wie durch ihr ganzes Hinein- 
gestelltsein in das neuere geschichtliche Leben. Sie stellte sich im Be- 
ginne des 17. Jahrhunderts gerade hinein in dieses DirTerenzieren des 
franzosischen und englischen Impulses mit seiner ganzen Wirkung, die 
es damals schon entfacht hat auf das iibrige Europa. Im 17. Jahrhun- 
dert, da hatte es schon eine langere Zeit gewirkt, hatte sich schon aus- 
gebreitet. Es war die Personlichkeit, die sich da hineinstellte, eine 
merkwiirdige Personlichkeit, die man in der folgenden Weise schildern 
kann. Man kann sagen: Diese Personlichkeit war aufierordentlich 
freigebig, erfullt von einem wirklichen, tiefen Dankbarkeitsgefiihl fiir 
alles dasjenige, was sie empfangen hat, erkenntlich im hochsten Grade, 
in mustergiiltiger Weise fur alles dasjenige, was ihr als Giite von der 
Menschheit entgegenschlug, eine Personlichkeit, sehr gelehrt, fast die 
Gelehrsamkeit der ganzen Zeit in sich vereinigend, eine Personlichkeit, 
aufierordentlich friedliebend, abgeneigt den Weltenhandeln als Herr- 
scher, nur von dem Ideal erfullt, dafi in der Welt Friede sein soli, 
geradezu weise mit Bezug auf Entschliisse und Willensimpulse, von 
einer auEerordentlich tiefen Neigung zu freundschaftlichem Verhalten 
zu den Menschen erfullt. - So konnte man diese Personlichkeit schil- 
dern. Man braucht nur ein bifichen einseitig zu sein, so kann man sie 
so schildern, wenn man sie aufierlich, wie sie sich darstellt in der Ge- 
schichte, ansieht. 

Man kann sie auch in der folgenden Weise schildern, wenn man nur 
wieder ein bifichen einseitig wird. Man kann sagen: Das war ein furcht- 
barer Verschwender, der gar keine Ahnung davon hatte, was er aus- 
geben konnte oder nicht, das war ein Pedant, so ein richtiger Profes- 
sorengeist, der iiberall ins Abstrakte und Pedantische seine Gelehr- 
samkeit hineintrug. Man kann schildern: Das war ein kleinmutiger 
Mensch, ein kleinmutiger Charakter, der iiberall, wo es gait, irgend 
etwas wacker, tapfer zu verteidigen, kleinmiitig sich zuriickzog und 
den Frieden vorzog aus Kleinmut. Man kann sagen: Das war ein ver- 
schlagener Mensch, der sich durch das Leben so durchschlangelte, indem 
er iiberall klugerweise dasjenige wahlte, wodurch er in allem durch- 



kam, und so weiter. Man kann sagen: Das war ein Mensch, der Be- 
ziehungen zu anderen Menschen suchte, wie Kinder zu anderen Men- 
schen ihre Beziehungen suchen. Er hatte in seinen Freundschaften ein 
Element, das geradezu kindisch war, und das ins Phantastisch-Roman- 
tische umschlug im Verehren von anderen Menschen und Sich-verehren- 
Lassen von anderen Menschen. — Man braucht nur ein bilkhen einseitig 
zu sein, dann kann man das eine oder das andere sagen. Und tatsachlich 
gab es Menschen, die das eine sagten, die das andere sagten; manche 
sagten beides. Und mit alledem hatte man die aufiere historische Per- 
sonlichkeit von Jakob I. betrachtet, wie sie sich darlebte, als er von 
1603 bis 1625 regierte. Man konnte so reden, wie ich zuerst geredet 
habe, man konnte so reden, wie ich dann geredet habe, und es wird 
beides gut fur Jakob I. passen. Man kennt gar nicht, weder was in sei- 
nem Innern in Wirklichkeit lebte, noch was in ihm lebte als Angehori- 
ger der Menschheitsentwickelung der neueren Zeit, wenn man das eine 
oder das andere schildert. Und doch schlagt gerade in der Zeitperiode, 
da Jakob I. in England regierte, so etwas wie von unten herauf, und es 
werden dazumal die Symptome stark charakteristisch fur dasjenige, 
was als Wirklichkeit vorgeht. 

Nun, von diesen Dingen wollen wir dann morgen weitersprechen. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 19. Oktober 1918 



Gestern habe ich versucht, Ihnen in grofien Ziigen ein Bild der Sym- 
ptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit zu 
geben und habe zuletzt wie hineingestellt in diesen Komplex von 
Symptomen - den wir zunachst nicht sdion so verfolgten, dafi wir 
iiberall auf dasjenige etwa geschaut hatten, was er offenbart, das wer- 
den wir audi nodi tun, sondern den wir mehr im allgemeinen charak- 
terisiert haben - die merkwiirdige Ersdieinung Jakob I. von England. 
Er steht da zu Beginn des 1 7. Jahrhunderts als sogenannter Herrscher 
in England eigentlidi wie eine Art Ratselgestalt, ungef ahr urn die Mitte 
desjenigen Zeitraumes, der verflossen ist vom Beginne des funften 
nachatlantischen Zeitraumes bis in das wichtige, Entsdieidung brin- 
gende 19. Jahrhundert. Es wird hier noch nicht - das kann spater ge- 
schehen - meine Aufgabe sein, iiber mandies Geheimnis, das mit der 
Personlidikeit Jakob I. verbunden ist, zu sprechen. Heute kann das 
noch nicht meine Aufgabe sein, aber ich mufi schon heute darauf hin- 
weisen, wie merkwtirdig, wiederum symptomatisch merkwurdig dieser 
Jakob I. im Verlauf der neueren Geschichte drinnensteht. Man mochte 
sagen: Ein Mensch, der wirklich nach alien Seiten so widerspruchsvoll 
charakterisiert werden konnte, wie ich es gestern von zwei Seiten aus 
versucht habe. Man kann das Beste und man kann das Obelste, je nach- 
dem man es farbt, iiber ihn sagen. 

Man kann vor alien Dingen aber von diesem Jakob I. sagen, 
daft er auf dem Boden, auf dem er steht, und der sich heraus- 
entwickelt hat aus all den Verhaltnissen, die ich Ihnen ge- 
schilderthabe und auf dem sichbesonders entwickelt ein Staatsgedanke, 
der aus dem Nationalimpuls herausgewachsen ist, auf dem sich das ent- 
wickelt, was wir charakterisiert haben als liberalisierenden, wenigstens 
dem Liberalisieren zuneigenden, zustrebenden Parlamentarismus, dafi 
auf diesem Boden Jakob I. erscheint wie eine entwurzelte Pflanze, wie 
ein Wesen, das nicht so recht zusammenhangt mit diesem Boden. 
Schauen wir aber etwas tiefer auf dasjenige, was diesen ganzen funften 



nachatlantischen Zeitraum nach einer Seite hin charakterisiert, nach der 
Seite der Geburt der Bewufttseinsseele, dann wird es schon in einer 
gewissen Beziehung heller um diesen Jakob I. Dann sieht man, daft 
er die Personlichkeit ist, welche jenen radikalen Widerspruch darlebt, 
der so leicht verbunden ist mit Personlichkeiten aus der Zeit des Be- 
wufttseinszeitalters. Nicht wahr, in dieser Zeit des Bewufttseinszeit- 
alters, da verliert die Personlichkeit denjenigen Wert, den sie friiher 
kraft der Instinkte gerade dadurch gehabt hat, daft sie eigentlich als 
selbstbewuftte Personlichkeit nicht ausgebildet war. Die Personlichkeit 
lebte sich dar in friiheren Zeitaltern, man mochte sagen, mit elemen- 
tarer Kraft, mit einer vermenschlichten, verseelten - man wird mich 
nicht miftverstehen, wenn ich das sage — tierischen Kraft. Instinktiv 
lebte sich die Personlichkeit dar, noch nicht herausgeboren aus dem 
Gruppenseelentum, noch nicht ganz herausgeboren. Und jetzt sollte sie 
sich emanzipieren, sollte sich auf sich selbst stellen. Dadurch ergibt sich 
gerade fiir die Personlichkeit ein ganz merkwiirdiger Widerspruch. Auf 
der einen Seite wird alles das, was friiher da war fiir das individuell- 
personliche Ausleben, abgestreift, die Instinkte werden hinabgelahmt, 
und im Innern der Seele soil sich das Zentrum des Personlichen all- 
mahlich gestalten. Die Seele soli vollinhaltliche Kraft gewinnen. 

Daft ein Widerspruch vorhanden ist, Sie sehen es vor alien Dingen 
an dem, was ich schon gestern sagte. Wahrend man friiher, in den 
Zeitaltern, in denen die Personlichkeit noch nicht geboren war als 
selbstbewuftte Personlichkeit, der Kulturentwickelung ganz pro- 
duktive Krafte einverleibt hat, hort das jetzt auf. Die Seele wird 
steril. Und dennoch stellt sie sich in den Mittelpunkt des Menschen, 
denn darinnen besteht das Personliche, daft die Seele sich auf sich selbst, 
in den Mittelpunkt der Personlichkeit der Menschenwesenheit stellt. 
So daft solche iiberragenden Personlichkeiten, wie sie dem Altertum 
eigen waren, Augustus, Julius Casar, Perikles - wir konnten alle mog- 
lichen nennen - nicht mehr moglich werden. Gerade das Elementare 
der Personlichkeit verliert an Wert, und es taucht auf das, was sich 
spater demokratische Gesinnung nennt, die die Personlichkeit nivel- 
liert, die alles gleichmacht. Aber gerade in diesem Gleichmachen will 
die Personlichkeit erscheinen. Ein radikaler Widerspruch! 



Jeder steht durch sein Karma auf irgendeinem Posten. Nun, Jakob I. 
stand gerade auf dem Posten des Herrschers. GewijR, in der Zeit der 
Perserkonige, in der Zeit der Mongolenkhane, selbst noch in dem Zeit- 
alter, in dem der Papst dem magyarischen Istwan, Stephan L, die hei- 
lige Stephanskrone aufsetzte, bedeutete die Personlichkeit etwas in 
einer bestimmten Stellung drinnen, konnte sich auffassen als hinein- 
gehorig in diese Stellung. Jakob I. war in seiner Stellung, audi in seiner 
Herrscherstellung drinnen wie ein Mensch, der in einem Gewande 
drinnensteckt, von dem ihm aber audi gar nichts pafit. Man kann 
sagen, Jakob I. war in jeder Beziehung in all dem, worinnen er drin- 
nensteckte, eben wie ein Mensch in einem Gewande, das ganz und gar 
nicht pafke. Er war als Kind calvinisch erzogen worden, war dann 
spater zur anglikanischen Kirche iibergegangen, allein im Grunde ge- 
nommen war ihm der Calvinismus ebenso gleichgiiltig wie die anglika- 
nische Kirche. Im Innern seiner Seele war das alles Gewand, das ihm 
nicht pafite. Er war berufen, im herannahenden Zei taker des parlamen- 
tarischen Liberalismus, der sogar schon eine Zeitlang geherrscht hatte, 
als Herrscher zu regieren. Er war sehr klug, sehr gescheit, wenn er mit 
den Leuten sprach, aber niemand verstand eigentlich, was er wollte, 
denn alle anderen wollten etwas anderes. Er war aus einer urkatho- 
lischen Familie heraus, der Familie der Stuarts. Aber als er auf den 
Thron kam in England, da sahen die Katholiken am allermeisten, wie 
sie eigentlich nichts von ihm zu erwarten hatten. Daraus entsprang ja 
jener sonderbare Plan, der so merkwurdig in der Welt dasteht, 1605, 
nicht wahr, wo sich eine ganze Anzahl von Leuten, die aus dem Katho- 
lizismus herausgewachsen waren, zusammentaten, moglichst viel Pul- 
ver unter dem Londoner Parlament ansammelten, und in einem ge- 
eigneten Augenblicke sollten samtliche Parlamentsmitglieder in die 
Luft gesprengt werden. Es war die bekannte Pulververschworung. Die 
Sadie ist nur dadurch verhindert worden, dafi ein Katholik, der davon 
wufite, die Sache verraten hatte, sonst wiirde sich iiber diesem Jakob I. 
das Schicksal abgespielt haben, dafi er mit seinem ganzen Parlamente 
eines Tages in die Luft geflogen ware. In nichts palke er hinein, denn 
er war eine Personlichkeit, und die Personlichkeit hat etwas Singulares, 
etwas, was in der Isolierung gedacht, was auf sich selbst gestellt ist. 



Aber im Zeitalter der Personlichkeit will jeder eine Personlichkeit 
sein. Das ist der radikale Widerspruch, der sich ergibt im Zeitalter 
der Personlichkeit, das miissen wir nicht vergessen. Im Zeitalter der 
Personlidikeit ist es nicht so, daft man zum Beispiel die Konigs-Idee 
oder die Papst-Idee ablehnt. Es ist ja nicht darum zu tun, daft kein 
Papst oder kein Konig da sei. Nur mochte, wenn schon ein Papst 
oder ein Konig da ist, jeder ein Papst und jeder Konig sein, dann 
waren gleichzeitig Papsttum, Konigtum und Demokratie erfullt. Alle 
diese Dinge fallen einem bei, wenn man diese merkwiirdige Personlich- 
keit Jakob I. eben symptomatisch ins Auge fafit, denn er war durch 
und durch ein Mensch des neuen Zeitalters, aber damit auch mit alien 
Widerspriichen der Personlichkeit in das neue Zeitalter hineingestellt. 
Und Unrecht hatten diejenigen, die ihn von der einen Seite charakteri- 
sierten, wie ich gestern mitteilte, und Unrecht hatten diejenigen, die 
ihn von der anderen Seite charakterisierten, und Unrecht hatten seine 
eigenen Biicher, die ihn charakterisierten, denn auch was er selber 
schrieb, fiihrt uns durchaus nicht in irgendeiner direkten Weise in 
seine Seele hinein. So steht er, wenn man ihn nicht esoterisch betrach- 
tet, wie ein grofies Ratsel im Beginne des 17. Jahrhunderts gerade auf 
einem Posten, der von einer gewissen Seite her am allerradikalsten das 
Heraufkommen des neuzeitlichen Impulses zeigte. 

Erinnern wir uns noch einmal an das gestern Gesagte: wie die Dinge 
eigentlich im Westen Europas zustande gekommen sind. Ich habe ge- 
sprochen von der DifFerenzierung des englischen, des franzosischen 
Wesens. Wir sehen diese Differenzierung seit dem 15. Jahrhundert. Der 
Wendepunkt kommt mit dem Auftreten der Jungfrau von Orleans, 
1429. Wir sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Wir sehen, wie in Eng- 
land die Emanzipation der Personlichkeit Platz greift mit der Aspi- 
ration, die Personlichkeit in die Welt hinauszutragen, wie in Frank- 
reich die Emanzipation der Personlichkeit Platz greift - auf beiden 
Boden aus der nationalen Idee heraus entspringend - mit der Aspi- 
ration, moglichst das Innere des Menschen zu ergreifen und es auf 
sich selbst zu stellen. Da drinnen steht zunachst, also im Beginne des 
17. Jahrhunderts, eine Personlichkeit, die wie der Reprasentant aller 
Widerspruche des Personlichen dasteht, Jakob I. Wenn man Symptome 



charakterisiert, mufi man niemals pedantisch fertig werden wollen, 
sondern immer einen unaufgelosten Rest lassen, sonst kommt man 
nicht weiter. So charakterisiere ich Ihnen Jakob I. keineswegs so, dafi 
Sie ein schones geschlossenes Bildchen haben, sondern so, dafi Sie etwas 
daran zu denken, vielleicht audi zu ratseln haben. 

Es ist immer mehr und mehr hervortretend ein radikaler Unterschied 
zwischen dem englischen Wesen und dem franzosischen Wesen. Gerade 
im franzosischen Wesen entwickelt sich aus den Wirren des Drei&g- 
jahrigen Krieges heraus auf nationalem Grunde dasjenige, was man 
nennen kann die Erstarkung des Staatsgedankens. Man kann, wenn 
man die Erstarkung des Staatsgedankens studieren will, dieses nur an 
dem Beispiele - aber das Beispiel ist ziemlich singular - der Entste- 
hung, des Hinaufkommens zu hohem Glanze und des Herabsteigens 
wiederum des franzosischen Nationalstaates tun, an Ludw'ig XIV. und 
so weiter. Wir sehen, wie dann im Schofie dieses Nationalstaates die 
Keime sich entwickeln zu jener weitergehenden Emanzipation der Per- 
sonlichkeit, die mit der Franzosischen Revolution gegeben ist. 

Diese Franzosische Revolution, sie bringt herauf drei, man kann 
sagen, allerberechtigtste Impulse des menschlichen Lebens: das Bruder- 
liche, das Freiheitliche, das Gleiche. Aber ich habe es schon einmal bei 
einer anderen Gelegenheit charakterisiert, wie widersprechend der 
eigentlichen Menschheitsentwickelung innerhalb der Franzosischen Re- 
volution diese Dreiheit auftrat: Briiderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. 
Man kann, wenn man mit der menschlichen Entwickelung rechnet, von 
diesen dreien, von Briiderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, nicht spre- 
chen, ohne dafi man in irgendeiner Beziehung von den drei Gliedern 
der Menschennatur spricht. In bezug auf das leibliche Zusammenleben 
der Menschen mufi die Menschheit allmahlich gerade im Zeitalter der 
Bewufkseinsseele aufsteigen zu einem bruderlichen Element. Es wiirde 
einfach ein unsagbares Ungluck und eine Zuriickwerfung sein in der 
Entwickelung, wenn am Ende des f iinf ten nachatlantischen Zeitraumes, 
des Zeitalters der Bewufitseinsseele, nicht wenigstens bis zu einem 
hohen Grade unter den Menschen die Briiderlichkeit ausgebildet ware. 
Aber die Briiderlichkeit kann man nur richtig verstehen, wenn man sie 
angewendet denkt auf das Zusammenleben von Menschenleib zu Men- 



schenleib im physischen Sein. Steigt man aber herauf zum Seelischen, 
dann kann die Rede sein von der Freiheit. Man wird immer im Irrtum 
drinnen leben, wenn man glaubt, dafi sich Freiheit irgendwie realisieren 
laiSt im aufteren leiblichen Zusammenleben; aber von Seele zu Seele 
lalk sich Freiheit realisieren. Man darf nicht chaotisch den Menschen 
als eine Mischmasch-Einheit auffassen und dann von Briiderlichkeit, 
Freiheit und Gleichheit sprechen, sondern man muJR wissen, dafi der 
Mensch gegliedert ist in Leib, Seele und Geist, und mufi wissen: Zur 
Freiheit kommen die Menschen nur, wenn sie in der Seele frei werden 
wollen. Und gleich sein konnen die Menschen nur in bezug auf den 
Geist. Der Geist, der uns spirituell ergreift, der ist fur jeden derselbe. 
Er wird angestrebt dadurch, dafi der funfte Zeitraum, die Bewufk- 
seinsseele, nach dem Geistselbst strebt. Und mit Bezug auf diesen Geist, 
nach dem da gestrebt wird, sind die Menschen gleich, geradeso wie, 
eigentlich zusammenhangend mit dieser Gleichheit des Geistes, das 
Volkssprichwort sagt: Im Tode sind alle Menschen gleich. - Aber wenn 
man nicht verteilt auf diese drei difFerenzierten Seelenglieder Briider- 
lichkeit, Freiheit und Gleichheit, sondern sie mischmaschartig durch- 
einanderwirft und einfach sagt: Der Mensch soli bruderlich leben auf 
derErde, frei sein und gleich sein- dann fuhrt das nur zur Verwirrung. 

Wie tritt uns daher, symptomatisch betrachtet, die Franzosische Re- 
volution entgegen? Gerade symptomatisch betrachtet ist die Franzosi- 
sche Revolution aufierordentlich interessant. Sie stellt dar, gewisser- 
mafien in Schlagworten zusammengedrangt und mischmaschartig auf 
den ganzen Menschen undifferenziert angewendet, dasjenige, was mit 
alien Mitteln geistiger Menschheitsentwickelung im Laufe des Zeit- 
alters der Bewufitseinsseele, von 1413, also 2160 Jahre mehr, bis zum 
Jahre 3573, allmahlich entwickelt werden muiK. Das ist die Aufgabe 
dieses Zeitraumes, dafi fur die Leiber die Briiderlichkeit, fur die Seelen 
die Freiheit, fur die Geister die Gleichheit erworben werden wahrend 
dieses Zeitraumes. Aber ohne diese Einsicht, tumultuarisch alles durch- 
einanderwerfend, tritt dieses innerste Seelische des funflen nachatlan- 
tischen Zeitraumes schlagwortartig in der Franzosischen Revolution 
auf. Es steht unverstanden da die Seele des funflen nachatlantischen 
Zeitraumes in diesen drei Worten und kann daher zunachst keinen 



aufteren sozialen Leib gewinnen, fiihrt im Grunde genommen zu Ver- 
wirrung iiber Verwirrung. Es kann keinen aufieren sozialen Leib ge- 
winnen, stent aber da wie die fordernde Seele, aufierordentlich bedeut- 
sam. Man mochte sagen: Alles Innere, was dieser fiinfte nacliatlantische 
Zeitraum haben soli, steht unverstanden da und hat kein Aufieres. 
Aber gerade da tritt etwas symptomatisch ungeheuer Bedeutsames auf . 

Sehen Sie, so etwas, wo das, was iiber den ganzen nachsten Zeit- 
raum ausgedehnt werden soli, am Anfange fast tumultuarisch zutage 
tritt, so etwas entfernt sich sehr weit von der Gleichgewichtslage, in 
welcher sich die Menschheit entwickeln soil, von den Kraften, die den 
Menschen eingeboren sind dadurch, dafi sie mit ihren ureigenen Hier- 
archien zusammenhangen. Der Waagebalken schlagt sehr stark ein- 
seitig aus. Luziferisch-ahrimanisch schlug durch die Franzosische Revo- 
lution der Waagebalken sehr stark nach der einen Seite aus, namentlich 
nach der luziferischen Seite. Das erzeugt einen Gegenschlag. Man 
spricht so, ich mochte sagen, schon mehr als bildlich, man spricht ima- 
ginativ, aber Sie miissen dabei die Worte nicht allzusehr pressen und 
mussen vor alien Dingen nicht die Sache wortwortlich nehmen: In dem, 
was in der Franzosischen Revolution auftrat, ist gewissermafien die 
Seele des f iinften nachatlantischen Zeitraums ohne den sozialen Korper, 
ohne die Leiblichkeit. Es ist abstrakt, bloJS seelenhaft, strebt nach Leib- 
lichkeit; aber das soli erst geschehen im Verlauf von Jahrtausenden 
selbst, vielen Jahrhunderten wenigstens. Doch weil die Waagschale der 
Entwickelung so ausschlagt, ruft es einen Gegensatz hervor. Und was 
erscheint? Ein Extrem nach der anderen Seite. In der Franzosischen 
Revolution geht alles tumultuarisch zu, alles widerspricht dem Rhyth- 
mus der menschlichen Entwickelung. Indem es nach der anderen Seite 
ausschlagt, tritt etwas ein, wo alles nun wiederum ganz - und zwar 
jetzt nicht in der mittleren Gleichgewichtslage, sondern streng ahri- 
manisch-luziferisch - dem menschlichen Rhythmus entspricht, dem un- 
personlichen Fordern der Personlichkeit. In Napoleon stellt sich hinter- 
her der Leib entgegen, der ganz nach dem Rhythmus der menschlichen 
Personlichkeit, aber jetzt mit dem Ausschlag nach der anderen Seite, 
gebaut ist: sieben Jahre Vorbereitung - ich habe es schon einmal auf- 
gezahlt - fiir sein eigentliches Herrschertum, vierzehn Jahre Glanz, 



Beunruhigung von Europa, Aufstieg, sieben Jahre Abstieg, wovon er 
nur das erste Jahr dazu verwendet, Europa nodi einmal zu beunruhi- 
gen, aber streng ablaufend im Rhythmus: einmal sieben plus zweimal 
sieben plus einmal sieben, streng im Rhythmus yon sieben zu sieben 
Jahren ablaufend, viermal sieben Jahre im Rhythmus ablaufend. 

Ich habe rmr wirklich viel Miihe gegeben - manche wissen, wie ich 
da oder dort daruber eine Andeutung gegeben habe -, die Seele Napo- 
leons zu finden. Sie wissen, solche Seelenstudien konnen in der mannig- 
faltigsten Weise mit den Mitteln der Geistesforschung gemadit werden. 
Sie erinnern sich, wie Novalis' Seele in fruheren Verkorperungen ge- 
sucht worden ist. Ich habe mir redlich Miihe gegeben, Napoleons Seele, 
zum Beispiel bei ihrer Weiterwanderung nach Napoleons Tod, irgend- 
wie zu suchen - ich kann sie nicht finden, und ich glaube auch nicht, 
dafi ich sie je finden werde, denn sie ist wohl nicht da. Und das wird 
wohl das Ratsel dieses Napoleon-Lebens sein, das ablauft wie eine 
Uhr, sogar nach dem siebenjahrigen Rhythmus, das audi am besten 
verstanden werden kann, wenn man es als das voile Gegenteil eines 
solchen Lebens wie Jakobs I. betrachtet, oder auch als das Gegenteil 
der Abstraktion der Franzosischen Revolution: die Revolution ganz 
Seele ohne Leib, Napoleon ganz Leib ohne Seele, aber ein Leib, der wie 
zusammengebraut ist aus alien Widerspriichen des Zeitalters. Es ver- 
birgt sich eines der grofiten Ratsel der neuzeitlichen Entwickelungssym- 
ptome, sagen wir, in dieser merkwiirdigen Zusammenstellung Revo- 
lution und Napoleon. Es ist, als ob eine Seele sich verkorpern wollte 
auf der Welt und korperlos erschien, und unter den Revolutionaren 
des 18. Jahrhunderts herumrumorte, aber keinenKorper finden konnte, 
und nur aufierlich ihr ein Korper sich genahert hatte, der wiederum 
keine Seele finden konnte: Napoleon. In solchen Dingen liegen mehr 
als etwa blofi geistreich sein sollende Anspielungen oder Charakterisie- 
rungen, in solchen Dingen liegen bedeutsame Impulse des historischen 
Werdens. Allerdings miissen die Dinge symptomatisch betrachtet wer- 
den. Hier unter Ihnen rede ich in den Formen der geisteswissenschaft- 
lichen Forschung. Aber selbstverstandlich, das, was ich jetzt zu Ihnen 
gesprochen habe, kann man, indem man die Worte ein bifichen anders 
wahlt, iiberall sonst sagen. 



Und dann, wenn wir versuchen die Symptomgeschichte der neueren 
Zeit weiter zu verfolgen, sehen wir, verhaltnismafiig ruhig, wirklich 
wie Glieder aufeinander folgend, das englische Wesen sicli fortentwik- 
keln. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich das englische Wesen bis zum 
Ende des 19. Jahrhunderts ziemlich gleichmafiig, ich mochte sagen, in 
einer gewissen Ruhe das Ideal des Liberalismus geradezu auspragend. 
Es entwickelt sich das franzosische Wesen etwas tumultuarischer, so 
dafi man eigentlich, wenn man die Ereignisse der franzosischen Ge- 
schichte im 19. Jahrhundert verfolgt, nie recht weift: wie kam eigent- 
lich das Folgende dazu, sich an das Vorangehende anzureihen? - un- 
motiviert, mochte man sagen. Das ist der hauptsachlichste Grundzug 
der Entwickelungsgeschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert: unmoti- 
viert. Es ist kein Tadel — ich spreche ganz ohne Sympathie und Anti- 
pathie -, sondern nur eine Charakteristik. 

Nun wird man niemals hineinsehen konnen in dieses ganze Sym- 
ptomgewebe der neueren Geschichte, wenn man nicht den Blick darauf 
wirft, wie eigentlich sich in all dem, was so mehr aufierlich - oder 
auch seelisch innerlich, aber doch in einem gewissen Sinne aufierlich, 
wie ich gestern erwahnt habe - sich abspielt, wiederum etwas anderes 
wirkt. Das mochte ich Ihnen so charakterisieren. Man empfmdet schon 
in einer gewissen Weise, sogar bevor dieses funfte nachatlantische 
Zeitalter beginnt, das Herannahen dieses Zeitalters der Bewufitseins- 
seele. Wie in einem Vorausahnen empfinden es gewisse Naturen. Und 
sie empfinden es eigentlich mit seinem Charakter, sie empfinden: Es 
kommt das Zeitalter, in dem die Personlichkeit sich emanzipieren soli, 
das aber in einer gewissen Beziehung zunachst unproduktiv sein wird, 
nichts selbst wird hervorbringen konnen, das mit Bezug gerade auf die 
geistige Produktion, die ins soziale und geschichtliche Leben iibergehen 
soil, vom Althergebrachten wird leben miissen. 

Das ist ja der tiefere Impuls fiir die Kreuzziige, die dem Zeitalter 
des Bewufitseinsmenschen vorangegangen sind. Warum streben die 
Leute hiniiber nach dem Oriente? Warum streben sie hiniiber nach dem 
heiligen Grabe? Weil sie nicht streben konnen und nicht streben wollen 
nach einer neuen Mission, nach einer neuen urspriinglichen speziellen 
Idee im Bewufttseinszeitalter. Sie streben danach, das Althergebrachte 



in seiner wahren Gestalt, in seiner wahren Substanz sogar, zu finden: 
Hin nach Jerusalem, um das Alte zu finden und es auf eine andere 
Weise in die Entwickelung hereinzustellen, als es Rom hereingestellt 
hat. - Mit den Kreuzziigen ahnt man, dafi heraufkommt das Zeitalter 
der Bewufitseinsseele mit seiner Unproduktivitat, die es zunachst ent- 
faltet. Und im Zusammenhang mit den Kreuzziigen entsteht der Tem- 
pelherrenorden, von dem ich Ihnen gestern gesprochen habe, dem der 
Konig Philipp der Schdne den Garaus gemacht hat. Und mit dem 
Tempelherrenorden kommen nach Europa die Geheimnisse des orien- 
talischen Wesens, und sie werden eingeimpft der europaischen Geistes- 
kultur. Der Konig von Frankreich, Philipp - ich habe das im Laufe 
der Zeit ja von einer anderen Seite her charakterisiert -, konnte zwar 
die Tempelritter hinrichten lassen, konnte ihr Geld konfiszieren, aber 
die Impulse der Tempelritter waren durch zahlreiche Kanale in das 
europaische Leben hineingeflossen und wirkten weiter fort, wirkten 
fort durch zahlreiche okkulte Logen, die dann wiederum ins Exote- 
rische hinausgingen, und die im wesentlichen so charakterisiert werden 
konnen, daiK man sagen kann, sie bildeten nach und nach die Oppo- 
sition gegeniiber Rom. Rom war auf der einen Seite, erst allein, dann 
mit dem Jesuitismus verbunden, und dann stellte sich auf die andere 
Seite alles dasjenige, was, mit dem christlichen Elemente tief zusam- 
menhangend, Rom radikal fremd, in Opposition gegen Rom sich stellen 
mufite, und auch von Rom als eine Opposition empfunden wurde und 
empfunden wird. 

Was war denn nun eigentlich der tiefere Impuls dieser Tatsache, dafi 
man gegeniiber dem, was von Rom ausstromte, gegeniiber diesem 
suggestiven Universalimpuls, wie ich ihn gestern charakterisiert habe, 
orientalisch-gnostische Lehren und Anschauungen, Symbole und Kulte 
nahm, die man einimpfte dem europaischen Wesen? Betrachten wir ein- 
mal, was es ist, dann wird es uns auch auf den eigentlichen Impuls 
fiihren konnen. 

Die Bewufkseinsseele sollte herankommen. Rom wollte bewahren 
gegeniiber der Bewulkseinsseele - und bewahrt es bis heute - die sugge- 
stive Kultur, jene suggestive Kultur, welche geeignet ist, die Menschen 
zuruckzuhalten vom Ubergehen zum Bewufitseinsseelenzustand, welche 



geeignet sein soil, die Menschen auf dem Standpunkte der Verstandes- 
oder Gemiitsseele zu halten. Das ist ja der eigentliche Kampf , den Rom 
gegen den Fortgang der Welt fiihrt, dafi es beharren will, dieses Rom, 
bei etwas, was fur die Verstandes- oder Gemiitsseele taugt, wahrend 
die Menschheit in ihrer Entwickelung fortschreiten will zur Bewufit- 
seinsseele. 

Aber auf der anderen Seite bringt sich die Menschheit mit dem Fort- 
schritt in die Bewufitseinsseele wahrhaftig in eine recht unbehagliche 
Lage, die fiir weitaus die meisten Menschen zunachst in den ersten 
Jahrhunderten des Bewufitseinszeitalters und bis heute unbequem 
empfunden wurde. Nicht wahr, der Mensch soli sich auf sich selbst 
stellen, der Mensch soli als Personlichkeit sich emanzipieren. Das ver- 
langt von ihm das Zeitalter der Bewufttseinsseele. Er mufi heraus aus 
all den alten Stiitzen. Er kann sich nicht mehr blofS suggerieren lassen 
dasjenige, an was er glauben soil, er soil selbsttatig teilnehmen an der 
Erarbeitung dessen, was er glauben soli. Das empfand man, insbeson- 
dere als dieses Zeitalter der Bewufitseinsseele heraufstieg, als eine Ge- 
fahr fiir den Menschen. Instinktiv fiihlte man: Der Mensch verliert 
seinen alten Schwerpunkt; er soil einen neuen suchen. — Aber auf der 
anderen Seite sagte man sich audi: Wenn man gar nichts tut, was sind 
dann die Moglichkeiten des Geschehens? - Die eine Moglichkeit besteht 
darinnen, dafi man einfach den Menschen hinausfahren lafit auf das 
offene Meer des Suchens nach der Bewufitseinsseele, ihn gewissermafien 
freigibt dem, was in den freien Impulsen des Fortschrittes liegt. Die 
andere Moglichkeit, wenn der Mensch so hinaussegelt, ist die, dafi 
Rom dann eine grofie Bedeutung gewinnt, eine grofie Wirkung iiben 
kann, wenn es ihm gelingt, abzudampfen das Streben nach der Be- 
wulkseinsseele, um den Menschen zu erhalten beim Stehen in der Ver- 
standes- oder Gemiitsseele. Dann wurde das erreicht werden, dafi der 
Mensch nicht aufsteigt zu der Bewufkseinsseele, dafi der Mensch nicht 
zum Geistselbst kommt, dafi der Mensch seine zukiinftige Entwickelung 
verliert. Es ware das nur eine von den Nuancen, durch welche die zu- 
kiinftige Entwickelung verloren werden konnte. 

Die dritte Moglichkeit ist die folgende: Man geht noch radikaler 
vor, man versucht sein Streben ganz abzutoten, damit der Mensch 



nicht in diese pendelnde Sdiwingung kommt zwischen dem Streben 
nach der Bewufitseinsseele und dem Streben, das ihm Rom auferlegt. 
Damit der Mensch nicht in diese pendelnden Schwingungen kommt, 
untergrabt man sein Streben vollstandig, nodi radikaler als Rom. Das 
tut man dann, wenn man die fortschreitenden Impulse eben gerade der 
Kraft des Fortschrittes entkleidet und das Alte wirken lafk. Vom 
Oriente hatte man es mitgebraclit, allerdings urspriinglich bei den 
esoterisch eingeweihten Templern in einer anderen Absicht. Aber nach- 
dem diesem Streben die Spitze abgebrochen war, nachdem der Tempel- 
herrenorden zunachst so behandelt worden war, wie er eben von 
Philipp dem Schonen, dem Konig von Frankreich, behandelt worden 
ist, da war geblieben, was man so heriibergebracht hatte aus Asien an 
Kultur. Aber es war ihm zunachst die Spitze abgebrochen, in der Histo- 
rik, nicht bei einzelnen Personlichkeiten, aber in der historischen "Welt. 
Durch zahlreiche Kanale, wie ich gesagt habe, war eingetraufelt das, 
was die Templer heriibergebracht haben, aber der eigentliche spiri- 
tuelle Gehalt war ihm vielfach genommen worden. Und was war es 
denn? Es war im wesentlichen der Inhalt der dritten nachatlantischen 
Zeit. Die Katholizitat brachte den Inhalt der vierten. Und dasjenige, 
woraus der Geist ausgeprefit war wie der Safl aus einer Zitrone, was 
sich fortpflanzte als exoterisches Freimaurertum, als schottische oder 
Yorklogen oder wie immer, was namentlich ergriff der falsche Esote- 
rismus der englischsprechenden Bevolkerung, das ist die ausgeprelke 
Zitrone, die daher, nachdem sie ausgeprefit ist, die Geheimnisse des 
dritten nachatlantischen, des agyptisch-chaldaischen Zeitraumes ent- 
halt, und was nun angewendet wird, um Impulse hineinzusenden in das 
Leben der Bewufitseinsseele. 

Da entsteht sogar etwas, was wirklich wie im bosesten Sinne ahnlich 
sieht dem Entwickelungsgange, der stattfinden soil. Denn erinnern Sie 
sich nur an folgendes, das ich Ihnen einmal dargestellt habe. Ich habe 
Ihnen gesprochen von der Entwickelung in den sieben Zeitraumen 
(siehe Zeichnung). Hier zu Beginn haben wir die atlantische Kata- 
strophe, dann den ersten nachatlantischen Zeitraum, den zweiten, drit- 
ten, vierten, funften, sechsten, siebenten. Die Entwickelung geschieht 
so, dafi der vierte fur sich allein dasteht, gewissermafien die Mitte 



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bildet. Dasjenige, was charakteristisch war im dritten, erscheint wieder- 
um, nur auf einer hoheren Stufe, im fiinften. Was im zweiten charak- 
teristisch war, tritt wiederum auf einer hoheren Stufe auf im sechsten. 
Was im ersten, im urindischen Zeitraum charakteristisch war, erscheint 
wiederum im siebenten. Solche Obergreifungen finden statt. Erinnern 
Sie sich, wie ich gesagt habe, dafi es einzelne Geister gibt, die sich be- 
wufit sind dieses tJbergreifens, wie in Kepler - als er versuchte, in 
seiner Art im fiinften nachatlantischen Zeitraum die Harmonien im 
Kosmos durch seine drei Keplerschen Gesetze zu erklaren, indem er 
sagte: Ich bringe herbei die goldenen Gefafie der Agypter und so wei- 
ter - das Bewufitsein auftaucht, dafi wiederersteht im Menschen des 
fiinften nachatlantischen Zeitraumes dasjenige, was Inhalt des dritten 
nachatlantischen Zeitraumes war. In gewissem Sinne schafft man also 
etwas Ahnliches, wie es sich vollziehen will in der Welt, wenn man 
den Esoterismus, die Kulte des agyptisch-chaldaischen Zeitalters, her- 
iibernimmt. Aber man kann das, was man da heriibernimmt, dazu 
beniitzen, um jetzt nicht nur durch Suggestion der Bewufitseinsseele 
die Selbstandigkeit zu nehmen, sondern um die eigentlich treibende 
Kraft der Bewufitseinsseele abzudampfen, zu lahmen. Und das ist von 
dieser Seite aus vielfach gelungen: einzuschlafern die Bewufitseinsseele, 
die heraufkommen soli. Das ist von dieser Seite aus vielfach gelungen. 
Rom - ich spreche jetzt bildlich - braucht den Weihrauch und schla- 



fert die Leute halb ein, indem es ihnen Traume verursacht. Diejenige 
Bewegung, die ich jetzt meine, die schlafert die Leute, das heilk die 
Bewulkseinsseele, vollstandig ein. Das sickerte audi in die Entwicke- 
lung der neueren Menschheit geschichtlich hinein. Und so haben Sie 
auf der einen Seite dasjenige, was sich bildet, indem tumultuarisch 
Bruderlichkeit, Freiheit, Gleichheit auftreten, indem auf der anderen 
Seite aber der Impuls da ist, der die Menschen im Laufe des fiinften 
nachatlantischen Zeitalters verhindert, das klar einzusehen, wie Brii- 
derlichkeit, Freiheit und Gleichheit die Menschen ergreifen sollen. 
Denn das konnen sie nur klar einsehen, wenn sie die Bewulkseinsseele 
zur rechten Selbsterkenntnis verwenden konnen, wenn sie aufwachen 
in der Bewulkseinsseele. Wachen die Menschen auf in der Bewulkseins- 
seele, so fiihlen sie sich zunachst im Leibe, in der Seeie und im Geiste. 
Das aber soli gerade eingeschlafert werden. So dafi wir diese zwei 
Stromungen in der neueren Geschichte drinnen haben: Auf der einen 
Seite will man, nun der Impuls nach der Bewulkseinsseele da ist, 
chaotisch Briiderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Auf der anderen Seite 
ist das Bestreben der verschiedensten Orden, auszuloschen das Auf- 
wachen in der Bewulkseinsseele, damit einzelne Individualitaten dieses 
Aufwachen in der Bewulkseinsseele fur sich beniitzen konnen. Diese 
zwei Stromungen gehen ineinander im ganzen Verlauf des geschicht- 
lichen Lebens der Neuzeit. 

Und nun bereitet sich etwas vor. Indem die neuere Zeit ins 18. Jahr- 
hundert hineinstiirmt und in den Anfang des 19. Jahrhunderts, bis 
ungefahr in die Mitte des 19. Jahrhunderts, ist zunachst stark ein An~ 
hub nach der Emanzipation der Personlichkeit da, weil, wenn so viele 
Stromungen da sind, wie ich Ihnen charakterisiert habe, sich die Sache 
nicht sukzessiv bequem, sondern in Flut und Ebbe vollzieht. Und wir 
sehen auf nationalem Grunde und aus den anderen Impulsen heraus, 
die ich Ihnen fur den Westen von Europa charakterisiert habe, wie 
sich entwickelt das, was hin will zu der Emanzipation der Personlich- 
keit, was aus der Nationalist heraus und ins Allgemein-Menschliche 
hinein will. Nur kann es sich nicht ordentlich selbstandig entwickeln, 
weil immer die Gegenstrorriung ist von jenen Orden, die, insbesondere 
in England, furchtbar das ganze ofFentliche Leben infizieren, viel mehr 



als die auftere Welt irgend meint. Es kann sich nicht entwickeln. Und 
so sehen wir, wie so merkwtirdige Personlichkeiten auftreten wie 
Richard Cobden, wie John Bright, die auf der einen Seite wirklich 
erf alk sind von dem Impuls nach der Emanzipation der Personlichkeit, 
nach der Oberwindung des Nationalen durch die Personlichkeit tiber 
die ganze Erde hin, die so weit kamen, dafi sie an etwas tippten, was 
politisch von grofiter Bedeutung sein konnte, wenn es sich einmal hin- 
einwagen wiirde in die neuere geschichtliche Entwickelung, aber diffe- 
renziert je nach den verschiedenen Gegenden, denn natiirlich haben es 
die Leute nur fiir ihre Gegend charakterisiert: das Prinzip der Nicht- 
intervention in andere Angelegenheiten von seiten des Inselreiches als 
Grundprinzip eines Liberalismus. Es war etwas sehr Bedeutsames, aber 
es wurde, kaum entstanden, ganz abgestumpft durch das andere Be- 
streben, das aus dem Impuls des dritten nachatlantischen Zekraumes 
heraus war. Und so sehen wir, wie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts 
von Westen her dasjenige entsteht, was man gewohnlich Liberalismus 
nennt, liberale Gesinnung — bald nennt man es freisinnig -, nun, so 
wie es einem gerade gefallt. Sie wissen aber, ich meine diejenige An- 
schauung, die sich am deutlichsten auf politischem Gebiete ausgepragt 
hat im 18. Jahrhundert als politische Aufklarung, im 19. Jahrhundert 
als ein gewisses politisches Streben, das man das liberale politische 
Streben nannte, und das so allmahlich versickerte und ausstarb im 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. 

Das, was gerade in den sechziger Jahren zum Beispiel iiberall noch 
als liberales Element auftrat, trat ja allmahlich im wirklichen Leben 
ganz zuruck. Dafiir trat etwas anderes ein. Da nahern wir uns bedeut- 
samen Symptomen des neueren geschichtlichen Lebens. Was mulke nun 
geschehen? Nicht wahr, eine Zeitlang war der Stofi der Bewufitseins- 
seele so, dafi er eine Flut nach oben getrieben hat: die liberalisierende 
Flut (s. Zeichng. S. 50, rot). Aber was so ausschlagt nach der einen Seite, 
schlagt dann wiederum nach der anderen Seite aus (blau), so dafi wir 
auch ein Ausschlagen nach der anderen Seite haben. Das wird der 
Gegenschlag des Liberalismus sein (Pfeii abwarts). Stellen wir uns nur 
die Sache gut vor. Der Liberalismus entstand dadurch, dafi sich die 
Menschen, die ihn vertraten, innerlich, ich mochte sagen, so recht fafi- 




ten, so recht in die Hand nahmen und anstiirmten gegen die Fangarme 
der Erde, wie ich es Ihnen charakterisiert habe. Sie machten sich los, 
liefien sich nicht kapern, wenn ich. den trivialen Ausdruck gebrauchen 
darf, waren einfach von allgemeinen menschlichen Ideen erfafit. Aber 
das andere war doch da, wirkte im Werden der neueren Zeit und 
brachte allmahlich diese sehr diinn vertretenen sogenannten liberalen 
Ideen zu sich hiniiber. Und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts 
waren an dem politischen Himmel eigentlich die liberalen Ideen aus- 
sichtslos, denn diejenigen, die spater noch liberale Ideen vertraten, 
machen doch eigentlich mehr oder weniger den Eindruck von Invaliden 
des politischen Denkens. Die liberalen Parteien der spateren Zeit waren 
so mehr die Nachhumpler nur, denn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts 
machte sich immer mehr und mehr geltend die Frucht desjenigen, was 
aus jenen Orden und Geheimgesellschaften des Westens heraus kam: 
die Einschlaferung, Einlulhmg der Bewufitseinsseele als solcher. Dann 
wirkt das Seelische und Geistige gar nicht mehr, dann wirkt zunachst 
nur dasjenige, was in der aufieren sinnlich-physischen Welt da ist. Und 
das trat auf in der neueren Zeit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts 
als der seiner selbst bewufite Sozialismus in alien moglichen Formen. 

Dieser Sozialismus, der da auftrat, kann nur geistig durchdrungen 
werden: mit Pseudogeist, mit der Maske des Geistes, mit der blofien 
Verstandeskultur, die das Tote nur erfassen kann, nicht. Und mit einer 
solchen toten Wissenschaft hat zunachst Lassalle gerungen, aber Marx 
und Engels haben sie ausgebildet, diese tote Wissenschaft. Und so bil- 
dete sich im Sozialismus, der als Theorie sich bestrebte, praktisch zu 
werden und in der Praxis nichts Rechtes zusammenbrachte, weil er auf 
dem Standpunkt der Theorie immer stehenblieb, eines der bedeutend- 



sten Symptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Mensch- 
heit heraus. Wir miissen schon einige charakteristische Dinge dieses 
Sozialismus vor unsere Seele hinstellen. 

Es sind ja drei Oberzeugungen oder Oberzeugungsteile, besser ge- 
sagt, die den neuzeitlichen Sozialismus charakterisieren. Er fufit erstens 
auf der materialistischen Geschichtsauffassung, zweitens auf der An- 
schauung von dem Mehrwert im Wirtschaftlichen, im volkswirtschaft- 
lichen Zusammenhange, und drittens auf der Theorie der Klassen- 
kampfe. Das ist im wesentlichen dasjenige, was Millionen von Men- 
schen heute als Uberzeugung erfiillt iiber die Erde hin, was sich in 
diesen drei Dingen zusammenfassen lalk: Theorie der Klassenkampfe, 
volkswirtschaftliche Anschauung von der Entstehung des Mehrwertes, 
materialistische Geschichtstheorie. 

Versuchen wir uns ganz klar zu machen, damit wir die Symptome, 
die ich hier meine, gut verstehen als Unterbau fur das, was wir 
eben morgen darauf bauen wollen, erstens: Was ist materialistische 
Geschichtsauffassung? - Materialistische Geschichtsauffassung meint: 
Alles was geschieht im Laufe der Menschheitsentwickelung, geschieht 
nur aus aufieren, rein materiellen Impulsen. Die Menschen miissen 
essen, miissen trinken, die Menschen miissen das, was sie zu essen und 
zu trinken brauchen, von da- und dorther holen. Sie miissen also mit- 
einander handeln, sie miissen das erzeugen, was die Natur nicht selbst 
erzeugt. Aber das ist dasjenige, was iiberhaupt menschliche Entwicke- 
lung erzeugt. Wenn in irgendeinem Zeitalter, sagen wir, ein Lessing 
auftritt - ich will einen bekannten Namen wahlen ~, warum tritt Les- 
sing auf, wie er im 18. Jahrhundert aufgetreten ist? Nun, seit dem 
16. Jahrhundert, aber insbesondere auch im 18. Jahrhundert ist durch 
die Einfiihrung des mechanischen Webstuhls, der Spinnmaschine und 
so weiter eine starke Scheidung entstanden - sie war im Entstehen -, 
die sich da vorbereitet hat zwischen Burgertum und dem nachriicken- 
den Proletariat. Das Proletariat war noch kaum da, aber es war 
gewissermafien schon glimmend unter der Oberflache des sozialen Da- 
seins. Aber gegeniiber den friiheren Standen war im Verlauf des wirt- 
schaftlichen Lebens der Neuzeit der Biirgerstand erstarkt. Durch die 
Art und Weise, wie man als Burger lebt, so dafi man den Arbeiter 



unter sich hat, dafi man nicht mehr recht anerkennt die friiheren 
Stande, dafi man es dazu gebracht hat, die Giitererzeugung, die Giiter- 
verarbeitung, die Giiterverteilung so zu machen, wie es eben der Bur- 
ger madit, dadurch wird eine gewisse Denkweise allgemein, die nichts 
anderes ist also ein ideologischer Oberbau fiir die Art, wie das Biirger- 
tum Giiter produziert, verarbeitet und verhandelt. Das bedingt, dafi 
man in einer gewissen Weise denkt. Derjenige, der nicht ein Burger 
ist, der noch ein Bauer ist, der von der Natur umgeben ist, mit der 
Natur zusammenlebt, der denkt anders. Aber es ist nur eine Ideologic, 
wie er denkt, denn das, worauf es ankommt, das ist die Art, wie er 
Giiter erzeugt, verarbeitet und verhandelt. Der Burger denkt dadurch, 
dafi er in Stadten zusammengepfropft ist, anders als der Bauer. Er 
lost sich los von der Scholle, sieht nicht die Natur, daher ist der Zu- 
sammenhang fiir ihn abstrakt. Er wird ein Aufgeklarter, der so im 
Allgemeinen, im Abstrakten von Gott denkt. Aber das ist alles die 
Folge davon, dafi er Giiter erzeugt. - Ich spreche die Sache etwas kraft 
aus, aber in einer gewissen Weise ist es so. - Dadurch, dafi man in 
einer gewissen Weise seit dem 16. Jahrhundert Giiter verarbeitet und 
verhandelt, hat sich ein Denken herausgebildet, das in einer beson- 
deren Art bei Lessing zum Vorschein kommt. Lessing ist der Repra- 
sentant des auf seiner Hohe stehenden Biirgertums, hinter dem das 
Proletariat nachhinkt in seiner Entwickelung. ~ So ahnlich ist Herder, 
Goethe und so weiter zu erklaren. All das ist ein Oberbau; wirklich 
ist fiir die elementare materialistische Auffassung nur dasjenige, was 
aus der Giitererzeugung, Guterverarbeitung, aus dem Giiterverhan- 
deln kommt. 

Das ist materialistische Geschichtsauf f assung. Will man das Christen- 
tum erklaren, so hat man zu erklaren, wie in der Zeit, als unsere Zeit- 
rechnung begonnen hat, die Handelsverhaltnisse zwischen dem Orient 
und dem Okzident andere geworden sind, man hat zu erklaren, wie 
die Ausbeutung der Sklaven, die Verhaltnisse der Herren zu den Skla- 
ven sich verwandelt haben, und dann daraus zu erklaren, wie sich iiber 
all diesem wirtschaftlichen Spiel ein ideologischer Oberbau entwickelt: 
das ist das Christentum. Weil die Menschen zu einer anderen Not- 
wendigkeit gekommen sind, das zu erzeugen, was sie essen und was 



sie zum Essen verhandeln sollen, als das friiher der Fall war, deshalb 
haben sie anders gedacht. Und weil ein radikalster wirtschaftlicher 
Umsdiwung im Beginne unserer Zeitrechnung war, so trat audi jener 
radikale Umsdiwung im ideologischen Oberbau ein, der sich als Chri- 
stentum diarakterisiert. - Das ist der erste Teil jener Uberzeugungen, 
die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Millionen und Mil- 
lionen Herzen Bahn gebrochen haben. 

Diejenigen, die im Bourgeoistum geblieben sind, haben eigentlich 
keine Ahnung, wie tief, tief eingefressen in weitesten Kreisen diese 
Anschauung ist. Gewifl, die Professoren, die von den Ideen der Ge- 
schichte sprechen, die von allerlei historischen Schatten sprechen, die 
haben ein Publikum. Aber selbst unter den Professoren haben sich ein- 
zelne in der letzten Zeit zum Marxismus schon leise hingezogen gef uhlt. 
Aber unter den breiten Menschenmassen haben sie kein Publikum. Das 
ist aber im Zeitalter der Bewufkseinsseele, und der Impuls der Bewulk- 
seinsseele wirkt fort. Die Leute wachen auf, sofern man sie aufwachen 
lafit. Man versucht, von der einen Seite sie einzuschlafern; von der 
anderen Seite verlangen sie aber, ich mochte sagen, mitten im Schlafe, 
wieder auf zu wachen. Da sie nichts anderes haben als die Hinlenkung 
des Sinnes auf die rein materielle Welt, bilden sie sich die materialisti- 
sche Geschichtswissenschaft aus. Und so entstanden jene eigentiimlichen 
Symptome: Einer der edelsten, liberaisten Geister, Schiller, wurde 
lange gefeiert, wurde aufierlich ungemein bewundert. 1859 wurden zur 
Jubelfeier seiner Geburt uberall Denkmaler errichtet. In meiner Ju- 
gend lebte in Wien ein Mann, Heinrich Deinhardt hiefi er, der bemiihte 
sich, in einer sehr schonen Schrift die Menschen einzufiihren in wirk- 
liche Ideengange Schillers, in seine Ideengange, die er niedergelegt hat 
in den Brief en uber die asthetische Erziehung des Menschen. Die ganze 
Auflage dieses Werkes ist eingestampft worden! Der Verfasser, dieser 
Heinrich Deinhardt, hatte einmal das Malheur, dafi er beruhrt wurde, 
glaube ich, von einem voruberfahrenden Wagen - kurz, er fiel um auf 
der Strafie, brach sich das Bein, und konnte nicht kuriert werden - ob- 
wohl es ein leichter Beinbruch war -, weil er so unterernahrt war, dafi 
man ihn nicht gesundmachen konnte. Er konnte das nicht iiberstehen. 
Das ist nur ein Symptom fur die Art und Weise, wie das 19. Jahrhun- 



dert jene behandelt hat, die nun wirklich Schiller haben verstandlich 
machen wollen, die die grofSen Ideen Schillers haben einfiihren wollen in 
das allgemeine Zeitbewufitsein. Gewifi werden Sie sagen, oder werden 
andere sagen: Gibt es denn nicht schone Bestrebungen auf alien Gebie- 
ten? - Die gibt es schon, wir werden audi davon noch im Lauf e der Zeit 
sprechen, aber sie fiihren alle zum grofien Teile in Sackgassen hinein. 

Das ist das eine Glied der sozialistischen Oberzeugung. Das zweite 
ist die Theorie des Mehrwertes. Man kann sie kurz etwa in folgendem 
charakterisieren, dafi man sagt: Die neuere Produktionsweise hat es 
dahin gebracht, dafi derjenige, welcher verwendet werden mufi, um 
Giiter zu erzeugen, um Guter zu verarbeiten, seine eigene Lebenskraft 
zur Arbeitskraft machen mufi, die dann ebenso eine Marktware wird 
wie andere Marktwaren. Denn es entstehen zwei Klassen von Men- 
schen: die Unternehmer und die Arbeiter. Die Unternehmer sind die 
Kapitalisten, und die haben daher die Produktionsmittel. Sie haben 
die Fabrik, sie haben die Werkzeuge, sie haben alles, was zu den Pro- 
duktionsmitteln gehort. Das ist die eine Sorte von Menschen, die Ar- 
beitgeber; sie haben die Produktionsmittel. Dann sind die Arbeiter da; 
die haben keine Produktionsmittel, sondern nur das einzige auf den 
Markt zu bringen: ihre Arbeitskraft. Dadurch, daft dieser Gegensatz 
besteht zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter, daft dem Un- 
ternehmer, welcher der Besitzer der Produktionsmittel ist, der besitz- 
lose Arbeiter gegeniibersteht, der nur seine Arbeitskraft auf den Markt 
bringen kann, dadurch ist es moglich, die Entschadigungen fur die 
Ware Arbeit - Ware Arbeit! - auf ein Minimum herabzudriicken, und 
alles iibrige fliefit dem Besitzer der Produktionsmittel, das heifit dem 
Unternehmer, als Mehrwert zu. Dadurch verteilt sich dasjenige, was 
produziert wird fur den Markt und fur die Menschheit, also fur den 
Konsum, im ganzen so, dafi der Arbeiter nur Entschadigungen be- 
kommt, ein Minimum; das andere fliefit als Mehrwert dem Unter- 
nehmertum zu. - Das ist marxistische Theorie. Und das ist die Ober- 
zeugung wiederum von Millionen Menschen. - Und dies ist lediglich 
durch dieganz bestimmte wirtschaftliche Struktur herbeigefiihrt, welche 
das soziale Leben der neueren Zeit angenommen hat. Das fiihrt zuletzt 
dazu, dafi es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt. 



Es sind im wesentlichen diese Kategorien, nut denen, seit der Mitte 
des 19. Jahrhunderts zunehmend, erst in kleinen Zirkeln, dann in Sek- 
ten, nun aber unter Millionen und Millionen Menschen, die Herzen 
gewonnen werden fiir die Anschaimng einer rein wirtschaftlichen 
Struktur im sozialen Zusammenleben. Denn man kann sehr leicht zu 
der Oberzeugung sich aufschwingen, wenn man diese Anschauungen, 
die icb Ihnen nur skizziere, weiterentwickelt, dafi man sagt: Also ist 
der Besitz der Produktionsmittel durch den einzelnen der Verderb der 
sich entwickelnden Menschheit. Produktionsmittel miissen Gemeingut 
werden. Alle, die arbeiten, miissen die Produktionsmittel zusammen 
verwalten konnen. - Expropriation der Produktionsmittel ist das Ideal 
des Arbeiterstandes geworden. 

Dies ist sehr wichtig, dafi man erstens nicht bei den eingerosteten, 
eben keine Wirklichkeit trefTenden Vorstellungen stehenbleibt, welche 
viele Menschen noch haben, die dem Biirgertum angehorig geblieben 
sind und sich so durchgeschlafen haben iiber die neuzeitliche Entwicke- 
lung. Denn, nicht wahr, sehr viele so im Bourgeoistum eingerostete 
Menschen, die sich so durchgeschlafen haben durch das, was eigentlich 
geschehen ist in den letzten Jahrzehnten, haben heute noch die Vor- 
stellung: Ja, es gibt Sozialdemokraten und Kommunisten, die wollen 
teilen, die wollen, dafi alles gemeinschaftlich wird und so weiter. — 
Diese Leute miifiten eigentlich nun erstaunt sein, wenn sie horen, dafi 
eine sorgfaltig ausgebaute, scharfsinnige Anscliauung, wie es werden 
soil und werden mufi, unter Millionen und Millionen von Menschen 
ist: die Theorie vom Mehrwert, der nur dadurch iiberwunden werden 
kann, dafi die Produktionsmittel Allgemeingut werden. Jeder, der 
heute sozialistischer Agitator ist, oder auch nur einer, der nachlauft 
dem sozialistischen Agitator, lacht natiirlich den Angehorigen der Bour- 
geoisie aus, der ihm redet von Kommunismus und was alles die Sozial- 
demokraten wollen, denn der versteht, dafi es sich urn die Sozialisie- 
rung, das heilk um die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel 
handelt. Denn den Verderb sieht der heutige Arbeiter in dem Besitz 
der Produktionsmittel durch einzelne menschliche Individuen, weil 
derjenige, der keine Produktionsmittel hat, ausgeliefert ist dem, der 
die Produktionsmittel hat. 



So ist im wesentlichen der soziale Kampf der neuerenZeit einKampf 
um die Produktionsmittel, und Kampf mufi sein, denn das ist die dritte 
Oberzeugung der Sozialdemokratie, dafi sich alles, was sich entwickelt 
hat, durch den Kampf entwickelt. Die Bourgeoisie ist heraufgekom- 
men, indem sie den Adelsstand uberwunden hat. Das Proletariat wird 
heraufkommen und wird sich die Verwaltung iiber die Produktions- 
mittel erringen, indem es mit der Bourgeoisie es so macht, wie es die 
Bourgeoisie mit dem alten Adelsstande gemacht hat. Alles ist Kampf 
der Klassen. In der Oberwindung der einen Klasse durch die andere 
liegt der Fortschritt der Menschheit. 

Diese dreifache Anschauung: erstens, dafi dasjenige, was die Mensch- 
heit vorwarts bringt von Epoche zu Epoche, nur materielle Impulse 
sind, alles andere nur ideologischer Oberbau ist, zweitens, dafi der 
eigentliche Verderb der Mehrwert ist, der nur uberwunden werden 
kann durch die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel, und 
drittens, dafi eine Moglichkeit, die Produktionsmittel gemeinschaftlich 
zu machen, nur die ist, die Bourgeoisie ebenso zu iiberwinden, wie die 
Bourgeoisie den alten Adel uberwunden hat - das ist es, was sich all- 
mahlich als die sogenannte sozialistische Bewegung iiber die zivilisierte 
Welt verbreitet hat. Und man hatte dann als ein bedeutsames geschicht- 
liches Symptom der allerjiingsten Jahre audi dieses, dafi sowohl die 
Mitglieder des gebliebenen Adels wie auch die Mitglieder der geblie- 
benen Bourgeoisie sich auf ihre Ruhebetten legten, hochstens Schlag- 
worte aufnahmen wie vom Teilen und vom Kommunismus, nun, 
diejenigen Schlagworte, iiber die manchmal ganz hinten in den Ge- 
schichtsbiichern so lange Anmerkungen stehen. Aber sehr selten steht 
iiberhaupt etwas drinnen dariiber! Das also wurde verschlafen, was 
wirklich geschah. Und das entwickelte sich dann dahin, dafi, aufier- 
ordentlich schwierig, aber unter dem Zwang der Verhaltnisse, unter 
dem Einflusse dieser letzten vier Jahre, einige Leute angefangen haben, 
auf manches hinzuschauen. Es ist gar nicht auszudenken, wie unbekum- 
mert die Leute weitergeschlafen hatten, wenn die letzten vier Jahre 
nicht eingetreten waren, wie unbekiimmert darum, dafi mit jedem 
Jahre neue Tausende und Tausende gewonnen wurden fiir diese sozia- 
listischen Anschauungen, die ich Ihnen eben charakterisiert habe, und 



dafi endlidi die Leute auf dem Vulkan tanzen. Aber es ist unbequem, 
sich zu gestehen, dafi man auf einem Vulkan tanzt, und die Leute ver- 
meiden es, sich klar zu machen, dafi sie auf einem Vulkan tanzen. Aber 
der Vulkan vermeidet es nicht, auszubrechen und diejenigen, die auf 
ihm tanzen, zu verschiitten. 

Damit habe ich Ihnen wieder ein Symptom der neueren Geschichte 
charakterisiert. Denn sie gehort zu den Symptomen der neueren Ge- 
schichte, diese sozialistische Oberzeugung. Sie ist eine Tatsache, sie ist 
nicht blofi irgendeine Theorie. Sie wirkt. Ich lege keinen Wert auf das 
Feste der Lassalleschen oder der Marxistischen Theorie, aber natiirlich 
einen grofien Wert auf das Vorhandensein von Millionen von Men- 
schen, die zu ihrem Ideal erkoren haben, das zu tun, was sie doch er- 
kennen konnen aus den drei Punkten, die ich angefiihrt habe. Das aber 
ist etwas, was radikal entgegengesetzt ist dem Nationalen, das ich 
Ihnen als eine gewisse Grundlage beimAusgang der neueren Geschichte 
gezeigt habe. Da hat sich aus dem Nationalen allerlei herausentwickelt. 
Nun, was das Proletariat anstrebt, so wurde ja schon, als 1848 Karl 
Marx zunachst das Programm dieses Proletariats veroffentlichte, das 
im wesentlichen die Punkte enthielt, die ich jetzt angefiihrt habe, es 
wurde da geschlossen mit dem Ruf: «Proletarier aller Lander, vereinigt 
euch!» Und fast keine Versammlung iiber die ganze Erde hin unter 
diesen Leuten wurde geschlossen, ohne dafi sie geschlossen wurde mit 
einem Hoch auf die internationale revolutionare Sozialdemokratie, 
auf die repubKkanische Sozialdemokratie. Das war ein internationales 
Prinzip. Und so tritt neben die romische Internationale mit ihrer Uni- 
versalidee die Internationale des Sozialismus. Das ist eine Tatsache, 
denn diese so und so vielen Menschen sind eine Tatsache. Es ist wichtig, 
dafi man das ins Auge f afit. 

Um morgen wenigstens vorlaufig diese Symptomatologie der neueren 
Zeit zu kronen, miissen wir schon scharf den Weg ins Auge fassen, der 
uns gestatten wird, die Symptome zu verfolgen, bis sie uns einiger- 
mafien zeigen: da konnen wir durchbrechen und in die Wirklichkeit 
hineinschauen. Zu all diesem schufen andere Menschen daneben ge- 
radezu unlosbare Probleme - Sie miissen empfinden, wie die Dinge 
verlaufen, wie die Dinge sich zuspitzen - unlosbare Probleme. Wir 



sehen, wie sidi im 19. Jahrhundert verhaltnismafiig ruhig die liberali- 
sierende parlamentarisdie Richtung in England entwickelt; tumul- 
tuarisdi, besser gesagt, unmotiviert in Frankreich. Je weiter wir nach 
Osten gehen, desto mehr miissen wir sagen: Das Nationale wird hin- 
iibergetragen, hiniibergeleitet, so wie ich das gestern schon erwahnt 
habe. Aber dabei entstehen unlosbare historische Probleme. Und das 
ist audi ein solches Symptom. Freilich, diejenigen Menschen, die nicht 
nachdenken, die halten alles fur losbar, die glauben, man kann alles 
losen. 

Ein solches unlosbares Problem — ich meine jetzt nicht fur den ab- 
strakten Verstand, da ist es selbstverstandlich losbar, aber ich meine 
Wirklichkeiten - wird geschaffen 1870/71 zwischen West-, Mittel- und 
Osteuropa. Das ist das sogenannte Elsassische Problem. Selbstverstand- 
lich, die gescheiten Menschen, die konnen es losen. Entweder erobert 
der eine Staat oder der andere, besiegt den andern, dann hat er die 
Sache gelost, nicht wahr. Das hat man ja mit Bezug auf das Elsafi von 
der einen oder von der anderen Seite lange versucht. Oder wenn man 
das nicht will, stimmt man ab unter der Bevolkerung. Das geht sehr 
leicht, die Majoritat entscheidet. Nicht wahr, auf diese Weise geht es, 
so sagen die gescheiten Menschen. Aber diejenigen, die in der Wirk- 
lichkeit stehen, die nicht blofi einen einzelnen Zeitpunkt sehen, sondern 
die da sehen, wie die Zeit xiberhaupt ein realer Faktor ist, und wie 
man nicht, was im Lauf e der Zeit sich entwickeln mu!5, in einem kurzen 
Zeitraum zur Entwickelung kommen lassen kann - kurz, die Men- 
schen, die in der Wirklichkeit stehen, die wufiten schon, dafi dies ein 
unlosbares Problem ist. Man lese nur, was die Menschen, die hineinzu- 
schauen versuchten in den Gang der europaischen Entwickelung, iiber 
dieses Problem in den siebziger Jahren dachten und schrieben und sag- 
ten. Vor ihren Augen, vor ihren Seelenaugen stand, wie durch das, was 
da geschah, der Zukunft Europas sonderbare Vorbedingungen geschaf- 
fen wurden, wie der Drang entstehen wird im Westen, den ganzen 
Osten aufzurufen. Dazumal gab es schon Leute, welche wufiten: Das 
slawische Problem wird in die Welt gesetzt dadurch, da$ man im 
Westen die Sache anders wird losen wollen als in Mitteleuropa. - Ich 
will nur hindeuten darauf , wie die Sache ist. Ich will hindeuten darauf , 



dafi es em solches handgreifliches Symptom ist, wie ich Ihnen gestern 
den Dreifiigjahrigen Krieg vorgefiihrt habe, urn Ihnen zu zeigen, dafi 
man in der Geschichte nicht das Folgende als eine Wirkung des Vorher- 
gehenden zeigen kann. Gerade der Dreifiigjahrige Krieg zeigt: Das, 
womit es angefangen hat, was vor dem Ausbruch des Krieges war, das 
ist genauso wie nach dessen Ende; aber mit dem, was dann entstanden 
ist, hat es nicht angefangen. Von Ursache und Wirkung ist nicht die 
Rede. Sie sehen da etwas Charakteristisches an diesem Symptom, eben- 
so an dem Elsassischen Problem. Fur viele Fragen der neueren Zeit 
konnte ich Ihnen das gleiche zeigen. Die Dinge werden aufgeworfen, 
fiihren aber nicht zu einer Losbarkeit, sondern zu einer Unlosbarkeit, 
zu immer neuen Konflikten, fiihren in Sackgassen des Lebens. Das ist 
wichtig, daft man das ins Auge fafit. Sie fiihren so in Sackgassen des 
Lebens, dafi man nicht einerlei Meinung sein kann in der Welt, dafi der 
eine eine andere Meinung haben mufi als der andere, einfach wenn er 
an einem anderen Orte von Europa steht. Und wiederum gehort das 
zu charakteristischen Seiten neuzeitlicher Geschichtssymptome, dafi die 
Menschen es dazu bringen, sich Tatsachen zu schaffen, die unlosbare 
Probleme sind. 

Jetzt haben wir schon eine ganze Reihe von charakteristischen Din- 
gen der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung: das Unproduktive, 
das Heraufdammern insbesondere solcher Gemeinschaftsideen, die kein 
Produktives beanspruchen, wie die des nationalen Impulses und so wei- 
ter. Dazwischen doch das fortwahrende Ansturmen der Bewufitseins- 
seele. Und jetzt das Charakteristische des Hineingehens in Sackgassen, 
iiberall das Hineingehen in Sackgassen. Denn ein grofier Teil dessen, 
was heute verhandelt wird, was heute die Menschen unternehmen, ist 
ein Sich-Bewegen in Sackgassen. Und ein weiteres Charakteristisches: 
die Bestrebung, sich abzudampfen das Bewufitsein fur dasjenige, was 
gerade als Bewufitsein entwickelt werden soli. Denn es gibt nichts Cha- 
rakteristischeres als das Abdampfen des Bewufitseins bei der heutigen 
sogenannten gebildeten Schichte der Bevolkerung iiber die wahren Zu- 
stande in dem sogenannten Proletariat. Alles schlaft namlich gegeniiber 
den wahren Zustanden im Proletariat. Man sieht hochstens das Aufier- 
liche. Die Hausfrauen schimpfen iiber die Dienstmadchen, dafi sie nicht 



mehr dies und das tun wollen, haben keine Neigung, sich darum zu 
bekiimmern, dafi heute nun nicht blofl die Fabrikarbeiter, sondern 
audi schon die Dienstmadchen von marxistischer Theorie erfiillt sind. 
Man redet allmahlich von allem moglichen Allgemein-Menschlichen. 
Das ist aber eine reine Rhetorik, wenn man sich nicht wirklich fiir den 
einzelnen Menschen interessiert und um den einzelnen Menschen kum- 
mert. Dann mufi man aber wissen, was Wichtiges vorgeht in der 
Menschheitsentwickelung, dann mufi man sidti wirklich einlassen auf 
die Dinge. 

"Wahrhaftig nicht, um irgendeine soziale Theorie vorzutragen, son- 
dern um Ihnen Symptome der neueren Geschichtsentwickelung darzu- 
stellen, habe ich neuerlich audi dieses eine Symptom des Sozialismus 
vor Ihre Seele hinstellen miissen. Wir wollen morgen dann mit unseren 
Betrachtungen weiterfahren, um das zu kronen und an einzelnen Stel- 
len, ich mochte sagen, zur Wirklichkeit durchzubrechen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 20. Oktober 1918 



Wir haben einige der symptomatischen Krafte kennengelernt, welche 
in der Entwickelung der neuzeitlichen Geschichte spielen. Selbstver- 
standlich nur einige; es wiirde sehr, sehr weit fuhren, wenn man alle 
Krafte - denn das sind selbstverstandlich unendlich viele, sobald man 
in Einzelheiten geht - bespredien wollte. Aber audi nur die wichtig- 
sten, wenn man sie bespredien wollte, wiirde zu weit fuhren. Es scheint 
ein Wunsch vorhanden zu sein, dafi noch besonders berucksichtigt wer- 
den sollten spezielle Impulse symptomatischer Art. Das kann ein nach- 
stes Mai geschehen, so dafi ich an einem der Tage der nachsten Woche 
gerne sprechen will iiber solche Symptome, die sich insbesondere auf 
die Schweiz beziehen. Da wollen wir also einmal versuchen, ein Ta- 
bleau Schweizer Geschichte vor unsere Seele zu stellen, ura dies audi 
zu haben. 

Heute aber wollen wir versuchen, wenigstens ein Stuck weiterzu- 
kommen von den Ausgangspunkten aus, auf die wir unsere Betrach- 
tung erstreckt haben. Ich habe Ihnen gestern zuietzt ein Bild, wenn 
audi ein sehr diirftiges, davon gegeben, wie eines der bedeutsamsten 
Symptome neuerer Geschichtsentwickelung, der Sozialismus, sich hin- 
einstellt in die Entwickelung der neueren Zeit. Nun hat fur viele Men- 
schen,welche bestrebt sind, wirkliche Motive der Entwickelung kennen- 
zulernen, diese soziale, sagen wir besser, sozialistische Bewegung alles 
iiberstrahlt, und sie sind nicht recht dazugekommen, etwas anderes 
daneben gelten zu lassen. So da/5 auf den ganz bedeutenden Einfluft 
von etwas, was sich mehr den Blicken entzieht, die Aufmerksamkeit 
der neueren Zeit nicht intensiv genug gelenkt worden ist. Auch da, wo 
man wirklich suchte nach neueren Motiven. Es ist nicht die Aufmerk- 
samkeit verwendet worden auf etwas, was geistiger Art ist. Nicht wahr, 
diejenigen Personlichkeiten, welche im Sinne des gestern Besprochenen 
die neuere Entwickelung mehr verschliefen - namentlich im Laufe des 
19. Jahrhunderts und als dieses zu Ende ging, und im 20. Jahrhundert 
ja erst recht -, die Personlichkeiten, die den Kreisen angehorten, welche 



sich wenig bekiimmerten um die in der Zeitentwickelung liegenden 
Impulse, die kommen ja von vornherein wenig in Betracht, wenn man 
fragt: Was ist den Menschen vor Augen getreten an symptomatischen 
Impulsen der neueren Entwickelung? - Die Historiker haben, insofern 
sie den alten Standen angehorten, sich darauf beschrankt, weiter die 
Genealogie der Herrscherhauser, die Geschichte der Kriege, hochstens 
noch einiges, was sich rund um diese Dinge heranreihen lafit, zu ver- 
zeichnen. Man hat wohl audi Kulturgeschichte geschrieben, aber diese 
Kulturgeschichten, ich mochte sagen, von Buckle bis Ratzel, sie halten 
sich ziemlich feme von den wirklich treibenden Kraften. Neben all 
dem war allerdings im Proletariat aufierordentlich viel neueres Bil- 
dungsstreben nach derjenigen Richtung hin, die ich gestern charakteri- 
siert habe, ein sich immer weiter und weiter ausbreitendes Bildungs- 
streben, welches die drei Fragen stellte, von denen ich gestern gespro- 
chen habe. Aber innerhalb dieses Proletariats war kein Wille, in die 
feineren Zusammenhange des geschichtlichen Werdens hineinzublicken. 
Und so ist denn bis jetzt gar nicht stark genug hervorgetreten die 
geschichtliche, die historische Bedeutung der naturwissenschaftlichen 
Denkweise als geschichtliches Symptom. 

Man kann natiirlich uber die naturwissenschaftliche Denkweise in 
ihrem Inhalte, man kann iiber sie mit Bezug auf die Umgestaltung des 
modernen Denkens sprechen. Aber es ist wichtig, dafi man auch noch 
von dem Gesichtspunkte aus spricht, inwiefern diese naturwissen- 
schaftliche Denkweise ein geschichtliches Symptom geworden ist wie 
die anderen, die ich aufgezahlt habe, wie der nationale Impuls, wie das 
Auftiirmen von unlosbaren politischen Problemen und so weiter. Denn 
in der Tat hat sich seit dem Beginne des Bewufitseinszeitalters die 
naturwissenschaftliche Denkweise in weitesten Kreisen immer mehr 
und mehr herausgebildet. Und es ist eben falsch, wenn man glaubt, 
dafi nur diejenigen naturwissenschaftlich denken, welche etwas von 
Naturwissenschaft wissen. Das ist ganz falsch. Das Umgekehrte ist 
richtig. Die Leute, die Naturwissenschafter sind, denken so naturwis- 
senschaftlich, wie man heute naturwissenschaftlich denkt, weil die groffe 
Masse der zivilisierten Menschheit heute nach dieser Richtung hinneigt, 
weil man so denkt auch im alleralltaghchsten Handeln, weil so der 



Bauer denkt, wenn er draufien arbeitet, der Arbeiter in der Fabrik, 
wenn er seine Arbeit verrichtet, der Finanzmann, wenn er seine Finanz- 
unternehmungen macht. Da iiberall drinnen ist naturwissenschaftliches 
Denken, und deshalb hat audi die Naturwissenschaft selbst nach und 
nach dieses naturwissenschaflliche Denken angenommen. Also man 
mufi eine Sache, die in der Einbildung der Menschen nach dieser Rich- 
tung auf dem Kopf gestanden ist, wiederum auf die Beine stellen. Man 
mufi nicht hinsehen auf die Denkweise der Naturwissenschafter oder 
gar der monistischen Phantasten, sondern man raufi heute hinsehen 
auf die Denkweise des grofien Publikums. Denn die Naturwissenschaft 
bildet keinen hinreichenden Impuls zur Opposition gegen den romisch- 
katholischen Universalimpuls, aber das allgemeine, nach der Natur 
hin, nach der Naturordnung hin geordnete Denken der zivilisierten 
Menschheit, das bildet den Oppositionsimpuls. Und diesen Impuls 
mufi man als Symptom in Zusammenhang betrachten mit der ganzen 
iibrigen Entwickelung des neuzeitlichen Menschen. 

Sehen Sie, die Schulgeschichte, die beginnt von ihrem Gesichtspunkte 
aus, der hauptsachlich ein gedankenloser ist, gewohnlich die Neuzeit 
mit der Entdeckung Amerikas, mit der Erfindung des Schiefipulvers, 
mit der Erfindung der Buchdruckerkunst und ahnlichen Dingen. Wer 
aber sich darauf einlafit, den Gang der neueren Geschichte zu betrach- 
ten, der kommt diesen Symptomen gegeniiber - Entdeckung Amerikas, 
Erfindung der Buchdruckerkunst und so weiter - darauf, dafi sie eigent- 
lich zwar die Menschen hinausfuhren in die weite Welt auf die Ent- 
deckungsreisen, dafi sie das alte Wissen, welches die Menschheit gehabt 
hat, ungeheuer popular machen und verbreiten, dafi sie aber im Grunde 
genommen das inhaltliche Bild der europaischen Zivilisation in den 
nachsten Jahrhunderten nach ihrem Auftreten gar nicht gleich beson- 
ders andern. Man kommt darauf, dafi die alten politischen Impulse, 
welche in den verschiedenen Landern audi sich regeneriert haben, aber 
welche doch die alten politischen Impulse in dem Sinne geblieben sind, 
wie ich das gestern und vorgestern ausgefiihrt habe, gar nicht in der 
Lage waren, irgend etwas Erhebliches zum Beispiel mit den Entdek- 
kungsfahrten zu machen. Sie haben hochstens die Moglichkeit gehabt, 
in diesen Landern, die entdeckt worden sind, Eroberungen zu machen, 



so wie man friiher in anderen Gegenden Eroberungen gemacht hat, sie 
haben die Moglichkeit gehabt, das Gold von dort herzuholen und da- 
durch einigeBereicherung zu erzielen. Sie haben die Moglichkeit gehabt, 
auf dem Gebiete der Buchdruckerkunst nach und nach immer mehr 
und mehr die Zensurverhaltnisse anzuspannen. Aber irgend etwas, was 
man nennen kann einen durchgreifenden Impuls, haben die alten poli- 
tischenKrafte nicht herausziehen konnen aus dem, womit man gewohn- 
lich die neuere Geschichte beginnen lafit. Erst aus der Verbindung der 
naturwissenschaftlichen Denkweise - als diese naturwissenschaftliche 
Denkweise zu einigen Ergebnissen gefiihrt hatte - mit dem, was als 
Erfindungen und Entdeckungen da aufgetreten ist, ohne dafi die neuere 
Naturwissenschaft schon drinnen war, ist das gekommen, was nach 
dieser Richtung hin ein wirklich bedeutsamer, wichtiger Impuls der 
neueren Zeit ist. Man kann sich namlich nicht denken, dafi die Koloni- 
sationsbestrebungen, insoferne sie von den verschiedensten Landern 
in der neueren Zeit ausgegangen sind, ohne die modernen naturwissen- 
schaftlichen Errungenschaften sich vollzogen hatten; und nur was Na- 
turwissenschaft in Technik umgesetzt schaffen konnte, das fuhrte zu 
den modernen Kolonisationsbestrebungen. Nur naturwissenschaftliche 
Ergebnisse konnten die Erde so erobern, wie sie erobert werden mufite 
imVerlauf der modernen Kolonisationsbestrebungen. Und daher sehen 
wir diese Kolonisationsbestrebungen im Grunde genommen erst im 
18. Jahrhundert richtig einsetzen, als die Naturwissenschaft anfing, sich 
umzusetzen in technische Ergebnisse. 

Damit beginnt aber audi das Maschinenzeitalter. Das Maschinen- 
zeitalter beginnt, als die Naturwissenschaft sich umsetzt in technische 
Ergebnisse. Und damit beginnt ein neues Zeitalter des Kolonisierens, 
das allmahlich seine Krafte iiber die ganze Erde ausspannt, Damit be- 
ginnt ein aufierordentlich wichtiger Impuls der neuzeitlichen Entwicke- 
lung in der Bewufitseinsseele. Denn derjenige, der die Verhaltnisse, die 
hier in Betracht kommen, durchschaut, der weifi, dafi gerade jene Im- 
pulse, die im Kolonisieren liegen, in dem Kolonisieren, das die ganze 
Erde umspannt, dafi jene Bewegungen und Bestrebungen gerade dem 
Zeitalter der Bewufitseinsseele angehoren. Und dieses Zeitalter der 
Bewufitseinsseele, von dem Sie ja wissen, dafi es im vierten Jahrtausend 



sein Ende finden und in das Zeitalter des Geistselbstes eingehen wird, 
wird iiber die ganze Erde hin eine andere Konfiguration der Mensch- 
heit bringen. Diese Konfiguration wird hervorgehen aus den Kolonisa- 
tionsbestrebungen. Nicht wahr, das Bewulkseinsseelenzeitalter hat ge- 
funden sogenannte zivilisierte, hochst zivilisierte und ganz wilde Men- 
schen - so wild, dafi sich in ihre Wildheit der Rousseau verliebt hat und 
eine ganze Theorie von dem Ideal des wilden Menschen aufgestellt hat. 
Diese ganze Differenzierung der Menschen wird aufhoren im Verlauf e 
des Zeitalters der Bewulkseinsseele. Wie sie aufhoren wird, auf die 
Einzelheiten, darauf konnen wir naturlich heute nicht eingehen. Aber 
es gehort zu den Impulsen der Bewulkseinsseele, diese Differenzierung, 
die althergebracht ist, im wesentlichen aufzuheben. 

Dann, wenn man das weifi, stellen sich in die neuzeitlichen Bestre- 
bungen solche Kriege wie der zwischen den Nord- und Siidstaaten Ame- 
rikas und so weiter erst in den rechten Zusammenhang hinein, und dann 
erst, wenn man die Dinge so ansieht, wenn man die Wichtigkeit der 
Kolonisationsbestrebungen fur den Bewulkseinszeitraum ins Auge f afit, 
gewinnt man einen Einblick indie ganze Bedeutung von einzelnen Sym- 
ptomen, die auf diesem Gebiete auf treten. Und diese Bestrebungen, die 
sind undenkbar, ohne dafi die Menschheit naturwissenschaftlich denkt. 

Nun, naturwissenschaftlich denken, da liegt gerade dasjenige, was 
man so recht ins Auge fassen mufi, wenn man gewissermafien vom 
Gesichtspunkte des fiinften nachatlantischen Zeitraums, des Bewufit- 
seinsseelenzeitalters, einbrechen will in die wahre Wirklichkeit der 
menschlichen Entwickelung. Diese neuere naturwissenschaftliche Denk- 
weise hat das Eigentiimliche — ich habe es jetzt hinlanglich hier charak- 
terisiert — , da£ sie nur das Tote, das Gespenstische fassen kann von der 
"Wirklichkeit, dafi sie uberall auf das Tote geht. Seien wir uns ganz 
klar iiber diese wichtige Tatsache. Die neuere naturwissenschaftliche 
Denkweise strebt von der Beobachtung zum Experiment. Auf alien 
Gebieten wird von der Beobachtung zum Experiment gestrebt. Es ist 
ein wichtiger Unterschied zwischen der Naturbeobachtung und jener 
Erkenntnis, die durch das Experiment erwiesen wird. Die Natur- 
beobachtung war, so oder so nuanciert, alien Zeiten eigen. Aber wenn 
der Mensch die Natur beobachtet, da ist er mit der Natur verbunden, 



da lebt er sich in die Natur ein, er lebt das Leben der Natur mit. Da 
tritt das Eigentiimliche ein, dafi ihn sein Zusammenleben mit der Na- 
tur in einer gewissen Weise betaubt. Man kann nicht mit der Natur 
leben und zu gleicher Zeit im neueren Sinne der Bewulkseinsseele er- 
kennen. Man kann nicht beides, geradesowenig, wie man zugleich 
wachen und schlafen kann. Will man mit der Natur zusammenleben, 
so mulS man sich von der Natur in einem gewissen Sinne betauben 
lassen. Daher kann auch die Naturbeobachtung nicht eindringen in die 
Geheimnisse der Natur, denn indem der Mensch die Natur beobachtet, 
wird er ein biftchen eingeschlafert, wird er betaubt. Dadurch fallt aus 
seiner Erkenntnis das Geheimnis der Natur heraus. Er raufi aufwachen 
auf dem Gebiete des Obersinnlichen, wenn er in die Geheimnisse der 
Natur eindringen will. 

Aber wenn man betaubt ist, kann man nicht zur Bewufitseinsseele 
kommen. Daher strebt die neuere Naturbetrachtung ganz instinktiv 
danach, die Beobachtung allmahlich zu iiberwinden und durch das Ex- 
periment alles zu gewinnen. Man sucht ja auch auf dem Gebiete der 
Biologie, auf dem Gebiete der Anthropologic zu experimentieren. Aber 
wenn man experimentiert, ist die Hauptsache dabei, dafi man das Ex- 
periment zusammenstellt, dafi man die Ordnung bestimmt, in welcher 
man beobachtet. Wie die Dinge selbst angeordnet sind, wenn man zum 
Beispiel Embryo logie experimentell treibt, das ist nicht durch die Natur 
bestimmt, sondern das ist durch den menschhchen Intellekt, durch den 
menschlichen Verstand bestimmt, das ist durch das bestimmt, von dem 
ich Ihnen gesagt habe, daft es sich von der Natur entfernt, um gerade 
in dem Menschen innerlich zu sein. Wir ertoten die Natur, um sie er- 
kennen zu lernen im Experiment. Aber nur das, was wir durch das 
Experiment gewinnen, konnen wir technisch anwenden. Naturerkennt- 
nis wird erst reif zur technischen Anwendung, wenn sie auf dem Um- 
wege durch das Experiment sich reif dazu macht. Was vorher Einftih- 
rung der Naturerkenntnis ist in das soziale Leben, ist noch nicht 
Technik. Es ware sogar barbarisch, von Technik zu sprechen, wenn 
man es nicht zu tun hat mit der reinen Umsetzung eines Experimentes 
in die soziale Ordnung oder in diejenigen Dinge, die im Dienste der 
sozialen Ordnung stehen. 



Dann aber schafft die moderne Menschheit in die soziale Ordnung 
hinein Ergebnisse der Experimentierkunde als Technik: Totes. Und 
das ist das Wesentliche: Totes schaffen wir hinein in die Kolonisations- 
bestrebungen, Totes schaffen wir hinein, wenn wir fur die Industrie 
unsere Maschinen bauen. Aber nicht nur dann, sondern wenn wir un- 
sere Arbeiter in einer gewissen sozialen Ordnung zu diesen Maschinen 
hinzubringen. Totes schaffen wir hinein in unsere neuere geschichtliche 
Ordnung, indem wir unsere Finanzwirtschaft iiber kleinere oder gro- 
fiere Territorien ausbilden. Totes schaffen wir hinein, wenn wir eine 
soziale Ordnung iiberhaupt nach dem Muster der modernen Natur- 
wissenschaft aufbauen wollen, wie es instinktiv die moderne Mensch- 
heit getan hat. Totes schaffen wir iiberall hinein in das menschliche 
Zusammenleben, wenn wir Naturwissenschaft hineinschaffen in dieses 
menschliche Zusammenleben, Totes, sich selbst Ertotendes. 

Das ist eines der wichtigsten Symptome. Wir konnen sehr aufrich- 
tige und ehrliche Deklamationen anstellen — ich meine jetzt nicht blofi 
rhetorische Deklamationen, sondern eben ehrlich gemeinte Dekla- 
mationen - iiber die groften Errungenschaften der neueren Zeit, iiber 
all dasjenige, was Naturwissenschaft ausgebildet hat, was sie der Tech- 
nik einverleibt und dann dem sozialen Leben einverleibt hat. Aber 
wir sagen nur eine halbe Wahrheit, wenn wir von diesen Errungen- 
schaften sprechen, denn alle diese Errungenschaften haben das Wesent- 
liche in sich, dafi sie ein unbedingt Totes, das durch sich selber nicht 
entwickelungsf ahig ist, in das moderne Leben hineinstellen. Das Grolke, 
was seit Jahrhunderten, seit dem 15. Jahrhundert hineingestellt wor- 
den ist in die Entwickelung der modernen zivilisierten Menschheit, ist 
ein solches, das, wenn es sich selbst iiberlassen wird, sich selber zum 
Tode fiihrt. Und das muftte sein. Denn man kann die Frage aufwerfen: 
Wenn moderne Technik Keim des Todes nur ist, wie sie es auch ist 
und sein muft, warum trat diese moderne Technik in Erscheinung? — 
Wahrhaftig nicht trat die moderne Technik in Erscheinung im Lauf e der 
Zeit, weil den Menschen das Schauspiel der Maschine und der Industrie 
gegeben werden sollte, sondern die moderne Technik trat in Erschei- 
nung aus einem ganz anderen Grunde. Sie trat in Erscheinung gerade 
wegen ihres zum Tode fiihrenden Charakters, weil nur dann, wenn 



der Mensch hineingestellt ist in eine tote, mechanische Kultur, er durch 
den Gegenschlag die Bewufitseinsseele entwickeln kann. Solange der 
Mensch hineingestellt war in ein Zusammenleben mit der Natur, ohne 
dafi die Maschinen hineingestellt waren, solange wurde er geneigt ge- 
macht zu einer gewissen suggestiven Behandlung, weil er bis zu einem 
gewissen Grade betaubt wurde. Man konnte nicht ganz auf sich selbst 
sich stellen, als man noch nicht in den Tod hineingestellt war. Auf sich 
selbst gestelltes Bewufitsein und Todbringendes ist innig miteinander 
verwandt. Das habe ich in den verschiedensten Formen schon versucht, 
den Menschen klarzumachen. Ich habe versucht, den Menschen klar- 
zumachen: Wenn sie vorstellen und erkennen, so ist das nicht gebunden 
an die spriefienden, sprossenden Krafte des Menschen, sondern gerade 
an den Abbau des Organismus. Ich habe versucht, den Menschen klar- 
zumachen, dafi es Riickbildung des Organismus ist, dafi es die Abbau- 
und Sterbeprozesse sind, die uns befah igen, im selbstbewufiten Sinne 
zu denken. Konnten wir nicht Gehirnhunger entwickeln, das heifit 
Abbauprozesse, Zersetzungsprozesse, Zerstorungsprozesse in uns, wir 
konnten keine gescheiten Menschen sein, sondern konnten nur hintau- 
melnde Menschen sein, schlafende, traumende Menschen. Gescheite 
Menschen sind wir durch die Abbauprozesse in unserem Gehirn. Und 
das Zeitalter der Bewufitseinsseele mufite dem Menschen die Gelegen- 
hek geben, den Abbau in seiner Umgebung zu haben. Nicht dadurch 
wurde das moderne, selbstbewufke Denken grofi, dafi bliihende Lebens- 
prozesse hereingestellt wurden, sondern dadurch wurde gerade das 
Innerste im Menschen, das selbstbewulke Denken groft, dafi Todes- 
prozesse m der modernen Technik, in der modernen Industrie, im 
modernen finanziellen Zusammenhang in dieses Leben hereingestellt 
wurden. Denn das forderte dieses Leben in der Bewufitseinsseele. 

Das zeigt sich audi auf anderen Gebieten. Nehmen Sie die Impulse 
selbst, die wir ins Auge gefafit haben. Fangen wir einmal an bei Eng- 
land, wo wir gesehen haben, wie der Parlamentarismus sich bildet 
durch die Jahrhunderte als eine gewisse Nuance, wie die auf sich selbst 
gestellte Personlichkeit sich realisieren will. Nicht wahr, die Person- 
lichkeit will sich emanzipieren, sie will sich auf sich selbst stellen. Das 
heifit aber, indem sie zu gleicher Zeit soziale Personlichkeit sein will, 



will sie sich geltend machen als Personlichkeit. Der Parlamentarismus 
ist nur ein Weg, sich geltend zu machen als Personlichkeit. Aber indem 
derjenige, der teilnimmt am Parlamentarismus, sich geltend macht, ver- 
nichtet er seine Personlichkeit in dem Augenblicke, wo aus seinem 
Wollen die Abstimmung wird. Die Personlichkeit hort auf in dem 
Augenblicke, wo aus dem Wollen die Abstimmung wird. Und richtig 
studiert bedeutet das Heranreifen des Parlamentarismus in der eng- 
lischen Geschichte in den Jahrhunderten, seit dem Biirgerkriege im 
15. Jahrhundert, nichts anderes als dieses. Wir erblicken beim Aus- 
gangspunkt dieses parlamentarischen Lebens, dieses nach dem Parla- 
mentarismus hintendierenden Lebens Stande, verschiedenste Stande. 
Diese Stande wollen sich nicht als Stande blofi geltend machen, son- 
dern als Votum; sie wollen reden, indem sie sich geltend machen als 
Stande. Nun, reden konnten sie. Aber die Leute sind nicht zufrieden 
mit dem Reden und Sich-Verstandigen, sondern sie wollen dann ab- 
stimmen. Indem man abstimmt, indem man die Rede ausflie^en lafit 
in die Abstimmung, ertotet man dasjenige, was in der Seele lebt, auch 
noch so lange man redet. Und so redet sich jede Parlamentarisierung 
hinein in das absolute Menschheitsnivellement. Sie geht hervor aus der 
Geltendmachung der Personlichkeit und endet mit der Ausloschung der 
Personlichkeit. Es gibt keine andere Moghchkeit auf diesem Gebiete, 
als dafi die Tendenz hervorsprielk aus der Geltendmachung der Per- 
sonlichkeit und endet mit der Ausloschung der Personlichkeit. Es ist 
ein vollstandiger Kreislaufprozefi, wie das Menschenleben selbst. Es 
beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tode. Nur ist beim Men- 
schen das auf zwei Zeitpunkte verteilt; im historischen Leben greift 
das eine unmittelbar in das andere ein, ist Geburt und Tod mitein- 
ander vermischt. Das ist es, was man ins Auge fassen raufi. 

Fassen Sie ja das, was ich gesagt habe, nicht etwa auf wie eine Kritik 
des Parlamentarismus. Denn wenn Sie es auffassen wiirden wie eine 
Kritik des Parlamentarismus, dann wiirden Sie mir insinuieren, dafi 
ich sagte: Der Mensch wird geboren - das ist ein Unsinn, denn er stirbt 
wieder, also, da er wieder stirbt, so sollte er nicht geboren werden. 
Man sollte der Welt diese Torheit nicht zumuten, daft sie den Men- 
schen geboren werden lafit, wenn sie den Menschen wieder sterben 



lafit. - Icli bitte, insinuieren Sie mir nidit, dafi ich sage: Der Parlamen- 
tarismus ist ein Unsinn, weil die Personlichkeit ihn gebiert und ihn, 
aus deren Impuls er hervorgeht, selbst wieder vernicbtet. - Ich stelle 
den Parlamentarismus ja nur aus der Rhetorik ins unmittelbare Leben 
hinein. Ich stelle ihn hinein in dasjenige, was allem Leben eigen ist: in 
Geburt und Tod, und zeige ihn daher gerade als etwas der Wirklich- 
keit Angehoriges, zeige Ihnen damit aber auch das Charakteristikon 
aller aufieren Erscheinungen solcher Art im Zeitalter der Bewuikseins- 
seele, denn sie alle stehen in diesem Zeichen von Geburt und Tod, das 
ich eben jetzt angefuhrt habe. 

Nun, unendlich oft ist es ausgesprochen worden in kleinen Kreisen 
der okkulten Logen der englischsprechenden Welt, wenn man unter 
sich war: Klaren wir die Welt ja nicht auf iiber das Geheimnis von 
Geburt und Tod! Denn wenn wir sie auf klaren iiber das Geheimnis 
von Geburt und Tod, klaren wir sie iiber das jetzige Zeitalter auf. 
Wir iiberliefern ihnen ein Wissen, das wir nicht aus der Hand geben 
wollen. — Daher wurde es als erste Regel geltend gemacht, ja nicht zu 
sprechen im aufieren Leben iiber das Geheimnis von Geburt und Tod, 
dafi das in allem, und zwar zunachst in den historischen Erscheinun- 
gen, drinnensteckt. Denn dadurch wird dem modernen Leben der tra- 
gische Stempel aufgedriickt und dieses moderne Leben nach und nach 
zu etwas gezwungen, zu dem es sich gar nicht leicht zwingen lassen 
will. Es wird dieses moderne Leben gezwungen, von dem Ergebnis 
der Arbeit die Blicke hinwegzulenken und zur Arbeit selbst hinzu- 
schauen. Man mulS Freude haben am Arbeiten, indem man sich sagt: 
Was man in diesem Zeitalter an Aufierem erarbeiten kann, das er- 
arbeitet man fur den Tod und nicht fur das Geborenwerden. — Und 
will man nicht fiir den Tod arbeiten, so kann man nicht im modernen 
Sinne arbeiten, denn man mufi im modernen Zeitalter maschinenmafiig 
arbeiten. Und wer das nicht will, will einfach zuruckftthren in friihere 
Zeitalter. 

Sie konnen dann die franzosische Geschichte studieren, wie versucht 
wird, die Emanzipation der Personlichkeit nach innen zu treiben. Es 
fiihrt zu jener furchtbaren Aufhebung der Personlichkeit, die die 
Schlufiepisode der Revolution und das Aufkommen des Napoleonis- 



mus zeigt. Und betrachten Sie die Sache gar in Italien. Woraus schopfte 
das neuere Italien jene impulsive Kraft, mit der dort das nationale 
Element bis zum sogenannten «sacro egoismo», bis zura heiligen Egois- 
mus sich geltend machte, woraus schopfte dieses neue Italien diese 
Kraft? Die Dinge, die den Erscheinungen der Welt zugrunde liegen, 
mul? man oft in Tiefen suchen. Gehen Sie zuriick bis zu jenem wich- 
tigen Zeitpunkt, der vor dem Aufkommen des Bewufkseinszeitalters 
liegt: Diese Kraft ist in alien ihren Seiten geschopft aus dem, was das 
romische Papsttum dem italienischen Wesen eingepflanzt hat. Dieses 
romische Papsttum hat sich fiir Italien gerade dadurch in seiner Bedeu- 
tung gezeigt, dafi es sein Wesen in die italienische Seele hineingetrau- 
felt hat; und daraus ist entsprungen, wie es oftmals dem Zauber- 
lehrling so geht, dasjenige, was nicht gewollt worden ist: die Abkehr 
von dem Papsttum selber mit aller Intensitat im modernen Italien. 
Da sehen Sie am besten zusammenstoften dasjenige, was angestrebt 
wird und was sich zu gleicher Zeit selber aufhebt. Nicht die Gedanken, 
wohl aber die Empfindungskrafte und die Begeisterungskrafte, auch 
diejenigen, die in Garibaldi gesteckt haben, sie sind die Reste der alten 
katholischen Begeisterung; aber indem sie sich umgekehrt haben, haben 
sie sich gegen den Katholizismus gewendet. 

Die Menschen werden ihr eigenes heutiges Zeitalter nur verstehen, 
wenn sie diese Dinge im rechten Zusammenhange fassen. Ich habe 
Ihnen gesagt: In Europa tragen sich jene verschiedenen symptomati- 
schen Ereignisse zu, die ich vor Ihre Seele hingestellt habe. Wie im 
Hintergrunde ist im Osten das russische Gebilde, zusammengeschweilk 
aus den Resten byzantinisch-religioser Struktur, aus normannisch- 
slawischemBlutimpuls, aus dem Asiatismus, wie er sich in der verschie- 
densten Weise iiber den Osten von Europa ergossen hat. Das alles aber 
ist unproduktiv, diese Dreiheit ist ja nichts, was aus der russischen Seele 
selbst hervorgeht. Diese Dreiheit ist auch dasjenige, was nicht bezeich- 
nend ist fiir das, was in der russischen Seele lebt. — Welches ist der 
grolke, der allergrolke denkbare Gegensatz zu der Emanzipation der 
Personlichkeit? Das byzantinische Element. Es gibt eine grofie Person- 
lichkeit in der neueren Zeit, die unterschatzt wird, es ist PobjedonoszeWy 
der ein bedeutender Mensch war, aber ein Mensch, welcher ganz das 



byzantinische Element in sich trug. Er war ein Mensch, der das Gegen- 
teil von dem nur wollen konnte, was das Zeitalter des Bewufitseins 
will und auf naturgemafie Weise aus dem Menschen hervorbringt. Man 
konnte sich denken, dafi selbst noch intensiver das byzantinische Ele- 
ment in der russischen Orthodoxie sich weiter ausgebreitet hatte, dal5 
dieser Tod alles Individuell-Personlichen noch viel intensiver gewirt- 
schaftet hatte, es wiirde doch nichts anderes hervorgegangen sein als 
der starkste Drang nach Emanzipation der Personlichkeit. Sie konnen 
die neuere russische Geschichte durchlesen: Wenn Sie nicht das in dieser 
neueren russischen Geschichte lesen, was sich abspielt so, dafi dessen 
Verzeichnung immer verboten worden ist, dann haben Sie nicht das- 
jenige, was eigentlich russische Geschichte ist, das hetfk das wirk- 
lich bewegende Element. Wenn Sie aber dasjenige in der russischen 
Geschichte lesen, was die herrschenden Machte bisher erlaubt haben als 
Geschichte zu verzeichnen, dann haben Sie alles dasjenige, was als tod- 
bringendes Element iiber das russische Leben sich ausbreitet. Da tritt 
es am allercharakteristischesten hervor, weil im russischen Leben am 
meisten Zukunft liegt. Weil geradezu die Keime zur Entwickelung des 
Geistselbstes im russischen Leben liegen, deshalb ist dasjenige, was 
aufierlich aufgetreten ist im Zeitalter der Bewufitseinsseele bis jetzt, 
lauter Todbringendes, lauter Verwesungsduftendes, aber etwas, was 
da sein mulke, gerade weil dasjenige, was sich herausbilden will als 
Geistleben, den Untergrund des Todes braucht. 

Das mufi man einsehen fur die Entwickelung des Zeitalters der Be- 
wufitseinsseele, sonst wird man niemals eindringen in die wirklichen 
Bediirfnisse der Gegenwart. Man wird auch kein Bild sich machen 
konnen von dem, was so zerstorerisch heraufgezogen ist iiber die 
Menschheit, wenn man nicht wissen wird, dafi in diesen vier letzten 
Jahren sich nur wie in einem grofien Resume zusammenfafit dasjenige, 
was verbreitet war iiber das menschliche Leben als Tod seit dem Be- 
ginne des Bewufitseinszeitalters. 

Es ist charakteristisch, dafi gerade die Todnatur der naturwissen- 
schaftlichen Denkungs weise in einer merkwurdigen Weise gewirkt hat 
fiir eine der prophetischesten Personlichkeiten der neueren Zeit. Ganz 
denkwiirdig wird das folgende kleine symptomatische Ereignis immer 



dastehen in der neueren Geschichtsentwickelung: 1830, in Weimar, 
kommt Soret tax Goethe. Goethe empfangt ihn mit einer gewissen Auf- 
regung, ich meine Aufregung in der Facon des Benehmens, nicht etwa 
in leidenschaftlicher Aufregung. Er sagt: Nun ist sie endlich herein- 
gebrochen, die Bewegung, alles stent in Flammen! - Und einige andere 
Satze sagte Goethe noch, so dafi Soret glaubte, Goethe rede von der 
1830 in Paris ausgebrochenen Revolution und antwortete auch in die- 
sem Sinne. Aber Goethe redete gar nicht von dieser Revolution. Er 
sagte: Ach, das meine ich gar nicht, das ist fur mich nicht so besonders 
wichtig. Dagegen wichtig ist, was in der Akademie in Paris verhandelt 
wird zwischen Cuvier und Geoff roy de Sctint-Hilaire. - Da ist Cuvier, 
der Vertreter der alten Naturanschauung, derjenigen Naturanschau- 
ung, dienur dieLebewesen nebeneinanderstellt, eben derjenigen Natur- 
anschauung, die vor allem in die Technik hineingeht, miissen wir sagen, 
und Geoffroy de Saint-Hilaire, derjenige, der Leben hineinbringt in 
diesen ganzen Verlauf des Lebens selbst. In Geoffroy de Saint-Hilaire 
sah Goethe den Anfuhrer eines naturwissenschaftlichen Denkens der 
neueren Zeit, das nicht mehr in dem Sinne der blo£en Kopernikus, 
Kepler, Galilei naturwissenschaftlich sein will. Der Vertreter dieses 
Zeitalters ist Cuvier; dagegen ist Geoffroy de Saint-Hilaire der Ver- 
treter desjenigen naturwissenschaftlichen Anschauens, das die Beweg- 
lichkeit des Lebens selbst hineintragt in die Naturanschauung. Darum 
sah Goethe den Aufgang eines ganz neuen Zeitalters, indem sich 
Geoffroy de Saint-Hilaire in seinen Gedanken ein naturwissenschaft- 
liches Denken zurechtlegte, welches iibergehen mufi, wenn es sich wirk- 
lich entwickelt, in ubersinnliche Aufklarung iiber die Natur, welches 
gar nicht anders kann, als endlich in ubersinnliche Erkenntnisse, in 
hellseherische Erkenntnisse iiberzugehen. Darin sah Goethe die Revo- 
lution von 1830, nicht in dem, was politisch in Paris vorgeht. Darin 
bewies Goethe sich als einer der intensivsten prophetischen Geister 
seiner Zeit. Er bewies, dafi er fiihlte und empfand, um was es sich 
in dieser neueren Zeit handelt. 

Man mufi in dieser neueren Zeit Mut haben, wirklich hineinzu- 
schauen in die Verhaltnisse. Diesen Mut brauchten alte Zeitalter noch 
nicht. In die Verhaltnisse des Geschehens mufi man den Mut haben 



hineinzuschauen, denn es wird wichtig, dafi die Bewulkseinsseele ent- 
wickelt werden kann. Ja, in friiheren Zeitaltern war die Entwickelung 
dieser Bewufkseinsseele noch nicht wichtig. Dadurch, dafi die Bewufk- 
seinsseele gerade das Bedeutungsvolle in diesem Zeitalter wird, da- 
durch mufi alles im Wachen vor sich gehen, was der Mensch fiir das 
soziale Leben entwickelt; dadurch kann er nicht die alten Instinkte 
in das soziale Leben hereintragen. Und er kann nicht allein herein- 
tragen in das soziale Leben das, was Ergebnis der Naturwissenschaft 
ist, denn das ist das Tote und kann das Leben nicht beleben, kann das 
Leben nur mit toten Produkten durchsetzen und in solche zerstorenden 
Dinge hineinfuhren, wie sie die letzten vier Jahre gebracht haben. 
Denn in diesem Zeitalter wird folgendes wichtig. 

Nicht wahr, die Menschen miissen auch schlafen. Wenn sie wachen, 
haben sie ihren gewohnlichen freien Willen - nun, den konnen sie zu 
noch allerlei, das ihnen auf ahrimanisch-luziferischem Wege zukommt, 
verwenden, um Richtkrafle zu entwickeln. Aber wenn sie einschlafen, 
dann hort dieser freie, sogenannte freie Wille auf; dann denken die 
Menschen, ohne dafi sie es wissen. Aber es ist nicht minder wirksam. 
Dann denken die Menschen durchaus auch. Man hort nicht auf zu den- 
ken, indem man einschlaft; man denkt, bis man aufwacht. Man vergifk 
dies nur in dem Moment, wo man aufwacht. Daher weift man nicht, 
welche Gewalt diejenigen Gedanken haben, die in die menschliche 
Seele hineinspielen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber beden- 
ken wir, dafi fiir das Zeitalter der Bewufkseinsseele die Gotter ver- 
lassen haben die menschliche Seele wahrend des Schlafens. In friiheren 
Zeitaltern haben die Gotter vom Einschlafen bis zum Aufwachen hin- 
eingetraufelt in die Seele das, was sie wollten. Der Mensch ware nicht 
frei geworden, wenn sie es weiter hineintraufelten. Dadurch aber ist 
der Mensch zuganglich alien moglichen anderen Einfliissen vom Ein- 
schlafen bis zum Aufwachen. Ja, wir konnen zur Not wachen und zur 
Not leben, aber wir konnen nicht schlafen und sterben mit der Natur- 
wissenschafl und mit dem, was aus der Naturwissenschafl folgt. Denn 
naturwissenschaftlich denken kann man nur vom Aufwachen bis zum 
Einschlafen. In dem Augenblicke, wo Sie einschlafen, wo Sie im Schlafe 
sind, hat das naturwissenschaftliche Denken ungefahr so viel Sinn, wie 



wenn Sie in einem Lande, wo kem Mensch Franzosisch versteht, iiber- 
all Franzosisch sprechen wiirden. Da hat nur die Sprache Bedeutung, 
die man durch die iibersinnliche Erkenntnis sich aneignet, die aus dem 
Ubersinnlichen kommt. Die iibersinnliche Erkenntnis mufi an die Stelle 
desjenigen treten, was die Gotter friiher in die Instinkte hineinver- 
pflanzt haben. Das ist der Sinn des Bewufkseinszeitalters, dafi der 
Mensch aufsteigen mufi zu ubersinnlichen Impulsen und durchdringen 
muE zur Erkenntnis. Wenn man glaubt, alles das, was das Zeitalter 
hervorgebracht hat und noch hervorbringt ohne iibersinnliche Impulse, 
sei etwas Lebendiges und nicht etwas Todbringendes, gibt man sich der 
gleichen Illusion hin, wie wenn man glauben wiirde, ein Weib der 
modernen Zeit konnte gebaren ohne zu empfangen. Ein Weib der 
modernen Zeit bleibt unfruchtbar und stirbt ohne Nachkommenschaft, 
wenn sie nicht empfangt. Die moderne Kultur, wie sie sich im Zeit- 
alter der Naturwissenschaft seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts ent- 
wickelt hat gerade in den grolken modernen Errungenschaften, bleibt 
steril und unfruchtbar, wenn sie nicht befruchtet wird von jetzt ab 
durch Impulse aus der ubersinnlichen Welt. Tod mufi werden alles 
dasjenige, was nicht befruchtet wird von der ubersinnlichen Welt. 
Fiihren Sie ein in diesem Zeitalter der Bewulkseinsseele Demokratie, 
Parlamentarismus, Technik, modernes Finanzwesen, modernes Indu- 
striewesen, fiihren Sie ein das nationale Prinzip uber die ganze Welt, 
fiihren Sie ein all diejenigen Gesichtspunkte, die die Menschen jetzt 
zugrunde legen dem, was sie Neuordnung der Welt nennen und mit 
dem sie reden wie Trunkene, die nicht wissen, wovon sie reden - Sie 
fordern dann den Tod, wenn Sie nicht all das befruchten wollen durch 
die Impulse der ubersinnlichen Welt. Dann allein hat dasjenige, was 
wir schaffen miissen, das Todbringende auf alien Gebieten, einen Wert, 
wenn wir es zu befruchten wissen durch die Errungenschaften des Ober- 
sinnlichen. Es bringt nur Tod liber die Menschheit, wenn wir es nicht 
zu befruchten wissen durch die Impulse des Ubersinnlichen. 

Fassen wir das nur im vollen Ernste auf, erheben wir uns, gerade 
aus einer symptomatologischen Geschichtsbetrachtung der neueren Zeit, 
zu dem Gedanken: Da stellen sich herein in die menschliche Entwicke- 
lung seit dem 15. Jahrhundert diejenigen Dinge, welche die Menschheit 



verzeichnet als die grolke Errungenschaft: die moderne Naturwissen- 
schaft, die moderne Soziologie, das moderne technische Leben, das mo- 
derne industrielle Leben, das moderne finanzielle Leben. Die stellen 
sich herein. Sie sind todbringend, wenn sie nicht befruchtet werden 
durch Obersmnliches. Sie sind allein befahigt, die Menschheit weiter- 
zubringen dahin, wohin sie gehen mufi, wenn sie befruchtet werden 
durch Impulse des Obersinnlichen. Dann sind sie gut. Sie sind nicht 
an sich gut. Nichts ist an sich gut von dem, was die moderne Mensch- 
heit heute in einem gewissen t)bermut und Hochmut als ihre grofiten 
Errungenschaften hinstellt. Erst dann wird es gut, wenn es durch- 
geistigt wird. 

Das ist nicht eine Lehre, welche in willkUrlicher Weise vor Sie hin- 
gestellt wird, das ist eine Lehre, die dann, wenn man die moderne 
Geschichtsentwickelung symptomatologisch betrachtet, sich aus dieser 
modernen Geschichtsentwickelung selber ergibt. Und die Zeit ist da, 
wo wir das Bewufitsein entwickeln miissen. Aber wir miissen audi 
wissen, was wir diesem Bewufitsein zumuten diirfen. In dem Augen- 
blicke, wo wir audi nur innerhch unbewuik Dogmatiker sein wollen, 
konnen wir das Bewufitsein nicht mehr entwickeln. Daher mufi ich 
immer wiederum, wie ich es erst vor kurzem vor Ihre Seele hingestellt 
habe, erinnern an solche Dinge wie das Folgende: Ich habe einmal in 
einer Stadt Vortrage gehalten iiber Bibel und Weisheit. Da waren 
audi zwei katholische Geistliche drinnen - die meisten von Ihnen wis- 
sen das kleine Faktum schon — , die kamen, da ich nichts Sonderliches 
gesagt habe, was anfechtbar war fur einen katholischen Geistlichen, 
und da es nicht gerade Jesuiten waren, die sorgfaltig alles studieren und 
die Aufgabe haben, in alles ihreNase hineinzustecken, sondern katholi- 
sche Durchschnittspfarrer, die kamen heran: Ja, wir haben das Purga- 
torium. Sie sprechen auch von einer solchen Priifungszeit nach dem Tode. 
Wir haben das Paradies. Sie sprechen von dem Geist-Erleben, und 
man kann eigentlich gegen die Sache inhaltlich nicht viel haben. - 
Sie wiirden schon geniigend dagegen haben, wenn sie weiter eingedrun- 
gen waren, aber in einem Vortrage fanden sie das naturlich nicht! — 
Dann sagten sie weiter: Wissen Sie, der Unterschied ist der; Wie Sie 
reden, so reden Sie nur zu einer gewissen Schicht der Bevolkerung, 



welche die Vorbedingungen sich dazu geschaffen hat, eine gewisse Bil- 
dung sich angeeignet hat, gewisse Vorstellungen sich angeeignet hat, 
und wir sprechen zu alien Menschen. Daher finden wir eben die Worte 
fiir alle Menschen, und das ist daher das Richtige, fiir alle Menschen 
zu sprechen. - Darauf sagte ich zu ihnen: «Hochwiirden» - selbstver- 
standlich, einen katholischen Geistlichen spricht man mit Hochwiirden 
an, ich bin immer fiir Beibehaltung der aufieren Titulatur - «Hoch- 
wiirden, sehen Sie, darauf kommt es nicht an, was Sie jetzt sagen. 
Ich will gar nicht daran zweifeln, dafi Sie glauben, Sie sprechen fiir 
alle Menschen, daft Sie meinen, Ihr Reden so einrichten zu konnen, 
als ob Sie fiir alle Menschen sprechen. Aber das ist eine subjektive Mei- 
nung, nicht wahr, sie ist dasjenige, was man in der Regel hat, um iiber- 
haupt sein Reden vor sich selber zu rechtfertigen. Aber es kommt nicht 
darauf an, ob wir diesen Glauben haben oder nicht haben, daft wir 
fiir alle Menschen sprechen, sondern auf die Tatsachen, auf die Wirk- 
lichkeit kommt es an. Und da frage ich Sie jetzt nicht theoretisch- 
logisch: Welches sind die Griinde, warum ich nicht fur alle Leute reden 
sollte, wahrend Sie fiir alle Leute reden - da wiirden wir natiirlich 
unendlich viel finden, was fiir Sie sprechen wiirde. Aber ich frage Sie 
nach den Tatsachen: Gehen alle Leute heute noch zu Ihnen in die 
Kirche herein, fiir die Sie glauben, zu ihnen sprechen zu konnen? - 
Sehen Sie, das ist die Tatsache.» Da konnten sie natiirlich nicht sagen, 
daft alle Leute heute noch zu ihnen in die Kirche gehen! «Sehen Sie», 
sagte ich ihnen, «und ich rechne mit den Tatsachen, ich rede fiir die- 
jenigen, die heraus bleiben, die aber auch ein Recht haben, zu dem 
Christus gefiihrt zu werden. Fiir die rede ich. Ich sehe, dafi da Men- 
schen sind, die die Sache so und so horen wollen. Das ist eine Tatsache, 
und auf die Tatsache kommt es an, auf die subjektiven Meinungen 
kommt es gar nicht an.» 

Das ist vor alien Dingen gesund, dafi man lernt, von der Wirklich- 
keit sich die Ansicht zu bilden, nicht aus sein em Subjektiven heraus, 
denn nichts ist gefahrlicher, als gerade im Zeitalter der Bewufitseins- 
seele sich Subjektivitaten hinzugeben, mit Vorliebe hinzugeben. Damit 
wir die BewujRtseinsseele entwickeln, diirf en wir nicht im Unbewufiten 
Dogmatiker werden, sondern wir miissen alles das, was wir zu Trieb- 



federn unseres Handelns und Denkens machen, uns von der Tatsachen- 
welt diktieren lassen. Darauf kommt es gerade an. Und darin besteht 
ein wesentlicher Kampf in der neueren Zeit unter der Oberflache des 
geschichtlichen Werdens, ein wesentlicher Kampf zwischen dem An- 
nehmen dessen, was man fur richtig halt, und dem Diktat der Tat- 
sachen. Und bei der Geschichtsbetrachtung wird das ganz besonders 
wichtig. Denn man wird niemals die Geschichte richtig betrachten, 
wenn man sie nicht zu gleicher Zeit als die grofie wirkliche Lehrmeiste- 
rin kennenlernt. Dann darf man aber nicht die Tatsachen, so wie man 
sie will, hineintragen in die Geschichte, sondern dann mufi man wirk- 
lich die Geschichte sprechen lassen konnen. In den letzten vier Jahren 
wurde iiber die ganze Welt hin gerade mit Bezug auf dieses Sprechen- 
lassen der Geschichte unendlich viel verlernt. Es spricht sozusagen 
kaum leicht noch die Tatsache irgendwie, sondern dasjenige, was man 
fur die Tatsache halt. Nun, es wird noch lange so sein, dafi man nicht 
lernen wird, die Tatsachen sprechen zu lassen, aber ebenso lange wird 
man auch noch nicht bei derjenigen Kraft angelangt sein, die die 
Menschheit wirklich hinausfuhrt zu einem unbefangenen Auffassen der 
Wirklichkeit. Und auf ein unbefangenes Auffassen der Wirklichkeit 
und auf das Erringen einer unbefangenen Stellung zur Wirklichkeit 
kommt es auf alien Gebieten des Lebens gerade im Zeitalter der Be- 
wufitseinsseele an. 

Was wird erfordert - wenn ich das noch anfugen darf wenn wir so 
aus den Symptomen der Geschichte allmahlich vordrmgen wollen - 
wir werden in den nachsten Vortragen weiter davon sprechen - zur 
Wirklichkeit? Es wird erfordert, dafi man gerade in diesem Zeitalter 
auf das hinschauen kann, was von der ubersinnlichen Welt her dem 
Menschen wieder Produktivitat gibt. Denn das Ersterben der Produk- 
tivitat haben wir als das Charakteristischeste in alien Erscheinungen 
hereinkommen sehen. Der Mensch mufi seine Sinne der ubersinnlichen 
Welt eroffnen, damit in sein Ich hereingeht dasjenige, was sein Geist- 
selbst vorbereitet, sonst wiirde er sich die Wege zum Geistselbst voll- 
standig abschneiden. Das bedeutet, dafi der Mensch Bekanntschaft 
machen mufi mit dem reinen Geistigen, mit dem, was gewissermafien 
nur in das Zentrum seines Seelischen hinein kann. Wird er einmal ge- 



neigt sein, in dieses Zentrum seines Seelischen durch eine vernunftige 
symptomatologische Geschichtsbetrachtung hineinzuschauen, dann wird 
er audi geneigt werden, dasjenige, was jetzt nicht Mittelpunkt, son- 
dern Peripherie ist, unbefangener zu betrachten. 

Der Mensch hat schon einmal diesen Gegensatz: Seelisches Zentrum 
und aufiere Peripherie. Indem er immer mehr seelisch-geistig in sich 
selbst eindringt, kommt er zum Zentrum. In diesem Zentrum mufi er 
aufnehmen diejenigen Impulse, die ich Ihnen als historische charakteri- 
siert habe. Da wird er nach Geistigerem und immer Geistigerem stre- 
ben, wenn er die geschichtliche Wirklichkeit kennenlernen will. Dafur 
wird er aber audi einen Sinn bekommen, an der Peripherie nach dem 
entgegengesetzten Pol zu streben. Er wird einen Sinn bekommen fur 
dasjenige, was nach der Peripherie dringt, sein Leibliches. Mufi die Ge- 
schichte den Weg flnden, den ich vorgezeichnet habe durch die Sym- 
ptomatologie nach dem Inneren zu, so mufi die Medizin zum Beispiel 
und die Hygiene und das Sanitatswesen den Weg finden zur Sympto- 
matologie nach auften. Geradesowenig, wie die neuere Geschichte an 
die Wirklichkeiten dringt, so wenig dringt die neuere Medizin, das 
neuere Sanitatswesen, die neuere Hygiene zu den Symptomen nach 
aufien durch. Und ich habe es immer wieder betont: Der einzelne kann 
dem einzelnen nicht helfen, und wenn er noch so griindlich die Dinge 
durchschaute, weil es sich darum handelt, da$ heute gerade diese Dinge 
in den Handen derjenigen sind, die nach der falschen Richtung hin 
ziehen. Es mulS wirklich in die Verantwortung derjenigen gegeben 
werden, die nach der richtigen Richtung hin ziehen. Gewiift, die aufie- 
ren Tatsachen sind ebenso wahr, wie wahr ist, nun ja, dafi schliefilich 
Jakob I. so oder so ausgesehen hat, wie ich Ihnen das charakterisiert 
habe; so sind naturlich auch die aufieren Tatsachen wahr, dafi die oder 
jene Bazillenart etwas zu tun hat, sagen wir, mit der Grippe, die jetzt 
so verbreitet ist. Aber wenn es wahr ist, dafi zum Beispiel fur die Ver- 
breitung einer gewissen epidemischen Krankheit die Ratten Krank- 
heitstrager sind - ich will jetzt nur den Gedanken nehmen -, so kann 
man doch nicht sagen, daft von den Ratten diese Krankheit kommt, 
sondern man hat sich immer vorgestellt, dafi die Ratten diese Krank- 
heit verbreiten. An sich haben naturlich die Bazillen mit alledem, was 



die Krankheit ist, in Wirklichkeit nichts zu tun. Dasjenige, um was es 
sich bei soldien Dingen handelt, das ist, dafi geradeso, wie wir es hinter 
den Symptomen der Geschichte mit geistig-seelischen Ereignissen zu 
tun haben, so haben wir es hinter den Symptomen der aufieren Korper- 
lichkeit mit kosmologischen Ereignissen zu tun bei einer solchen Er- 
scheinung. Bei anderen naturlich ist wieder anderes der Fall, nicht 
wahr. Was besonders wichtig ist in einem solchen Falle, ist der rhyth- 
mische Gang der kosmischen Ereignisse. Der mufi studiert werden. Es 
mufi gefragt werden: In welcher kosmischen Konstellation lebten wir, 
als in den achtziger Jahren die heutige Grippe in der milderen Form 
der Influenza auftrat? In welcher Konstellation kosmischer Natur 
leben wir jetzt? Wie vollzieht sich der kosmische Rhythmus, da die 
damalige Influenza in der etwas harteren Form der Grippe auftritt? - 
So wie Rhythmus gesucht werden mufi hinter der historischen Sym- 
ptomenreihe, so raufi ein gewisser Rhythmus gesucht werden hinter 
dem Auftreten gewisser epidemischer Krankheiten. 

Es gibt Gegenden der Erde, Sie brauchen nur einen Papierfetzen an- 
zuziinden und von der Erde kommen alle moglichen Dampfe herauf; 
es sind die Solfatare-Gegenden in Italien. Das beweist Ihnen, daft Sie 
etwas iiber der Erde vollziehen konnen, und die Erde sendet Ihnen im 
Zusammenhang der Naturwirkungen diese Dinge herauf. Ja, halten 
Sie es fur unmoglich, daft an der Sonne etwas geschieht - da doch die 
Sonnenstrahlen jeden Tag zur Erde fallen -, was eine Bedeutung hat 
fur dasjenige, was aus der Erde aufsteigt und mit dem Leben des Men- 
schen im Zusammenhange stent, und daft das wiederum sich verschie- 
den konfiguriert, je nach den verschiedenen Gegenden der Erde? Glau- 
ben Sie denn, daft man wirklich iiber diese Dinge etwas erkennen 
wird, bevor man sich herbeilaftt, durch eine geistig-seelische Erkenntnis 
zu einer richtigen Kosmologie iiberzugehen? Gewift, man hat es als 
eine Narrheit aufgef aftt - in dieser Weise ist es eine Narrheit -, daft die 
Leute gesagt haben: Mit den Sonnenfleckenperioden hangt die Neigung 
der Menschen zu Kriegen zusammen. - Aber es gibt einen Punkt, wo 
selbst das nicht mehr eine reine Narrheit ist, wo das Auftreten gewisser 
pathologischer Impulse im Temperamentenleben selbst zusammenhangt 
mit solchen kosmologischen Erscheinungen wie den rhythmisch auf- 



tretenden Sonnenfleckenperioden. Und wenn dann diese kleine Gesell- 
schaft, diese winzigen Herrschaften - Bazillen, Ratten dasjenige, was 
einen kosmologischen Zusammenhang hat, wirklich von einem Men- 
schen zum anderen tragen, dann ist das nur etwas Sekundares, das 
leicht bewiesen werden kann, das selbstverstandlich dadurch ein gropes 
Publikum findet; aber die Hauptsache ist es nicht. Und vor alien Din- 
gen, hinter die Hauptsache kommt man nicht, wenn man nicht den 
Willen hat, wirklich auch die Peripheriesymptome zu studieren. 

Daher glaube ich nicht, da$ die Menschen verniinftigere Anschau- 
ungen iiber die Geschichte bekommen werden, wenn sie nicht geschicht- 
Hche Symptomatologie mit dem Hintergrunde der iibersinnlichen Er- 
kenntms, wie es so notwendig ist fur die moderne Menschheit, treiben, 
sondern ich mufi sagen: Die Menschen werden auch dadurch erst auf 
dem Gebiete des Sanitatswesens, der Hygiene, der Medizin zu etwas 
kommen, wenn sie auf diesem Gebiete nunmehr eine kosmologische, 
nicht eine historische, aber eine kosmologische Symptomatologie trei- 
ben. Denn dasjenige, was auf der Erde als Krankheiten lebt, das wird 
uns vom Himmel heruntergeschickt. - Nur mufi man natiirlich dann 
nicht in dem Vorurteil leben, in dem die moderne Menschheit lebt. 
Diese moderne Menschheit hat es sich sehr bequem gemacht: Ein Gott 
lebt iiberall. - Nun ja, dann ist sie nur nicht in der Lage, diese moderne 
Menschheit, indem sie den Gott in der Geschichte anerkennt, auch alle 
moglichen retardierenden und schadlichen Vorgange in der Geschichte 
zu erklaren. Und wenn solche Jahre eintreten wie die letzten vier, 
dann wird diese Sache mit dem Gott in der Geschichte, mit dem Einheits- 
gott in der Geschichte, wirklich recht, recht stark sengerig, denn dann 
bekommt dieser Gott in der Geschichte einen sonderbaren Trieb nach 
Vermehrung, und ein jeder verteidigt dann auf seinem Terrain seinen 
Gott in der Geschichte, argert den anderen damit. Und erst, wenn man 
zur Kosmologie iibergehen soil und zugleich bei dem bequemen Ein- 
heitsgotte bleibt, dann schickt dieser Gott die Krankheiten! Aber wenn 
man zu der Trinitat aufzusteigen weifi: Gott, Luzifer, Ahriman, wenn 
man diese Trinitat weift in dem Obersinnlichen hinter den historischen 
Betrachtungen, hinter den historischen Symptomen, wenn man diese 
Trinitat weifi draulkn im kosmischen Weltall, dann hat man nicht 



notig, auf den guten Gott sich zu berufen, wenn man sagt: Die Krank- 
heiten sendet uns der Himmel, indem er mit der Erde zusammen- 
wirkt, - so wie idi nur durch ein Blatt Papier auf einem Schwef elboden 
Schwef eldampfe in die Hohe bringe. Erst dann aber kann mit der 
Wahrheit geholfen werden, wenn die Menschen die Wahrheit aner- 
kennen im Zeitalter der Bewufitseinsseele. Daher kommt alles doch 
auf das eine an: die Wahrheit zu suchen. 



VIERTER VORTRAG 



Dornadi, 25. Oktober 1918 



Bevor ich zu anderem ubergehe, mufi ich. nodi sprechen von gewissen 
umfassenderen Gedanken, die sich ergeben aus dem, was wir iiber die 
neuzeitliche menschliche Geschichtsentwickelung betrachtet haben. Wir 
haben versucht, diese neuzeitliche menschliche Geschichtsentwickelung 
ins Auge zu fassen vom Gesichtspunkte einer Symptomatologie, das 
heifit, wir haben entschieden den Versuch unternommen, dasjenige, 
was man gewohnhch historische Tatsachen nennt, nicht als das zu be- 
trachten, was das Wesentliche in der geschichtlichen Wirklichkeit ist, 
sondern diese historischen Tatsachen so hinzustellen, dafi sie bildhafte 
OfFenbarungen desjenigen darstellen, was eigentlich hinter ihnen als 
die wahre Wirklichkeit liegt. Diese wahre Wirklichkeit ist damit wenig- 
stens auf dem Gebiete des geschichtlichen Werdens der Menschheit her- 
ausgehoben aus dem, was blofi aufierlich in der sinnenfalligen Welt 
wahrgenommen werden kann. Denn das, was aufierlich in der sinnen- 
falligen Welt wahrgenommen werden kann, das sind eben die soge- 
nannten historischen Tatsachen. Und erkennt man die sogenannten 
historischen Tatsachen nicht als die wahre Wirklichkeit an, sondern 
sucht in ihnen als in Symptomen von der wahren Wirklichkeit OfFen- 
barungen eines hinter ihnen Stehenden, dann kommt man ganz selbst- 
verstandlich zu einem iibersinnlichen Elemente. 

Es ist im ganzen gerade bei der Betrachtung der Geschichte vielleicht 
nicht so leicht, vom Obersinnlichen in seinem wahren Charakter zu 
sprechen, weil viele glauben, wenn sie irgendwelche Gedanken oder 
Ideen in der Geschichte flnden, oder einfach wenn sie geschichtliche Er- 
eignisse notifizieren, dann hatten sie schon etwas Ubersinnliches. Wir 
miissen uns ganz klar sein dariiber, dafi wir zum Ubersinnlichen iiber- 
haupt nicht rechnen konnen, was uns, sei es fur die Sinne, sei es fur den 
Verstand, sei es fur das Empfindungsvermogen, innerhalb der sinnen- 
falligen Welt entgegentritt. Daher mufi uns alles, was eigentlich im 
gewohnlichen Sinne als Geschichte erzahlt wird, zum Sinnenfalligen 
gehoren. Man wird natiirlich, wenn man so historisch Symptomato- 



logie treibt, die Symptome nicht immer gleicliwertig nehmen diirfen, 
sondern man wird aus der Betrachtung selbst erkennen, daft das eine 
Symptom von ganz besonderer Wichtigkeit ist, urn hinter die Ereig- 
nisse auf die Wirklichkeit zu kommen; andere Symptome sind vielleicht 
ganz bedeutungslos, wenn man den Weg einschlagen will in die wahre 
iibersinnliche Wirklichkeit. 

Nun, ich mochte, nachdem ich Ihnen eine grofiere Anzahl von mehr 
oder weniger wichtigen Symptomen aus jenem Zeitraume aufgezahlt 
habe, der seit dem Eintritt der Menschheit in die Bewufitseinsseelen- 
kultur verflossen ist, jetzt versuchen, Ihnen nach und nach einiges zu 
charakterisieren von dem dahinterstehenden Ubersinnlichen. Einiges 
haben wir ja schon charakterisiert. Denn natiirlich, ein wesentlicher 
Grundzug, der im t)bersinnlichen pulsiert, ist ja das Eintreten der 
Menschheit in die Bewufkseinsseelenkultur selbst, das heifk das An- 
eignen der Organe fiir die Entwickelung der Bewufitseinsseele. Das 
ist das Wesentliche. Aber wir haben schon neulich erkannt, dafi ge- 
wissermafien der andere Pol, die Erganzung zu diesem innerlichen 
Erarbeiten der Bewufkseinsseele, sein mufi die Hinneigung zu einer 
Offenbarung aus der geistig-ubersinnlichen Welt heraus. Diese Ge- 
sinnung mufi die Menschen durchdringen, dafi sie fortan nicht werden 
weiterkommen konnen, ohne der neuen Art von Offenbarung der uber- 
smnlichen Welt entgegenzugehen. 

Diese zwei Pole der Menschheitsentwickelung mussen wir zunachst 
sehen, Sie sind bis zu einem gewissen Grade schon heraufgekommen 
in den Jahrhunderten seit 1413, seit die Menschheit in das Bewufkseins- 
zeitalter eingetreten ist. Sie werden sich als zwei machtige Impulse 
weiterentwickeln mussen, werden in den verschiedenen Epochen bis 
ins vierte Jahrtausend die verschiedensten Formen annehmen, werden 
iiber die Menschen die mannigfaltigsten Schicksale bringen. Das alles 
wird sich nach und nach fiir die einzelnen Menschenseelen eben ent- 
hiillen. Aber gerade mit dem Hinblick auf die beiden Impulse werden 
wir dann belehrt dariiber, wie Wesentliches verlaufen ist seit diesem 
15. Jahrhundert. Und wir konnen sagen: Man ist heute schon imstande, 
darauf aufmerksam zu machen, wie Wesentliches verlaufen ist. Sehen 
Sie, im 18. Jahrhundert zum Beispiel, audi im Beginne des 19.Jahr- 



hunderts, ware es nodi nicht moglich gewesen, strikte aus aufieren Er- 
scheinungen auf die Wirksamkeit der beiden genannten Impulse hinzu- 
deuten. Sie waren noch nicht lange genug wirksam, urn sich intensiv 
genug zu zeigen. Sie sind nun intensiv genug wirksam gewesen, um 
sich auch schon in den au&erlichen Erscheinungen zu zeigen. 

Eine wesentliche Tatsache, die heute schon signifikant hervortritt, 
wollen wir zunachst einmal vor unsere Seele hinstellen. Man kann 
sagen: Wenn friihere Erscheinungen nur fiir den mehr oder weniger 
Eingeweihten das sichtbar machten, was ich jetzt meine - die russische 
Revolution in ihrer letzten Phase, namentlich vom Oktober 1917 bis 
zu den sogenannten Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, diese 
ungeheuer interessante Entwickelung, die ja iibersichtlich ist, weil sie 
nur durch wenige Monate lauft, sie hat fiir denjenigen, der nun wirk- 
lich ernsthaftig aus den geschichtlichen Symptomen lernen will - denn 
auch diese Entwickelung ist selbstverstandlich nur ein geschichtliches 
Symptom -, eine ungeheuer grofie Bedeutung. Alles das, was da ge- 
schehen ist, ist ja zuletzt zusammengeflossen aus den Impulsen, von 
denen wir als den tieferen Impulsen der neuzeitlichen Entwickelung 
gesprochen haben. Man kann sagen, es handelt sich gerade bei dieser 
Revolution um neue Ideen. Denn um neue Ideen kann es sich heute 
nur handeln, wo man von wirkhcher Entwickelung der Menschheit 
spricht. Alles andere unterliegt, wie wir spater noch horen werden 
und neulich schon andeuteten, gewissermaften den Todessymptomen. 
Um das Wirksammachen neuer Ideen handelt es sich. Diese neuen 
Ideen - Sie werden das ja entnehmen konnen aus den mancherlei Aus- 
fuhrungen, die ich gerade iiber dieses Thema im Laufe von jetzt schon 
Jahrzehnten gemacht habe — mussen in die ganze breite Bevolkerung 
der osteuropaischen Bauernschaft einfliefien konnen. Selbstverstand- 
lich hat man es da mit einem seelisch wesentlich passiven Elemente zu 
tun, aber mit einem Elemente, das aufnahmefahig ist gerade fiir Mo- 
dernstes, aus dem einfachen Grunde, weil, wie Sie ja wissen, in diesem 
Volkselemente der Keim liegt zur Entwickelung des Geistselbstes. 
Wahrend die andere Bevolkerung der Erde im wesentlichen den Impuls 
zur Entwickelung der Bewufitseinsseele in sich tragt, tragt die breite 
Masse der russischen Bevolkerung, mit einigen Anhangseln noch, den 



Keim in sich fur die Entwickelung des Geistselbstes im sechsten nach- 
atlantischen Kulturzeitraum. Das bedingt natiirlich ganz besondere 
Verhaltnisse. Aber fur dasjenige, was wir jetzt betrachten wollen, ist 
es weiter nichts als eben significant. 

Nun, nicht wahr, die Idee, die mehr oder weniger richtig, oder mehr 
oder weniger unrichtig, oder ganz unrichtig, aber als moderne Idee, 
als Idee von noch nicht Dagewesenem einfliefien sollte in diese breite 
Masse der Bevolkerung, konnte nur kommen von denjenigen, die Ge- 
legenheit haben imLeben, Ideen aufzunehmen, von fiihrenden Klassen. 

Nachdem der Zarismus gestiirzt war, sah man zuerst aufkommen 
ein Element, das im wesentlichen zusammenhangt mit einer vollig 
unfruchtbaren Klasse, mit der Grofibourgeoisie - weiter westlidi nennt 
man sie Schwerindustrie und so weiter -, mit einer vollig unfruchtbaren 
Klasse. Das konnte nur eine Episode sein. Das war ja selbstverstand- 
lich, dafi das nur eine Episode sein konnte. Von der braucht man eigent- 
lich im Grunde wirklich nicht zu reden, denn dasjenige, was aus dieser 
Klasse hervorgeht, das hat ja selbstverstandlich, mochte ich sagen, keine 
Ideen, es kann keine haben, als Klasse selbstverstandlich. Ich rede nie, 
wenn ich von diesen Dingen spreche, von den einzelnen menschlichen 
Personlichkeiten oder Individuen. 

Nun waren, nach links stehend, zunachst diejenigen Elemente, die 
aufgestiegen waren aus dem Biirgertum, mehr oder weniger vermischt 
mit arbeitenden Elementen. Es war die fiihrende Bevolkerung der so- 
genannten Sozialrevolutionare, zu denen sich audi die Menschewiki 
nach und nach geschlagen haben. Es sind diejenigen Menschen, die im 
wesentlichen, rein aufierlich nach ihrer Zahl gerechnet, sehr leicht eine 
fiihrende Rolle hatten spielen konnen innerhalb der weiteren Entwicke- 
lung der russischen Revolution. Sie wissen, es ist nicht so gekommen. 
Es sind die radikalen, nach links stehenden Elemente an die Fiihrung 
gekommen. Und als sie an die Fiihrung gekommen waren, da waren 
die Sozialrevolutionare, die Menschewiki und ihre Gesinnungsgenos- 
sen im Westen, selbstverstandlich davon iiberzeugt, dafi die ganze 
Herrlichkeit nur acht Tage dauern werde, dann werde alles kaputt 
gehen. Nun, es dauert jetzt schon langer als acht Tage, und Sie konnen 
ganz sicher iiberzeugt sein, meine Heben Freunde: Wenn manche Pro- 



pheten schlechte Propheten sind - diejenigen Mensdien, die heute 
historisdie Vorgange prophezeien aus den alten Weltanschauungen 
gewisser Mittelklassen heraus, sind ganz gewifi die sdileditesten Pro- 
pheten! - Nun, was Hegt da eigentlich zugrunde? Physikalisdi ge- 
sprochen mochte ich sagen: Dieses Problem der russischen Revolution 
vom Oktober, durch die nachsten Monate hindurch und bis heute, ist 
keinDruckproblem, physikalisch gesprochen, sondern ein Saugproblem. 
Und das ist wichtig, dafi man das wirklich den historischen Symptomen 
entnehmen kann, dafi es sich nicht um ein Druckproblem, sondern um 
ein Saugproblem handelt. Was meint man mit einem Saugproblem? 
Sie wissen ja (es wird gezeichnet), wenn man hier den Rezipienten einer 
Luftpumpe hat, die Luft herausgesaugt und im Rezipienten einen luft- 
leeren Raum geschaffen hat und ofTnet den Stopsel, so stromt pfeifend 
die Luft ein. Sie stromt ein, nicht weil die Luft dort hineinwill durch 
sich selber, sondern weil ein leerer Raum geschaffen ist. In diesen luft- 
leeren Raum stromt die Luft ein. Sie pf eift hinein, wo ein luftleerer 
Raum ist. 

So war es audi mit Bezug auf diejenigen Elemente, die gewisser- 
mafien in der Mitte standen zwischen der Bauernschaft und den Sozial- 
revolutionaren, den Menschewiki, und eben den weiter nach links 
stehenden, den radikalen Elementen, den Bolschewiki. Was ist denn 
eigentlich da geschehen? Nun, was geschehen ist, war das, dafi die so- 
zialrevolutionaren Menschewiki absolut ideenlos waren. Sie waren in 
der iiberwiegenden Mehrzahl, aber sie waren absolut ideenlos; sie 
hatten gar nichts zu sagen, was geschehen soil mit der Menschheit 
gegen die Zukunft hin. Sie hatten zwar allerlei ethische und sonstige 
Sentimentalitaten im Kopfe, aber mit ethischen Sentimentalitaten, wie 
ich Ihnen ofter auseinandergesetzt habe, kann man nicht die wirk- 
lichen Impulse, welche die Menschheit weiter treiben konnen, finden. 
So ist ein luftleerer Raum, das heilk ideenleerer Raum entstanden, 
und da pfiff selbstverstandlich dasjenige, was weiter nach links radikal 
steht, hinein. Man darf nicht glauben, dafi es gewissermafien durch ihr 
eigenes Wesen den radikalsten sozialistischen Elementen in Rufiland, 
die wenig mit Rufiland selbst zu tun haben, vorgezeichnet war, da 
besonders Fufi zu fassen. Sie hatten es nie gekonnt, wenn die Sozial- 



revolutionare und andere mit ihnen Verbundene - es gibt ja die ver- 
schiedensten Gruppen - irgendwelche Ideen gehabt hatten, urn Fiih- 
rende zu werden. Allerdings konnenSie fragen: Welche Ideen hatten sie 
denn haben sollen? - Und da kann nur derjenige eine fruchtbringende 
Antwort heute finden, der nicht mehr erschrickt und auch nicht mehr 
feige wird, wenn man ihm sagt: Es gibt fiir diese Schichten keine an- 
deren fruchtbaren Ideen als diejenigen, welche aus den geisteswissen- 
schaftlichen Ergebmssen kommen. Es gibt keine andere Hilfe. 

Aber dasWesentliche ist schliefilich - gewiiS, dieLeute sind mehr oder 
weniger radikal geworden und werden es heute verleugnen, dafi sie aus 
dem alten Burgertum hervorgegangen sind, viele wenigstens, aber sie 
sind es doch — , das Wesentlichste ist, dai$ diejenige Schichte der Bevol- 
kerung, aus welcher diese Leute, die denRaum luftleer, das heilk ideen- 
leer gemacht haben, bis jetzt, im Zeitalter der Bewufitseinsseelenent- 
wickelung, eben absolut nicht dazu zu bringen war, irgendwelche Ideen 
zu haben. Dies ist nun naturlich nicht blofi in Rufiland der Fall, son- 
dern diese russische Revolution in einer letzten, vorlaufig letzten Phase 
kann es eben nur fiir den, der die Sache studieren will, mit ganz beson- 
derer Deutlichkeit zeigen: Sie sehen Tag fiir Tag, wie diese Leute, die 
den Raum luftleer machen, zuriickgedrangt werden, und wie die an- 
deren hineinpfeifen, das heilk, sich an ihre Stelle setzen. Aber diese 
Erscheinung, sie ist heute iiber die ganze Welt verbreitet. Sie ist durch- 
aus iiber die ganze "Welt heute verbreitet. Denn das ist das Wesentliche, 
dafi diejenige Schichte der Bevolkerung, die gewissermafien heute zwi- 
schen rechts und links steht, sich seit langer Zeit ablehnend verhalten 
hat, wenn es sich darum handelte, eine fruchtbare Weltanschauung 
irgendwie anzustreben. Eine fruchtbare Weltanschauung kann in unse- 
rem Zeitalter der Bewufitseinsseelenentwickelung nicht anders sein 
als eine solche, die auch Impulse gibt fiir das Zusammenleben der 
Menschen. 

Ja, das war es, was von allem Anfange an unsere geisteswissenschaft- 
licheBewegung durchpulste: nicht sollte sie nur irgendeine sektiererische 
Bewegung sein, sondern angestrebt wurde, dafi sie wirklich mit dem 
Impulse unserer Zeit, mit all dem, was der Menschheit in unserer Zeit 
nach alien Richtungen hin wichtig und wesentlich ist, rechnet. Das 



wurde immer mehr angestrebt. Das ist allerdings dasjenige, was man 
heute am schwersten den Menschen zum Verstandnis bringen kann, aus 
dem einfachen Grunde, weil ja doch immer wieder und wiederum - 
selbstverstandlich nicht bei alien, sondern bei vielen - die Gesinnung 
durchschlagt, dafi sie audi in dem, was sie Anthroposophie nennen, 
doch nichts anderes haben wollen als so ein bifichen bessere Sonntag- 
naclimittagspredigt fiir dasjenige, was man so zu seiner privat-person- 
lichen Erbauung braucht, was man aber fernhalt von all den ernst- 
haften Angelegenheiten, die man abmacht im Parlament, im Bundesrat 
oder in der oder jener Korperschaft, oder audi nur am Biertisch. Daft 
wirklich alles Leben durchdrungen werden muft mit Ideen, die nur aus 
dem Geisteswissenschaftlichen heraus geholt werden konnen, das ist 
es, was eben eingesehen werden mufi. 

Der Interesselosigkeit dieser Schichte der Bevolkerung stand und 
stent audi noch heute das rege Interesse des Proletariats entgegen. 
Dieses Proletariat hat natiirlich, einfach durch die geschichtliche Ent- 
wickelung der neueren Zeit, nicht die Moglichkeit, iiber das blofS 
Sinnenfallige hinauszudringen. So kennt es nur sinnenfallige Impulse 
und will nur sinnenfallige Impulse in die Menschheitsentwickelung 
einfiihren. Aber wahrend dasjenige, was die burgerliche Bevolkerung, 
wenn wir so sagen diirfen, oftmals ihre Weltanschauung nennt, nur 
Worte, Phrasen oftmals sind - meistens sind, weil sie eigentlich nicht 
gehegt sind vom unmittelbaren Leben der Gegenwart, sondern weil 
sie heraufgebracht, iiberkommen sind aus alteren Zeiten, wahrend die 
burgerliche Bevolkerung in der Phrase lebt, lebt das Proletariat, weil 
es in einem wirklich neuen wirtschaftlichen Impuls drinnensteht, in 
Realitaten, aber nur in Realitaten sinnenf alliger Natur. 

Hier haben wir einen bedeutsamen Angelpunkt. Sehen Sie, das 
Leben der Menschheit hat sich schon seit wenigen Jahrhunderten ganz 
wesentlich geandert. Seit wenigen Jahrhunderten sind wir innerhalb 
dieses Zeitalters der Bewulkseinsseele ins Maschinenzeitalter eingetre- 
ten. Die burgerliche Bevolkerung und was iiber ihr ist wurde wenig 
beriihrt in ihren Lebensverhaltnissen von diesem Eintritt ins Ma- 
schinenzeitalter. Denn was die burgerliche Bevolkerung an besonders 
grofien neuen Impulsen in der letzten Zeit aufgenommen hat, das liegt 



ja schon vor dem eigentlichen Maschinenzeitalter - Einfiihrung des 
Kaffees und so weiter fiir den Kaffeeklatsch — , und dasjenige, was die 
biirgerliche Bevolkerung an neuen Bankusancen und dergleiclien ge- 
bracht hat, das ist so wenig angeraessen den neuzeitlichen Impulsen wie 
nur irgend denkbar. Es ist eigentlich nichts anderes als eine Kompli- 
kation der ururaltesten Usancen, die man im kaufmannischen Leben 
gehabt hat. 

Diejenige Kaste oder Klasse der Menschen dagegen, die wirklich 
von einem neuzeitlichen Impulse aufierlich im sinnenfalligen Leben 
unmittelbar ergriffen ist, die gewissermafien durch die neuzeitlichen 
Impulse selber erst geschafFen ist, das ist das neuzeitliche Proletariat. 
Seit der Erfmdung der Spinnmaschine und des mechanischen Webstuhls 
im 18. Jahrhundert ist die gesamteVolkswirtschaft der Menschheit um- 
gewandelt, und es ist im wesentlichen erst durch diese Impulse des 
mechanischen Webstuhls und der Spinnmaschine das moderne Prole- 
tariat entstanden. Das ist also ein Geschopf der neuen Zeit, und das 
ist das Wesentliche. Der Burger ist kein Geschopf der neuen Zeit, aber 
der Proletarier ist ein Geschopf der neuen Zeit. Denn dasjenige, was 
friiher vorhanden war und verglichen werden konnte mit dem Prole- 
tariat der neuen Zeit, es war nicht ein Proletariat, es war irgendein 
Mitglied der alten patriarchalischen Ordnung, und die ist grundver- 
schieden von dem, was die Ordnung im Maschinenzeitalter ist. Aber 
damit war der Proletarier eben auch hineingestellt in dasjenige, was 
ganz von der lebendigen Natur herausgerissen ist: in das rein Mecha- 
nische. Er war ganz auf das sinnenfallige Tun gestellt, aber er durstete 
nach einer Weltanschauung, und er versuchte die ganze Welt sich so zu 
konstruieren, wie das konstruiert war, in dem er mit seinem Leib und 
mit seiner Seele drinnenstand. Denn die Menschen sehen schliefilich im 
Weltengebaude dasjenige zuerst, in dem sie selber drinnenstehen. Nicht 
wahr, der Theologe und das Militar, sie gehoren zusammen, wie ich 
Ihnen neulich angedeutet habe. Der Theologe und das Militar, sie sehen 
in vieler Beziehung im Weltengebaude Kampf, Kampf der guten und 
der bosen Machte und so weiter, ohne weiter auf die Dinge einzugehen. 
Der Jurist und der Beamte — sie gehoren wieder zusammen — und der 
Metaphysiker, sie sehen im Weltengebaude eine Realisierung abstrak- 



ter Ideen. Und kein Wunder, der moderne Proletarier sieht im Welten- 
gebaude eine grofie Masdiine, in die er selbst hineingestellt ist. Und so 
will er audi die soziale Ordnung gestalten als eine grofie Maschine. 

Aber es war doch eben ein gewaltiger Unterschied und ist heute nodi 
ein gewaltiger Unterschied zum Beispiel zwischen dem modernen 
Proletarier und dem modernen Burger, dem modernen Bourgeois- 
Leben. Von dem versinkenden Stande braucht man ja nicht zu reden. 
Es ist doch ein betrachtlicher Unterschied, dafi der moderne Bourgeois 
eben gar kein Interesse an irgendwelchen tiefergehenden Weltanschau- 
ungsfragen hat, wahrend der Proletarier ein brennendes Interesse fur 
Weltanschauungsfragen hat. Nicht wahr, der moderne Bourgeois dis- 
kutiert allerdings in zahlreichen Versammlungen, diskutiert mit Wor- 
ten zumeist. Der Proletarier diskutiert iiber dasjenige, in dem er leben- 
dig drinnensteht, uber dasjenige, was taglich die Maschinenkultur 
erzeugt. Man hat sogleich, wenn man heute aus einer biirgerlichen 
Versammlung in eine proletarische Versammlung gent, folgendes Ge- 
fiihl: In der biirgerlichen Versammlung, da wird diskutiert, wie schon 
es ware, wenn die Menschen Frieden hielten, wenn sie alle Pazifisten 
waren zum Beispiel, oder wie schon irgend etwas anderes ware. Aber 
das alles ist Dialektik von Worten zumeist, allerdings mit etwas Sen- 
timentalitat durchspickt, aber nicht ergriffen von dem Impuls, wirklich 
ins Weltengebaude hineinzuschauen, dasjenige, was man will, aus den 
Geheimnissen des Weltengebaudes heraus zu realisieren. Gehen Sie 
dann in die proletarische Versammlung, so merken Sie: Die Leute 
reden von Wirklichkeiten, wenn das audi die Wirklichkeiten des physi- 
schen Planes sind. Die Leute kennen Geschichte, das heifit, ihre Ge- 
schichte; sie kennen genau die Geschichte, an den Fingern konnen sie es 
herzahlen, von der Erfmdung des mechanischen Webstuhles und der 
Spinnmaschine an. Das wird jedem eingeblaut, was da angefangen 
hat, was sich da entwickelt hat, wie das Proletariat zu dem geworden 
ist, was es heute ist. Wie das geworden ist, das weifi jeder am Schnur- 
chen, der nur einigermafien nicht stumpfsinnig ist, sondern teilnimmt 
am Leben - und das sind ja nur wenige, es ist wenig Stumpfsinn eigent- 
lich gerade in dieser Klasse von Bevolkerung. 

Man konnte viele, viele charakteristische Momente aufzahlen fur die 



Stumpfheit gegeniiber Weltanschauungsfragen bei der heutigen Mittel- 
schichtsbevolkerung. Man braucht sich. nur daran zu erinnern, wie sich 
die Leute verhalten, wenn einmal ein Diditer - derjenige, der nicht ein 
Diditer ist, darf es schon gar nicht tun, denn dann wird er ein Phan- 
tast genannt oder dergleichen — , wenn irgendein Diditer Gestalten aus 
der Ubersinnlichen Welt meinetwegen auf die Biihne bringt oder sonst- 
wo hinbringt. Da lassen es sich die Leute so halb und halb gef alien, 
weil sie nicht daran zu glauben brauchen, weil sie kein Hauch der 
Wirklichkeit anweht, weil sie sich sagen konnen: Es ist blofi Dich- 
tung! - Dieses ist so geworden im Lauf der Entwickelung des Bewufit- 
seinsseelenzeitalters. So ist es, mochte ich sagen, die Sache raumlich be- 
trachtet, dafi sich herausgebildet hat eine Menschenklasse, die, wenn sie 
sich nicht besinnt, Gefahr laufl, immer mehr und mehr vollstandig in 
die Phrase hineinzulaufen. Aber man kann dieselbe Sache audi zeitlich 
betrachten, und auf gewisse wichtige Zeitpunkte habe ich ja wiederholt 
hingewiesen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. 

Sehen Sie, von diesem Zeitraum des Bewufitseinszeitalters, der 1413 
approximativ begonnen hat, war in den vierziger Jahren des 19. Jahr- 
hunderts, ungefahr um das Jahr 1840 oder 45 herum, das erste Fiinftel 
abgelaufen. Das war ein wichtiger Zeitpunkt, diese vierziger Jahre, 
denn in diesem Zeitpunkte war gewissermafien vorgesehen durch die 
die Weltenentwickelung impulsierenden Machte eine Art von bedeut- 
samer Krisis. Aufien, im aufieren Leben, kam diese Krisis im wesent- 
lichen dadurch zum Vorschein, dafi die sogenannten liberalen Ideen 
der Neuzeit gerade in diesen Jahren ihre Bliite entwickelten. In den 
vierziger Jahren hatte es den Anschein, als ob auch in die aufiere politi- 
sche Welt der zivilisierten Menschheit der Impuls des Bewulkseins- 
zeitalters in Form von politischen Anschauungen hineinsturmen konnte. 
Zwei Dinge fielen zusammen in diesen vierziger Jahren. Das Prole- 
tariat war noch nicht vollstandig seiner historischen Grundlage ent- 
bunden, es existierte noch nicht mit vollem Selbstbewufitsein. Das 
Proletariat war erst in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts reif, 
bewulk einzutreten in die geschichtliche Entwickelung. Was vorher 
lag, ist nicht im modernen Sinne des Wortes proletarisches Bewulksein. 
Die soziale Frage war naturlich fruher da. Aber nicht einmal, dal$ die 



soziale Frage da ist, haben die Leute der Mittelschichte bemerkt. Ein 
osterreichischer Minister, der eine grofie Beruhmtheit erlangt hat, hat 
ja den beruhmten Ausspruch noch Ende der sechziger Jahre getan: Die 
soziale Frage hort bei Bodenbach auf . - Bodenbach liegt, wie Sie viel- 
leicht wissen, an der Grenze zwischen Sachsen und Bohmen. Das ist ein 
beriihmter Ausspruch eines burger lichen Ministers! 

Das proletarische Bewufitsein war also in den vierziger Jahren noch 
nicht da. Trager der politischen Zivilisation der damaligen Zeit war 
im wesentlichen das Burgertum, war im wesentlichen die Mittelschichte, 
von der ich eben gesprochen habe. Nun war das Eigentiimliche der 
Ideen, die dazumal in den vierziger Jahren hatten politisch werden 
konnen, ihre ganz intensive Abstraktheit. Sie alle kennen ja, ich hoffe, 
wenigstens bis zu einem gewissen Grade, was alles an - man nennt es 
revolutionaren Ideen, aber es war wirklich nur liberal - was dazumal 
in den vierziger Jahren an liberalen Ideen in die Menschheit einge- 
stromt ist und sich 1848 entladen hat. Sie kennen das und wissen ja 
wohl audi, dafi Trager dieser Ideen das Burgertum war, das ich Ihnen 
eben charakterisiert habe. Aber alle diese Ideen, die dazumal lebten, 
die so eindringen wollten in die geschichtliche Entwickelung der Mensch- 
heit, waren restlos intensiv abstrakte Ideen. Siewaren die allerabstrak- 
testen Ideen, manchmal blofie Worthulsen. Aber das schadete nichts, 
denn im Zeitalter der Bewulkseinsseele mufite man durch die Abstrakt- 
heit durch. Man mufite die leitenden Ideen der Menschheit einmal in 
dieser Abstraktheit fassen. 

Nun, der einzelne Mensch lernt nicht an einem Tag schreiben, nicht 
an einem Tag lesen, das wissen Sie, nicht wahr, von sich und anderen. 
Die Menschheit braucht audi eine gewisse Zeit, wenn sie mit irgend 
etwas eine Entwickelung durchmachen soli, sie braucht immer eine ge- 
wisse Zeit. Es war - wir werden auf diese Dinge noch genauer ein- 
gehen - der Menschheit Zeit gelassen bis zum Ende der siebziger Jahre. 
Wenn Sie 1845 nehmen, 33 Jahre dazurechnen, dann bekommen Sie 
1878; da erreichen sie ungefahr dasjenige Jahr, bis zu welchem der 
Menschheit Zeit gelassen war, sich hineinzufinden in die Realitat der 
Ideen der vierziger Jahre. Das ist in der historischen Entwickelung der 
neuzeitlichen Menschheit etwas aufierordentlich Wichtiges, dafi man 



diese Jahrzehnte ins Auge zu fassen vermag, die da liegen zwisdien 
den vierziger und den siebziger Jahren. Denn liber diese Jahrzehnte 
mufi sich der heutige Mensch vollig klarwerden. Er mufi sich klar- 
werden dariiber, daft in diesen Jahrzehnten, in den vierziger Jahren, 
begonnen hat, in abstrakter Form in die Menschenentwickelung einzu- 
flieften das, was man liberale Ideen nennt, und daft der Menschheit 
Zeit gelassen war bis zum Ende der siebziger Jahre, urn diese Ideen zu 
begreifen, diese Ideen an die Wirklichkeiten anzuhangen. 

Trager dieser Ideen war das Bourgeoistum. Aber das hat den An- 
schiuft versaumt. Es liegt etwas ungeheuer Tragisches iiber der Ent- 
wickelung dieses 19. Jahrhunderts. Es ist wirklich fiir denjenigen, der 
in den vierziger Jahren manchen hervorragenden Menschen - iiber die 
ganze zivilisierte Welt waren solche ausgebreitet - aus dem Burger- 
stande reden horte iiber das, was der Menschheit gebracht werden 
sollte auf alien Gebieten, in diesen vierziger, noch Anfang der funf- 
ziger Jahre manchmal etwas wie von einem kommenden Volkerfriih- 
ling. Aber aus den Eigenschaften heraus, die ich Ihnen charakterisiert 
habe fiir die Mittelschichte, wurde der Anschlufi versaumt. Als die 
siebziger Jahre zu Ende gingen, hatte der Biirgerstand die liberalen 
Ideen nicht begriffen. Es wurde von dieser Klasse, von den vierziger 
bis in die siebziger Jahre, dieses Zeitalter verschlafen. Und die Folge 
davon ist etwas, auf das man schon hinschauen mufi. Denn die Dinge 
mussen sich ja in auf- und absteigenden Wellen bewegen, und eine ge- 
deihliche Entwickelung der Menschheit in die Zukunft kann nur statt- 
finden, wenn man riickhaltlos auf dasjenige sieht, was sich da in der 
jiingsten Vergangenheit abgespielt hat. Man kann nur aufwachen im 
Zeitalter der Bewufitseinsseele, wenn man weift, daft man vorher ge- 
schlafen hat. Wenn man nicht weift, wann und wie Iange und daft man 
geschlafen hat, so wird man eben nicht aufwachen, sondern wird wei- 
terschlafen. 

Als das Biirgertum beim Erscheinen des Erzengels Michael als Zeit- 
geist Ende der siebziger Jahre nicht begriffen hatte den Impuls der 
liberalen Ideen auf politischem Gebiete, da zeigte es sich, daft jene 
Machte, die ich ja auch charakterisiert habe, die mit diesem Zeitraume 
in die Menschheit sich hineinmischten, zunachst Finsternis verbreiteten 



iiber diese Ideen. Und das konnen Sie wiederum sehr deutlich studieren, 
wenn Sie nur wirklich wollen. Wie anders haben sich die Menschen die 
Gestaltung des politischen Lebens in den vierziger Jahren gedacht, als 
es am Ende des 19. Jahrhunderts iiber die ganze zivilisierte Welt ge- 
kommen ist! Es gibt keinen grofieren Gegensatz als die allerdings ab- 
strakten, aber in ihrer Abstraktheit Hchtvollen Ideen der Jahre von 
1840 bis 1848, und das, was man im 19. Jahrhundert auf den ver- 
schiedensten Gebieten der Erde «hohe Menschheitsideale» genannt hat, 
was man hohe Menschheitsideale genannt hat noch bis in unsere Tage 
herein, bis alles in die Katastrophe hineingerutscht ist von diesen hohen 
Menschheitsidealen. 

Also das ist es, was man als zeitliche Erganzung zu dem Raumlichen 
hinzufugen mufi, dafi von den vierziger Jahren bis zu Ende der sieb- 
ziger Jahre in den produktivsten und fruchtbarsten Zeitraumen fiir 
die biirgerliche Bevolkerung eine Art Schlafzustand vorhanden war. 
Nachher war es gewissermafien zu spat. Denn nachher ist nichts mehr 
zu erreichen auf demjenigen Wege, auf dem das in dem genannten 
Zeitraume erreichbar gewesen ware. Nachher ist nur durch volliges 
Erwachen im geisteswissenschaftlichen Erleben etwas zu erreichen. So 
hangen die Dinge historisch in der neueren Geschichte zusammen. 

In diesem Zeitraume, von den vierziger bis in die siebziger Jahre, 
da waren die Ideen, wenn audi abstrakt, in einer ganz bestimmten 
Weise so geartet, dafi sie hintendierten nach dem aktiven Geltenlassen 
des einen Menschen neben dem anderen. Und ware - als Hypothese sei 
das angenommen - dasjenige, was in diesen Ideen lag, zur Verwirk- 
lichung gekommen, dann wurde man schon sehen, dafi der Anf ang — es 
ware ja audi nur der Anfang, aber es ware eben damit ein Anfang da 
zu diesem toleranten, aktiven toleranten Geltenlassen des einen Men- 
schen neben dem anderen, was der heutigen Zeit insbesondere mit 
Bezug auf die Ideen und Empflndungen ganz und gar fehlt. Und so 
mufi gerade im sozialen Leben aus dem Spirituellen heraus eine viel 
tiefer greifende, eine viel intensivere Idee den Menschen eigen werden. 
Ich will zunachst, ich mochte sagen, rein aufierlich historisch, zukunfts- 
historisch diese Idee vor Sie hinstellen, um sie Ihnen dann weiter zu 
begriinden. 



Dasjenige, was der Menschheit einzig und allein Heil bringen kann 
gegen die Zukunfl hin - ich meine der Menschheit, also dem sozialen 
Zusammenleben — , mufi sein ein ehrliches Interesse des einen Menschen 
an dem anderen. Dasjenige, was dem Bewufitseinszeitalter besonders 
eigen ist, ist Absonderung des einen Menschen vom andern. Das bedingt 
ja die Individuality, das bedingt die Personlichkeit, dafi sich auch 
innerlich ein Mensch von dem andern absondert. Aber diese Absonde- 
rung mulS einen Gegenpol haben, und dieser Gegenpol mu!5 in dem 
Heranziichten eines regen Interesses von Mensch zu Mensch bestehen. 

Dieses, was ich jetzt meine als Hinzufiigung eines regen Interesses 
von Mensch zu Mensch, das mufi immer bewulker und bewufker im 
Zei taker der Bewufitseinsseele an die Hand genommen werden. Alles 
Eigen-Interesse von Mensch zu Mensch mufi immer mehr und mehr ins 
Bewufttsein heraufgehoben werden. Sie flnden unter den, ich mochte 
sagen, elementarsten Impulsen, die angegeben werden in meinem 
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», den 
Impuls verzeichnet, der, wenn er fur das soziale Leben praktisch wird, 
gerade nach Erhdhung des Interesses fur den Menschen hinzielt. Sie 
finden ja iiberall angegeben die sogenannte Positivitat, die Entwicke- 
lung einer Gesinnung der Positivitat. Die meisten Menschen der Gegen- 
wart werden geradezu mit ihrer Seele umkehren mussen von ihren We- 
gen, wenn sie diese Positivitat entwickeln wollen, denn die meisten Men- 
schen der Gegenwart haben heute noch nicht einmal einen BegrifF von 
dieser Positivitat. Sie stehen von Mensch zu Mensch so, dafi sie, wenn sie 
an dem anderen Menschen etwas bemerken, das ihnen nur nicht pafit - 
ich will gar nicht sagen, das sie tiefer betrachten, sondern das ihnen 
von obenher betrachtet, ganz aufierlich betrachtet, nicht palk -, so 
fangen sie an abzuurteilen, aber ohne Interesse dafiir zu entwickeln, 
abzuurteilen. Es ist im hochsten Grade antisozial — vielleicht klingt es 
paradox, aber richtig ist es doch - fur die zukiinftige Menschheitsent- 
wickelung, solche Eigenschaften an sich zu haben, in unmittelbarer 
Sympathie und Antipathie an den anderen Menschen heranzugehen. 
Dagegen wird es die schonste, bedeutendste soziale Eigenschaft fur die 
Zukunftsentwickelung sein, wenn man gerade ein naturwissenschaft- 
liches, objektives Interesse fur Fehler anderer Menschen entwickelt, 



wenn einen die Fehler anderer Menschen viel mehr interessieren, als 
dafi man sie versucht zu kritisieren. Denn nach und nach, in diesen drei 
letzten Epochen, die nodi folgen, der funften, sechsten und siebenten 
Kulturepoche, da wird sich der eine Mensch ganz besonders immer 
mehr und mehr mit den Fehlern des andern Menschen liebevoll zu 
befassen haben. Im griechischen Zeitalter stand iiber dem beriihmten 
Apollotempel das «Erkenne dich selbst». Das war dazumal im eminen- 
testen Sinne noch zu erreidien, die Selbsterkenntnis, durch Hinein- 
briiten in die eigene Seele, Das wird immer unmoglicher und unmog- 
licher. Man lernt sich heute kaum noch irgendwie erheblich kennen 
durch das Hineinbriiten in sich selbst. Weil die Menschen nur in sich 
selbst hineinbriiten, deshalb kennen sie sich im Grunde genommen so 
wenig, und weil sie so wenig hinschauen auf andere Menschen, nament- 
lich auf das, was sie Fehler der anderen Menschen nennen. 

Eine rein naturwissenschaftliche Tatsache kann uns aufmerksam 
machen, ich mochte sagen, beweisend aufmerksam machen, daft diese 
Sache so ist. Sehen Sie, der Naturforscher tut heute zweierlei - ich habe 
das vielleicht schon erwahnt, aber es ist aufierordentlich wichtig 
wenn er auf die Geheimnisse der menschlichen, der tierischen, der 
pflanzlichen Natur kommen will. Das erste ist, er experimentiert, so 
wie er in der unorganischen, in der leblosen Natur experimentiert, so 
auch in der organischen Natur. Nun, durch das Experiment entfernt 
man sich von der lebendigen Natur, und derjenige, der mit wahrem 
Erkenntnissinn verfolgen kann, was das Experiment der Welt gibt, 
der weifi, dafi es den Tod allein gibt. Das Experiment gibt nur den 
Tod, und dasjenige, was einem die heutige Wissenschaft aus der Ex- 
perimentierkunst, selbst aus einer so feinen Experimentierkunst bieten 
kann, wie sie zum Beispiel Oscar Hertwig entwickelt, das ist nur der 
Tod der Sache. Sie konnen durch das Experimentieren nicht erklaren, 
wie irgendein Lebewesen empfangen und geboren wird, sondern Sie 
konnen nur den Tod erklaren durch das Experimentieren, und so wer- 
den Sie nie etwas erfahren iiber die Geheimnisse des Lebens durch 
Experimentierkunst. Das ist die eine Seite. 

Aber es gibt heute etwas, was allerdings mit sehr unzulanglichen 
Mitteln arbeitet, was erst ganz, ganz im Anf ange ist, was aber geeignet 



ist, sehr grofie Aufschliisse iiber die menschliche Natur zu geben: das 
ist die Betrachtung des pathologischen Menschen. Die Betrachtung eines 
nach irgendeiner Richtung hin nicht ganz, wie man im Philistrosen 
sagt, normalen Menschen, die bringt in uns das Gefiihl hervor: Mit 
diesem Menschen kannst du eins werden, in diesen Menschen kannst 
du dich erkennend vertiefen; du kommst weiter, wenn du dich in ihn 
vertiefst. - Also durch das Experimentieren wird man von der Wirk- 
lichkeit weggetrieben; durch das Betrachten desjenigen, was man heute 
pathologisch nennt, was Goethe so schon die Mifibildungen nannte, wird 
man gerade hingebracht in die Wirklichkeit. Aber man mufi sich einen 
Sinn aneignen fur diese Betrachtung. Man darf nicht abgestofien wer- 
den von solcher Betrachtung. Man mufi wirklich sich sagen: Gerade das 
Tragische kann zuweilen, ohne dafi man es je wiinschen darf, unendlich 
aufklarend sein fiir die tiefsten Geheimnisse des Lebens. - Was das 
Gehirn bedeutet fiir das Seelenleben, wird man nur dadurch erfahren, 
dafi man immer mehr und mehr bekannt werden wird mit kranken 
Gehirnen. Das ist die Schule des Interesses fiir den anderen Menschen. 
Ich mochte sagen: Es kommt die Welt mit den groben Mitteln des 
Krankseins, um unser Interesse zu fesseln. Aber das Interesse am an- 
deren Menschen ist es iiberhaupt, was die Menschheit sozial vorwarts 
bringen kann in der nachsten Zeit, wahrend die Menschheit sozial 
zuruckgebracht wird durch das Gegenteil der Positivitat, durch das 
von obenherein Enthusiasmiert- oder Abgestofiensein von dem anderen 
Menschen. Diese Dinge hangen aber alle mit dem ganzen Geheimnis 
des Bewufitseinszeitalters zusammen. 

In jedem solchen Zeitalter wird historisch innerhalb der Mensch- 
heit, ich mochte sagen, etwas ganz Bestimmtes entwickelt, und was da 
entwickelt wird, das spielt dann in der wahren geschichtlichen Ent- 
wickelung eine grofie Rolle. Erinnern Sie sich an die Worte, die ich 
am Ende der letzten Betrachtungsstunde hier ausgesprochen habe. Ich 
sagte: Die Menschen miissen sich entschliefien, immer mehr und mehr 
auch in der aufieren geschichtlichen Wirklichkeit Geburt und Tod sehen 
zu konnen, - Geburt durch die Befruchtung mit der neuen geistigen 
Offenbarung, Tod durch alles dasjenige, was man schafft. Tod durch 
alles dasjenige, was man schaffc! Denn das ist das Wesentliche im Be- 



wufitseinszeitalter, dafi man auf dem physischen Plane nicht anders 
schaffen kann als mit demBewufitsein: Was man schafft, geht zugrunde. 
Der Tod ist beigemischt demjenigen, was man schafft. Gerade die wich- 
tigsten Dinge der neueren Zeit in bezug auf den physischen Plan sind 
todbringende Institutionen. Und der Fehler liegt nicht darinnen, dafi 
man das Todbringende schafft, sondern dafi man sich nicht zum Be- 
wufitsein bringen will, dafi es todbringend ist. 

Heute noch, nach dem ersten Fiinftel des Bewufitseinszeitalters, da 
sagen die Menschen, der Mensch wird geboren und stirbt; und nicht 
wahr, sie vermeiden es, weil sie es als unsinnig ansehen, zu sagen: Ja, 
wozu wird der Mensch geboren, wenn er nun doch stirbt? Es ist ja 
ganz unsinnig, wenn er geboren wird! Man braucht ihn ja nicht zu 
gebaren, da man doch weifi, dafi er stirbt! - Nun, das sagen die Men- 
schen nicht, nicht wahr, weil sie auf diesem Gebiete der aufieren Natur 
unter dem Zwang der belehrenden Natur Geburt und Tod gelten las- 
sen. Auf dem Gebiete des geschichtlichen Lebens sind die Menschen 
noch nicht so sehr weit, audi da Geburt und Tod gelten zu lassen, son- 
dern da soil alles, was geboren ist, absolut gut sein und fortbestehen 
konnen in alle Ewigkeit. Der Sinn mufi sich im Bewufitseinszeitalter 
ausbilden, dafi im aufieren historischen Geschehen Geburt und Tod 
lebt, und dafi, wenn man irgend etwas gebiert, sei es ein Kinderspiel- 
zeug oder sei es ein Weltreich, man es gebiert mit dem Bewufitsein, dafi 
es auch einmal tot werden mufi. Und wenn man es nicht mit dem Be- 
wufitsein gebiert, dafi es einmal tot werden mufi, so macht man etwas 
Unsinniges; man macht dasselbe, als was man machen wiirde, wenn 
man glaubt, man wiirde einen kleinen Sprofiling gebaren konnen, der 
auf eine irdische Ewigkeit Anspruch hatte. 

Dies mufi aber in den Inhalt der menschlichen Seele hineinziehen im 
Zeitalter der Bewufkseinsseele. Im griechisch-lateinischen Zeitraum 
brauchte man das noch nicht in der Seele zu haben, denn da machte sich 
das geschichtliche Leben von selbst in Geburt und Tod. Es entstanden 
die Dinge und sie vergingen von selbst. Im Zeitalter der Bewufkseins- 
seele mufi der Mensch es sein, der Geburt und Tod hineinwebt in sein 
soziales Leben. Das ist es, was hineinverwoben werden mufi in das 
soziale Leben: Geburt und Tod. Und der Mensch kann in diesem Zeit- 



alter der Bewufkseinsseele den Sinn dafiir erwerben, Geburt und Tod 
ins soziale Wesen hineinzuweben, aus dem Grunde, weil unter ganz 
bestimmten Verhaltnissen in der griechisch-lateinischen Kulturepoche 
dieses in seine menschliche Wesenheit hineinversetzt worden ist. 

Der wichtigste Zeitpunkt der personlichen Entwickelung eines Men- 
schen der mittleren griechisch-lateinischen Zeit war ja etwa der Anf ang 
seiner Dreifiigerjahre. Da war der Zeitpunkt, wo gewissermafien zwei 
Krafte, die in jedem Menschen wirksam sind, sich trafen. Nicht wahr, 
der Mensch wird geboren und stirbt. Aber die Krafte, die in den Sym- 
ptomen der Geburt wirken, die wirken die ganze Zeit von der Geburt 
bis zum Tode im Menschen; sie treten nur besonders charakteristisch 
durch die Geburt hervor. Die Geburt ist nur ein bedeutendes Symptom, 
und die andern Symptome, wo dieselben Krafte wirken durch das 
ganze physische Leben hindurch, die sind weniger bedeutend. Ebenso 
beginnen die Krafte des Todes gleich bei der Geburt zu wirken; wenn 
der Mensch stirbt, treten sie nur besonders anschaulich hervor. Immer 
sind diese zwei Arten von Kraften vorhanden in einer Art von Gleich- 
gewicht, konnen wir sagen: Geburt-Krafte und Todes-Krafte. Und am 
meisten hielten sie sich das Gleichgewicht im griechisch-lateinischen 
Zeitalter so im Anf ang der Dreifiiger jahre; so dafi der Mensch bis zum 
Anfang der Dreifiigerjahre das Gemiit entwickelte und hinterher 
durch sich selbst den Verstand, denn vorher konnte er den Verstand 
nur dadurch bekommen, daft er erweckt wurde im Unterricht, durch 
Erziehung und so weiter. Und daher sprechen wir im griechisch-latei- 
nischen Zeitalter von der Gemiits- und Verstandesseele, weil das so 
zusammenstiefi; bis in die Dreifiiger jahre Gemiit, nachher Verstand. 
Aber jetzt, im Zeitalter der Bewufitseinsseele, ist es nicht so. Jetzt reifit 
die Geschichte ab vor der Mitte des menschlichen Lebens. Die meisten 
Menschen, die Ihnen jetzt entgegentreten, namentlich in der Mittel- 
schichte der Menschheit, werden nicht alter als kaum 27 Jahre; dann 
trotten sie fort mit dem, was sie gelernt haben und so weiter. Sie 
konnen es an einem aufierlichen Elemente sehr leicht sehen, was ich 
jetzt meine. Denken Sie nur, wie wenige Menschen es gibt, die heute 
nach dem 27. Jahre auf irgendeinem Gebiete noch wesentlich anders 
werden, als hochstens, dafi sie physisch alter werden, dafi sie grau 



werden, dafi sie tatterig werden — nein, das darf man nicht sagen - und 
ahnliches, nicht wahr; aber der Mensch will bis zum 27. Jahre im 
wesentlichen heute abgeschlossen sein. Denken Sie einmal: Wenn heute 
ein Mensch bis zum 27. Jahre etwas Ordentliches gelernt hat - nehmen 
wir jetzt einen Menschen der sogenannten intelligenten oder intellek- 
tuellen Bevolkerung — , dann will er doch auch etwas werden; denn 
hat er etwas gelernt, dann will er das sein ubriges Leben anwenden. 
Denken Sie, wenn Sie heute einem intelligenten Durchschnittsmenschen 
zumuten wiirden, so ein Faust zu werden, das heifit, nicht nur eine 
Fakultat, sondern vier Fakultaten wirklich hintereinander zu studieren 
bis zum 50. Jahre! Ich meine ja nicht, dafi er gerade an die Universitat 
gehen soli, vielleicht gibt es bessere Mittel als die vier Fakultaten. 
Weiter studieren heute, nicht wahr, fortlernen, ein verwandlungs- 
fahiger Mensch bleiben, das findet man aufierordentlich selten. Bei 
den Griechen war es noch viel haufiger - wenigstens in dem Teil der 
Bevolkerung, den man den intellektuellen nennt - aus dem Grunde, 
weil der Faden nicht abrifi im Anfang der DreifSiger jahre; da war en 
die Krafte, die von der Geburt herkamen, sehr regsam. Und dann fingen 
die Krafte, die nach dem Tode hingingen, an, sich mit jenen zu begeg- 
nen; da war ein Gleichgewicht da in der Mitte. Jetzt reifk die Ge- 
schichte ab; mit siebenundzwanzig wollen die meisten Menschen «ge- 
machte Menschen» sein, wie man sagt! Und am Ende der Dreifiiger- 
jahre wiirde man anknupfen konnen an die Jugend und weiterlernen 
von der Jugend aus, wenn man nur wollte! Nun mochte ich aber wis- 
sen, wie viele Menschen heute wollen, wie viele Menschen das Notwen- 
digste ergreifen wollen, was fur die Zukunft der Erdenmenschheit 
dastehen wird: das immerwahrende Lernen, das immerwahrende In- 
Bewegung-Bleiben. Und das wird nicht zu erreichen sein ohne das eben 
geschilderte Interesse von Mensch zu Mensch. Liebevoll hinblicken 
konnen auf die Menschen, sich interessieren fur die Eigenart der Men- 
schen, das ist dasjenige, was die Menschheit ergreifen mufi. Und gerade 
weil es die Menschheit ergreifen mufi, deshalb ist es im Riickschlag so 
wenig in der heutigen Gegenwart schon vorhanden. Es beleuchtet die- 
ses, was ich jetzt gesagt habe, eine wichtige Tatsache der inneren Seelen- 
entwickelung. Gewissermafien reifit der Faden, der Geburt und Tod 



verbindet, so zwischen dem 26., 27. Jahre und dem 37. oder 38. Jahre. 
Da ist ein Jahrzehnt in der Menschenentwickelung, wo die Krafle von 
Geburt und Tod nidit recht zusammenwollen. Die Verfassung, die der 
Mensch braucht, und die er dadurch, dafi dieseKraftezusammenkamen, 
im griechisch-lateinischen Zeitalter nodi haben konnte, die mufi er sich 
im Zeitalter der Bewufitseinsseele dadurch entwickeln, dafi er im aufie- 
ren historischen Leben Geburt und Tod betrachten kann. Kurz, unsere 
Betrachtung des aufierlichen Lebens mufi eine solche werden, dafi wir 
kiihn, ohne Feigheit auf unsere Umgebung hinschauen konnen so, dafi 
wir uns sagen: Wachsen und Welken, das ist dasjenige, was in allem 
Leben bewufit bewirkt werden mufi. Soziales kann nicht absolut fur 
ein Ewiges gebaut werden. Wer fur das Soziale baut, mufi den Mut 
haben, immer weiter und weiter Neues zu bauen, nicht stehen zu blei- 
ben, weil dasjenige, was gebaut ist, alt wird, welk wird, absterben 
mufi; weil Neues gebaut werden mufi. 

Nun, so konnte man sagen: In charakteristischer Weise lebte Geburt 
und Tod gerade im vierten nachatlantischen Zeitalter, im Zeitalter der 
Gemiits- und Verstandesseele in dem Menschen drinnen. Er brauchte es 
noch nicht aufierlich zu sehen. Jetzt, im Zeitalter der Bewufitseinsseele, 
mufi er es aufierlich sehen. Dafur mufi er in seinem Innern wiederum 
ein anderes entwickeln. Das ist sehr wichtig, dafi er ein anderes wie- 
derum entwickelt. 

Sehen Sie, man kann sagen, wenn man den Menschen schematisch 
so betrachtet (siehe Zeichnung): Viertes griechisch-lateinisches Zeit- 
alter, funftes Zeitalter - Geburt und Tod erblickte der Mensch bewufit 
in diesem vierten Zeitalter, wenn er ins Innere seines Menschen hin- 
einschaute; jetzt mufi er Geburt und Tod aufierlich im geschichtlichen 
Leben erblicken und von da aus es auch im Innern suchen. Daher ist es 
so unendlich wichtig, dafi in diesem Zeitalter der Bewufitseinsseele der 
Mensch sich iiber Geburt und Tod im wahren Sinne, das heifit im Sinne 
der wiederholten Erdenleben, aufklart, sonst wird er nie dazu kom- 
men, im historischen Werden Verstandnis fur Geburt und Tod zu er- 
werben. 

Aber geradeso, wie Geburt und Tod von innen nach aufien gegangen 
sind im menschlichen Anschauen, so mufi der Mensch wiederum etwas 



entwickeln in seinem Innern im fiinften nachatlantischen Zeitraum, 
was im sechsten Zeitalter, das also im vierten Jahrtausend beginnt, 
wiederum nach aufien gehen wird. Und das ist das Bose. Das Bose wird 
im Innern des Menschen entwickelt im fiinften nachatlantischen Zeit- 
raum, mufi nach aufien strahlen und im Aufieren erlebt werden im 
sechsten Zeitraume so wie Geburt und Tod im fiinften Zeitraume. Das 
Bose soli innerlich in den Menschen sich entwickeln. 



Denken Sie einmal, was das fur eine unangenehme Wahrheit ist! 
Man wird vielleicht sagen: Man kann es ja noch hinnehmen, was im 
vierten nachatlantischen Zeitraum das Wichtige ist, dafi der Mensch 
ganz bekannt wird innerlich mit Geburt und Tod, dann aber kosmisch 
Geburt und Tod erfafit, so wie ich es Ihnen dargestellt habe in der 
Conceptio immaculata und in der Auferstehung, im Mysterium von 
Golgatha. Deshalb steht vor der Menschheit des vierten nachatlan- 
tischen Zeitraums Geburt und Tod des Christus Jesus, weil Geburt und 
Tod das ganz besonders Wichtige war im vierten nachatlantischen 
Zeitraum. 

Jetzt, wo der Christus wiederum im Atherischen erscheinen soil, wo 
wiederum eine Art Mysterium von Golgatha erlebt werden soil, jetzt 
wird das Bose eine ahnliche Bedeutung haben wie Geburt und Tod fur 
den vierten nachatlantischen Zeitraum. Im vierten nachatlantischen 
Zeitraum entwickelte der Christus Jesus seinen Impuls fur die Erden- 
menschheit aus dem Tode heraus. Und man darf sagen: Aus dem er- 
folgten Tode heraus wurde das, was in die Menschheit einflofi. - So 
wird aus dem Bosen heraus auf eine sonderbare, paradoxe Art die 
Menschheit des fiinften nachatlantischen Zeitraums zu der Erneuerung 



5- fat tatter 



6. ?fitfl(far 




des Mysteriums von Golgatha gefiihrt. Durch das Erleben des Bosen 
wird zustandegebraclit, dafi der Christus wieder ersdieinen kann, wie 
er durch den Tod im vierten nachatlantischen Zeitraum erschienen ist. 

Dazu, um dies einzusehen, milssen wir - wir haben ja da und dort 
schon einiges aufflackern lassen von dem Mysterium des Bosen -, miis- 
sen wir nun iiber das Mysterium des Bosen im Zusammenhange mit 
dem Mysterium von Golgatha ein wenig sprechen. Das wird nun das 
nachste Historische sein, da£ wir iiber den Zusammenhang des Myste- 
riums des Bosen mit dem Mysterium von Golgatha sprechen. 



FONFTER VORTRAG 



Dornach, 26. Oktober 1918 



Selbst innerhalb der Grenzen, die gegenwartig noch geboten sind, wenn 
man iiber solche Dinge spricht, kann man dasjenige, was von dem 
Mysterium des Bosen handelt in der fiinften nachatlantischen Kultur- 
periode, der Periode der Bewufitseinsseele, in der wir leben, eigentlich 
nidht ohne tiefe Bewegung besprechen. Denn es wird damit etwas be- 
riihrt, was zu den tief sten Geheimnissen dieser fiinften nachatlantischen 
Periode gehort, was, wenn es besprochen wird, heute noch auf sehr 
wenig entwickelte menschliche Fahigkeiten des Verstandnisses gerade 
fiir solche Dinge stofit. Die Empfindungsmoglichkeiten, welche die heu- 
tige Menschheit fiir solche Dinge hat, sind noch wenig entwickelt. 
Dennoch mufi man sagen, dafi gewisse Hindeutungen auf das Myste- 
rium des Bosen und das andere, das damit zusammenhangt, das 
Mysterium des Todes, in alien sogenannten Geheimgesellschaften der 
neueren Zeit immer wieder und wiederum bildhaft versucht worden 
sind. Aber diese bildhaften Darstellungen, zum Beispiel auch in den 
sogenannten maurerischen Gemeinschaften, sie wurden ja insbesondere 
in den letzten Jahrzehnten seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhun- 
derts in einer recht wenig ernsten Weise gepflogen, oder aber sie wur- 
den in einer solchen Art gepflogen, wie ich es vor jetzt fast zwei Jahren 
hier mit Bezug auf gewichtige Ereignisse der Gegenwart angedeutet 
habe. 

Die damaligen Andeutungen machte ich auch nicht ohne tiefergehen- 
den Beweggrund, denn wer von diesen Dingen Kenntnis hat, der 
weifi, welche Untiefen menschlichen Wesens man mit diesen Dingen 
eigentlich beriihrt. Allein es hat ja vieles gezeigt, wie wenig im Grunde 
genommen heute schon Wille zum Verstandnis soldier Dinge vorhan- 
den ist. Der Wille zum Verstandnis, er wird ja gewift kommen, und 
es mufi dafiir gesorgt werden, dafi er komme. Es mufi auf jedem Wege, 
der moglich erscheint, dafiir gesorgt werden, daE dieser Wille kommt. 
Man mufi, wenn man iiber diese Dinge spricht, manchmal den Schein 
hervorrufen, als ob man eine Art Kritik der Gegenwart nach der 



einen oder nach der anderen Richtung hin geben wolle. Audi dasjenige, 
was ich gestern zum Beispiel vorgebracht habe iiber die Konfiguration 
der Weltanschauungsbestrebungen innerhalb des Burgertums, seit dem 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts namentlich, aber im Grunde ge- 
nommen sdhion seit langer Zeit, das kann ja audi, wenn man es trivial 
auffassen will, wie eine Kritik aufgefafk werden. Aber alles> das, was 
hier vorgebracht wird, ist nicht so gemeint, ist nicht wie eine Kritik 
gemeint, sondern ist gesagt zur Charakteristik, ist dazu gesagt, daf5 
man einsieht, welche Krafte und Impulse gewaltet haben. Von einem 
gewissen Gesichtspunkte aus betrachtet, haben ja diese Impulse not- 
wendigerweise gewaltet. Man konnte audi beweisen, dafi es notwendig 
war, dafi das Biirgertum der zivilisierten Welt die Jahrzehnte von den 
vierziger Jahren bis zu dem Ende der siebziger Jahre verschlafen hat; 
man konnte diesen Schlaf als eine welthistorische Notwendigkeit dar- 
tun. Aber dessen ungeachtet miifke die Erkenntnis dieses Schlafes, die- 
ses Kulturschlafes, dennoch in positiver Weise wirken, das heifit, heute 
gewisse Erkenntnis- und Willensimpulse auslosen, die wirken sollen 
gegen die Zukunft hin. 

Zwei Mysterien - wie gesagt, ich kann diese Dinge naturlich nur 
innerhalb gewisser Grenzen besprechen -, zwei Mysterien sind von 
ganz besonderer Bedeutung fur die Entwickelung der Menschheit im 
Zeitraum der Bewufitseinsseele, in dem wir drinnenstehen seit dem 
Beginne des 15. Jahrhunderts. Es ist das Mysterium des Todes und das 
Mysterium des Bosen. Dieses Mysterium des Todes, das fur die jetzige 
Zeit eben mit dem Mysterium des Bosen von einer gewissen Seite her 
zusammenhangt, das fuhrt zunachst zum Aufwerfen der bedeutungs- 
vollen Frage: Wie steht es iiberhaupt mit dem Tode in bezug auf die 
menschliche Entwickelung? 

Ich habe neulich erst wiederum wiederholt: Das, was sich gegen- 
wartig Wissenschaft nennt, macht es sich bequem in solchen Dingen. 
Tod ist Aufhoren eines Lebens fur die meisten Wissenschafter. Von 
diesem Punkte aus ist der Tod anzuschauen bei der Pflanze, beim Tiere, 
beim Menschen. - Geisteswissenschaft hat es nicht so bequem, alles iiber 
einen Leisten zu schlagen. Denn sonst konnte man den Tod audi auf- 
fassen als Ende einer Taschenuhr, den Tod der Taschenuhr. Der Tod 



fur den Menschen ist eben etwas ganz anderes als der sogenannte Tod 
anderer Wesen. Kennenlernen kann man nun dasjenige, was das Pha- 
nomen des Todes ist, nur dann, wenn man es gewissermafien auf dem 
Hintergrunde jener Krafte auffafit, die im Weltenall tatig sind, und die 
liber den Menschen, indem sie audi den Menschen ergreifen, den phy- 
sischen Tod bringen. Es waken im Weltenall gewisse Krafte, gewisse 
Impulse; war en sie nicht vorhanden, so konnte der Mensch nicht ster- 
ben.Diese Krafte waken im Weltenall, der Mensch gehort zum Welten- 
all; sie durchwalten audi den Menschen, und indem sie im Menschen 
tatig sind, bringen sie ihm den Tod. Nun mufi man sich fragen: Diese 
Krafte, die im Weltenall tatig sind, was bewirken sie aufier dem, dafi 
sie den Menschen den Tod bringen? - Es ware ganz falsch, wenn man 
etwa denken wiirde, diese Krafte, die dem Menschen den Tod bringen, 
die seien im Weltenall dazu da, dafi sie den Menschen sterben machen, 
dafi sie ihm den Tod bringen. Das ist nicht der Fall. Dafi diese Krafte 
den Menschen den Tod bringen, ist gewissermafien nur eine Neben- 
wirkung, wirklich nur eine Nebenwirkung. Nicht wahr, es wird kei- 
nem Menschen einf alien, zu sagen: Die Aufgabe der Lokomotive bei 
der Eisenbahn bestehe darin, nach und nach die Schienen kaputt zu 
machen. - Trotzdem tut das die Lokomotive, dafi sie nach und nach 
die Schienen kaputt macht, und die Lokomotive kann nicht anders 
als die Schienen kaputt machen. Aber das ist jedenfalls nicht ihre Auf- 
gabe; ihre Aufgabe ist etwas anderes. Und wenn einer defmieren 
wiirde: Eine Lokomotive ist eine Maschine, welche die Aufgabe hat, 
die Schienen kaputt zu machen — , der wiirde naturlich einen Unsinn 
reden, trotzdem man nicht bestreiten kann, dafi das Zerstoren der 
Schienen durchaus mit dem Wesen der Lokomotive zusammenhangt. 
Ebensowenig denkt derjenige etwas Richtiges, der etwa sagen wiirde, 
die Krafte im Weltenall, die den Menschen den Tod bringen, seien dazu 
da, um den Menschen den Tod zu bringen. Dieses ist nur eine Neben- 
wirkung, dafi sie den Menschen den Tod bringen. Sie bewirken dies 
neben ihrer eigentlichen Aufgabe. Welches aber ist diese eigentliche 
Aufgabe der den Menschen den Tod bringenden Krafte? Diese Auf- 
gabe der den Menschen den Tod bringenden Krafte ist gerade die, den 
Menschen zu begaben mit der vollen Fahigkeit der Bewufitseinsseele. 



Sie sehen, wie innig das Mysterium des Todes gerade mit der Entwicke- 
lung des fiinften nachatlantischen Zeitraums zusammenhangt, wie be- 
deutsam es ist, dafi in diesem fiinften nachatlantischen Zeitraum all- 
gemein das Mysterium des Todes enthiillt werde. Denn es sind eben 
die Krafte, die in ihrer Nebenwirkung dem Menschen den Tod bringen, 
die eigentlich dazu bestimmt sind, dem Menschen einzupflanzen, ein- 
zuimpf en in seinen Werdegang gerade die Fahigkeit, ich sage die Fahig- 
keit, nicht die Bewufitseinsseele, sondern die Fahigkeit der Bewuftt- 
seinsseele. 

Das fiihrt Sie nicht nur zur Erf assung des Todesmysteriums, sondern 
es fiihrt Sie audi dahin, in wichtigen Dingen exakt zu denken. Das 
heutige Denken ist in vieler Beziehung - das ist wieder keine Kritik, 
sondern eine Charakteristik wenn ich mich des Ausdrucks bedienen 
darf, aber er ist treffend, eben einfach schlampig. Das heutige Denken 
insbesondere in der landlaufigen Wissenschaft ist fast durchweg so, 
wie wenn man sagen wiirde, die Lokomotive hat die Aufgabe, die 
Schienen kaputt zu machen. Denn, was in der heutigen Wissenschaft 
meistens gesagt wird iiber das eine oder das andere, das ist von dieser 
QuaHtat. Es ist von der Qualitat, mit der man eben nicht auskommen 
wird, wenn man einen der Menschheit heilsamen Zustand fiir die Zu- 
kunft herbeifuhren will. Und der kann ja im Zeitalter der Bewulk- 
seinsseele nur in voller Bewufitheit herbeigefiihrt werden. 

Man mufi es immer wieder betonen, daft dies eine tiefe Zeitwahrheit 
ist. Man hort es ja immer wieder und wieder, daft da oder dort Leute 
auftauchen, welche aus einer scheinbar tiefbegriindeten Weisheit heraus 
die einen oder die anderen sozialwirtschaftlichen Vorschlage machen, 
immer aus dem Bewufttsein heraus, dafi man heute noch sozialwirt- 
schaftliche Vorschlage machen kann ohne die Zuhilfenahme der Geistes- 
wissenschaft. Nur derjenige denkt heute zeitgemafi, der da weifi, dafi 
alles, was versucht wird zu sagen iiber irgendeine soziale Konfigura- 
tion der Menschheit gegen die Zukunft hin, ohne die Grundlage der 
Geisteswissenschaft Quacksalberei ist. Nur der, der dieses voll erfalk, 
der denkt zeitgemafi. Wer heute noch hort auf allerlei Professoren- 
weisheiten aus der Sozial-Okonomie, die auf dem Boden einer geist- 
losen Wissenschaft stehen, der verschlaft seine Zeit. 



Diese Krafle, von denen man sprechen mufi als den Kraften des To- 
des, sie haben das menschliche Leibeswesen schon friiher erfaik. Wie, 
das konnen Sie aus meiner «Geheimwissenschaft» entnehmen. In das 
seelische Wesen haben sie sich da erst hineingefunden. Der Mensch 
mufi fiir den Rest der Erdenentwickelung diese Krafle des Todes in 
sein eigenes Wesen aufnehmen, und sie werden im Verlauf des gegen- 
wartigen Zeitraumes in ihm so wirken, daft er die Fahigkeit der Be- 
wufitseinsseele in sich zum vollen Ausdruck, zur vollen OfTenbarung 
bringt. 

Indem ich so gefragt habe und so gesprochen habe iiber das Myste- 
rium des Todes, das heiik iiber die Krafle, die im Weltenall wirksam 
sind als den Menschen den Tod bringende Krafle, kann ich audi in 
einer gleichen methodischen Weise hindeuten auf die Krafle des B6sen. 
Auch diese Krafle des Bosen, sie sind nicht solche, von denen man sagen 
kann, sie bewirken innerhalb der menschlichen Ordnung die bosen 
Handlungen. Das ist wiederum nur eine Nebenwirkung. Wenn es die 
Krafle des Todes nicht gabe im Weltenall, so wiirde der Mensch die 
Bewufitseinsseele nicht entwickeln konnen, er wiirde nicht entgegen- 
nehmen konnen in seiner weiteren Erdenentwickelung, so wie er sie 
entgegennehmen soil, die Krafle des Geistselbstes, des Lebensgeistes 
und des Geistesmenschen. Der Mensch mufi durch die Bewufitseinsseele 
gehen, wenn er in seiner Art die Krafle des Geistselbstes, des Lebens- 
geistes, des Geistesmenschen aufnehmen will. Dazu mufi er die Krafle des 
Todes im Laufe des fiinflen nachatlantischen Zeitraums, also bis in die 
Mitte des vierten Jahrtausends hinein, vollstandig mit seinem eigenen 
Wesen verbinden. Das kann er. Aber er kann nicht in der gleichen 
Weise die Krafle des Bosen mit seinem eigenen Wesen verbinden. Die 
Krafle des Bosen sind im Weltenall, im Kosmos so geartet, dafi der 
Mensch sie in seiner Entwickelung erst wahrend der Jupiterperiode 
so aufnehmen kann, wie er jetzt die Krafle des Todes aufnimmt. Man 
kann also sagen: Mit einer geringeren Intensitat, blofi einen Teil seines 
Wesens ergreifend, wirken die Krafle des Bosen auf den Menschen. - 
Will man eindringen in das Wesen dieser Krafle des Bosen, dann darf 
man nicht auf die aufieren Folgen dieser Krafle sehen, sondern dann 
mufi man das Wesen des Bosen da aufsuchen, wo es in seiner eigenen 



Wesenheit vorhanden ist, wo es so wirkt, wie es wirken mu!5, weil 
die Krafte, die als das Bdse im Weltenall figurieren, auch in den Men- 
schen hereinspielen. Und da begmnt eben das, was man nur mit einer 
tiefen Bewegung sagen kann, was man nur sagen kann, wenn man 
zugleich die Voraussetzung erhebt, dafi diese Dinge wirklich mit dem 
allertiefsten Ernste aufgenommen werden. Wenn man das Bose im 
Menschen suchen will, so mufi man es suchen nicht in den bosen Hand- 
lungen, die innerhalb der menschlichen Gesellschaft vollzogen werden, 
sondern man mufi es suchen in den bosen Neigungen, in den Neigun- 
gen zum Bosen. Man mufi zunachst ganz abstrahieren, ganz absehen 
von den Folgen dieser Neigungen, die bei dem einen Menschen mehr 
oder weniger eintreten, man mufi den Blick hinrichten auf die bosen 
Neigungen. Und dann kann man fragen:Bei welchen Menschen wirken 
die bosen Neigungen innerhalb der fiinften nachatlantischen Periode, 
in der wir drinnen stehen, jene Neigungen, die, wenn sie in ihrer Neben- 
wirkung zum Ausdrucke kommen, eben in den bosen Handlungen so 
anschaulich sich darleben, bei welchen Menschen wirken die bosen 
Neigungen? 

Ja, die Antwort darauf bekommt man, wenn man versucht, xiber 
die sogenannte Schwelle des Huters zu gehen und das menschliche We- 
sen wirklich kennenzulernen. Da ergibt sich die Antwort auf diese 
Frage. Und die Antwort lautet: Bei alien Menschen liegen im Unter- 
bewufttsein seit dem Beginne der fiinften nachatlantischen Periode die 
bosen Neigungen, die Neigungen zum Bosen. - Ja, gerade darinnen 
besteht das Eintreten des Menschen in die fiinfte nachatlantische Pe- 
riode, in die neuzeitliche Kulturperiode, dafi er in sich aufnimmt die 
Neigungen zum Bosen. Radikal, aber sehr richtig gesprochen, kann f ol- 
gendes zum Ausdrucke gebracht werden: Derjenige, der die Schwelle 
zur geistigen Welt iiberschreitet, der macht die folgende Erfahrung: 
Es gibt kein Verbrechen in der Welt, zu dem nicht jeder Mensch in 
seinem Unterbewufitsein, insofern er ein Angehoriger der fiinften nach- 
atlantischen Periode ist, die Neigung hat. Die Neigung hat; ob in dem 
einen oder in dem anderen Fall die Neigung zum Bosen aufierlich zu 
einer bosen Handlung fiihrt, das hangt von ganz anderen Verhalt- 
nissen ab als von dieser Neigung. Sie sehen, bequeme Wahrheiten hat 



man nicht zu sagen, wenn man heute eben ungeschminkt der Mensch- 
heit die Wahrheit sagen mufi. 

Um so mehr tauclit dann die Frage auf : Ja, was wollen diese Krafte, 
die im Menschen die bosen Neigungen bewirken, was wollen diese 
Krafte denn eigentlich im Weltenall, indem sie zunachst in die mensch- 
liche Wesenheit hineintraufeln, indem sie in die menschliche Wesenheit 
hineinfliefien? Was wollen diese Krafte? - Sie sind wahrhaftig im Wel- 
tenall nicht dazu da, um bose Handlungen in der menschlichen Gesell- 
schaft herbeizufiihren. Diese fiihren jene Krafte aus solchen Griinden 
herbei, die wir nocli besprecben wollen. Sie sind, ebensowenig wie die 
Krafte des Todes dazu da sind, den Menschen nur sterben zu machen, 
im Weltenall nicht vorhanden, diese Krafte des Bosen, um den Men- 
schen zu verbrecherischen Handlungen zu fiihren, sondern sie sind im 
Weltenall dazu vorhanden, um, wenn der Mensch aufgerufen ist zur 
Bewufitseinsseele, in ihm dieNeigung hervorzurufen, das geistige Leben 
so zu empfangen, wie wir es gestern zum Beispiel und schon das vorige 
Mai charakterisiert haben. 

Im Weltenall walten diese Krafte des Bosen. Der Mensch raufi sie 
aufnehmen. Indem er sie aufnimmt, pflanzt er in sich den Keim, das 
spirituelle Leben iiberhaupt mit der Bewufkseinsseele zu erleben. Sie 
sind also wahrhaftig nicht da, diese Krafte, die durch die menschliche 
soziale Ordnung verkehrt werden, sie sind wahrhaftig nicht da, um 
bose Handlungen hervorzurufen, sondern sie sind gerade dazu da, da- 
mit der Mensch auf der Stufe der Bewufitseinsseele zum geistigen Leben 
durchbrechen kann. Wiirde der Mensch nicht aufnehmen jene Neigun- 
gen zum Bosen, von denen ich eben gesprochen habe, so wiirde der 
Mensch nicht dazu kommen, aus seiner Bewufkseinsseele heraus den 
Impuls zu haben, den Geist, der von jetzt ab befruchten mufi alles 
iibrige Kulturelle, wenn es nicht tot sein will, den Geist aus dem 
Weltenall entgegenzunehmen. Und wir tun am besten, wenn wir zu- 
nachst einmal hinsehen auf das, was werden soil aus jenen Kraften, 
die uns in ihrer Karikatur entgegentreten in den bosen Handlungen 
der Menschen; wenn wir uns fragen, was unter dem Einflufi dieser 
Krafte, die zu gleicher Zeit die Krafte fur die bosen Neigungen sind, 
in der Entwickelung der Menschheit geschehen soil. 



Sehen Sie, wenn man von diesen Dingen spricht, dann mufi man 
sehr nahe an den Nerv der Menschheitsentwickelung herangehen. Alle 
diese Dinge hangen ja zu gleicher Zeit mit den Verhangnissen zusam- 
men, die in der Gegenwart die Menschheit getroffen haben. Denn die 
Verhangnisse, die in der Gegenwart die Menschheit getroffen haben 
und noch treffen werden, die sind ja nur ein Wetterleuchten fiir ganz 
andere Dinge, die iiber die Menschheit kommen sollen; ein Wetter- 
leuchten, das heute oftmals das Gegenteil von dem zeigt, was da kom- 
men soil. Nicht zum Pessimismus ist aus alien diesen Dingen heraus 
ein Anlafi, wohl aber zum tatkraftigen Impulse, zum Aufwachen. 
Nicht zum Pessimismus, sondern zum Aufwachen ist Anlafi vorhanden. 
Alle diese Dinge werden nicht gesagt, um Pessimismus zu erzeugen, 
sondern um Aufwachen zu bewirken. 

Wenn wir von einer konkreten Erscheinung ausgehen, dann kom- 
men wir vielleicht am besten zu unserem Ziel. Sehen Sie, ich habe 
schon gestern gesagt: Ein wesentlicher Impuls in der Entwickelung der 
Menschheit im Zeitalter der Bewufitseinsseele mufi das Wachsen des 
Interesses von Mensch zu Mensch in der gestern geschilderten Weise 
sein. Das Interesse, das der eine Mensch an dem andern nimmt, das 
mull immer grower und grofier werden. Dieses Interesse mufi wachsen 
fiir den Rest der Erdenentwickelung, und es mufi wachsen namentlich 
auf vier Gebieten, kann man sagen. Das erste Gebiet ist, dafi der 
Mensch, indem er sich gegen die Zukunft hin entwickelt, in einer immer 
anderen und anderen Weise seine Mitmenschen sehen wird. Heute ist 
der Mensch, trotzdem er schon etwas mehr als ein Fiinftel des Zeit- 
alters der Bewufitseinsseele durchgemacht hat, noch wenig geneigt, 
seinen Mitmenschen so zu sehen, wie er ihn sehen lernen mufi im Laufe 
des Zeitalters der Bewufitseinsseele, bis in das vierte Jahrtausend her- 
ein. Die Menschen sehen einander heute noch so, dafi sie iiber das Aller- 
wichtigste hinwegschauen, dafi sie eigentlich keinen Blick fiir den an- 
deren Menschen haben. In dieser Beziehung haben die Menschen noch 
nicht voll ausgeniitzt, was in den Seelen bisher durch die verschiedenen 
Inkarnationen heranerzogen ist durch die Kunst. An der Entwickelung 
der Kunst kann ja viel gelernt werden, und ich habe da oder dort 
manche Andeutung gemacht iiber dieses Lernen von der Entwickelung 



der Kunst. Es ist ja nicht zu leugnen, wenn man einigermafien Sympto- 
matologie treibt, wie ich es gefordert habe gerade in diesen Vortragen, 
dafi das kiinstlerische SchafFen und Geniefkn fast auf alien Zweigen 
des Kiinstlerischen in einem Verfall ist. Und was alles versucht worden 
ist gerade in den letzten Jahrzehnten auf kiinstlerischem Gebiete, mufi 
jedem Empfindenden klar und deutlich zeigen, dafi das Kiinstlerische 
als soldies in einer Verfallsperiode drinnen ist. Das Wichtigste, was 
von dem Kiinstlerischen sich weiter fortpflanzen soil in die Entwicke- 
lung der Menschheit hinein, das ist dasjenige, was die Menschen an 
Erziehung fiir gewisse Auffassungsweisen der Zukunfl aus dem Kiinst- 
lerischen haben konnen. 

Sehen Sie, alle Kunst hat etwas in sich - natiirlich verastelt sich 
jeder Kulturzweig in der verschiedensten Weise und er hat dann alle 
moglichen Nebenwirkungen aber alle Kunst hat etwas in sich, was 
geeignet ist, zu tieferer, konkreterer Menschenerkenntnis zu fiihren. 
Wer sich wirklich vertieft in die kiinstlerischen Formen, die zum Bei- 
spiel die Malerei, die Plastik schaffen, oder in das Wesen der inneren 
Bewegungen, die durch Musik und Dichtung pulsieren, wer sich da hin- 
ein vertieft, wer Kunst wirklich innerlich erlebt - das tun oftmals die 
Kiinstler selber nicht in derheutigenZeit-, wer Kunst wirklich innerlich 
erlebt, der durchdringt sich mit etwas, was ihn befahigt, den Menschen 
nach einer gewissen Richtung, nach der Richtung der menschlichen 
Bildnatur aufzufassen. Denn das wird es sein, was in diesem Zeitalter 
der Bewufitseinsseele iiber die Menschheit kommen mufi: den Menschen 
bildhaft auffassen zu konnen. Sie haben schon einiges gehort iiber die 
Elemente zu diesem bildhaften Auffassen. Sieht man hin auf den Men- 
schen und sieht sein Haupt, so weist es einen zuriick in die Vergangen- 
heit. Wie der Traum aufgefafit wird als eine Reminiszenz des aufieren 
sinnenfalligen Lebens und dadurch seine Signatur erhalt, so wird fiir 
den, der die Dinge der Wirklichkeit durchschaut, alles auJSere Sinnen- 
fallige wiederum Bild eines Geistigen. Das geistige Urbild des Men- 
schen miissen wir durchschauen lernen durch seine Bildnatur. Durch- 
sichtig gewissermai5en wird gegen die Zukunfl hin der Mensch dem 
Menschen werden. Wie das Haupt geformt ist, wie der Mensch geht, 
wird mit anderem innerem Anteil und mit anderem innerem Interesse 



geschaut werden, als es heute noch in den menschlichen Neigungen 
liegt. Denn man wird den Menschen nur dann seinem Ich nach glauben 
kennenzulernen, wenn man eine solche Auffassung von seiner Bild- 
natur hat, wenn man mit dem Grundgefiihl vor den Menschen hin- 
treten kann, dafi sich dasjenige, was die aufieren physischen Augen 
vom Menschen sehen, zu des Menschen wahrer geistig-iil^prsinnlicher 
Wirklichkeit verhalt wie das Bild, das auf die Leinwand gemalt ist, 
zu der Wirklichkeit, die es wiedergibt. Dieses Grundgefiihl mufi sich 
ausbilden. Man mufi dem Menschen nicht so entgegentreten - das mufi 
man lernen — , dafi man in ihm nur empfindet den Zusammenhang 
von Knochen, Muskeln, Blut und so weiter, sondern man mufi den 
Menschen empfinden lernen als das Bild seines ewigen, geistig-uber- 
sinnlichen Wesens. Da geht der Mensch an uns voriiber, und wir wiir- 
den nicht glauben ihn zu erkennen, wenn dasjenige, was an uns vor- 
iibergeht, in uns nicht den Hinblick auferweckte auf das, was er als 
ein ewiger, iibersinnlich-geistiger Mensch ist. So wird man den Men- 
schen sehen. Und man wird den Menschen so sehen konnen. Denn 
dasjenige, was man so sehen wird an dem Menschen, wenn man die 
menschlichen Formen und die menschlichen Bewegungen und alles, was 
damit zusammenhangt, als Bild des Ewigen erfassen wird, das wird 
einem warm oder kalt machen, das wird einem mit innerer Warme oder 
mit innerer Kalte nach und nach erfiillen miissen, und man wird durch 
die Welt wandeln, indem man die Menschen sehr intim kennenlernt. 
Der eine wird einem warm, der andere wird einem kalt machen. Am 
schlimmsten werden die Leute daran sein, die einem weder warm noch 
kalt machen. Man wird ein innerliches Erlebnis haben im Warme- 
ather, der einen durchdringt im Atherleib. Das wird der Reflex sein 
des gesteigerten Interesses, das von Mensch zu Mensch entwickelt wer- 
den mufi. 

Ein zweites mufi noch paradoxere Empfindungen in dem Menschen 
der Gegenwart hervorrufen, der ganz und gar keine Neigung hat, 
solche Dinge schon aufzunehmen, aber vielleicht wird sich gerade aus 
dieser Antipathie in nicht gar zu ferner Zeit die Sympathie fur das 
Richtige stark entwickeln. Ein zweites ist: Die Menschen werden sich 
ganz anders verstehen. Vor alien Dingen werden die beiden Jahrtau- 



sende, die nodi verflieften werden bis zum Ende dieses fiinften nach- 
atlantischen Zeitraums, dazu dienen. Allerdings werden die beiden 
Jahrtausende nicht ausreichen, es wird das, was ich jetzt sage, etwas 
langer dauern, es wird sicb noch hineinerstrecken in den sechsten nach- 
atlantischen Zeitraum; aber es wird sich dann zu jener Ich-Erkenntnis, 
von der ich eben gesprochen habe, noch eine besondere Fahigkeit sent- 
wickeln: amMenschen zu spiiren, zu erfassen, indem wir ihm entgegen- 
treten, seine Beziehung zu der dritten Hierarchie, seine Beziehung zu 
den Angeloi, Archangeloi und Archai. Und dies wird sich dadurch ent- 
wickeln, daft man immer mehr und mehr erkennen wird, wie die 
Menschheit in einer anderen Weise, als das gegenwartig der Fall ist, 
sich zur Sprache verhalten wird. Die Sprachentwickelung hat ja ihren 
Hohepunkt bereits uberschritten. Das konnten Sie aus dem entnehmen, 
was ich gerade in den Vortragen dieses Herbstes Ihnen vorgebracht 
habe. Die Sprachentwickelung hat ihren Hohepunkt uberschritten. Die 
Sprache ist in Wirklichkeit schon etwas Abstraktes geworden. Und es 
geht gegenwartig nur eine Welle tiefster UnwahrhafHgkeit iiber die 
ganze Erde hin, indem Ordnungen in der Menschheit angestrebt wer- 
den, die irgend etwas zu tun haben sollen mit den Sprachen der Vol- 
ker, denn die Menschen haben nicht mehr das Verhaltnis zur Sprache, 
das durch die Sprache hindurch auf den Menschen sieht, das durch die 
Sprache hindurchsieht auf das Wesen des Menschen. 

Ich habe dasjenige, was so ein Ansatz sein kann, um zum Verstand- 
nis dieser Sache zu kommen, bei verschiedenen Anlassen aus einem 
Beispiel heraus angefuhrt. Ich habe es auch neulich im offentlichen 
Vortrag in Zurich wiederum angefuhrt, weil es gut ist, diese Dinge 
heute auch schon vor ein ofFentliches Publikum zu bringen. Aber hier 
habe ich ja schon darauf aufmerksam gemacht, wie iiberraschend es 
ist, wenn man Aufsatze iiber Geschichtsmethode von Herman Grimm, 
der so ganz in deutsch-mitteleuropaischer Bildung im 19. Jahrhundert 
drinnenstand, vergleicht mit Aufsatzen iiber Geschichtsmethode von 
Woodrow Wilson. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daft ich dieses 
Experiment sehr gewissenhaft durchgefuhrt habe, und daft die Mog- 
lichkeit vorhanden ist, daft man gewisse Satze von Woodrow Wilson 
einfach herubernimmt und in Aufsatze von Herman Grimm hinein- 



stellt, denn sie sind fast gleichlautend mit Satzen in Auf satzen von 
Herman Grimm. Und wiederum konnte man ganze Satze iiber Ge- 
schichtsmethodologie von Herman Grimm hiniibersetzen in dasjenige, 
was iiber Geschichtsmethodologie Woodrow Wilson gesprochen und 
dann hat drucken lassen. Und dennoch, es ist ein radikaler Unterschied 
zwischen beiden. Das merkt man, wenn man liest nicht dem Inhalte 
nach, denn der Inhalt als soldier, wortwortlich genommen, wird im- 
mer weniger bedeutend sein fur die Menschheit, insofern sie sich der 
Zukunfl entgegenentwickelt. Bei Herman Grimm ist alles, selbst das- 
jenige, mit dem man nicht einverstanden sein kann, unmittelbar von 
ihm erkampft, Satz fur Satz, Stufe fur Stufe erkampft, bei Woodrow 
Wilson wie von seinem eigenen inneren Damon, von dem er in seinem 
Unterbewufitsein besessen ist, herauf eingegeben in sein Bewufitsein. 
Auf diesen Ursprung kommt es an, auf die Entstehung unmittelbar 
an der Oberflache des Bewufitseins in dem einen Fall, und auf die 
Eingebungen eines Damons aus dem Unterbewufitsein herauf in dasBe- 
wufitsein in dem anderen Fall. So dafi man sagen mufi : Dasjenige, was 
von Wilsons Seite kommt, ist aus einer gewissen Besessenheit heraus. 

Diese Erkenntnis, ich fiihre sie als Beispiel an, um Ihnen zu zeigen, 
dafi es heute nicht mehr ankommt auf das wortwortliche Oberein- 
stimmen. Ich empfinde es immer mit ungeheurer Wehmut, wenn mir 
Freunde unserer Sache von diesem oder jenem Pastor oder diesem 
oder jenem Professor Dinge bringen und sagen: Das klingt ja ganz 
anthroposophisch. - Sehen Sie einmal nach, wie anthroposophisch das 
klingt! In dem Kulturzeitalter, in dem wir heute stehen, kann selbst 
ein Professor, der politisiert, auch an einer wichtigen Stelle Dinge 
schreiben, die natiirlich wortwortlich iibereinstimmen mit dem, was 
der Wirklichkeitserkenntnis der Zeit gemafi ist. Aber auf das Wort- 
wortliche kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, in welcher 
Region der Menschenseele die Dinge entspringen. Es kommt darauf 
an, durch die Sprache hindurchzusehen auf die Region, in der die 
Dinge entspringen. Alles, was hier gesagt wird, wird nicht blofi gesagt, 
um bestimmte Satze zu formulieren, sondern auf das Wie kommt es 
an; darauf kommt es an, dafi es durchstromt ist von jener Kraft, die 
unmittelbar aus dem Geiste heraus genommen ist. Und wer ein wort- 



wortliches Ubereinstimmen nimmt, ohne zu fiihlen, wie die Dinge 
aus dem Geistquell heraus sind und wie sie durchdrungen sind von 
diesem Geistquell dadurch, dafi sie in den ganzen Zusammenhang der 
anthroposophischen Weltanschauung hineingestellt sind, wer auf dieses 
Wie nicht achten kann, der verkennt, was hier gemeint ist, wenn er 
die wortwortliche Angabe mit jeder beliebigen aufieren Weisheit heute 
irgendwie identifizieren will. 

Es ist ja natiirlich nicht gerade bequem, auf solche Beispiele hinzu- 
weisen, weil eben die menschlichen Neigungen heute vielfach nach 
dem Gegenteil gehen. Allein es ist ja schon einmal eine Verpflichtung, 
da, wo man im Ernste spricht, wo man durch das Sprechen nicht nur 
eine Art Beruhigungsmittel, eine Art gutes Kulturschlafmittel hervor- 
rufen will, da ist es schon notwendig, dafi man nicht zuruckschreckt, 
auch solche Beispiele zu wahlen, die heute so vielen Menschen unan- 
genehm sind. Denn die Menschen, die im Ernste sprechen, sollten sich 
heute auch anhoren konnen, was es im Grunde genommen fiir die 
Welt bedeutet, wenn sie nicht darauf achten, dafi die Welt das Schick- 
sal treffen soil, von einem schwachsinnigen amerikanischen Professor 
ihre Ordnung herrichten zu lassen! Bequem ist es ja heute nicht, uber 
die Dinge der Wirklichkeit zu sprechen, weil manchen Leuten oftmals 
eben das Gegenteil bequem und angenehm ist. Man spricht ja ohnedies 
nur uber die Dinge der Wirklichkeit auf denjenigen Gebieten, auf 
denen es unbedingt notwendig ist und auf denen es den Menschen 
schon recht naheliegt, wenigstens naheliegen sollte, die Dinge zu horen. 

Durch die Sprache durchsehen, sage ich, das ist es, was uber die 
Menschheit kommen mufi. Da werden sich die Menschen aneignen miis- 
sen, in der Sprache die Gebarde zu erf assen. Und dieses Zeitalter wird 
nicht zu Ende gehen - das letzte wird ja allerdings in den nachsten 
Zeitraum hiniiber dauern -, aber das dritte Jahrtausend wird nicht 
voriibergehen konnen, ohne dafi die Menschen darauf kommen wer- 
den, nicht so dem Menschen zuzuhoren, wenn einer zum andern spricht, 
wie sie jetzt zuhoren; sondern sie werden in der Sprache den Ausdruck 
dargestellt fmden fiir die Abhangigkeit des Menschen von der dritten 
Hierarchie, von Angeloi, Archangeloi und Archai, fiir dasjenige, durch 
das der Mensch ins "Obersinnlich-Geistige hineinragt. 



Das wird dazu fiihren, da$ durch die Sprache hindurch die Seele des 
Menschen gehort wird. Das gibt natiirlich ein ganz anderes soziales 
Zusammenleben, wenn durch die Sprache hindurch die Seele des Men- 
schen gehort wird. Und gerade von dem, was die Krafte des Bosen, 
des sogenannten Bosen sind, mu& viel so umgewandelt werden, da!5 
hingehorcht werden kann auf das, was der Mensch spricht und dafi 
durch die Sprache seine Seele gehort wird. Dann wird den Menschen 
uberkommen, wenn aus der Sprache die Seele gehort wird, ein eigen- 
tumliches Farbengefuhl, und in diesem Farbengefuhl der Sprache wer- 
den sich die Menschen international verstehen lernen. Der eine Laut 
wird ganz selbstverstandlich dieselbe Empfindung hervorrufen wie 
der Anblick der blauen Farbe oder einer blauen Flache, der andere 
Laut wird dieselbe Empfindung hervorrufen wie der Anblick einer 
roten Farbe. Dasjenige, was man sonst nur als Warme empfindet, wenn 
man den Menschen anschaut, wird gewissermafien Farbe, wenn man 
dem Menschen zuhort. Und man wird intim miterleben mussen, was 
auf den Fliigeln der Laute von Menschenmund zu Menschenohr tont. 
Das kommt an die Menschheit heran. 

Das dritte ist, dafi die Menschen die Gefiihlsaufierungen, die Gefuhls- 
konfigurationen der anderen Menschen auch intim in sich erleben wer- 
den. Es wird viel durch das Sprechen dabei bewirkt werden. Aber 
nicht allein durch das Sprechen, sondern wenn ein Mensch dem andern 
entgegentreten wird, wird er in sich erleben die Gefiihlskonfiguration 
des andern in seinem eigenen Atem. Das Atmen wird sich gegen die 
Zukunffc der Erdenentwickelung hin in der Zeit, von der ich spreche, 
nach dem Gefiihlsleben des anderen Menschen richten, dem wir gegen- 
uberstehen. Der eine wird uns zu schnellerem, der andere zu lang- 
samerem Atmen veranlassen, und wir werden fuhlen, je nachdem wir 
schneller oder langsamer atmen, mit einem wie gearteten Menschen 
wir es zu tun haben. Denken Sie, wie sich die soziale Gemeinschaft 
zusammengliedern will, wie intim das menschliche Zusammenleben 
werden will! Diese Dinge werden aller dings noch langer dauern; daft 
dieses Atmen sich eingliedern wird in die Menschenseele, wird iiber 
den ganzen sechsten Zeitraum hinubergehen, noch in den siebenten 
hinein. Und im siebenten Zeitraum wird ein Stiickchen von dem er- 



reicht werden, was nun das vierte ist. Das ist: Die Menschen werden, 
indem sie wollend einer Menschheitsgemeinschaft angehoren, einander 
- verzeihen Sie das harte Wort - verdauen miissen. Indem wir mit 
dem einen oder mit dem anderen Menschen das eine oder das andere 
werden wollen miissen oder wollen wollen, werden wir ahnliche innere 
Erlebnisse haben, wie wir sie heute erst primitiv haben, wenn wir die 
eine oder die andere Speise essen. Die Menschen werden einander ver- 
dauen miissen auf dem Gebiete des Wollens. Die Menschen werden 
einander atmen miissen auf dem Gebiete des Fiihlens. Die Menschen 
werden einander farbig empflnden miissen auf dem Gebiete des Ver- 
stehens durch die Sprache. Die Menschen werden einander als Ich ken- 
nenlernen, indem sie sich wirklich anschauen lernen. 

Aber alle diese Krafte werden mehr innerlich-seelisch sein. Denn 
dafi sie sich voll ausbilden, diese Krafte, dazu wird die Jupiter-, Venus- 
und Vulkanperiode da sein. Andeutungen von all dem, seelisch-geistige 
Andeutungen von all dem fordert aber schon die Erdenentwickelung 
von den Menschen. Und die gegenwartige Zeit mit ihrer merkwiirdigen 
katastrophalen Entwickelung ist ein Strauben der Menschheit gegen 
dasjenige, was mit solchen Dingen kommen soli, wie ich sie jetzt be- 
sprochen habe. Die Menschheit baumt sich auf, indem in der Zukunft 
uberwunden werden soli alles soziale Sonderbestreben, baumt sich 
heute dagegen auf, gerade indem der billige Grundsatz iiber die ganze 
Welt hin geschleudert wird, die Menschen sollen sich nach Nationen 
gruppieren. Was heute geschieht, das ist ein Aufbaumen gegen den 
gottgewollten Gang der Menschheitsentwickelung, das ist ein Sich- 
Zerren zum Gegen teil desjenigen, was doch kommen mufi. In diese 
Dinge mufi man hineinschauen, wenn man eine Grundlage gewinnen 
will fur das sogenannte Mysterium des Bosen. Denn das Bose ist viel- 
fach eine Nebenwirkung desjenigen, was in die Entwickelung der 
Menschheit hineingreifen mufi. Eine Lokomotive, welche, wenn sie 
ziemlich weithin fahren soli, auf schlechte Schienen kommt, zerstort 
die Schienen, kommt selber zunachst nicht weiter. Die Menschheit ist 
in ihrer Entwickelung zu solchen Zielen hin, wie ich es Ihnen geschil- 
dert habe, und die Aufgabe des Bewufltseinszeitalters ist es, so etwas 
zu erkennen, dafi die Menschheit bewufit solchen Zielen entgegenstre- 



ben mufi. Allein es sind vorlaufig recht schlechte Schienen gelegt, und 
es wird audi noch ziemiich lange dauern, bis bessere Schienen da sein 
werden, denn man schickt sich vielfach an, die schlechten Schienen durch 
keineswegs bessere zu ersetzen. 

Aber wie Sie sehen, Geisteswissenschaft geht auf etwas ganz anderes 
hin als auf einen Pessimismus. Geisteswissenschaft geht dahin, fur den 
Menschen wirklich erkennbar zu machen, auf welchem Entwickelungs- 
wege er eigentlich ist. Aber Geisteswissenschaft erfordert schon einmal, 
dafi man gewisse, heute landlauflge Neigungen wenigstens fur gewisse 
Feieraugenblicke des Lebens auch ablegen konne. Dafi es so schwierig 
ist fur die Menschen, diese Dinge abzulegen, dafi jeder doch gleich 
wiederum in den Trodel zuriickfallt, das macht es aufierordentlich 
schwierig heute, ohne Zurtickhaltung iiber diese Dinge zu reden. Denn 
man beriihrt da, und es liegt das in der Natur der Gegenwart, lauter 
Dinge, mit Bezug auf welche die Menschheit sich heute in Abgriinde 
stiirzen will, und man mufi fortwahrend zum Aufwachen gemahnen. 

Ja, mancherlei kann eben nur innerhalb gewisser Grenzen bespro- 
chen werden. Das bedingt natiirlich, daft manches ganz unterlassen 
wird, oder vielleicht vertagt wird, selbstverstandlich. Denn nehmen 
Sie das Allernachstliegende, und nehmen Sie mir es nicht iibel, wenn 
ich es in der folgenden Weise ausspreche. Es ist mir nahegelegt worden 
vor acht Tagen, auch etwas iiber die Symptomatologie der Schweizer 
Geschichte zu sagen. Ich habe mir wahrend dieser acht Tage die Sache 
ganz reiflich iiberlegt, habe sie nach alien Seiten erwogen. Aber wiirde 
ich vom 15. Jahrhundert bis jetzt schweizerische Geschichtssympto- 
matologie als Nichtschweizer hier vor Schweizern entwickeln, ich kame 
doch heute noch in eine ganz sonderbare Lage. Lassen Sie mich das 
von einer anderen Seite einmal erlautern. Denken Sie blofi, nun, ich 
will sagen, im Juli dieses Jahres hatte irgendein Mensch in Deutschland 
oder gar in Usterreich die Ereignisse und Personlichkeken und Im- 
pulse so dargestellt, wie es die Menschen jetzt machen, denken Sie, wie 
ihm das bekommen ware, und wie es ihm erst bekommen ware, wenn 
er, sagen wir, vor fiinf Jahren oder gar fiinfzehn oder dreifiig Jahren 
zum Beispiel in Usterreich die Verhaltnisse von heute hingestellt hatte! 
So weifi ich, daft ich recht sehr anstofien wiirde, wenn ich hier iiber 



die Sdiweiz so spredien wiirde, wie man in der Schweiz nach zwanzig 
Jahren iiber schweizerische Geschichte spredien wird. Denn heute wiirde 
man auch hier verlangen - man kann ja das nicht anders, deshalb sage 
ich: Nehmen Sie mir das nicht libel, dafi ich das so ausspreche -, man 
kann ja nicht anders, dem nach, was heute so tief in den Seelen sitzt, 
als nicht horen wollen auf dasjenige, was vom Standpunkt der Zu- 
kunft gesagt werden mufi. Es ist fiir vieles doch giiltig, dafi die Leute - 
wir gehoren ja schliefilich alle zu den Leuten, nicht wahr - auf vielen 
Gebieten, besonders auf ihnen recht naheliegenden Gebieten, nicht die 
Wahrheit horen wollen, sondern Schlafpulver empfangen wollen. Und 
ich kann Ihnen die Versicherung geben, dafi ich schon anstofien wiirde, 
wenn ich nicht ein Schlafpulver geben wiirde auf dem Gebiete, das 
man mir nahegelegt hat. Nach mancherlei, was ich gerade eben mit 
zuziehen mufite zu meinen Erwagungen, finde ich es als mir recht sehr 
nahegelegt, diese Dinge vorlaufig auf sich beruhen zu lassen. Denn Ur- 
teile, die jetzt gefallt werden, und mit denen man einigermaften diffe- 
rieren wiirde, die legen es einem schon nahe, wenn man heute gewisse 
Dinge darstellen will, es so zu machen, wie ich es gestern gemacht habe. 
Hier in der Schweiz ist es verhaltnismafiig harmlos, es kann schon 
meinetwillen sogar noch als eine bessere Sonntagnachmittagspredigt 
aufgefafit werden, wenn man auf die russische Revolution exempli- 
fiziert, und wenn man da darstellt das Verhaltnis des mittleren Burger- 
turns zur breiten Masse und der weiter links stehenden, radikalen Ele- 
mente. Wenn man darauf exemplifiziert, nun, so wird es hier verhalt- 
nismafiig wie eine etwas bessere Sonntagnachmittagspredigt aufge- 
fafit werden. Das geht also. Und man kann sich dann der, ich will 
nicht sagen Illusion, sondern der angenehmen Erwartung hingeben, 
dafi es doch in einige Seelen wirklich hineingeht und mehr bewirkt, 
als was sonst Sonntagnachmittagspredigten bewirken; obwohl ja viel- 
fach die Erfahrung im Laufe der letzten Jahre auch das Gegenteil in 
bezug auf wichtige Sachen gezeigt hat. Aber auf das unmittelbar Nahe- 
liegende zu exemplinzieren, das ist etwas, was eben nicht gerade die 
Aufgabe sein kann desjenigen, der als Nichtschweizer zu Schweizern 
sprechen und eine Geschichtsbetrachtung geben wiirde. Audi als ich 
eine allgemeine Geschichtsbetrachtung der neueren Zeit gab - ich habe 



sie ja audi in einem offentlichen Vortrage in Zurich gegeben - habe 
ich mich natiirlich, obwohl idh nicbt zuriickgehalten habe, die radikal- 
sten Konsequenzen, die zu ziehen notwendig sind, wirklich audi an- 
zugeben, doch innerhalb gewisser Grenzen halten mussen. Denn nicht 
wahr, es ist ja heute fur die meisten Menschen einmal aufterordentlich 
bequem, Woodrow Wilson fur einen grofien Mann, fiir p.nen Welt- 
begliicker zu halten. Und wenn man demgegeniiber die Wahrheit sagen 
mulS, so wirkt diese Wahrheit als etwas Unbequemes, und derjenige, 
der sie ausspricht, wird als ein Storenfried empfunden. Das ist aber 
immer so gegangen mit jenen Wahrheiten, die aus dem Quell des iiber- 
sinnlichen Lebens heraus geschopft werden mufiten. Nur leben wir 
eben im Zeitalter der Bewulkseinsseele, und da ist es notwendig, da!5 
gewisse Wahrheiten an die Menschen herangebracht werden sollen. 

Es handeit sich wahrhaffcig nicht darum, dafi man heute immer wie- 
der und wiederum das aufierordentlich Billige wiederholt, die Leute 
seien nicht zuganglich. Das ist gar keine Frage, die wir uns stellen 
sollen, ob die Leute zuganglich seien oder nicht, sondern ob wir das 
Notige tun, um wirklich die entsprechenden Wahrheiten, wenn wir 
dazu Gelegenheit haben, an die Menschen heranzubringen. Und das 
Nachste ist, daft wir uns iiber die Aufnahmefahigkeit der Menschheit 
gegeniiber den Wahrheiten keinen Illusionen hingeben, dafi wir uns 
wahrhaftig klar sind dariiber, dafi die Menschen gerade heute wenig 
aufnahmefahig sind fiir dasjenige, was ihnen am allernotigsten ist; 
geradeso wie sie sich heute versteifen, die Welt so zu ordnen, wie sie 
gar nicht geordnet werden kann, wenn die Menschheit ihrem entspre- 
chenden, in unserem Zeitalter Hegenden Entwickelungsimpuls nach- 
geht. Man mufi ja auf diesem Gebiete allerdings die herbsten Erfah- 
rungen machen. Aber man macht sie und nimmt sie auf, nicht mit 
Grollen, sondern man nimmt sie so auf, dafi man von ihnen lernt, 
wie man es fiir das eine oder fiir das andere eben machen soli. 

Ich werde auf diese Dinge noch genauer zu sprechen kommen. Sehen 
Sie, es ware zum Beispiel aufierordentlich schon gewesen, wenn man 
in Mitteleuropa nur einige Menschen gefunden hatte, die aus gewissen 
maurerischen Impulsen heraus erkannt hatten, welche Tragweite so 
etwas hat wie dasjenige, was ich ja audi Ihnen hier entwickelt habe 



vor zwei Jahren in bezug auf gewisse Geheimgesellschaften, die in der 
Welt existieren. Da aber traf man, selbstverstandlich, mochte ich sagen, 
nur taube Ohren. Denn nichts Unfruchtbareres gab es, als die Stellung 
der Maurerei innerhalb Mitteleuropas in den letzten Jahrzehnten. Das 
zeigte sich schon daran, dafi immer wieder und wieder betont wurde, 
dafi man auf Widerstand stofit, wenn man sick dagegen wehrt, ^lafi 
dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschafl gibt, 
irgendwie amalgamiert werde mit mitteleuropaischem Maurertum. Da- 
gegen trat ein Oberschwatzer auf, der allerlei torichtes, dummes Zeug 
zusammenschwatzte liber Symbolik und dergleichen, der sogenannte 
Nietzsche-Forscher audi, Horneffer; das wurde in weitesten Kreisen 
mit einem grofien Ernste aufgenommen. Der tiefere Grund von alle- 
dem liegt ja allerdings darinnen, dafi gewisse Anforderungen an die 
Menschen gestellt werden, wenn sie sich in anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschafl hineinfinden wollen, und dafi dies nicht so 
leicht geht. Sehen Sie, es gibt heute Agitatoren fur eine Erneuerung 
des Geistes, die den Menschen begreiflich machen, sie brauchten sich 
nur so hinzulegen auf einen Diwan und sich sich selbst zu iiberlassen; 
dann wird das hohere Ich und der Gott, und was weifi ich noch alles, 
im Menschen lebendig, und man braucht nicht so furchtbare BegrifFe 
zu entwickeln, wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schafl. Man braucht nur auf sich selber hinzuhorchen und dann sich 
selber gehenzulassen, dann tritt dieses hohere mystische Ich auf und 
man fuhlt und erf ahrt den Gott in sich selber. 

Ich habe Staatsmanner kennengelernt, die allerdings lieber auf solche 
Gott-Manner horen, die ihnen also empfehlen, das Ich zu suchen auf 
bequemere Weise, als auf anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schafl horen zu wollen. Ein Freund sagte mir jiingst, einer von diesen 
Gott-Bringern hatte ihm, als er noch sein Anhanger war, gesagt: Ach, 
Sie glauben gar nicht, wie dumm ich bin! - Dennoch, derselbe Mann, 
der dieses Bekenntnis: Sie glauben gar nicht, wie dumm ich bin -, abge- 
legt hat, um dadurch anzuzeigen, dafi man keine Gescheitheit braucht, 
um heute den Menschen die Urquellen der Weisheit zu bringen, der- 
selbe Mann findet ein breites Publikum oben und unten, alliiberall. 
Denn man hort solche Menschen lieber als diejenigen, die unbequemer- 



weise von allem Moglichen reden, wenn sie den Menschen zum Er- 
fassen der Aufgabe der Bewufitseinsseele bringen wollen, die von 
einem vierfachen Entwickelungsgang reden, oder gar, dafi die Men- 
schen einander erwarmen sollen, einander farben sollen, einander at- 
men sollen, einander ganz verdauen sollen. Und um zu so etwas vorzu- 
dringen, ist es notig, eine ganze Reihe von Buchern in sich aufzunehmen 
- unbequeme Sadie, hochst unbequeme Sadie! Aber dafi man es als 
eine unbequeme Sadie empfindet, das ist eben zusammenhangend mit 
dem Impulse unserer katastrophalen Zeit, mit dem Ungliick unserer 
Zeit. Aber auch das ruft nicht zu einem Pessimismus auf, sondern ruft 
auf zur Kraft, zur Umsetzung der Erkenntnis in Tat. Und das ist es, 
was nicht oft genug wiederholt werden kann. 

Ich uberlasse es jedem, nachdem ich gestern die harmlose Exempli- 
fizierung von dem Saug- und Druckproblem gegeben habe, ein wenig 
nachzudenken, ob dieses Saug- und Druckproblem nicht doch vielleicht 
sehr wicbtig ist sich zu uberlegen. Es konnte sonst sein, dafi die Leute 
sagen: Nun ja, in Rutland hat das Biirgertum den Anschlu£ an das 
Bauerntum nicht gefunden, aber wir haben es gut, bei uns werden sich 
Burger und Bauern zusammentun, dann wird es schon gehen mit dem 
Sozialismus. - Man bedenkt gar nicht, dafi das naturlich zahlreiche 
Leute auch in Rufiland gesagt haben, und daft es daran gerade Hegt, 
dafi sie es dort gesagt haben. 

Nun, wir werden morgen weiter davon sprechen. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornadi, 27. Oktober 1918 

Ich habe Ihnen aus den versdiiedensten Gesiditspunkten heraus iiber 
dasjenige gesprochen, was Impuls ist oder Impulse sind innerhalb des 
fiinften nachatlantischen Kulturzeitraums. Sie ahnen - denn selbstver- 
standlich konnte ich bisher nur einiges von diesen Impulsen Ihnen hier 
vor das Seelenauge fiihren -, dafi es viele solche Impulse gibt, die man 
versuchen kann aufzugreifen, um gewissermafien die Entwickelungs- 
stromung der Menschheit in unserem Zeitalter zu erfassen. Ich habe 
dann vor, von den Impulsen, die seit dem 15. Jahrhundert innerhalb 
der zivilisierten Welt wirkten, in den nachsten drei Vortragen noch 
insbesondere herauszugreifen die religiosen Impulse, so dafi ich ver- 
suchen werde, eine Art Religionsgeschichte hier vor Ihnen zu ent- 
wickeln. 

Heute mochte ich episodisch etwas besprechen, was vielleicht der 
eine oder der andere unnotig finden konnte, das mir aber doch nahe- 
liegt zu besprechen aus dem Grunde, weil es fur das personliche Dabei- 
sein bei den Impulsen des gegenwartigen Entwickelungszeitraumes der 
Menschheit doch audi von der einen oder anderen Seite her eine Wich- 
tigkeit haben konnte. Ich mochte ausgehen von der Tatsache, dafi sich 
mir personlich in einem gewissen Zeitpunkte die Notwendigkeit er- 
gab, die Impulse der Gegenwart zu ergreifen in den Ausfuhrungen, 
die ich gegeben habe in meiner «Philosophie der Freiheit». 

Sie wissen vielleicht, dafi diese «Philosophie der Freiheit» vor fiinf- 
undzwanzig Jahren, also vor einem Vierteljahrhundert, erschienen ist, 
und dafi sie jetzt eben ihre zweite Auflage erfahren hat. Die «Philo- 
sophie der Freiheit» schrieb ich, im Vollbewufitsein, aus der Zeit her- 
aus zu schreiben, im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts. Wer damals die Art Vorrede gelesen hat, die ich geschrieben 
habe, wird fuhlen, wie dieses Bestreben, aus dem Impulse der Zeit her- 
aus zu schreiben, dazumal durch meine Seele zog. Ich habe diese Vor- 
rede als zweiten Anhang diesmal ganz an den Schlufi gesetzt. Selbst- 
verstandlich, wenn ein Buch nach einem Vierteljahrhundert wieder- 



erscheint, so sind mancherlei andere Bedingungen eingetreten; aber ich 
wollte aus gewissen Grtinden audi gar nichts unterdriicken von dem, 
was in der ersten Auflage dieses Buches gestanden hat. 

Ich schrieb dazumal gewissermafien als Devise meiner «Philosophie 
der Freiheit»: «Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im Ent- 
wickeln unserer individuellen Krafte. Wer von Zweifeln gequalt ist, 
dessen Krafte sind gelahmt. In einer Welt, die ihm ratselhaft ist, kann 
er kein Ziel seines Schaffens finden.» Diese Schrift «soll nicht <den 
einzig m6glichen> Weg zur Wahrheit fuhren, aber sie soil von dem- 
jenigen erzahlen, den einer eingeschlagen hat, dem es urn Wahrheit 
zu tun ist.» 

Ich war, als ich daranging, diese «Philosophie der Freiheit» zu 
schreiben, die in ihren Grundziigen aber schon seit einigen Jahren in 
meinem Kopfe fertig war, kurze Zeit in Weimar, das heifit, die Zeit 
zwischen meiner Ankunft in Weimar und dem Niederschreiben der 
«Philosophie der Freiheit» war noch eine kurze, im ganzen war ich 
ja sieben Jahre in Weimar. Ich war eigentlich schon mit den Ideen 
dieser «Philosophie der Freiheit» nach Weimar hingegangen. Wer da 
will, kann, ich mochte sagen, das ganze Programm dieser «Philosophie 
der Freiheit» in dem letzten Kapitel meiner kleinen Schrift «Wahrheit 
und Wissenschaft» flnden, die ja audi meine Dissertation war. Aber 
in der Dissertation fehlte - selbstverstandlich liefi ich es da fur die 
Dissertation weg - dieses letzte Kapitel, welches das Programm der 
«Philosophie der Freiheit» enthalt. 

Im Grunde genommen hatte sich mir die Idee zur «Philosophie der 
Freiheit» gebildet beim Durchgehen, das ich ja seit langen Jahren zu 
pflegen hatte, durch die Goethesche Weltanschauung. Dieses Durch- 
gehen der Goetheschen Weltanschauung und meine Publikationen auf 
dem Gebiete der Goetheschen Weltanschauung fiihrten ja auch dazu, 
dafi ich dann nach Weimar gerufen wurde zur Herausgabe und Mit- 
arbeit an der grofien Goethe-Ausgabe, die vom Ende der achtziger 
Jahre an inauguriert worden war durch das Goethe- Archiv in Weimar, 
das die Grofiherzogin Sophie von Sach sen-Weimar eingerichtet hatte. 

Dasjenige, was man in Weimar dazumal erleben konnte - verzeihen 
Sie, wenn ich einige Nuancen personlicher Art heute gebe, denn ich 



mochte eben, wie gesagt, die personliche Anteilnahme an den Impulsen 
des fiinften nachatlantischen Zeitraums charakterisieren -, war so, dafi 
eigentlich gerade dazumal in den neunziger Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts in Weimar wie durcheinanderzogen die guten Traditionen 
einer reifen, bedeutungsvollen, inhaltsvollen Kultur, die sich anschlofi 
an dasjenige, was ich Goetheanismus nennen mochte, und in dieses 
traditionelle Goetheanische hinein spielte dazumal in Weimar das- 
jenige, was iibernommen worden war aus der Liszt-Zeit. Es war dazu- 
mal audi schon hineinspielend — da Weimar ja immer durch seine 
Kunstakademie Kunststadt geblieben ist - dasjenige, was geeignet ge- 
wesen ware, wenn es nicht uberstromt worden ware von etwas ande- 
rem, wichtige Anregungen weitgehendster Art zu geben. Denn das 
Alte kann ja nur dann in gedeihlicher Weise sich fortentwickeln, wenn 
das Neue hineinstromt und es befruchtet. So dafi neben dem Goethe- 
anismus, der ja allerdings ein wenig mumienhaft im Goethe-Archiv 
sich verkorperte, das schadete aber nichts, man konnte ihn beleben, 
und ich habe ihn nur immer lebendig aufgefafit, ein rnodernes Leben 
auf kiinstlerischem Gebiete sich entwickelte. Die Maler, die dort lebten, 
sie hatten alle gewisse Impulse neuester Art. Denjenigen, denen ich 
nahetrat, war alien anzumerken, welch tiefgehenden Einflufi ein neuer 
kiinstlerischer Impuls hatte, wie er zumBeispiel in dem Graf en Leopold 
von Kalckreuth lebte, der dazumal eine allerdings allzu kurze Zeit 
gerade das kunstlerische Leben von Weimar in einer auflerordentlichen 
Weise befruchtet hat. Es war im Weimarischen Theater auch noch das- 
jenige vorhanden, was ausgezeichnete, gute alte Traditionen waren. 
Wenn auch da oder dort das Philistertum hineinmurkste, es waren 
doch gute alte Traditionen da. Es war dasjenige, was man schon nen- 
nen kann eine Art Milieu, in dem gewissermafien ein Zusammenstro- 
men von allem Moglichen sich abspielte. 

Dazu kam dann eben gerade das Leben durch das Goethe-Archiv, 
das spater erweitert wurde zu dem Goethe- und Schiller- Archiv. Dieses 
Leben im Goethe-Archiv war ein solches, daft trotz aller philologischen 
Unterlagen, die ja dem Geiste der Zeit nach, und namentlich dem 
Scherers6\tn Geiste nach, der Arbeit im Goethe-Archiv zugrunde lag, 
dafi trotz dieser philologischen Grundlage sich doch ein gewisses reges 



Hineinleben in bessere Impulse der neueren Zeit geltend machen liefi, 
vor alien Dingen dadurch, dafi gewissermafien durch das Goethe- 
Archiv alles stromte an internationaler Gelehrsamkeit. Und wenn 
audi unter den internationalen Gelehrten, die da kamen von Rufiland, 
von Norwegen, von Holland, von Italien, von England, von Frank- 
reich, von Amerika, manches war, was ihnen gewissermafien schon als 
das Oble des gegenwartigen Zeitalters an den Rockscholten anhaftete, 
so war doch audi immer die Moglichkeit vorhanden, das Abfarben 
des Besseren gerade an diesem internationalen Gelehrtenpublikum 
innerhalb Weimars namentlich in jener Zeit, den neunziger Jahren, zu 
erleben. Man konnte alles mogliche erleben, von jenem amerikanischen 
Professor, der eine eingehende, sehr interessante Studie iiber den 
«Faust» bei uns machte, an den ich midi noch lebhaft erinnere, wie er 
da safi auf dem Fufiboden, die beiden Beine iibereinander verschrankt, 
auf dem Fufiboden, weil er das bequemer fand, so neben dem Biicher- 
regal zu sitzen und alles gleich herausfischen zu konnen, ohne erst zum 
Stuhl gehen zu miissen, von diesem Professor bis zum Beispiel zu dem 
polternden Treitschke, den ich einmal bei einem Mittagsmahl traf und 
der - man mufite ihm ja alles auf Zettel schreiben, weil er nidit horte - 
von mir zu wissen verlangte, woher ich kame. Und als ich ihm ant- 
wortete, dafi ich aus Osterreich kame, sagte er darauf gleich, in seiner 
Art charakterisierend - man weifi, wie man Treitschkes Art zu neh- 
men hat -: Nun, aus Osterreich kommen entweder sehr gescheite Leute 
oder Schufte! - Man hatte nun die Wahl, entweder zu dem einen oder 
zu dem andern sich zu rechnen. Aber ich konnte Ihnen unendliche 
Variationen dieses Themas des Hereinspielens des Internationalen in 
das Weimarische Getriebe hier vorerzahlen. 

Manches lernte man audi dadurch recht genau kennen, dafi ja audi 
Leute kamen, die blofi mehr oder weniger eben anschauen wollten, was 
sich erhalten hat, was geblieben war aus der Goethe-Zeit. Es kamen 
audi andere Leute, bei denen man ein reges Interesse hatte namentlich 
f iir die Art und Weise, wie sie dem Goetheanismus nahertreten wollten 
und so weiter. Man braucht nur zu erwahnen, daft in Weimar ja audi 
Richard Strauji seine Anfange durchgemacht hat, die er dann so sehr 
verschlimmbessert hat. Aber dazumal gehorte er tatsachlich zu den- 



jenigen Elementen, bei denen man das musikalische Streben der neue- 
ren Zeit in der, ich mochte sagen, anmutigsten Weise kennenlernen 
konnte. Denn Richard Straufi war in seiner Jugend ein reger Geist, und 
ich gedenke noch mit vieler Liebe an jene Zeit, als Richard Straufi 
immer wieder und wieder kam und einen der anregenden Satze auf- 
gefangen hatte, die in den Gesprachen Goethes mit seinen Zeitgenossen 
zu flnden sind. Die Gesprache Goethes mit seinen Zeitgenossen sind 
von Woldemar Freiherr von Biedermann herausgegeben. Da sind wirk- 
lich Goldkorner vonWeisheit zu flnden. Das alles, umlhnen das Milieu 
des damaligen Weimar, insofern ich Anteil nehmen konnte, zu charak- 
terisieren. 

Immerzu kam wiederum eine vornehme Gestalt, bewahrend die 
Tradition der allerbesten Zeit, ganz abgesehen von allem Furstlichen, 
in das Goethe- und Schiller-Archiv, der damalige Grofiherzog von 
Weimar, Karl Alexander, der nur als Mensch genommen zu werden 
brauchte, um ihn lieb zu haben, um ihn zu schatzen. Er war ja audi 
etwas von einer lebendigen Tradition, denn er war 1818 geboren, hatte 
also noch vierzehn Jahre hindurch in Weimar die Jugend-, die Knaben- 
zeiten gemeinschaftlich mit Goethe verlebt. Es war etwas von einem 
aufierordentlichen inneren Charme gerade in dieser Personlichkeit. Und 
aufierdem konnte man einen wirklich unbegrenzten Respekt gewinnen 
vor der Art und Weise, wie diese Oranierin, die GrofSherzogin Sophie 
von Sachsen, den Goethe-Nachlafi pflegte, wie sie sich widmete alien 
Einzelheiten, die eingerichtet wurden, um den Goethe-Nachlafi wirk- 
lich zu pflegen. Daft spater an die Spitze der Goethe-Gesellschaft ein 
gewesener Finanzminister gerufen worden ist, das lag ganz gewift nicht 
in den Intentionen, die dazumal in Weimar walteten, und ich glaube, 
daft eine ganz grofte Anzahl von Nichtphilistern, die schon dazumal 
audi mit dem verbunden waren, was man Goetheanismus nennt, es 
ebenso, im Spafte selbstverstandlich, ganz freudig begriiften wurden, 
daft vielleicht doch etwas Symptomatisches in dem Vornamen jenes 
gewesenen Finanzministers liegt, der jetzt President der Goethe-Gesell- 
schaft wurde. Er heiftt namlich mit seinem Vornamen Kreuzwendedich. 

Nun, recht stark hineingestellt in dieses Milieu, verfaftte ich meine 
«Philosophie der Freiheit», diese «Philosophie der Freiheit», von der 



idi allerdings glaube, dafi sie einen notwendigen Impuls der Gegen- 
wart erfafite. Ich rede das nicht aus personlicher Albernheit, sondern 
urn zu charakterisieren, was idi eigentlich wollte, und was ich audi 
heute noch wollen mufi mit dieser «Philosophie der Freiheit». Ich 
schrieb diese «Philosophie der Freiheit», um auf der einen Seite die 
Idee der Freiheit, den Impuls der Freiheit, der im wesentlichen der 
Impuls des fiinften nachatlantischen Zeitalters sein mufi - er mufi sich 
herausentwickeln aus denmancherleianderenversplittertenlmpulsen-, 
rein vor die Menschheit hinzustellen. Dazu war ein Doppeltes not- 
wendig. Erstens war notwendig, den Impuls der Freiheit stark zu ver- 
ankern in dem, was man wissenschaftliche Begriindung einer solchen 
Sache nennen kann. Daher 1st der erste Teil meiner «Philosophie der 
Freiheit» derjenige, welchen ich iiberschrieben habe «Wissenschaft der 
Freiheit». Selbstverstandlich war dieser Teil «Wissenschaft der Frei- 
heit» fiir viele etwas Abstofiendes, etwas Unbequemes, denn nun sollte 
man sich zu dem Impuls der Freiheit hinbequemen in der Art, dafi 
man ihn solid verankert fuhlen soil in streng wissenschaftlichen Be- 
trachtungen, die allerdings auf der Freiheit des Gedankens fufiten, die 
nicht verankert waren in demjenigen, was oftmals heute als natur- 
wissenschaftlicher Monismus sich geltend macht. Es hat vielleicht dieser 
Abschnitt «Wissenschaft der Freiheit» einen kampfartigen Charakter. 
Der ist zu erklaren aus der ganzen Geistesstimmung der damaligen 
Zeit heraus. Auseinanderzusetzen hatte ich mich mit der Philosophic 
des 19. Jahrhunderts, mit dem, was die Philosophie des 19.Jahrhun- 
derts liber die Welt gedacht hatte. Denn ich wollte den Freiheitsbegriff 
als Weltbegriff entwickeln, wollte zeigen, dafi nur derjenige die Frei- 
heit verstehen kann und sie auch nur in der richtigen Weise erfiihlen 
kann, der einen Sinn dafvir hat, dafi im menschlichen Inneren sich nicht 
etwas abspielt, was nur irdisch ist, sondern dafi der grofie kosmische 
"Weltprozefi hindurchflutet durch das menschliche Innere und aufgefafit 
werden kann im menschlichen Inneren. Und nur, wenn dieser grofie 
kosmische Weltprozefi im menschlichen Inneren aufgefangen wird, 
wenn er im menschlichen Inneren durchlebt wird, dann ist es moglich, 
durch eine Erfassung des menschlichen Innersten als etwas Kosmischem 
zu einer Philosophie der Freiheit zu kommen. Zu einer Philosophie der 



Freiheit kann derjenige nicht kommen, welcher nach der Anleitung der 
modernen naturwissenschaftlichen Erziehung sein Denken blofi am 
Gangelbande der aufteren Sinnenfalligkeit hinfiihren will. Das ist ge- 
rade das Tragische in unserer Zeit, daft die Mensdien uberall auf 
unsern Hochschulen dazu erzogen werden, ihr Denken am Gangel- 
bande der aufteren Sinnlichkeit zu fiihren. Dadurch sind wir in ein 
Zeitalter hineingeraten, welches mehr oder weniger hilflos ist in alien 
ethischen, sozialen und politischen Fragen. Denn nimmermehr wird 
dasjenige Denken, das sicli nur am Gangelbande der aufteren Sinnlich- 
keit fuhren laftt, in der Lage sein, sich inner lich so zu befreien, daft es 
zu den Intuitionen aufsteigt, zu denen es aufsteigen muft, wenn dieses 
Denken sich betatigen will innerhalb derSphare des menschlichen Han- 
delns. Daher ist der Impuls der Freiheit geradezu ausgeschaltet wor- 
den durch dieses am Gangelbande gefuhrte Denken. 

Das war das erste, was naturlich den Zeitgenossen unbequem war 
an meiner «Philosophie der Freiheit», daft sie sich hatten bequemen 
miissen, nun wirklich zunachst sich durchzuringen in einem sich selbst 
in Zucht nehmenden Denken zu einer Wissenschaft von der Freiheit. 

Der zweite groftere Abschnitt handelt dann von der Wirklichkeit 
der Freiheit. Da kam es mir darauf an zu zeigen, wie die Freiheit im 
aufteren Leben sich ausgestalten muft, wie die Freiheit wirklicher Im- 
puls des menschlichen Handelns, des sozialen Lebens werden kann. 
Da handelte es sich mir darum zu zeigen, wie der Mensch aufsteigen 
kann dazu, sich in seinem Handeln wirklich als freier Geist zu fiihlen. 
Und diejenigen Dinge, die ich dazumal schrieb, sie sind, wie ich meine, 
etwas, was gerade heute, fiinfundzwanzig Jahre hinterher, sehr wohl 
von den Seelen aufgefaftt werden konnte gegeniiber dem, was in der 
aufteren Welt uns entgegentritt. 

Das, was ich niedergeschrieben hatte, war zunachst ein ethischer 
Individualismus. Das heifit, ich hatte zu zeigen, daft der Mensch nim- 
mermehr frei werden konne, wenn nicht sein Handeln entspringe aus 
jenen Ideen, die in den Intuitionen der einzelnen menschlichen Indi- 
vidualitat wurzeln. So daft dieser ethische Individualismus als letztes 
ethisches Entwickelungsziel des Menschen nur anerkannte den soge- 
nannten freien Geist, der sich herausarbeitet sowohl aus dem Zwang 



der Naturgesetze wie auch aus dem Zwang von alien konventionellen 
sogenannten Sittengesetzen, der auf dem Vertrauen fufit, dafi der Mensch 
im Zeitalter, in dem das Bose so anrtickt in seinen Neigungen, wie ich 
das gestern charakterisiert habe, in der Lage ist, wenn er sich zu Intui- 
tionen erhebt, umzuwandeln die bosen Neigungen in dasjenige, was 
gerade fur die Bewufitseinsseele das Gute, das wirklich Menschen- 
wiirdige werden soil. So schrieb ich dazumal: 

«Erst die hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich zum mensch- 
Hchen Handeln so wie die Naturgesetze zu einer besonderen Erschei- 
nung. Sie sind aber durchaus nicht identisch mit den Antrieben, die 
wir unserem Handeln zugrunde legen. Will man erfassen, wodurch 
eine Handlung des Menschen dessen sittlichem Wollen entspringt, so 
mufi man zunachst auf das Verhaltnis dieses Wollens zu der Hand- 
lung sehen.» 

In mir entsprang eine Idee des freien menschlichen Zusammenlebens, 
wie ich es Ihnen von einem anderen Gesichtspunkte aus gerade in 
diesen Tagen hier charakterisiert habe, des freien menschlichen Zusam- 
menlebens, wo nicht nur der einzelne fiir sich auf seine Freiheit pocht, 
sondern wo durch das gegenseitige Verstandnis der Menschen im sozia- 
len Leben die Freiheit als Impuls dieses Lebens auch realisiert werden 
konnte. So schrieb ich dazumal ruckhaltlos: 

«Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verstand- 
nisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen. 
Sie kennen kein anderes Sollen als dasjenige, mit dem sich ihr Wollen 
in intuitiven Einklang versetzt; wie sie in einem besonderen Falle 
wollen werden, das wird ihnen ihr Ideenvermogen sagen.» 

Ich hatte selbstverstandlich mit diesem ethischen Individualismus 
den ganzen Kantianismus dazumal wider mich, denn meine kleine 
Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» beginnt in der Vorrede mit dem 
Satze: Wir miissen iiberKant hinaus. - Ich wollte dazumal den Goethe- 
anismus, der aber der Goetheanismus vom Ende des 19. Jahrhunderts 
war, durch die sogenannten Intellektuellen, durch diejenigen, die sich 
die Intellektuellsten nennen, an das Zeitalter heranbringen. Daft ich 
damit nicht besondere Erfahrungen gemacht habe, das kann Ihnen ja 
mein Aufsatz, den ich jiingst im «Reich» geschrieben habe, besonders 



meine Beziehungen zu Eduard von Hartmann, zeigen. Aber wie mufi- 
ten audi diese Zeitgenossen, die nach und nach in das voile Philisterium 
hineinzusegeln die Absicht hatten, sich abgestofien fiihlen von einem 
Satze, der jetzt auf Seite 176 der «Philosophie der Freiheit» steht: 
«Wenn Kant von der Pflicht sagt: <Pflicht! du erhabener, gro£er Name, 
der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich fiihrt, in dir fas- 
sestj sondern Unterwerfung verlangst>, der du <einGesetz aufstellst . . 
vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im geheimen 
ihm entgegenwirken>, so erwidert der Mensch aus dem Bewufttsein des 
freien Geistes: <Freiheit! du freundlicher, menschlicher Name, der du 
alles sittlich Beliebte, was mein Menschentum am meisten wiirdigt, in 
dir fassest, und mich zu niemandes Diener machst, der du nicht bloft 
ein Gesetz aufstellst, sondern abwartest, was meine sittliche Liebe 
selbst als Gesetz erkennen wird, weil sie jedem nur aufgezwungenen 
Gesetze gegeniiber sich unfrei fuhlt.»> 

So im Empirischen die Freiheit zu suchen, die zugleich auf einer solid 
wissenschaftlichen Grundlage auferbaut sein sollte, das war eigentlich 
das Bestreben, welches der «Philosophie der Freiheit» zugrunde lag. 
Freiheit ist dasjenige, was als Wort einzig und allein einen unmittel- 
baren Wahrheitsklang in unserer Zeit haben kann. Wenn man Freiheit 
so verstehen wiirde, wie es dazumal gemeint war, so wiirde ein ganz 
anderer Ton hineinkommen in all das, was heute iiber die Weltordnung 
iiber den Erdball hin gesprochen wird. Heute redet man von alien 
moglichen anderen Sachen. Wir reden von Rechtsfrieden, von Gewalt- 
frieden und so weiter. Alle diese Dinge sind Schlagworte, weil weder 
Recht noch Gewalt mit ihren urspriinglichen Bedeutungen noch zu- 
sammenhangen. Recht ist heute ein vollstandig verworrener Begriff. 
Freiheit allein ware dasjenige, welches, wenn es die Zeitgenossen an- 
genommen hatten, diese Zeitgenossen zu elementaren Impulsen, zur 
Auffassung der Wirklichkeit hatte bringen konnen. Wiirde man statt 
von den Schlagworten Rechtsfriede, Gewaltfriede, einigermafien auch 
reden konnen von Freiheitsfriede, dann wiirde das Wort durch die 
Welt rollen, welches in diesem Zeitalter der Bewufitseinsseele einige 
Sicherheit in die Seelen hineinbringen konnte. Selbstverstandlich ist 
auch dieses zweite grofiere Kapitel in gewisser Beziehung ein Kampf- 



Kapitel geworden, denn es mufite alles abgewehrt werden, was aus der 
philistrosen Welt heraus, aus dem billigen Schablonentum heraus, aus 
der Anbeterei aller moglichen Autoritaten sidi gegen diese Auffassung 
des freien Geistes wenden konnte. 

Trotzdem sich nun einzelne Menschen fanden, die gespiirt haben, 
welcher Wind eigentlich durch die «Philosophie der Freiheit» went, 
ist es aufierordentlich schwierig gewesen und eigentlich gar nicht ge- 
gangen, irgendwie die Zeitgenossen fur das gestimmt zu linden, was in 
der «Philosophie der Freiheit» geschrieben war. Zwar schrieb dazumal, 
aber das sind eben vereinzelte Vogel geblieben, ein Mann in der«Frank- 
furter Zeitung» von diesem Buche: Klar und wahr, das sei die Devise, 
die man diesem Buche auf die erste Seite schreiben konnte. Aber die 
Zeitgenossen verstanden wenig von dieser Klarheit und Wahrheit. 

Nun fiel dieses Buch - und das hat gar nicht auf seinen Inhalt, wohl 
aber auf die Tendenz gewirkt, dafi der Glaube hatte bestehen konnen, 
doch bei einigen Zeitgenossen Verstandnis zu finden - hinein in die 
Zeit, als gerade, man kann schon sagen, durch die ganze zivilisierte 
Welt dazumal die Nietzsche- Welle ging. Und zwar war dies, was ich 
jetzt meine, die erste Nietzsche- Welle, jene erste Nietzsche- Welle, wo 
man verstand, wie durch Nietzsches oftmals gewifi krank wirkenden 
Geist grofie, bedeutsame Zeitimpulse hindurch wallten. Und man 
konnte hoffen, bevor es Leuten wie dem Graf en Kefiler oder ahnlichen, 
auch Nietzsches Schwester im Verein mit solchen Menschen wie etwa 
dem Berliner Kurt Breysig oder dem schwatzendenHorneffer gelungen 
ist, das Bild zu verzerren, dafi durch die Vorbereitung, welche ein 
gewisses Publikum durch Nietzsche gefunden hatte, auch solche Frei- 
heitsideen einigermafien sich einleben konnten. Allerdings konnte man 
das nur so lange hoffen, bis durch die angefuhrten Leute Nietzsche in 
das moderne Dekadententum, man konnte sagen, in das literarische 
Gigerltum, Snobtum - ich weifi nicht, wie ich, um verstanden zu wer- 
den, den Ausdruck wahlen soli - hineingesegelt worden ist. 

Dann hatte ich ja, nachdem die «Philosophie der Freiheit» geschrie- 
ben war, zunachst zu studieren, wie sich da oder dort das weiter ent- 
wickelte. Ich meine nicht die Ideen der «Philosophie der Freiheit», denn 
ich wufite sehr gut, dafi in der ersten Zeit sehr wenige Exemplare des 



Buches verkauft worden sind, sondern ich meine diejenigen Impulse, 
aus denen herausgegriffen waren die Ideen der «Philosophie der Frei- 
heit». Ich hatte das zunachst nodi eine Anzahl von Jahren von Wei- 
mar aus zu studieren, was aber einen guten Gesichtspunkt schon abgab. 

Ein Publikum, auf das vielleicht viele als auf ein bangliches zuriick- 
schauen, ein Publikum fand ja die «Philosophie der Freiheit». Sie war 
erst kurze Zeit erschienen, da fand sich gewissermafien eine Art von 
bis zu einer gewissen Grenze gehender Zustimmung zur «Philosophie 
der Freiheit» innerhalb derjenigen Kreise, welche am besten vielleicht 
charakterisiert sind durch die beiden Namen des Amerikaners Ben- 
jamin Tucker und des schottischen Deutschen oder deutschen Schotten 
John Henry Mackay. Es war dies in dem nun immer mehr und mehr 
hereinbrechenden Philisterium selbstverstandlich nicht gerade ein Emp- 
fehlungsscliein, weil diese Leute zu den radikalsten Erstrebern einer 
auf freie Geistigkeit aufgebauten sozialen Ordnung gehorten, und 
weil man, wenn man gewissermafien protegiert wurde von diesen 
Leuten, wie es ja eine Zeitlang der «Philosophie der Freiheit» geschah, 
sich dadurch hochstens das Anrecbt erwarb, dafi nicht nur die «Philo- 
sophie der Freiheit», sondern auch andere meiner spater erscheinenden 
Schriften zum Beispiel nach Rufiland von der Zensur nie durchgelassen 
worden sind. Das «Magazin fiir Liter atur», das ich spater, nach Jahren 
herausgegeben habe, ist aus diesem Grunde auf seinen meisten Spalten 
schwarz angestrichen nach Rufiland gewandert, und so weiter. Nur 
war diese Bewegung, um die es sich da handelte und die man durch 
Namen wie Benjamin Tucker und John Henry Mackay charakteri- 
sieren kann, allmahlich, ich mochte sagen, versandet in dem herauf- 
kommenden Philisterium des Zeitalters. Und im Grunde genommen 
war auch die Zeit dem Verstandnisse der «Philosophie der Freiheit» 
nicht besonders giinstig. Ich konnte ruhig diese «Philosophie der Frei- 
heit» vorlaufig liegen lassen. Jetzt scheint mir aber allerdings die Zeit 
gekommen zu sein, wo diese «Philosophie der Freiheit» wenigstens 
wieder da sein raufi, wo von den verschiedensten Seiten doch vielleicht 
die Seelen kommen werden, die Fragen stellen, welche in der Richtung 
dieser «Philosophie der Freiheit» liegen. 

Gewifi, Sie konnen sagen, es ware immerhin moglich gewesen die 



ganzen Jahre her, die «Philosophie der Freiheit» neu aufzulegen. Ich 
zweifle ja audi nicht daran, dafi man im Laufe der Jahre viele Auf- 
lagen hatte absetzen konnen. Aber es ware eben dabei geblieben, dafi 
die «Philosophie der Freiheit» verkauft worden ware. Und darum 
handelt es sich mir bei meinen wichtigsten Buchern wahrlich nicht, daft 
sie in so und so viel Exemplaren durch die Welt wandeln, sondern 
darum handelt es sich mir, daft sie verstanden und in ihrem eigent- 
lichen inneren Impuls aufgenommen werden. 

Dann, im Jahre 1897, kam ich von Weimar nach Berlin. Ich trat aus 
jenem Milieu heraus, von dem aus ich gewissermafien von aufien die 
Entwickelung der Zeit zu verfolgen hatte. Ich kam nach Berlin. Ich 
hatte, als Neumann-Hofer das «Magazin» aufgegeben hatte, es er- 
worben, um eine Tribune zu haben, Ideen, welche ich fur wirklich im 
wahren Sinne des Wortes zeitgemafi hake, vor der Welt vertreten zu 
konnen. Alierdings, schon als bald nach meinem Eintreten in das 
«Magazin» mein Brief wechsel mit John Henry Mackay erschien, tanzte 
das friihere Philisterium, aus dem die Abonnenten des «Magazin» be- 
standen, durchaus nicht freudig, und ich bekam von alien Seiten die 
Vorwurfe: Ja, was macht denn der Steiner eigentlich aus diesem alten 
«Magazin», was soil das werden? - Die ganze Berliner Professoren- 
schaft, die dazumal, soweit sie fur Philologisches oder fur Literatur 
interessiert war, noch das «Magazin» abonniert hatte — es war im 
Jahre 1832, also schon in Goethes Sterbejahr begriindet worden, was 
unter anderm audi einer der Griinde war, warum die Professorenwelt 
es abonniert hatte -, diese Professorenwelt bestellte nun bald nach und 
nach das «Magazin» ab. Und ich hatte audi bei der Herausgabe des 
«Magazin» eben durchaus das Talent, die Leute vor den Kopf zu 
stofien, nicht das Zekalter, aber die Leute vor den Kopf zu stofien. 

Ich mochte nur an eine kleine Episode dabei erinnern. Unter den- 
jenigen Mannern innerhalb der zeitgenossischen Geisteskultur, die sich 
am allerintensivsten einsetzten fiir dasjenige, was ich auf dem Gebiete 
des Goetheanismus geleistet hatte, befand sich ein Professor an einer 
Universitat. Ich erzahle nur eineTatsache.Diejenigen, die mich kennen, 
werden es mir nicht als eine Albernheit auslegen, wenn ich Ihnen sage, 
daft mir jener Professor im «Russischen Hof » in Weimar einmal gesagt 



hat: Ach, gegeniiber dem, was Sie iiber Goethe gesdirieben haben, ver- 
Jblafit doch alles, was wir irgendwie Unbedeutendes in Ankniipfung an 
Goethe sagen konnen. - Ich erzahle eine Tatsache, und ich sehe nicht 
ein, warum unter den Verhaltnissen, wie sie geworden sind, man just 
solche Dinge verschweigen soil. Denn schliefilich bleibt ja doch auch der 
zweite Teil des Goetheschen Ausspruchs wahr - der erste Teil ist ja 
nicht von Goethe — : Eitel Eigenlob stinkt, aber wie fremder ungerech- 
ter Tadel duftet, dariiber unterrichten sich die Leute eben seltener. 

Nun, jener selbige Literaturprof essor, der mir dieses gesagt hatte, war 
auch Abonnent des «Magazin». Sie wissen ja, welche weltgeschicht- 
lichen Fragen dazumal der Dreyfus-Prozeft aufgewirbelt hat. Ich hatte 
im «Magazin» nicht nur iiber den Dreyfus-Prozefi selber eine Mit- 
teilung gemacht, die eigentlich nur von mir gemacht werden konnte, 
sondern ich war auch mit aller Energie eingetreten fur die beriihmte 
Rede, welche dazumal als «J 5 accuse-Rede» Emile Zola fiir Dreyfus 
gehalten hat. Ich bekam darauf von jenem Literaturprof essor, der mir 
friiher manches Anbeterische in allerlei Briefen geschrieben hat, es auch 
hat drucken lassen, ich konnte es heute noch zeigen, auf einer Post- 
karte die Nachricht: Hierdurch bestelle ich das «Magazin fiir Lite- 
ratur» ein fiir allemal ab, da ich ein Organ, das fiir den sein Vaterland 
verratenden Judensoldling Emile Zola eintritt, nicht in meiner Biblio- 
thek dulden mag. - Das ist nur eine solche Episode, die ich, ich darf 
schon sagen in diesem Falle, ins Hundertfache vermehren konnte. Es 
wiirde sich manches Charakteristische ergeben, wenn ich Ihnen er- 
zahlen wiirde, in welche Kenntnis erweckenden Zusammenhange mich 
dann die Redaktion des «Magazin fiir Literatur» gebracht hat. Sie 
brachte mich ja auch in Zusammenhang mit alledem, was jung auf- 
strebte im modernen Kunst- und Literatentum. Nun ja, auch das ist 
ein Kapitel, ich mochte sagen, das sich anschliefit an die Geschichte der 
«Philosophie der Freiheit». 

Ich war nach Berlin gekommen, vielleicht naiverweise, um zu beob- 
achten, wie durch soldi eine Tribune wie das «Magazin» sich Zukunfts- 
ideen einleben konnten bei einigen Menschen, wenigstens solange die 
materiellen Mittel vorhielten, die das «Magazin» zur Verfiigung hatte, 
und solange das alte Ansehen, das ich allerdings grundlich untergrub, 



vorhielt. Aber ich konnte ja naiverweise zusehen, wie sidi solche Ideen 
unter derjenigen Bevolkerung ausbreiteten, die sidi ihre Weltanschau- 
ung auf den die Menschen so sehr vergriindlichenden Bierphilister Wil- 
helm Bolsche und ahnliche Helden aujFbaute. Das alles waren aufier- 
ordentlich interessante Studien, die man machen konnte und die nach 
den versdiiedensten Richtungen hin mancherlei Aufschlusse gaben iiber 
dasjenige, was in der Zeit steckt und nicht steckt. 

Durch meine Freundschaft mit Otto Erich Hartleben kam ich dann 
eigentlich mit alien oder wenigstens mit einer grofien Zahl der jung 
aufstrebenden Literaten, die zum grofien Teil jetzt schon wieder ab- 
gewirtschaflet haben, gerade in der damaligen Zeit zusammen. Ob ich 
nun in diese Gesellschaft hineinpafite oder nicht, das habe ich nicht zu 
entscheiden. Eines der Mitglieder dieser Gesellschaft hat jiingst einen 
Artikel in der «Vossischen Zeitung» geschrieben, worin er mit einer 
gewissen Pedanterie zu beweisen versucht, dafi ich allerdings in diese 
Gesellschaft nicht hineingepafit hatte und mich ausgenommen hatte 
wie ein «freischweifender unbesoldeter Gottesgelehrter» innerhalb von 
Leuten, die eben allerdings nicht freischweifende unbesoldete Gottes- 
gelehrte waren, aber die wenigstens junge Literaten waren. 

Vielleicht interessiert Sie auch das als eine Episode, wie ich gerade 
zu der wirklich eine Zeitlang anhanglichen Freundschaft Otto Erich 
Hartlebens gekommen bin. Es war noch wahrend meiner Weimarer 
Zeit. Er kam zwar immer nach Weimar zu den Goethe- Versamm- 
lungen, die er aber regelmafiig verschlief, denn er hatte es zu seiner 
Lebensgewohnheit gemacht, erst um zwei Uhr nachmittags aufzu- 
stehen, und um zehn Uhr fingen die Goethe- Versammlungen an. Wenn 
die Goethe- Versammlungen aus waren, besuchte ich ihn und traf ihn 
dann regelmafiig noch im Bette. Dann safien wir aber abends noch 
zuweilen zusammen. Und seine besondere Anhanglichkeit, die dauerte, 
bis die ja viel Staub aufwirbelnde, sich um mich herumspinnende 
Nietzsche- AfTare auch diesen Otto Erich Hartleben von mirwegbrachte. 
Wir saften zusammen, und ich weifi, wie er Freundschaftsfunken fing, 
als ich dazumal mitten im Gesprach epigrammatisch die Worte hin- 
warf: Schopenhauer ist eben ein borniertes Genie gewesen. - Das gefiel 
Otto Erich Hartleben. Es gefiel ihm an demselben Abend, als ich noch 



manches andere sprach, so dafi der spater bekannt gewordene Max 
Martersteig iiber meine Reden aufsprang und sagte: Reizen Sie mich 
nicht, reizen Sie mich nicht! 

Nun ja, an einem der Abende, die dazumal im Kreise des hoffnungs- 
vollen Otto Erich Hartleben und des hoffnungsvollen Max Martersteig 
und anderer Leute zugebradit worden waren, entstand ja audi die 
erste Serenissimus-Anekdote, von der ja alle Serenissimus-Anekdoten 
ihren Ausgangspunkt genommen haben. Ich mochte dieses nicht un- 
erwahnt lassen, es gehort ganz gewifilich zu dem Milieu der «Philo- 
sophie der Freiheit», denn die Stimmung der « Philosophic der Frei- 
heit» lag doch wenigstens iiber dem Kreise, in dem ich verkehrte, und 
ich weifl heute noch, welche Anregung - wenigstens hat er es so ge- 
sagt - Max Halbe gerade von der «Philosophie der Freiheit» emp- 
fangen hat. Also diese Leute haben sie schon gelesen, und es ist manches 
aus der «Philosophie der Freiheit» an Impulsen eingeflossen in man- 
ches, was immerhin in der Welt weht. Diese Ur-Serenissimus-Anek- 
dote, von der dann alle anderen Serenissimus-Anekdoten Kinder sind, 
ist also durchaus nicht hervorgegangen aus einer Stimmung, um, sagen 
wir, sich blofi lustig zu machen iiber irgendeine Personlichkeit, sondern 
sie ist hervorgegangen aus jener Stimmung, die audi verknupft sein 
mufi mit dem, was der Impuls der «Philosophie der Freiheit» ist: mit 
einer gewissen humoristischen Lebensauffassung, oder, wie ich oftmals 
sage, mit einer gewissen unsentimentalen Lebensauffassung, die ins- 
besondere dann notwendig ist, wenn man sich auf den Standpunkt des 
intensivsten geistigen Lebens stellt. Diese Ur-Anekdote, sie ist ja diese. 

Serenissimus besucht das Zuchthaus seines Landes, und er will sich 
einen Strafling vorfiihren lassen, worauf ihm ein Strafling wirklich 
vorgefiihrt wird. Er stellt dann eine Reihe von Fragen an diesen Straf- 
ling: Wie lange halten Sie sich hier auf? - Bin schon zwanzig Jahre 
hier. - Schone Zeit das, schone Zeit, zwanzig Jahre, schone Zeit das! 
Was hat Sie denn veranlafit, mein Lieber, hier Ihren Aufenthaltsort 
zu nehmen? - Ich habe meine Mutter ermordet. - Ach so, so! Merk- 
wiirdig, hochst merkwurdig, Ihre Frau Mutter haben Sie ermordet? 
Merkwiirdig, hochst merkwurdig! Ja, sagen Sie mir, mein Lieber, wie 
lange gedenken Sie sich noch hier aufzuhalten? - Bin lebenslanglich 



verurteilt. - Merkwiirdig! Schone Zeit das! Schone Zeit! Na, ich will 
Hire kostbare Zeit nicht weiter mit Fragen in Anspruch nehmen. Mein 
lieber Direktor, diesem Manne werden die letzten zehn Jahre seiner 
Strafe in Gnaden erlassen. 

Nun, das war die Ur-Anekdote. Sie war durchaus nicht hervor- 
gegangen aus einer niedertrachtigen Stimmung, sondern sie war her- 
vorgegangen aus einem Humoristisch-Nehmen desjenigen, was, wenn 
es not tut, durchaus audi in alien seinen ethischen Werten genommen 
werden konnte und so weiter. Ich bin iiberzeugt davon, daft, wenn es 
je hatte vorkommen konnen, dafi die Personlichkeit, auf die, vielleicht 
mit Unrecht, diese Anekdote vielfach gemiinzt wurde, diese Anekdote 
selber gelesen hatte, sie herzlichst dariiber gelacht hatte. 

Dann konnte ich, wie gesagt, in Berlin beobachten, sehen, wie in dem 
Kreise, den ich Ihnen eben angegeben habe, versucht wurde, etwas von 
der neuen Zeit heraufzufiihren. Aber es spielte ja schlieftlich in alles 
ein wenig Bolsche hinein, und ich meine damit naturlich nicht den in 
Friedrichshagen wohnhaften dicken Bolsche allein, sondern ich meine 
die ganze Bolscherei, die ja in der Philisterwelt unserer Zeit eine aufier- 
ordentlich breite Rolle spielt. Schon die ganze saftige Art der Dar- 
stellungen des Bolsche ist ja fiir unsere Zeitgenossen so ganz besonders 
geeignet. Nicht wahr, wer Bolsches AufsiLtze liest, raufi alle Augen- 
blicke irgend etwas von Exkrementen oder dergleichen in die Hand 
nehmen. So ist sein Stil: Man nehme nur ja recht das und das in die 
Hand -, und es sind nicht immer blofi Quallen, die man in die Hand 
zu nehmen hat, wozu er einen einladet, daft man es in die Hand neh- 
men soil, sondern es ist wahrhaftig noch manches andere, was man da 
in die Hand zu nehmen hat. Aber diese Bolscherei ist so recht ein 
Leckerbraten fiir das in dieser Zeit heraufkommende Philistertum ge- 
worden. 

Es war ja nicht gerade eine richtige Art, das «Magazin» zu lancieren, 
was ich eines Tags in einer Nummer des «Magazins» tat. Der Max 
Halbe hatte eben seinen «Eroberer» auf fiihren lassen, der sicherlich das 
Stuck mit dem besten Halbe- Wollen ist, das aber deshalb grandios 
durchgef alien ist in Berlin, und ich habe eine Kritik geschrieben, iiber 
die Max Halbe in heller Verzweif lung war, denn ich habe alle Berliner 



Zeitungen durchgenommen und einem nach dem anderen der Berliner 
Theaterkritiker das Notige gesagt uber ihren Verstand. Es war nicht 
gerade die riditige Art, das «Magazin» zu lancieren. Und so, nidit 
wahr, wurde das eine schone Studienzeit. Man konnte wiederum in 
vieles von einem anderen Gesichtspunkte aus hineinschauen als von 
Weimar aus. Immer stand bei mir im Hintergrunde die Frage: Wie 
konnte die Zeit so etwas aufnehmen, wie es die Ideen der «Philosophie 
der Freiheit» sind? - Man wird schon, wenn man will, durch alles das, 
was ich in dem «Magazin fur Literatur» geschrieben habe, den Geist 
der «Philosophie der Freiheit» wehen sehen. Docli das «Magazin fur 
Literatur» wurde nicht in das moderne Philistertum hineinlanciert. 
Ich aber wurde selbstverstandlich unter diesen verschiedenen Einflus- 
sen nach und nach durch das moderne Philistertum herauslanciert. 

Da bot sich gerade Gelegenheit, eine andere Tribune zu finden ange- 
sichts der grofien Fragen, welche um die Jahrhundertwende alle Welt 
bewegten und mit denen ich ja schon in so innige Beziehungen getreten 
war durch John Henry Mackay, durch Tucker, der von Amerika nach 
Berlin gekommen war und mit dem sehr interessante Abende zugebracht 
worden waren. Es bot sich mir die Gelegenheit, eine andere Tribune 
zu finden. Es war die Tribune der sozialistischen Arbeiterschaft. Und 
ich habe Jahre hindurch den Unterricht auf den verschiedensten Ge- 
bieten geleitet in der Berliner Arbeiterbildungsschule, von da ausgehend 
dann in alien moglichen Vereinigungen der sozialistischen Arbeiter- 
schaft Vortrage gehalten, da ich nach und nach aufgefordert worden 
bin, nicht nur diese Vortrage zu halten, sondern mit den Leuten auch 
Redeiibungen zu treiben. Die Leute waren ja nicht nur darauf aus, das- 
jenige klar kennenzulernen, was ich Ihnen in diesen Tagen ausein- 
andergesetzt habe, sondern sie waren immer darauf aus, wirklich auch 
reden zu konnen, das vertreten zu konnen, was sie als das Richtige 
glaubten vertreten zu miissen. Da gab es selbstverstandlich iiber alle 
moglichen Gebiete die eingehendsten Diskussionen in alien moglichen 
Kreisen. Es war wiederum ein anderer Gesichtspunkt, die Weltent- 
wickelung der neueren Zeit kennenzulernen. 

Nun, gerade innerhalb dieser Kreise konnte man interessant finden, 
wie eines nicht hineinspielen durfte, und das ist dasjenige, was fur die 



heutige Zeit und ihr richtiges Verstandnis von so unendlicher Wichtig- 
keit ist. Ja, ich konnte von allem moglichen spredien - denn wenn man 
sachlich spricht, kann man heute, ganz abgesehen von Standpunkten 
der proletarisdien Bevolkerung, von allem moglichen sprechen -, just 
nicht von Freiheit. Von Freiheit zu sprechen, das erschien als das aufier- 
ordentlich Gefahrliche. Ich hatte nur einen einzigen Anhanger, der 
immer aufstand, wenn ich meine Freiheitstiraden, wie sie selbstver- 
standlich die anderen nannten, gehalten hatte und der hierbei an mei- 
ner Seite stand. Ich weifi nicht, was aus ihm geworden ist. Es war der 
Pole Siegfried Nacht, der immer an meine Seite getreten ist, wenn es 
sich darum handelte, gerade die Freiheit gegentiber dem Sozialismus 
mit seinem absolut unfreien Programm zu betrachten. 

Wer die heutige Zeit betrachtet mit alledem, was heraufzieht, der 
wird finden, dafi in dem, was heraufzieht, gerade dasjenige fehlt, was 
die «Philosophie der Freiheit» will. Die «Philosophie der Freiheit» 
begriindet in einer freien, geistigen Denkerarbeit eine zwar mit der 
Naturwissenschafl vollig im Einklang stehende, aber iiber die Natur- 
wissenschaft eben frei hinausgehende Wissenschaft von der Freiheit. 
Dieser Teil, der macht es moglich, dafi wirklich freie Geister sich inner- 
halb der heutigen sozialen Ordnung ausbilden kdnnten. Denn wiirde 
die Freiheit blofi als Wirklichkeit der Freiheit ergriffen ohne die solide 
Grundlage der Wissenschaft von der Freiheit, so wiirde im Zeitalter, 
in dem sich das Bose so einnistet, wie ich es gestern charakterisiert habe, 
die Freiheit notwendigerweise nicht fiihren miissen zu freien Geistern, 
sondern zu zuchtlosen Geistern. Einzig und allem in der strengen 
inneren Zucht, welche in dem nicht am Gangelbande der Sinne leben- 
den Denken gefunden werden kann, in wirklich denkerischer Wissen- 
schaft ist dasjenige zu finden, was fur das gegenwartige Zeitalter, das 
die Freiheit realisieren mufi, eben notwendig ist. 

Aber was dem, was sich als radikale Partei herauferhebt, was schon 
seine Impulse geltend machen wird auch gegen die ihre Zeit grundlich 
mifiverstehenden Nationalisten aller Schattierungen, was diesem Sozia- 
lismus fehlt, das ist die Moglichkeit, zu einer Wissenschaft der Freiheit 
zu kommen. Denn wenn es eine fur die Gegenwart wichtige Wahrheit 
gibt, so ist es die: Von dem Vorurteil des alten Adels, des alten Burger- 



turns, der alten militaristischen Ordnungen hat sidi der Sozialismus 
freigemacht. Dagegen ist er um so mehr verf alien dem Glauben an die 
unfehlbare materialistisdie Wissenschaft, an den Positivismus, wie er 
heute gelehrt wird. Dieser Positivismus, von dem ich Ihnen zeigen 
konnte, daft er nichts anderes ist als die Fortsetzung des Beschlusses 
vom achten okumenischen Konzil von Konstantinopel, 869, dieser 
Positivismus ist dasjenige, welches wie ein unfehlbarer abstrakter 
Papst gerade die radikalsten Parteien bis zum Bolschewismus hin mit 
eisernen Fangklammern umgibt und sie hindert, irgendwie ins Reich 
der Freiheit hereinzukommen. 

Das ist auch der Grund, warum, audi wenn er noch so sehr sich 
geltend machen wird, dieser Sozialismus, der nicht begriindet ist in der 
Entwickelung der Menschheit, nichts anderes kann, als vielleicht lange 
Zeit die Welt erschuttern, aber niemals kann er sie erobern. Dies ist 
auch der Grund, warum er nicht selber die Schuld hat an dem, was er 
schon verschuldet hat, sondern warum die anderen die Schuld haben, 
jene, die ihn nicht zu einem Druckproblem, wie ich gezeigt habe, son- 
dern zu einem Saugproblem werden Hefien, werden lassen wollen. 

Gerade diese Unmoglichkeit, aus der Umklammerung der positivisti- 
schen Wissenschaft, der materialistischen Wissenschaft loszukommen, 
das ist das Charakteristische der modernen Arbeiterbewegung von dem 
Standpunkte aus, der seinen Gesichtspunkt bei der Entwickelung der 
Menschheit sucht und nicht bei den, seien es veralteten Ideen des Biir- 
gertums, oder seien es oftmals neue Ideen genannte sozialen Ideen, 
oder dem Wilsonismus und so weiter. 

Nun, ich habe ofter erwahnt, dafi es ja sehr gut ginge, in die Arbeiter- 
schaft geistiges Leben hineinzubringen. Aber die Fiihrerschaft der Ar- 
beiterschaft will das nicht haben, was nicht auf marxistischem Boden 
gewachsen ist. Und so wurde ich ja auch da nach und nachherauslanciert. 
Ich lancierte Geist, versuchte es, es %e\zn% auch bis zu einem gewissen 
Grade, aber mich lancierte man nach und nach heraus. Als ich das ein- 
mal geltend machte in einer Versammlung, wo alle meine Schiller 
waren, die nach Hunderten zahlten, und nur vier Leute waren, die von 
der Parteileitung gegen mich hineingeschickt waren, aber die doch be- 
wirkten, daft ich natiirlich nicht bleiben konnte - ich hore noch lebhaft, 



wie ich sagte: Nun, wenn man schon will, dafi der Sozialismus irgend- 
wie etwas zu tun habe mit der Entwickelung nach der Zukunft hin, so 
mufi er docli die Freiheit des Lehrens, die freien Ideen gelten lassen 
da rief einer der abgeschickten Trabanten der Parteileitung: Es kann 
sich innerhalb unserer Partei und deren Schulen nicht handeln um Frei- 
heit, sondern um einen vernunftigen Zwang. - Solche Dinge charak- 
terisieren, ich mochte sagen, tief symptomatisch dasjenige, was pulst 
und west in unserer Zeit. 

Man mufi die Zeit auch an ihren bedeutungsvollen Symptomen er- 
fassen. Man soil ja nicht glauben, dafi das moderne Proletariat nicht 
nach geistiger Nahrung drangt. Es drangt furchtbar und intensiv dar- 
nach. Aber die Nahrung, die geboten wird, sie ist zum Teil diejenige, 
auf die ohnedies das moderne Proletariat schwort, namlich die posi- 
tivistische Wissenschaft, die materialistische Wissenschaft, oder zum 
Teil ist es unverdauliches Zeug, das den Leuten eben Steine statt Brot 
gibt. 

Sie sehen, die «Philosophie der Freiheit» mufite sich auch da stofien, 
weil gerade ihr Fundamentalimpuls, der Freiheitsimpuls, keinen Platz 
hat in dieser modernsten Bewegung. 

Dann, noch ehe dieses gewissermafien zu Ende gegangen war, kam 
das andere. Ich wurde aufgefordert, in der Berliner «Theosophischen 
Gesellschaft» einen Vortrag zu halten, der dann dazu fuhrte, dafi ich 
einen ganzen Winter hindurch Vortrage zu halten hatte. Ich habe das 
erzahlt in der Vorrede zu meiner «Mystik im Aufgange des neuzeit- 
lichen Geisteslebens». Und das Ganze brachte dann das von verschie- 
denen Seiten her Ihnen ja erzahlte Verhaltnis zur sogenannten theo- 
sophischen Bewegung. Es mufi immer wieder betont werden, weil das 
immer wieder verkannt wird, dafi ich niemals irgendwie gesucht habe 
Anschlufi an die Theosophische Gesellschaft. So albern es klingt: die 
«Theosophische Gesellschaft» hat Anschlufi an mich gesucht. Und als 
mein Buch «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» 
erschienen ist, wurde es nicht nur in vielen Kapiteln fiir die «Theo- 
sophical Society » in England iibersetzt, sondern Bertram Keightley 
und George Mead, die dazumal eine hohe Stellung einnahmen in der 
«Theosophical Society», sagten mir: Da steht eigentlich alles das schon 



drin, und zwar in einer richtigen Weise, was wir zu verarbeiten 
haben. - Ich hatte dazumal iiberhaupt nodi nichts von den Biichern der 
«Theosophical Society» gelesen, und las es dann - idi hatte immer 
einen kleinen Horror davor - mehr oder weniger «amtlich». 

Aber es handelte sich darum, gewissermaften den Zuschnitt, den 
Impuls audi da aus dem Wirken und Wesen und Weben der Zeit her- 
aus zu ergreifen. Man hatte mich aufgefordert einzutreten. Ich konnte 
mit Fug und Recht eintreten, folgend meinem Karma, weil ich viel- 
leicht eine Tribune finden konnte, um das, was ich zu sagen hatte, vor- 
zubringen. Allerdings, man mufite viel Plackereien iibernehmen. Ich 
mochte wiederum einiges nur symptomatologisch andeuten. So zum 
Beispiel versuchte ich, als ich das erstemal teilnahm an einem Kongrefi 
der «Theosophical Society» in London, einen gewissen Gesichtspunkt 
hineinzubringen. Ich hielt eine ganz kurze Rede. Es war in der Zeit, 
als eben die Entente cordiale geschlossen worden war, und als alles 
unter dem Eindrucke der eben abgeschlossenen Entente cordiale stand. 
Ich hatte versucht zu charakterisieren, dafi es sich in der Bewegung, die 
die «Theosophical Society* darstellen will, nicht darum handeln kann, 
von irgendeinem Zentrum aus irgend etwas als theosophische Weisheit 
zu verbreiten, sondern dafi es sich lediglich darum handeln kann, dafi 
das, was die neuere Zeit von alien Seiten der Welt heraufbringt, gewis- 
sermafien an einer gemeinsamen Statte eine Art Vereinigungspunkt hat. 
Und ich hatte dazumal geschlossen mit den Worten: Wenn wir auf den 
Geist bauen, wenn wir geistige Gemeinschaft in wirklich konkreter, 
positiver Weise suchen, so dafi der Geist, der da und dort erzeugt wird, 
nach einem gemeinsamen Zentrum der «Theosophical Society» ge- 
tragen wird, dann bauen wir eine andere Entente cordiale. 

Von dieser anderen Entente cordiale sprach ich dazumal in London. 
Es war meine erste Rede, die ich in der «Theosophical Society» ge- 
halten habe, und ganz in aller Absicht sprach ich von dieser anderen 
Entente cordiale. Mrs. Besant fand ja, wie sie sich ausdruckte - sie 
fugte immer zu all den Dingen, die gesprochen wurden, solche obrig- 
keitlichen Schwanze hinzu dafi der «german speaker» elegant ge- 
sprochen hatte. Aber die Sympathien waren durchaus nicht auf meiner 
Seite, sondern es war dasjenige, was ich sagte, eben so, daft es ertrank 



in der Flut von Redensarten und von Worten, wahrend das, was die 
Leute wollten, doch mehr bei dem Buddhistengigerl Jinarajadasa war. 
Und audi das nahm ich dazumal symptomatologisch: Nachdem ich 
von etwas doch welthistorisch Wichtigem, der anderen Entente cor- 
diale, gesprochen hatte, setzte ich mich wieder nieder, und von seinem 
etwas erhohten Platze wankte, trippelte herab - ich mufi sagen trip- 
pelte, um die Sache ganz genau zu bezeichnen - sein Spazierstockchen 
auf den Boden stampfend, das Buddhistengigerl Jinaradjadasa, welches 
die Sympathien hatte, wahrend vielleicht bei mir dazumal einiger 
Wortschwall hangenblieb. 

Ich habe vom Anfange an betont - Sie brauchen nur meine «Theo- 
sophie» in die Hand zu nehmen, lesen Sie die Vorrede -, dafi dasjenige, 
was da kommen wird auf theosophischem Gebiete, in der Linie laufen 
wird, welche durch die «Philosophie der Freiheit» er5ffnet worden ist. 
Ich habe vielleicht es manchem schwierig gemacht, die geradlinige Fort- 
setzung zu finden zwischen den Impulsen, die in der «Philosophie der 
Freiheit» lagen und demjenigen, was ich spater geschrieben habe und 
was so genommen worden ist, daft sich die Leute doch aufierordentlich 
schwer bequemt haben, gerade und wahr das zu nehmen, was ich zu 
sprechen versuchte, was ich drucken zu lassen versuchte. Man mufite 
Plackereien auf sich nehmen. Man wurde ja keineswegs innerhalb der 
Gesellschaft, in die man sich nicht selbst hineingestellt hatte, die einen 
in sich hineingestellt hatte, nach dem genommen, was man gab, sondern 
nach Schlagworten, nach Schablonen. Und das dauerte ja ziemlich 
lange, bis, wenigstens in einer Art von Kreis, man nicht mehr blofi nach 
Schablonen, nach Schlagworten genommen wurde. Im Grunde genom- 
men war es ziemlich gleichgultig, was ich selber sagte, war es ziemlich 
gleichgiiltig, was ich selber drucken lieE. Gewifi, die Leute lasen es, 
aber daft man etwas liest, das besagt ja noch nicht, dafi man etwas auf- 
genommen hat. Die Leute lasen es; es erlebte sogar Auf lagen, immer 
wieder und wiederum neue Auflagen. Die Leute lasen es, aber das- 
jenige, wonach sie es beurteilten, war nicht das, was aus meinem Munde 
kam, was in meinen Biichern stand, sondern es war das, was sich der 
eine ausgebildet hatte als das Mystische, der andere als das Theosophi- 
sche, der dritte als das, der vierte als das, und in einen Nebel von An- 



schauungen, die sich die Leute sefber zusammenbrauten, kam dann das- 
jenige, was als Urteil in der Welt figurierte. Es war keineswegs aufier- 
ordentlich reizvoll und ideal, danach die «Philosophie der Freiheit» 
wieder auflegen zu lassen. Diese «Philosophie der Freiheit» wollte 
herausgeschrieben sein - wenn sie audi natiirlich nur einseitig und nur 
unvollkommen, manchmal ungesdiickt darstellt einen kleinen Impuls 
aus dem fiinften nachatlantischen Zeitraum — , sie wollte herausgeschrie- 
ben sein aus dem, was dasWesentliche, dasBedeutungsvolle, das eigent- 
lich Wirksame in dieser fiinften nachatlantischen Kulturperiode ist. 

So mochte ich jetzt, wo nach einem Vierteljahrhundert diese «Philo- 
sophie der Freiheit» wieder erscheint, eben betont haben, dafi sie erst 
hervorgegangen ist aus einem intensiven Miterleben mit der Zeit, wirk- 
lich aus einem Hineinschauen in die Zeit, aus dem Versuch zu erlau- 
schen, was die Zeit an Impulsen braucht. Und jetzt, nachdem diese 
Katastrophe uber die Menschheit gekommen ist, nach fiinfundzwanzig 
Jahren, sehe ich, dafi - man moge mir das zur Albernheit auslegen - 
dieses Buch ein wahrhaft im wahrsten Sinne des Wortes zekgemafies 
ist, allerdings in jenem absonderlichen Sinne zeitgemaft, dafi die Zeit- 
genossen alles dasjenige nicht haben und oftmals nichts davon wissen 
wollen, was in diesem Buche steht. 

Wiirde man verstehen, was mit diesem Buche gewollt war fur die 
Grundlegung des ethischen Individualismus, fur die Grundlegung eines 
sozialen und eines politischen Lebens, wiirde man richtig verstanden 
haben, was mit diesem Buche gemeint war, dann wiirde man wissen: Es 
gibt Mittel und Wege, die Menschheitsentwickelung heute in frucht- 
bare Bahnen zu leiten, andere Mittel und Wege, als es der falscheste 
ware, den man nur einschlagen konnte: blofi zu schimpfen uber die 
radikalen Parteien, blofi zu schimpfen und Anekdoten zu erzahlen 
uber den Bolschewismus. - Es ware traurig, wenn das Burgertum nicht 
dariiber hinauskame, sich nur dafiir zu interessieren, was die Bolsche- 
wiken da und dort gemacht haben, wie sie sich gegen diese und jene 
Leute benehmen; denn das trifft nichts in Wirklichkeit. Dasjenige, um 
was es sich handelt, ist, dafi man wirklich studiert, welche in einem 
gewissen Sinne berechtigteForderungen sich da von einer Seite erheben. 
Und kann man eine Weltanschauung und eine Lebensauffassung fin- 



den, welche zu sagen wagen darf : Dasjenige, was ihr wollt mit euren 
unvollkommenen Mitteln, erlangt ihr, wenn ihr den Weg, der hier ver- 
zeichnet wird, geht, und noch vieles andere — , wenn man wagen darf, 
das zu sagen - und ich bin iiberzeugt davon, dajR, wenn man durch- 
drungen ist von der «Philosophie der Freiheit», man das sagen darf -, 
dann wiirde sich ein Licht finden. Dazu ist das Einleben einer wirk- 
lidien Weltanschauung der Freiheit aber dringend notwendig. Dazu 
ist notwendig, da£ man den ethischen Individualismus in seiner Wur- 
zel zu erfassen vermag, wie er sich aufbaut auf der Einsicht, daft der 
Mensch den geistigen Intuitionen des Weltengeschehens gegeniiber- 
steht, daft der Mensch, indem er in sich erfa£t nicht den Hegelschen 
Gedanken, sondern das freie Denken, tatsachlich, wie ich es einmal 
popular auszudriicken versuchte in meiner kleinen Schrift «Grund- 
linien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung», mit 
dem in Zusammenhang stent, was man nennen kann das Durchpul- 
sieren der kosmischen Impulse durch das menschliche Innere. 

Von da aus aber allein ist der Freiheitsimpuls zu fassen, von da aus 
aber allein ist es moglich, an eine Regeneration derjenigen Impulse 
heranzutreten, die jetzt alle in Sackgassen enden. Der Tag, der da 
bringen wird die Einsicht, was es fur ein Wortgeprange ist, wenn man 
diskutiert uber solche BegrifFe, die nur noch Worthiilsen sind, wie 
Recht, Gewalt und so weiter, der Tag, der die Einsicht bringen wird, 
dafi man es da mit Worthiilsen zu tun hat, und der die Einsicht bringen 
wird, dafi die durch geistige Erlebnisse erfafite Idee der Freiheit allein 
zur Wirklichkeit fiihren kann, der Tag allein wird eine neue Morgen- 
rote uber die Menschheit heraufbringen konnen. Dazu mufi iiber- 
wunden werden der Bequemlichkeitssinn, der jetzt tief eingewurzelt ist 
in den Menschen. Gewohnen miissen sich die Menschen, nicht herum- 
zureden, wie es heute in der landlaufigen Wissenschaft geschieht, uber 
alles mogliche Soziale, uber alle moglichen Quacksalbereien zur Ver- 
besserung der sozialen, der politischen Ordnung, gewohnen miissen 
sich die Menschen, zu verankern dasjenige, was sie auf diesem Felde 
suchen, in einer gediegenen, soliden geisteswissenschaftlichen Welt- 
anschauung. Der Freiheitsgedanke mufi in einer Wissenschaft der Frei- 
heit verankert sein. 



Dafi man der durchbolschten Bourgeoisie nicht leicht das beibringen 
kann, wohl aber dem Proletariat, das hat sidi mir manchmal gezeigt. 
Unter anderem audi, als ich in Spandau einmal aus den Reihen der dort 
versammelten Arbeiter, zunachst um ein paar Worte zu sagen, was 
aber dann eine fiinf Viertelstunden lange Rede geworden ist, nachdem 
Rosa Luxemburg - sie ist ja hinlanglich bekannt - ihre grofie Rede 
gehalten hatte, vor einer Arbeiterschaft, die aber nicht nur eine Ar- 
beiterschafl war, sondern die Weib und Kind mitgebradit hatte, 
Wickel- und kleine Kinder, die geschrien hatten, Hunde und alles mog- 
liche war im Saal - als ich hinterher, nachdem die Rosa Luxemburg 
ihre Rede tiber «die Wissenschaft und die Arbeiter » gehalten hatte, 
gerade daran ankniipfte, dafi ein wirkliches Fundament schon dalage: 
das ware, Wissenschaft geistig zu erfassen, das heifit, aus dem Geiste 
heraus nach einer neuen Lebensgestaltung zu suchen, da fand ich mit 
solchen Dingen immer einige Zustimmung. Aber es rifi eben bis heute 
alles ab an der Indolenz derjenigen, welche Wissenschaft treiben und 
von denen ja die Arbeiter schliefilich auch die Wissenschaft haben, an 
der Indolenz der Naturforscher, der Arzte, der Juristen, der Philo- 
sophen, der Philologen und so weiter. Wir hatten alle moglichen Leute 
erlebt; wir haben erlebt den Hertzka mit seinem «Freiland», wir haben 
Michael Flurscheim erlebt, wir hatten manchen anderen erlebt, der 
grofie soziale Ideen verwirklichen wollte, alle scheiterten an dem, 
woran gescheitert werden mufi: dafi diese Ideen nicht aufgebaut sind 
auf einer geisteswissenschaftlichen Grundlage, auf der Grundlage eines 
freien wissenschaftlichen Denkens, sondern eines am Gangelbande der 
aufieren sinnenfalligen Welt sich korrumpierenden Denkens, wie das 
Denken der modernen positivistischen Wissenschaft ist. Der Tag, der 
brechen wird mit jener Verleugnung des Geistes, die der modernen 
positivistischen Wissenschaft eignet, der Tag, an dem man erkennen 
wird, dafi gebaut werden mufi auf dem von der Sinnlichkeit emanzi- 
pierten Denken und den Untersuchungen der geistigen Welt, an Stelle 
alles desjenigen, was auf ethischem, sozialem und politischem Gebiete 
als sogenannte Wissenschaft aufgerufen wird, der Tag wird wirklich 
die Morgenrote einer neuen Menschheit sein. Der Tag wird die Morgen- 
rote einer neuen Menschheit sein, der solche Worte, wie ich sie hochst 



unvollkommen heute zu pragen versuchte, nicht mehr finden wird als 
die Worte eines Predigers in der Wiiste, sondern als die Worte, die 
den Weg finden zu den Herzen, zu den Seelen der Zeitgenossen. Alles 
mogliche, sogar Woodrow Wilson horen sich die Leute an, und noch 
viel mehr tun sie, als ihn anhoren; aber dasjenige, was herausgeholt 
ist aus dem Geiste der Entwickelung der Menschheit, das findet schwer 
Zugang zu den Herzen und zu den Seelen der Menschen. Das aber 
mufi den Zugang finden! Ergreifen mufi es die Herzen und die Seelen 
der Menschen, was durch die Welt gehen wiirde, wenn Freiheit ver- 
standen wiirde, Freiheit verstanden aber nicht aus zuchtlosera Geiste, 
sondern aus freiem, aus solidest denkendem Geiste. Wenn verstanden 
wiirde, was Freiheit und ihre Ordnung in der Welt bedeuten wiirde, 
dann wiirde in das Dunkel Licht hineinkommen, das heute vielfach 
angestrebt wird. 

Das wollte ich audi einmal gerade im Anschlufi an historische Ideen 
zu Ihnen sprechen. Die Zeit ist um. Ich hatte noch vieles andere auf 
dem Herzen, dariiber kann ein andermal gesprochen werden. Wenn 
ich es ein wenig durchsetzt habe mit allerlei symptomatischen person- 
lichen Dingen aus der Zeit, die ich in dieser Inkarnation selbst durch- 
lebt habe, so nehmen Sie mir das nicht iibel, denn ich wollte Ihnen 
dadurch zeigen, dafi es stets mein Bestreben war, die Dinge, die audi 
personlich an mich herantreten, nicht personlich zu nehmen, sondern 
selbst als Symptome, die dasjenige ofTenbaren, was die Zeit und der 
Zeitgeist von uns wollen. 



SIEBENTER VORTRAG 



Dornach, 1. November 1918 



Ich mochte in diesen Tagen durch die anzustellenden Betrachtungen 
zweierlei vor Ihre Seele hinstellen. Das eine und das andere werden 
scheinbar wenig zusammenhangen, doch werden Sie, wenn wir zum 
Schluft unserer Betrachtungen gekommen sind, bemerken, dafi zwi- 
schen dem einen und dem anderen doch ein recht innerlicher Zusam- 
menhang besteht. Ich mochte namlich, wie ich ja schon gesagt habe, 
einiges in diesen Betrachtungen vorbringen, was Gesichtspunkte, sym- 
ptomatische Anhaltspunkte gibt iiber die Religionsentwickelung der 
bis jetzt verflossenen Zeit in der funften nachatlantischen Periode. Aber 
ich mochte auf der anderen Seite ein wenig vor Ihre Seele fiihren, in- 
wieferne gerade jene Art geistigen Lebens, das wir pflegen wollen, im 
Zusammenhange stehen kann mit einer Anstalt, die den Namen 
Goetheanum fiihren kann. 

Ich denke mir, dafi es in der Gegenwart vor alien Dingen eine ge- 
wisse Bedeutung hat, was man in einem solchen Falle beschliefit. Wir 
stehen ja gegenwartig in einem Entwickelungspunkte der Menschheit, 
wo die Zukunft gewissermafien alles mogliche bringen kann und wo es 
darauf ankommt, audi einer ungewissen Zukunft recht mutig ins Auge 
schauen zu konnen, aber wo es auch darauf ankommt, aus dem Nerv 
der Zeit heraus zu solchen EntschliejKungen zu kommen, denen man 
eine gewisse Bedeutung beimifit. Die aufierliche Veranlassung zur Auf- 
stellung des Namens Goetheanum scheint mir ja doch die zu sein, dafi 
ich vor einiger Zeit in offentlichen Vortragen gesagt habe, dafi ich 
memer Privatmeinung nacli das Haus, in dem die Geistesrichtung ge- 
pflegt werden soil, die ich meine, am liebsten Goetheanum nennen 
mochte. Es ist ja auch schon im vorigen Jahre iiber diese Namengebung 
debattiert worden, und dieses Jahr haben sich einige unserer Freunde 
entschlossen, nun dafiir einzutreten, dafi dieser Name Goetheanum 
gewahlt wird. Ich sagte schon neulich: Es gibt fur mich eine ganze An- 
zahl von Griinden - aber die lassen sich nicht so ohne wekeres in Worte 
kleiden; sie werden aber vielleicht doch zutage treten konnen, wenn 



icb heute davon ausgehe, eine Basis zu schaffen durch ahnliche Betrach- 
tungen, wie ich sie das letzte Mai hier vor Ihnen angestellt habe, eine 
Basis zu schaffen fiir die religionsgeschichtlichen Betrachtungen, die 
wir dann in diesen Tagen anstellen wollen. 

Sie wissen ja - und ich wiirde eben Personliches nicht beriihren, 
wenn es nicht insbesondere heute mit Sachlichem und auch mit unseren 
Angelegenheiten beziiglich des Goetheanums zusammenhinge -, Sie 
wissen ja, dafi meine hauptsachlichste erste offentliche literarische Ta- 
tigkeit mit dem Namen Goethe verknupft ist, und Sie wissen ja wohl 
audi, dafi diese erste ofFentliche literarische Tatigkeit sich entwickelte 
innerhalb eines Territoriums, auf dem ja heute selbst schon fiir die- 
jenigen, die durchaus nicht sehen wollen, die durchaus schlafen wollen, 
die gewaltigen katastrophalen Ereignisse zu sehen sind, wahrzuneh- 
men sind. Und auch dasjenige, was ich denken mufi vom Gesichts- 
punkte geisteswissenschaftlicher Weltbetrachtung aus im Zusammen- 
hange mit Goethe, ist fiir mich ebenso wie das, was ich neulich mit 
Bezug auf die «Philosophie der Freiheit» gesagt habe, gewift auf der 
einen Seite eine personliche Angelegenheit, auf der anderen Seite aber 
ist dieses Personliche durchaus verknupft mit der Entwickelung der 
Ereignisse in den letzten Jahrzehnten. Nicht, wirklich nicht ohne einen 
inneren Zusammenhang mit der Entstehung auf der einen Seite meiner 
«Philosophie der Freiheit», auf der anderen Seite meiner Goethe- 
Schriften, ist eben doch die Tatsache, dafi ich bis zum Ende der acht- 
ziger Jahre des 19. Jahrhunderts in Osterreich gelebt habe und dann 
nach Deutschland, zunachst nach Weimar, spater nach Berlin gekom- 
men bin. Es ist naturlich in einem aufieren Zusammenhange, aber 
die Besprechung eines solchen aufieren Zusammenhanges fiihrt nach 
und nach, wenn man die Symptome richtig ins Auge fafit, auch sach- 
gemafi in das Innere. Sie werden ja schon bemerkt haben, gerade 
aus den historischen Skizzen, die ich Ihnen gegeben habe, wie ich 
dasjenige, was ich geschichtliche Symptomatologie nenne, im Leben 
anwenden mufi, wie ich die Geschichte sowohl wie das einzelne 
Menschenleben aus den Symptomen und ihren Offenbarungen heraus 
begreifen mufi, weil sich von da aus alles zuriickfiihren lalk auf das 
wirkliche innere Geschehen. Aber man mufi wirklich auch den Willen 



haben, von den aufieren Tatsachen zu dem inneren Geschehen iiber- 
zugehen. 

Sehen Sie, viele Menschen in der Gegenwart mochten ubersinnlich 
schauen lernen; aber der Weg dazu, der ist dann schwieriger, und den 
mochten die meisten Menschen vermeiden. Daher ist es audi in der 
Gegenwart nodi vielfach so, dafi sich fur manche Menschen, die iiber- 
sinnlich schauen konnen, das aufiere Leben ganz getrennt abspielt von 
ihrem iibersinnlichen Schauen. Allerdings, wenn diese Trennung der 
Fall ist, dann kann das iibersinnliche Schauen audi nicht sehr viel wert 
sein, kann kaum iiber die personlichsten Momente hinauskommen. 
Unsere Zeit ist eine Zeit des Oberganges. Gewifi ist jede Zeit eine Zeit 
des Uberganges, es kommt nur darauf an, einzusehen, was iibergeht. 
Aber es geht Wichtiges iiber; es geht iiber dasjenige, was gerade den 
Menschen im Innersten beriihrt, was fiir den Menschen im Innersten 
wichtig ist. Wenn man wachend verfolgt, was das sogenannte gebildete 
Publikum in den letzten Jahrzehnten iiber die ganze zivilisierte Welt 
hin eigentlich getrieben hat, so kommt man, wie ich schon angedeutet 
habe, zu einem recht traurigen Bilde einer im Schlafe befindlichen 
Menschheit. Das soil keine Kritik, audi kein Impuls zum Pessimismus 
sein, sondern ein Impuls zur Einpflanzung soldier Krafte, welche den 
Menschen befahigen, wenigstens zunachst dasjenige zu erreichen, was 
ja doch das wichtigste ist, vorlaufig das wichtigste ist: Einsicht zu be- 
kommen, richtige Einsicht. Die Gegenwart mull iiber manche Illusion 
hinwegkommen, mufi zu Einsichten kommen. 

Fragen Sie zunachst nicht: Was soil ich tun, oder was soil der oder 
jener tun? - Das alles sind heute in gewisser Beziehung deplacierte 
Fragen fiir die meisten Menschen zunachst. Dagegen ist eine wichtige 
Frage die: Wie bekomme ich Einsicht in die gegenwartigen Verhalt- 
nisse? - Wird geniigend Einsicht da sein, dann wird schon das Rich- 
tige geschehen. Dann entwickelt sich ganz gewifi dasjenige, was sich 
entwickeln soil, wenn sich die richtige Einsicht entwickelt. Aber es mufi 
eben mit vielem gebrochen werden. Es mufi vor alien Dingen an die 
Menschen die Einsicht herankommen, dafi die aufieren Ereignisse wirk- 
lich nichts anderes sind als Symptome fiir einen inneren, im iibersinn- 
lichen Felde liegenden Gang der Entwickelung, in dem nicht nur das 



geschichtliche Leben drinnensteht, sondern in dem wir, jeder einzelne, 
drinnenstehen mit unserem gesamten menschlichen Sein. 

Ich. will Ihnen ein Beispiel sagen, von dem ich ausgehen will: Wir 
haben hier ofters von dem Dichter Robert Hamerling gesprochen. Die 
Gegenwart ist sehr stolz darauf, dafi sie das sogenannte Kausalgesetz, 
das Ursachengesetz, auf alle moglichen Dinge anwenden kann. Diese 
Anwendung des Ursachengesetzes auf alle moglichen Dinge gehort 
geradezu zu den verhangnisvollsten Illusionen der Gegenwart. Wer 
Hamerlings Leben kennt, der weift, welclie grofie Bedeutung fur Ha- 
merlings ganze Seelenentwickelung der Umstand hatte, daft er, nach- 
dem er kurze Zeit in Graz «supplierender Lehrer» gewesen war, wie 
man's so nennt - das ist so eine Art Provisorium, bevor man angestellt 
wird als Gymnasiallehrer -, nachdem er in Graz an einem Gymnasium 
gewesen war, nach Triest versetzt wurde, von wo aus er mehrere Ur- 
laube nehmen konnte, um nach Venedig zu kommen. Wer nun das 
Leben der zehn Jahre ins Auge fafit, die Hamerling da im Siiden an 
der Adria verbracht hat, zum Teil in seiner Stellung als Gymnasial- 
lehrer in Triest, zum Teil wahrend seiner Besuche in Venedig, der sieht, 
wie in dieser Hamerling-Seele erstens ein gliihender Enthusiasmus war 
fur alles, was ihm der Siiden darbieten konnte, wie er aber auch fur 
seine ganze spatere Dichtung Lebensfahigkeit, seelische Lebensfahig- 
keit gesogen hat aus dem, was er da erfahren hat. Der ganze Hamer- 
ling, wie er konkret sich darlebt, mufke ein anderer sein, wenn er nicht 
die betreffenden zehn Jahre gerade in Triest, und mit den Urlauben 
in Venedig, verbracht hatte. 

Nun denken wir, es schreibt so ein richtiger spiefiiger Bourgeois- 
Professor eine Biographie Robert Hamerlings und wollte die Frage 
beantworten, wie der innere Zusammenhang ist, dafi der Robert Ha- 
merling gerade im rechten Augenblicke seines Lebens nach Triest ver- 
setzt wurde, dafi er, der gar keine Mittel hatte, der ganz darauf an- 
gewiesen war, den Gehalt durch seine Stellung zu bekommen, im 
richtigen Augenblicke nach Triest versetzt worden ist. Ich will Ihnen 
erzahlen, wie das gekommen ist aufierlich. Also Robert Hamerling war 
damals provisorischer Gymnasiallehrer — Supplent, wie man das in 
Osterreich nennt - an dem Gymnasium in Graz. Solche supplieren- 



den Lehrer sehnen sich haufig nach einer sogenannten definitiven An- 
stellung. Dazu mufi man, da man es mit Behorden zu tun hat, alle 
moglichen Gesuche einreichen, «halbbruchig» geschrieben, Zeugnisse 
beilegen, und so weiter. Das wird dann der nachsthochsten Behorde 
gegeben, nicht wahr, die hat es hinzuleiten zu den iibergeordneten Be- 
horden und so weiter, ich will diesen Gang nicht weiter auseinander- 
setzen. Der Direktor jenes Gymnasiums in Graz, an dem Robert 
Hamerling supplierender Lehrer war, war damals der brave Kalten- 
brunner. Robert Hamerling horte: In Budapest gibt es eine Vakanz, 
da gibt es eine Gymnasiallehrerstelle. - Dazumal war der Dualismus 
Usterreich-Ungarn noch nicht vorhanden, sondern es war noch so, daft 
die Gymnasiallehrer von Graz nach Budapest, von Budapest nach Graz 
versetzt werden konnten. Er machte sein Gesuch um diese Gymnasial- 
lehrerstelle in Budapest, schrieb es schon und iibergab es mit samt- 
lichen Zeugnissen dem braven Direktor Kaltenbrunner. Nun, der brave 
Kaltenbrunner legte es ins Fach hinein und vergaft es, vergaft die Ge- 
schichte, und das, was geschah, war, daft in Budapest von anderer Seite 
her die Stelle besetzt worden ist. Hamerling kriegte die Stelle nicht, 
aber just, weil der brave Kaltenbrunner vergessen hat, das Gesuch zu 
der hoheren Behorde hinaufzuleiten, die es dann, wenn sie es nicht 
vergessen hatte, zu der nachsthoheren, diese wieder zu der nachst- 
hoheren und so weiter geleitet hatte, bis es dann zum Minister gekom- 
men ware, dann wiederum herunter, nicht wahr, und so fort. Kurz und 
gut, es bekam ein anderer die Budapester Stelle, und Robert Hamer- 
ling verbrachte die zehn Jahre, um die es sich fur ihn als wichtige Jahre 
handelte, nicht in Budapest, sondern in Triest, weil sich spater in Triest 
eine Stelle fand, die ihm dann zugeteilt wurde, weil selbstverstandlich 
ein zweites Mai der brave Kaltenbrunner das Gesuch Hamerlings nicht 
wiederum verbummelt hat, nicht wahr! 

Also aufierlich betrachtet ist an dem wichtigsten Ereignis in Hamer- 
lings Entwickelungsgange die Bummelei des braven Kaltenbrunners 
schuld, sonst wiirde Hamerling in Budapest versauert sein! Damit ist 
gar nichts gegen Budapest gesagt, selbstverstandlich, aber Hamerling 
ware ganz gewift dort versauert und hatte nicht zu dem kommen kon- 
nen, was gerade seinem Herzen und seiner Seele ganz besonders an- 



gemessen war. Und ein richtiger, wahrer Biograph wiirde nun erzahlen 
konnen, wie es kam, dafi Robert Hamerling von Graz nach Triest 
gekommen ist, indem der Kaltenbrunner sein Gesuch um die Stelle in 
Budapest einf ach verbummelt hat. 

Nun, es ist das ein eklatanter Fall, aber solche Falle gibt es un- 
zahlige, ganz ungezahlte im Leben. Und derjenige, der das Leben nur 
am Faden der aufieren Ereignisse priifen will, der findet eben, selbst 
wenn er glaubt, Ursachenzusammenhange konstatieren zu konnen, 
kaum Ursachen, die tiefer zusammenhangen mit ihren Wirkungen, als 
die Bummelei des braven Kaltenbrunner mit der geistigen Entwicke- 
lung des Robert Hamerling. Das ist nur so eine Bemerkung, die ich 
mache, um Sie darauf aufmerksam zu machen, dafi es in der Tat not- 
wendig ist, dringend notwendig ist, dafi gerade der Grundsatz in die 
Seele der Menschen ubergeht, das aufiere Leben nicht anders zu nehmen 
in seinem Verlaufe denn als Symptom, das das Innere ofFenbaren soil. 

Ich habe das letzte Mai davon gesprochen, wie von den vierziger bis 
siebziger Jahren gewissermafien die kritische Zeit fur die Bourgeoisie 
war, wie diese kritische Zeit von der Bourgeoisie verschlafen worden 
ist, und wie dann die Unheilsjahrzehnte kamen seit dem Ende der sieb- 
ziger Jahre, die eben die heutigen Zustande herbeigefuhrt haben. Ich 
selbst habe den ersten Teil dieser Jahrzehnte in Osterreich verbracht. 
In Osterreich war man gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, 
wenn man Anteil nehmen wollte an der geistigen Kultur, in einer sehr 
bemerkenswerten Lage. Es ist natiirlich fur mich naheliegend, die Sache 
gerade von dem Gesichtspunkte aus zu beleuchten, in dem ein heran- 
wachsender Mensch gewesen ist innerhalb der osterreichischen Ent- 
wickelung, der Deutscher ist seiner Abstammung und Blutzusammen- 
gehorigkeit nach. Man ist wirklich innerhalb des osterreichischen Terri- 
toriums in ganz anderer Weise ein Deutscher, als man etwa ein Deut- 
scher ist im Gebiete des sogenannten Deutschen Reiches, oder als man 
gar ein Deutscher ist im Gebiete der Schweiz. Natiirlich, im Laufe des 
Lebens mufi man ja sogar sich bestreben, alles zu verstehen, und man 
kann auch alles verstehen, man kann sich in alles einleben. Aber wenn 
man zum Beispiel in Frage ziehen wiirde, was empfunden wird von 
einem osterreichischen Deutschen mit Bezug auf die soziale Struktur, in 



der er drinnen lebt, und wiirde sich dann fragen: Ja, kann, ohne dafi 
er es sich erst aneignet, ein solcher osterreichisch Deutscher zum Bei- 
spiel iiberhaupt irgendein Verstandnis haben fiir jenes eigentiimliche 
Staatsbewulksein, das in der Schweiz vorhanden ist? - so mufi man 
diese Frage im entschiedensten Mafie verneinen. Der osterreichisch 
Deutsche wuchs auf in einem Milieu, das ihm, wenn er sich nicht darum 
kiinstlich bemuhte, durchaus als etwas fiir ihn Unverstandliches das- 
jenige erscheinen laflt, was zum Beispiel beim Schweizer eine Art von 
unbeugsamen Staatsbewulkseins ist. Dafur kann der osterreichisch 
Deutsche nicht das geringste Verstandnis aufbringen, wenn er es sich 
nicht kiinstlich aneignet. 

Auf diese Differenzierung innerhalb der Menschheit nimmt man ja 
kaum Rucksicht. Und Rucksicht nehmen mufi man darauf, wenn man 
zum Verstandnis der schwierigen Probleme kommen will, die in der 
nachsten Zukunft, ja schon heute, der Menschheit gerade in bezug auf 
solche Dinge bevorstehen. Fiir mich war es gewissermafien, ich mochte 
sagen, symptomatisch bezeichnend, dafi ich gerade in meinen Entwicke- 
lungsjahren eigentlich aufwuchs innerhalb eines Milieus, in dem mich 
selbst die signifikantesten Dinge im Grunde genommen nichts an- 
gingen. Das war fiir mich das Bezeichnendste, dafi mich die signifikan- 
testen Dinge nichts angingen. Aber ich wiirde es gar nicht erwahnen, 
wenn es nicht eigentlich das bedeutsamste Erlebnis des richtigen 
Deutsch-Osterreichers iiberhaupt ware. Sehen Sie, bei dem einen druckt 
es sich so, bei dem andern anders aus. Ich lebte ja gewissermaften recht 
universell osterreichisch-deutsch: von meinem elf ten bis achtzehnten 
Jahre hatte ich jeden Tag zweimal iiber die Grenze zu gehen, welche 
die Leitha zwischen Osterreich und Ungarn bildet, denn ich hatte zu 
wohnen in Ungarn und war auf der Schule in Osterreich. Ich wohnte 
in Neudorfl und ging zur Schule in Wiener-Neustadt. Man hatte eine 
Stunde zu gehen oder eine Viertelstunde zu fahren - Schnellziige gab 
es ja auf jener Strecke noch nicht, ich glaube, auch heute noch nicht -, 
man mufite immer die osterreichisch-ungarische Grenze passieren. Man 
lernte dabei aber auch jene zwei Gesichter kennen, welche die beiden 
Halften desjenigen haben, was man im Ausland «Osterreich» genannt 
hat. Denn im Inlande hatte man es ja friiher nicht so einfach wie jetzt. 



Jetzt ist die Sadie ja natiirlich, man kann nidit sagen einfacher, es 
wird wahrhaftig nicht einfacher sein, aber anders. Bis jetzt war es eben 
so, dafi man zu unterscheiden hatte zwei osterreichische Reichshalften: 
eine Halfte hieft offiziell nicht Osterreich, sondern sie hiefi «die im 
Reichsrate vertretenen Konigreiche und Lander ». Das war die offizielle 
Bezeichnung fiir diejenige Halfte, die diesseits der Leitha liegt, ein- 
schliefilich Galiziens, Bohmens, Schlesiens, Mahrens, Ober- und Nieder- 
osterreich, Salzburg, Tirol, Steiermark, Krain, Karnten, Istrien und 
Dalmatien. Dann das zweite Gebiet, das waren die Lander der hei- 
ligen Stephanskrone; das ist dasjenige, was man im Auslande Ungarn 
nannte. Zu Ungarn gehorte dann audi Kroatien und Slawonien. Dann 
gab es noch seit den achtziger Jahren ein gemeinsames, aber bis zum 
Jahre 1909 nur okkupiertes, erst spater annektiertes Gebiet, Bosnien 
und die Herzegowina, die beiden Reichshalften gemeinsam waren. 

Nun, auf jenem Boden, auf dem ich wohnte, gab es selbst unter den 
signifikantesten Dingen, sagte ich, eigentlich nur solche, die mich in 
jenen Jahren, von meinem neunten bis achtzehnten Jahre, nichts Rech- 
tes angingen. Das erste, was da als signifikant mir entgegentrat, war 
Frohsdorf, ein Schlofi, in dem der Graf von Chambord wohnte, aus 
der Bourbonschen Familie, der 1871 den mifilungenen Versuch gemacht 
hat, unter dem Namen Heinrich V. franzosischer Konig zu werden. 
Sonst hatte er ja auch noch manche andere Eigentiimlichkeiten. Er war 
ein Urklerikaler. Aber an ihm und allem, was zu ihm gehorte, konnte 
man eine untergehende, verfallende Welt sehen und gewissermaften 
die Symptome einer verfallenden Welt in sich aufnehmen. Es war 
mancherlei, was man da sah, aber es ging einen nichts an. Und man 
bekam eben den Eindruck: Da ist etwas, was die Welt einmal riesig 
wichtig genommen hat, was heute noch viele Menschen riesig wichtig 
nehmen, was aber eigentlich eine Bagatelle ist, was eigentlich gar 
nichts Besonderes heilk. 

Das zweite war eine Art Jesuitenkloster. Eigentlich ein richtiges 
Jesuitenkloster, aber man nannte diese Monche Liguorianer, es ist eine 
Abart der Jesuiten. Dieses Kloster war in der Nahe von Frohsdorf. 
Man sah die Monche spazierengehen, man horte von den Bestrebun- 
gen der Jesuiten, horte dies oder jenes, aber es ging einen auch nichts 



an. Und man bekam wiederum den Eindruck: Was hat denn das alles 
eigentlich jetzt nodi zu tun mit derjenigen Evolution der Menschheit, 
die der Zukunft entgegengeht? - An den schwarzen Monchen bekam 
man den Eindruck, dafi das eigentlich ganz herausfallt aus den wirk- 
lichen Kraften, die der Menschenzukunft entgegenfiihren. 

Das dritte war eine Freimaurerloge an demselben Orte, in dem 
ich war, iiber die der Pfarrer furchterlich schimpfte, aber die mich 
natiirlich auch nichts anging, denn man durfte ja nicht hinein, nicht 
wahr. Der Hauswart liefi mich zwar einmal hineinschauen, aber ganz 
im geheimen. Aber am nachsten Sonntag konnte ich gleich wiederum 
vom Pfarrer die vernichtendste Rede dariiber horen. Kurz, auch das 
war etwas, was einen nichts anging. 

Ich war also gut vorbereitet, als ich dann mehr zum Bewufitsein 
kam, die Dinge auf mich wirken zu lassen, die einen eigentlich nichts 
angehen. Innerhalb meiner eigenen Entwickelung - und das ist ja das- 
jenige, was mich dann zum Goetheanismus, so wie ich ihn auffasse, 
eigentlich gefuhrt hat - halte ich es fur sehr bedeutsam und durch 
mein Karma gut inszeniert, mochte ich sagen, daft, wahrend mein 
innerstes Interesse fur die geistige Welt ganz fruh da war, auch mein 
Leben ganz fruh in der geistigen Welt verlief, ich nicht hingedrangt 
wurde durch die aufieren Verhaltnisse zu dem, was Gymnasialstudium 
ist. Alles dasjenige, was man sich durch das Gymnasialstudium an- 
eignet, eignete ich mir ja erst spater durch eigenes Lernen an. Das Gym- 
nasium in Osterreich ist eigentlich damals nicht schlecht gewesen. Es 
ist nur seit den siebziger Jahren immer schlechter und schlechter gewor- 
den und es nahert sich jetzt schon seit Jahren in bedenklicher Weise 
den Gymnasialeinrichtungen anderer, benachbarter Staaten, aber dazu- 
mal war es nicht besonders schlecht. Aber dennoch wiirde ich mir heute 
nicht gratulieren konnen, wenn ich dazumal etwa auf das Gymnasium 
in Wiener-Neustadt geschickt worden ware. Ich bin auf die Realschule 
geschickt worden, und damit kam ich hinein in das, was vorbereitete 
zu einem modernen Denken, was vor alien Dingen vorbereitete, einen 
inneren Zusammenhang zu bekommen mit naturwissenschaftlicher Ge- 
sinnung. Dieses Zusammengehen mit naturwissenschaftlicher Gesin- 
nung, das war namentlich dadurch moglich, dafi gerade die einzelnen 



besseren Lehrer der osterreichischen Realschule, die dazumal im wirk- 
lidi modernsten Sinne eingerichtet wurde, dafi die besten Lehrer - es 
waren immer ihrer wenige - eigentlich diejenigen waren, die irgend- 
wie mit dem modernen naturwissenschaftlichen Denken zusammen- 
hingen. 

Bei uns in Wiener-Neustadt war es nicht einmal durchweg so. In 
den unteren Klassen - und in den osterreichischen Realschulen hatte 
man nur in den unteren vier Klassen einen Religionsunterricht - hatten 
wir einen Religionslehrer, der ein sehr gemutlicher Mann war, der 
uns durchaus nicht zu irgendwelchen Frommlingen zu erziehen ge- 
eignet war. Er war katholischer Priester, und dafi er uns nicht gerade 
zu Frommlingen zu erziehen geeignet war, dafur sorgte schon die Tat- 
sache, daft drei kleine Buben - von denen die ganze Welt sagte, daft 
sie seine Sonne sind - jedesmal, wenn er unsere Anstalt verlieft, ihn 
abholten. Aber ich schatze den Mann heute noch aufierordentlich wegen 
all desjenigen, was er in der Klasse gesagt hat aufterhalb des eigent- 
lichen Religionsunterrichtes. Den erteilte er in der Weise, daft er einen 
aufrief und einen ein paar Seiten aus dem Buche lesen lieft, und dann 
bekam man das auf; man wufite nicht, was drinnensteht, man sagte 
es auf, bekam dann eine ausgezeichnete Note. Aber man verschlief 
selbstverstandlich die Sache, die darinnenstand. Was er aufierhalb der 
Klasse sagte, war manchmal ein schemes, weckendes Wort, war vor 
alien Dingen sehr gemutvoll und nett. 

Nun, man hatte ja in einer solchen Anstalt aufeinanderfolgend die 
verschiedensten Lehrer. Alles das ist von symptomatischer Bedeutung. 
Wir hatten zwei Karmeliter, von denen der eine uns Franzosisch, der 
andere Englisch beibringen sollte. Der fiir Englisch besonders konnte 
vor alien Dingen kaum irgendwie ein englisches Wort, nun, jedenfalls 
nicht einen Satz sprechen. In der Naturgeschichte hatten wir einen 
Mann, der verstand wirklich von Gott und der Welt gar nichts. Aber 
wir hatten ausgezeichnete Leute auf dem Gebiete der Mathematik, 
Physik, Chemie, vor alien Dingen auf dem Gebiete der darstellenden 
Geometric Und das gab eben dieses Zusammenwachsen mit innerlich 
naturwissenschaftlichem Denken. Damit war eigentlich fiir mich das 
Element, der Impuls gegeben, der mit dem Zukunftsstreben der 



Menschheit in der Gegenwart denn doch ganz wesentlich zusammen- 
hangt. 

Kam man dann, nachdem man so sich durchgewunden hatte durch 
soldi eine Anstalt, ins Universitats-, ins Hochschulleben hinein, dann 
mufke man sich ja auch, wenn man nicht schlafrig war, fiir das offent- 
liche Leben interessieren, fiir dasjenige, was sich abspielt im ofTent- 
lichen Leben. Nun handelt es sich darum, dafi der osterreichisch 
Deutsche in einer wesentlich anderen Art hineinkommt in die zu er- 
lebende Erkenntnis des deutschen Wesens, als was man den sogenann- 
ten Reichsdeutschen nennt. Denn fiir diejenigen Dinge, die sich, ich 
mochte sagen, als Staatsdinge abgespielt haben in Osterreich, konnte 
man ja ein gewisses aufierliches Interesse haben, aber einen rechten 
inneren Zusammenhang kaum, wenn man Interesse hatte fiir den Ent- 
wickelungsgang der Menschheit. Dagegen konnte man verwiesen wer- 
den, wie es ja auch bei mir der Fall war, auf dasjenige, was heraus- 
gewachsen ist aus der deutschen Kultur am Ende des 18. und am 
Beginne des 19. Jahrhunderts, und was ich doch in gewissem Sinne 
Goetheanismus nennen mochte. Das lernt man als osterreichisch Deut- 
scher anders kennen als der Reichsdeutsche. Und man darf nicht ver- 
gessen, daft, wenn man mit einer modernen Bildung ins Naturwissen- 
schaftliche hineingewachsen ist, man zu gleicher Zeit herauswachst aus 
einem gewissen unnaturlichen Milieu, welches sich iiber den ganzen 
Westen Osterreichs ausgebreitet hat im Laufe der letzten Zeiten. Man 
wachst heraus aus dem, was in einer aufierlichen Weise die Menschen 
Westosterreichs ergriffen hat - die zum Teil, ich nehme mich selbst- 
verstandlich davon aus, aufierordentlich nette Leute sind -, was die 
Leute Westosterreichs nicht inner lich ergreift: es ist der Katholizismus, 
der klerikale Katholizismus. 

Dieser klerikale Katholizismus in der Form, wie er in Westosterreich 
lebt, ist ja im wesentlichen ein Produkt der sogenannten Gegenrefor- 
mation. Es 1st das Produkt jener Politik, welche man doch nur bezeich- 
nen kann als die Habsburgische Hausmachtpolitik. Protestantische Ideen 
und Impulse haben sich ja auch in Osterreich ziemlich stark ausgebrei- 
tet, allein die Zeiten des Dreifiigjahrigen Krieges und alles, was damit 
zusammenhangt, haben es den Habsburgern moglich gemacht, eine 



Gegenreformation in Szene zu setzen und tatsachlich - bitte, ich nehme 
mich wieder aus — iiber das durchaus in seiner Anlage aufierordentlich 
intelligente osterreichisdi-deutsche Volk diese furchtbare Finsternis 
auszubreiten, welche ausgebreitet werden muft, wenn man den Katho- 
lizismus gerade in derjenigen Form irgendwie verbreitet, in der er da 
herrschend wurde durch die Gegenreformation. Dadurcfa kommt ein 
furchtbar aufierliches Verhaltnis zu allem Religiosen in den Menschen 
hinein. Am gliicklichsten sind noch diejenigen, welche sich bewufk wer- 
den dieses aufierlichen Verhaltnisses zum Religiosen. Diejenigen, die 
sich dessen nicht bewufit werden, die da meinen, dafi ihr Glaube, ihre 
Religiositat aufrichtig und ehrlich sei, die stecken in einer ungeheuren 
Lebensillusion, in einer furchtbaren Lebensliige sogar, ohne dafi sie 
es wissen, denn diese Lebensliige zersetzt das seelische Innere. 

Allerdings, mit naturwissenschaftlichem Impuls kann man kein Ver- 
haltnis gewinnen zu alledem, was da als ein furchterlicher seelischer 
Brei sich dann durch die Seele verbreitet. Aber man konnte immer 
bemerken, wie aus diesem Brei heraus einzelne Individualitaten sich 
abhebend entwickeln. Diese einzelnen Individualitaten, die sich ab- 
hebend entwickeln, die werden dann gerade in einer gewissen Weise 
hineingetrieben in dasjenige, was Bliite war des mitteleuropai- 
schen Geisteslebens Ende des 18., Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie ler- 
nen gewissermafien dasjenige kennen, was in die moderne Menschheit 
hineingekommen ist, von Lessing angefangen, durch Herder, Goethe, 
durch die deutschen Romantiker und so weiter, und was in seinem 
weiteren Umfange doch als Goetheanismus bezeichnet werden kann. 

Es ist in diesen Jahrzehnten das Bedeutsame gerade fur den nach 
Geist strebenden Deutsch-Osterreicher gewesen, dafi er, gewissermafien 
herausgehoben aus der Volksgemeinschaft, in der Lessing, Goethe, 
Herder und so weiter, drinnen gestanden haben, iiber die Grenze hin- 
iiber in ein ganz fremdes Milieu hineinversetzt, da das lebendige An- 
schauen Goethes, Schillers, Lessings, Herders und so weiter bekam. Man 
bekam alles andere nicht mit, man bekam gewissermafien nur dasjenige, 
was dort herausgewachsen war, und man bekam es als einzelne Seele. 
Denn man hatte wiederum wirklich um sich herum diejenigen Dinge, 
die einen nichts angehen. 



So lebte man zusammen mit etwas, das man nach und nach eigentlich 
als sein eigenes Wesen fiihlte, das aber herausgerissen war aus seinem 
Entstehungsboden und das man selber in der Seele trug innerhalb, idi 
mochte sagen, einer Gemeinschaft, die lauter Dinge enthielt, die einen 
nichts angingen. Denn es waren ja Anomalien, wenn man in jener Zeit 
Goethe-Ideen im Kopfe hatte und dann die Welt ringsherum begeis%ert 
war — aber die Worte der Begeisterung gingen auf Stelzen und hatten 
nichts von aufrichtigem und ehrlichem Ringen - fiir Dinge wie, nun, 
ich konnte audi etwas anderes nennen, aber sagen wir fiir das Buch 
des damaligen osterreichischen Kronprinzen Rudolf, das heilk, seine 
Trabanten haben es geschrieben: «Osterreich in Wort und Bild.» Man 
hatte kein Verhaltnis zu solchem Zeug. Man gehorte zwar aufierlich 
dazu, aber man hatte kein Verhaltnis zu solchem Zeug. Man trug das- 
jenige, was wirklich aus mitteleuropaischem Wesen erwachsen war und 
was ich dann im weiteren Sinne als Goetheanismus bezeichnen mochte, 
in seiner Seele. 

Dieser Goetheanismus — und ich rechne dazu alles dasjenige, was 
sich dazumal an die Namen Schiller, Lessing, Herder und so weiter 
noch kniipft, auch an die deutschen Philosophen -, alles das steht ja 
in einer merkwiirdigen Isolierung in der Welt iiberhaupt da. Diese 
Isolierung, in der es in der Welt dasteht, die ist aufierordentlich be- 
zeichnend fiir die ganze Entwickelung der neueren Menschheit. Denn 
diese Isolierung, die veranlaflt denjenigen, der nun mit Ernst an diesen 
Goetheanismus herangehen will, ein wenig nachdenklich, nachsinnend 
zu werden. 

Sehen Sie, wenn man zunickgeht, kann man sich fragen: Was ist 
eigentlich in die Welt gebracht worden von Lessing bis zu den deut- 
schen Romantikern, iiber Goethe hinaus, ungefahr bis in die Mitte 
des 19. Jahrhunderts, und wie hangt das, was da in die Welt gebracht 
worden ist, zusammen mit der vorgangigen geschichtlichen Entwicke- 
lung? - Nun wird nicht zu leugnen sein, dafi innig zusammenhangt 
mit mitteleuropaischer geschichtlicher Entwickelung die Entstehung des 
Evangelischen aus dem Katholischen. Nicht wahr, wir sehen auf der 
einen Seite, wie sich innerhalb Mitteleuropas, zum Beispiel im Deut- 
schen Reich - fiir Osterreich habe ich ja dieselben Erscheinungen schon 



besprodien - dasjenige erhalten hat, was ich hier diarakterisiert habe 
als den romisch-katholischen Universalimpuls, der in Osterreich so 
aufierlich, wie ich es charakterisiert habe, in Deutschland noch inner- 
licher, viele Seelen eben gefangen halt. Denn es ist ein grofier Unter- 
schied zwischen einem osterreichischen Katholiken und auch nur einem 
bayrischen Katholiken, wenn man wirklich auf solche Unterschiede 
hinschauen kann. Davon ist also vieles geblieben, was in weite, zuriick- 
gelegene Jahrhunderte geht. Dann hat hineingeschlagen in diese katho- 
lische Kultur die evangelische Kultur, sagen wir die Luther-Kultur, die 
in der Schweiz die andere Form des Zwinglianismus und Calvinismus 
und so weiter angenommen hat. Nun sind vom Luthertum wiederum 
viele, viele Menschen innerhalb des sogenannten deutschen Volkes, 
namentlich des reichsdeutschen Volkes abhangig. Wenn man aber die 
Frage aufwirft: Welcher Zusammenhang besteht zwischen demGoethe- 
anismus und zwischen dem Luthertum? — dann bekommt man die 
merkwiirdige Antwort, dafi da eigentlich gar kein Zusammenhang 
besteht. Gewifi, aufierlich hat sich Goethe auch mit Luther beschaftigt, 
sich auch mit dem Katholizismus aufierlich beschaftigt. Aber wenn man 
fragt nach dem inneren Seelenfermente in Goethe, so kann man nur 
sagen: Es gab fiir ihn nichts Gleichgultigeres in seiner ganzen Ent- 
wickelung als katholisch oder protestantisch sein. — Wie gesagt, in seiner 
Umgebung lebt es, doch hangt es nicht im entferntesten mit ihm zu- 
sammen. Man kann sogar zu diesem Apercu ein anderes hinzufiigen. 
Herder war Pastor, sogar Superintendent in Weimar. Wer seine Schrif- 
ten liest, kann auch von Herder sagen, der selbstverstandlich als Pastor 
aufierlich von Luther viel inne hatte und wufite, dafi seine Gesinnung, 
dafi sein Denken nicht im allerentferntesten mit dem Luthertum 
irgendwie zusammenhangt, dafi er ganz herausgewachsen ist aus dem 
Luthertum. So hat man in alledem, was zum Goetheanismus gehort - 
ich rechne da alles dies dazu ~, auch in dieser Beziehung ein vollig 
Isoliertes. Und wenn man nach der Natur, nach der Wesenheit dieses 
Isolierten fragt, so bekommt man eigentlich zur Auskunft, dafi es her- 
auskristallisiert ist aus alien moglichen Impulsen gerade des fiinften 
nachatlantischen Zeitalters. Luther hat einen Einflufi gleich Null auf 
Goethe, auf Goethe aber hatte Einflufi Linne, hatte Einflufi Spinoza, 



hatte Einfluft Shakespeare. Und wenn man nadi Einfliissen bei Goethe 
eben fragen will: nach Goethes eigenem Bekenntnis haben diese drei 
Personlichkeiten den allergrofiten Einflufi auf seine Seelenentwicke- 
lung genommen. 

So hebt sich der Goetheanismus als isolierte Erscheinung heraus. 
Und das ist, was macht, dafi wiederum dieser Goetheanismus wirklich 
dem ausgesetzt war, was man als Unmoglichkeit bezeichnen kann, 
popular zu werden. Denn, nicht wahr, die alten Erscheinungen blei- 
ben; in den breiten Massen wurde nicht einmal der Versuch gemacht, 
Lessingsche, Schillersche, Goethesche Ideen irgendwie gangbar zu ma- 
chen, geschweige denn etwa Gefuhle und Empfindungen dieser Person- 
lichkeiten gangbar zu machen. Dagegen lebten wie antediluvianisch 
fort auf der einen Seite veralteter Katholizismus, auf der anderen 
Seite veralteter Lutherismus. Und es ist ja eine bedeutsame, eine sigm- 
flkante Erscheinung, dafi dasjenige, was die Leute geistig treiben inner- 
halb jener Kulturstromung, der ein Goethe angehort hat, die einen 
Goethe hervorgebracht hat, mit jenen Kanzelreden zusammenhangt, 
die die protestantischen Pfarrer halten. Es gibt unter ihnen audi einige, 
die zu der modernen Bildung ein Verhaltnis haben, aber das hilft 
ihnen nicht fur ihre Kanzelreden. Dasjenige, was heute da als geistige 
Nahrung dargeboten wird, das ist wirklich so, dafi man sagen mufi: 
es ist antediluvianisch, es hangt uberhaupt nicht im geringsten zusam- 
men mit demjenigen, was die Zeit irgendwie fordert, was der Zeit 
irgendwie Kraft geben konnte. Es hangt aber allerdings zusammen 
mit einer gewissen anderen Seite unserer Geisteskultur, mit jener an- 
deren Seite unserer Geisteskultur, welche macht, dafi das geistige Leben 
eines grofien Teiles der Menschheit der Gegenwart uberhaupt aufter- 
halb der Wirklichkeit verlauft. Und dies ist vielleicht das bedeutsamste 
Zeichen des modernen Bourgeois-Philisteriums, dafi das geistige Leben 
dieses Bourgeois-Philisteriums aufierhalb dieser Wirklichkeit verlauft, 
dafi alles Gerede dieses Bourgeois-Philisteriums eigentlich aufierhalb 
der Wirklichkeit steht. 

Daher sind ja audi nur solche Erscheinungen moglich, die man ge- 
wohnlich gar nicht beachtet, die aber als Symptome tief, tief bezeich- 
nend sind. Sehen Sie, Sie konnen die Literatur der Kriegsphilister seit 



Jahrzehnten lesen, und Sie werden innerhalb dieser Literatur immer 
wieder und wiederum Kant zitiert finden. In den letzten Wochen 
haben sich zahireiche dieser Kriegsphilister in Friedensphilister ver- 
wandelt, da es vom Krieg zum Frieden heriibergeht. Das will ja nichts 
Besonderes besagen, wesentlich ist, daft sie Philister geblieben sind, 
denn selbstverstandlich ist der Stresemann von heute kein anderer, als 
der Stresemann von vor sechs Wochen. Heute ist es natiirlich wieder- 
um Ublich, Kant als den Mann der Friedensphilister zu zitieren. Das 
ist aufierhalb der Wirklichkeit. Die Leute haben kein Verhaltnis zu 
dem, wovon sie vorgeben, dafi sie geistig gespeist werden. 

Das ist etwas, was zum Charakteristischesten in der Gegenwart ge- 
hort. Und so konnte eben die bemerkenswerte Tatsache auftreten, dafi 
erne ganz gewaltige geistige Welle, die mit dem Goetheanismus auf- 
geworfen war, eigentlich vollstandig unverstanden geblieben ist. Das 
ist der Schmerz, der heute einen befallen kann gegemiber den kata- 
strophalen Ereignissen der Gegenwart, der Schmerz kann einen be- 
fallen: Was soli denn werden mit dieser Welle, die eine der allerwich- 
tigsten im funften nachatlantischen Zeitraum gewesen ist, was soli 
unter der gegenwartigen Weltstimmung aus dieser Welle werden? 

Demgegeniiber kann man sagen: Es hat eine gewisse Wichtigkeit, 
wenn man sich entschliefk, dasjenige, was zu tun haben will gerade 
mit den wichtigsten Impulsen des funften nachatlantischen Zeitraums, 
Goetheanum zu nennen, ganz gleichgultig, was uber diese Anstalt 
Goetheanum auch kommen mag. - Nicht darum handelt es sich, dafi 
diese Anstalt so und so lange Jahre den Namen Goetheanum tragt, 
sondern daft einmal der Gedanke da war, den Namen Goetheanum 
gerade in der schwierigsten Zeit zu gebrauchen. 

Gerade durch die Tatsache, die ich Ihnen angefiihrt habe, kann 
f iir einen gewissermafien der Goetheanismus in seiner Isoliertheit etwas 
ganz Besonderes werden, konnte es werden, wenn man in der angege- 
benen Zeit in Usterreich, wo einen so viel nichts anging, gelebt hat. 
Denn hatten ihn die Leute als etwas aufgefafit, was sie etwas angeht, 
dann ware die heutige Zeit nicht gekommen, dann waren diese kata- 
strophalen Ereignisse nicht eingetreten. Man mochte sagen: Dieses und 
vieles andere machte Deutsch-Dsterreich in einzelnen Individualitaten 



- denn die breiten Massen stehen eben unter dem furclitbaren Druck 
des Katholizismus der Gegenreformation - aber es machte einzelne 
Individualitaten fahig, den Goetheanismus mit ihrer Seele in inniger 
Weise zu vereinigen. Ich selber — ich habe es ofter erwahnt - lernte 
einen solchen Dsterreicher kennen in Karl Julius Schrder, der in Oster- 
reich wirkte; aber ich mochte sagen, so wie er wirkte, auf jedem Ge- 
biete, auf dem er wirkte, war es der Goethe-Impuls, von dem aus er 
wirkte. Die Geschichte wird einmal zusammenstellen, was solche Leute 
wie Karl Julius Schroer gedacht haben iiber die politischen Notwendig- 
keiten von Osterreich in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts, 
solche Leute, die keines Menschen Ohr gefunden haben, die aber in 
einer gewissen Weise gewufit haben, wodurch das «Heute» zu ver- 
meiden gewesen ware, das dann eben doch kommen mufite, weil sie 
niemandes Ohr gefunden haben. 

Kam man dann ins Deutsche Reich, ja, da vor alien Dingen hatte 
man dann den Eindruck, dafi wenn man mit Goethe zusammengewach- 
sen war, man eigentlich nirgends ein offenes Herz fur solches Zusam- 
mengewachsensein fand. Ich kam im Herbst 1890 nach Weimar, und 
ich habe Ihnen neulich die schonen Seiten von Weimar geschildert; 
aber fur dasjenige, was ich dazumal - ich hatte ja meine erste wichtige 
Goethe-Publikation bereits hinter mir - fur Goethe in meiner Seele 
trug, fand ich eigentlich, weil es das Geistige an Goethe war, recht, 
recht wenig Verstandnis, Herzensverstandnis da vor. Es war da ein 
ganz anderes Leben im Aufierlichen und audi im Inneren des Aufieren 

- oder im Aufierlichen des Inneren, wenn Sie das lieber sagen wollen - 
als irgend etwas, was zusammenhangt mit den Goethe-Impulsen. Diese 
Goethe-Impulse sind eigentlich in den allerweitesten Kreisen vollstan- 
dig unbekannt, unbekannt insbesondere aber, total unbekannt bei den 
Professoren der Literaturgeschichte, die an den Universitaten iiber 
Goethe, Lessing, Herder und dergleichen Vortrage halten, unbekannt 
bei all den Philistern, die die schrecklichen Goethe-Biographien inner- 
halb der deutschen Literatur verbrochen haben. Ich konnte mich nur 
trosten iiber all das Schauerzeug, welches geschrieben worden ist, ge- 
druckt worden ist iiber Goethe, durch die Publikationen Schrders und 
durch das schone Buch von Herman Grimm, das mir verhaltnismafiig 



sehr friihzeitig in die Hande gekommen ist. Aber Herman Grimm zum 
Beispiel wird ja durchaus von den Universitatsleuten nicht ernst ge- 
nommen. Sie sagen, er sei ein Spazierganger auf dem Gebiet des Gei- 
steslebens, kein ernster Forscher. 

Karl Julius Schroer ernst zu nehmen, dazu hat sich naturlich ein 
richtiger Universitatsgelehrter niemals aufgeschwungen; der wird ja 
immer nur so als Bagatelle behandelt. Ja, dieses Kapitel konnte ich 
in sehr mannigfaltiger Weise ausmalen. Aber man darf ja nicht ver- 
gessen bei alledem, dafi in das Literatentum mit all seinen verschie- 
denen Verzweigungen, selbst in die Verzweigungen hinein, die man - 
mit Respekt zu vermelden - die journalistischen nennen kann, eben 
seine Strome sendet, das in den letzten Jahrzehnten versumpfende 
Biirgertum, das vollstandig in Schlaf versunkene Biirgertum, das keine 
Beziehungen hat, wenn es geistiges Leben treibt, zu dem wirklichen 
Inhalt dieses Geisteslebens. Von solchen Voraussetzungen aus kann 
man naturlich nicht irgendwie an den Goetheanismus herankommen. 
Denn Goethe selber ist im besten, im wahrsten Sinne des Wortes der 
modernste Geist des funften nachatlantischen Zeitraums. 

Bedenken Sie nur, was in diesem Goethe eigentlich alles als beson- 
ders charakteristisch Eigentiimliches ist. Erstens, seine gesamte Weltan- 
schauung - die in die geistigen Hohen noch holier hinauf gefuhrt werden 
kann, noch hoher als sie Goethe selbst f iihren konnte — ruht auf solidem 
naturwissenschaftlichem Boden. Es gibt keine solide Weltanschauung 
in der Gegenwart, die nicht auf naturwissenschaftlichem Boden ruhen 
konnte. Daher ist so viel Naturwissenschaftliches in dem Buche, mit 
dem ich 1897 meine damaligen Goethe-Studien abgeschlossen habe, und 
das jetzt in neuer Auflage wiederum erschienen ist aus ahnlichen Griin- 
den, wie die Neuauflage der «Philosophie der Freiheit» erschienen ist. 
Das Philisterium hat damals gesagt - damals wurden meine Biicher noch 
rezensiert -: Der nennt das «Goethes Weltanschauung» ; er miifite eigent- 
lich sagen «GoethesNaturanschauung».- Nun ja, dafi das, was wirklich 
Goethes Weltanschauung ist, nur so dargestellt werden kann, dafi die 
solide Grundlage der Goetheschen Naturanschauung geboten wird, das 
sahen naturlich diejenigen nicht ein, welche maskierte Goethe-Forscher 
oder dergleichen waren, Literarhistoriker oder Philosophen oder so etwas. 



Ein zweites Charakteristisches fur Goethe, was ihn wiederum zu 
dem modernsten Geiste der fiinften nachatlantischen Zeit macht, ist, 
wie sich in seiner Seelenverfassung jener eigentiimliche innere Geistes- 
weg gestaltet, der von der intuitiven Naturanschauung zur Kunst hin- 
fiihrt. Es gehort zu den allerinteressantesten Problemen der Goethe- 
Betrachtung, diesen Zusammenhang von Naturanschauung und kiinst- 
lerischer Betatigung, kiinstlerischem Schaffen und kiinstlerischer Phan- 
tasie eben in Goethes Seele zu verfolgen. Nicht auf Hunderte, sondern 
auf Tausende von Fragen, die aber nicht pedantische theoretische Fra- 
gen sind, sondern die lebensvolle Fragen sind, kommt man, wenn man 
diesen ganz eigenartigen, merkwiirdigen Weg betrachtet, der sich bei 
Goethe immer abspielt, wenn er die Natur kiinstlerisch, aber darum 
nicht weniger ihrer Wirklichkeit nach betrachtet, und wenn er in der 
Kunst so wirkt, daft man, um sein eigenes Wort zu gebrauchen, in 
seiner Kunst etwas verspiirt wie eine auf hoherer Stufe erfolgende 
Fortsetzung des gottlichen Natur schaffens selber. 

Ein drittes, was fiir Goethes "Weltanschauung so charakteristisch ist, 
ist, wie Goethe den Menschen hineinstellt in das ganze Weltenall, 
wie er in dem Menschen die Bliite, die Frucht des ganzen iibrigen 
Weltenalls sieht, wie er immerdar bemiiht ist, ihn nicht isoliert zu 
betrachten, sondern ihn so zu betrachten, dafi der Mensch dasteht und 
gewissermafien durch ihn durchwirkt die ganze Geistigkeit, die der 
Natur zugrunde liegt, und der Mensch mit seiner Seele den Schauplatz 
abgibt, auf dem sich der Geist der Natur selber anschaut. Aber mit 
diesen also abstrakt ausgesprochenen Gedanken hangt unendlich vieles 
zusammen, wenn es im Konkreten verfolgt wird. Und all dies ist ja 
im Grunde genommen erst die solide Grundlage, auf der dann auf- 
gebaut werden kann das, was zu den hochsten Hohen iibersinnlicher, 
geistiger Betrachtung gerade in der heutigen Zeit fiihren kann. Wenn 
man heute darauf aufmerksam macht, dafi die Welt versaumt hat, sich 
mit Goethe zu befassen - das hat sie -, dafi die Welt versaumt hat, 
irgendwie eine Beziehung zum Goetheanismus zu gewinnen, ja, dann 
geschieht das wahrhaftig nicht, um diese Welt auszuzanken, um diese 
Welt abzukanzeln oder abzukritisieren, sondern nur, um dazu auf- 
zufordern, ein solches Verhaltnis zum Goetheanismus zu gewinnen. 



Denn dieser Goetheanismus, fortgesetzt, bedeutet eben ein Hinein- 
kommen in anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Und 
ohne anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kommt die Welt 
aus der heutigen katastrophalen Lage nicht heraus. Man kann in ge- 
wisser Weise am sichersten anfangen, wenn man in die Geisteswissen- 
schaft hineinkommen will, indem man mit Goethe anf angt. 

Das alles hangt mit etwas anderem noch zusammen. Ich habe Sie 
vorhin darauf aufmerksam gemacht, dafi eigentlich dieses breite Gei- 
stesleben, das auf den Kanzeln sich entwickelt, das fiir viele Menschen 
dann eine Lebensliige wird, der sie sich gar nicht bewufit sind, eben 
antediluvianisch ist. Ebenso antediluvianisch ist ja im Grunde die 
Universitatsgelehrsamkeit aller Fakultaten. Nun wird das aber zur 
Anomalie, zur historischen Anomalie, auf einem Gebiete, wo es einen 
Goetheanismus daneben gibt. Denn ein weiteres Eigentumliches in 
Goethes Personlichkeit ist die ungeheure Universalitat, die so weit 
geht, dafi ja gewifi Goethe auf den verschiedensten Gebieten nur 
schwache Saatkorner ausgestreut hat; die konnen aber uberall aus- 
gebildet werden, und die sind, indem sie ausgebildet werden, etwas 
so Grofies, enthalten die Keime zu etwas so Grofiem in sich, dafi es 
das grofie Moderne ist, von dem aber die Menschheit nichts wissen 
will, dem gegeniiber in seiner Verfassung, in seiner Gesinnung, wie es 
dasteht, das Antediluvianische die moderne Universitatsbildung ist. 
Diese moderne Universitatsbildung ist alter Zopf, wenn sie audi dies 
oder jenes Neuentdeckte und so weiter in sich aufnimmt. Aber daneben 
gibt es ein nicht beachtetes wirkliches Geistesleben: Goetheanismus. 
Goethe ist in gewisser Beziehung die Universitas litterarum, die ge- 
heime Universitas, und der widerrechtliche Fiirst auf dem Gebiete des 
Geisteslebens ist die Universitatsbildung der Gegenwart. Aber alles 
Aufiere, was Sie erleben, was zu der gegenwartigen Weltkatastrophe 
gefiihrt hat, alles dies Aufiere ist ja schliefilich ein aufieres Resultat 
dessen, was an den Universitaten gelehrt wird. Da reden die Men- 
schen heute iiber das oder jenes in der Politik, iiber diese oder jene 
PersonHchkeiten, da reden die Menschen daruber, dafi der Sozialismus 
aufgetreten ist, da reden die Menschen iiber gute und schlechte Seiten 
der Kunst, da reden die Menschen iiber den Bolschewismus und so 



weiter, da fiirchten sich die Menschen, dafi das oder jenes herauf- 
komme, da sehen die Mensdben an dem einen oder andern Platz den 
oder jenen stehen, da gibt es Menschen, die vor sechs Wochen das 
Gegenteil von dem gesagt haben, was sie heute sagen. Alles das gibt 
es. Woher fliefit alles das? Doch schliefilich von den Bildungsstatten 
der Gegenwart! Alles Ubrige ist im Grunde genommen sekundares 
und sekundarstes Gerede, was nicht aufmerksam darauf wird, da£ die 
Axt an die Wurzel der sogenannten modernen Bildung selbst gelegt 
werden mufi. Was wird es denn niitzen, wenn nodi so viel da oder 
dort sogenannte gescheite Ideen entwickelt werden, wenn man nicht 
einsieht, wo eigentlich der Bruch gemaclit werden mufi? 

Ich habe vorhin davon gesprochen, daj($ mich selber gewisse Dinge 
nichts angegangen sind. Ich kann Ihnen noch etwas verraten, was mich 
nichts angegangen ist. Als ich von der Realschule an die Hochschule 
kam, da horte ich verschiedene Dinge, liefi mich in verschiedene Dinge 
inskribieren. Es waren lauter Dinge, die mich nichts angingen, denn 
nirgends konnte man den Impuls desjenigen verspiiren, was wirklich 
zusammenhangt mit der Evolution unseres Zeitalters. Und ohne albern 
werden zu wollen - ich habe ja neulich erzahlt, wie ich iiberall her- 
auslanciert worden bin -, darf ich sagen, dafi ich vor alien Dingen eine 
gewisse Sympathie hatte fur jene Universitas, die der Goethe anismus 
ist dadurch, dafi Goethe im Grunde genommen, indem er durch die 
Universitatsbildung ging, audi durch etwas ging, was ihn nichts an- 
ging in Wirklichkeit. Goethe hat sich blutwenig befafk in Leipzig, in 
der damaligen Universitat im damaligen koniglichen Sachsenlande, 
mit dem, was er da horen konnte, und er hat sich spater wiederum 
in Strafiburg blutwenig befafit mit dem, was er da horen konnte. Und 
dennoch, alles das, selbst das Kunstlerischeste des Kunstlerischen bei 
Goethe ruht auf solidem Boden sogar strengster Naturanschauung. 
Goethe ist wider alles Universitatswesen in die modernsten Impulse 
auch des Erkennens hineingewachsen. Das ist dasjenige, was man, 
wenn man von Goetheanismus spricht, nicht aus dem Auge verlieren 
darf. Das ist dasjenige, was ich in meinen Goethe-Studien und auch 
in meinem Buche «Goethes Weltanschauung » gerne den Menschen zum 
Bewufitsein gebracht hatte. Den wirklichen Goethe hatte ich gerne den 



Menschen zum Bewufitsein gebracht. Nur - es war das Zeitalter nicht 
dazu da. Es fehlte sozusagen in ganz erheblichem Mafie der Resonanz- 
boden. Dafi Ansatze dazu da waren, das habe ich neulich erwahnt; 
sie waren doch in Weimar gegeben, der Bod en war in Weimar gewis- 
sermafien dazu gegeben. Aber auf diesen Boden stellte sich nichts 
Rechtes, und diejenigen, die darauf gestellt waren, lancierten die an- 
deren weg, die auf diesem Boden batten stehen konnen. Ware die 
neuere Zeit ein wenig von Goetheanismus durchdrungen, sie wiirde 
mit Sehnsucht Geisteswissenschaft aufnehmen, denn der Goetheanis- 
mus bereitet den Boden fur die Aufnahme der Geisteswissenschaft vor. 
Dann aber wiirde wiederum dieser Goetheanismus zur Methode fur 
eine wirkliche Gesundung der Menschen der Gegenwart. Ja, man mu£ 
nicht oberflachlich das Leben der gegenwartigen Zeit betrachten! 

Als ich gestern den Vortrag gehalten hatte in Basel, da mulke ich 
doch denken: Dasjenige, was da zu sagen ware, ist eigentlich so, dafi 
es heute keinen ehrlichen Wissenschafter geben konnte, der, wenn er 
sich darauf einlafit, die Sache nicht zugibt. - Wenn er sich darauf ein- 
lafit! Was die Sache zuriickhalt, sind ja nicht logische Griinde, sondern 
ist jene Brutalitat, welche als Brutalitat auch auf alien Gebieten der 
zivilisierten Welt die gegenwartige Katastrophe herbeigefiihrt hat. 
Tief symbolisch selbstverstandlich bleibt immer eine solche Tatsache, 
dafi es eine Goethe-Gesellschaft gibt, welche vor einigen Jahren nichts 
Besseres zu tun hatte, als einen gewesenen, abgewirtschafteten Finanz- 
minister zum Prasidenten zu machen, so richtig ein Symptom fur das 
Aufienstehen der Menschen gegeniiber dem, was sie glauben, zu ver- 
ehren. Dieser Finanzminister, der, wie ich neulich schon sagte, viel- 
leicht auch symptomatisch den Vornamen hat «Kreuzwendedich», die- 
ser Finanzminister glaubt ja selbstverstandlich in der Lebensluge, in 
der er drinnensteht, dafi er Goethe verehrt, weil er ja keine Ahnung 
haben kann, aus der gegenwartigen Bildung heraus keine Ahnung 
haben kann, wie fern, wie - man konnte kosmische Entfernungen, 
Sternenweiten oder so irgend etwas zu Hilfe nehmen, wenn man die 
Fernigkeit auch nur irgendwie ausmessen wiirde, in welcher dieser Pre- 
sident der Goethe-Gesellschafl selbst zu dem Allerelementarsten des 
Goetheanismus steht. 



Dieses Zeitalter war naturlich nicht dazu da, urn irgendwie in das 
Innere des Goetheanismus hineinzufiihren. Denn der Goetheanismus 
ist nichts Nationales, der Goetheanismus ist nichts Deutsches. Gespeist 
ist, wie ich Ihnen gezeigt habe, dieser Goetheanismus von Spinoza, 
nun, der war ja schliefilich kein Deutscher, von Shakespeare - war 
ja schliefilich kein Deutscher; von Linne - war ja schlieftlich kein Deut- 
scher. Und Goethe selbst sagt es, dafi diese drei Personlichkeiten von 
alien Personlichkeiten auf ihn den grofken Einflufi gehabt haben, und 
er irrt sich darin gewifi nicht. Wer Goethe kennt, weifi, wie gerecht- 
fertigt dies ist. Aber Goethe ist dagewesen - Goetheanismus konnte 
da sein! Goetheanismus konnte waken in allem menschlichen Denken, 
konnte walten im religiosen Leben, konnte walten in jedem wissen- 
schaftlichen Zweige, konnte walten in sozialen Ausgestaltungen des 
menschlichen Zusammenlebens, Goetheanismus konnte walten im poli- 
tischen Leben, iiberall konnte der Goetheanismus walten. Und die Welt 
hort sich heute die Schwatzer an, Eucken oder Bergson, wie sie auf den 
verschiedensten Gebieten heifien. Ich will schon gar nicht von irgend- 
welchen politischen Schwatzern sprechen, denn auf diesem Gebiete ist 
ja in der heutigen Zeit das Eigenschaftswort mit dem Hauptwort fast 
identisch geworden. 

Gegen die Fremdheit des heutigen Geistesgetriebes gegeniiber der 
Wirklichkeit ist schliefilich das, was hier gewollt worden ist, was ja 
in der Zukunft so stark gehafit werden wird, dafi natiirlich seine Fertig- 
stellung selbstverstandlich sehr problematisch ist, besonders in dem 
gegenwartigen Zeitpunkte, demgegeniiber ist dasjenige, was hier ge- 
wollt worden ist, ein lebendiger Protest. Und dieser Protest kann nicht 
schoner ausgedriickt werden, als wenn man sagt: Das, was hier gewollt 
worden ist, ist ein Goetheanum. - Es ist gewissermafien ein Bekennt- 
nis zu den wichtigsten Eigenschaften und audi zu den wichtigsten For- 
derungen der Gegenwart, wenn hier von einem Goetheanum gespro- 
chen wird. Und dieses Goetheanum ist wenigstens gewollt worden 
inmitten des gegenwartigen Philisteriums — will sagen, der gegenwar- 
tigen zivilisierten Welt sollte herausragen aus dieser gegenwartigen 
sogenannten zivilisierten Welt. 

Selbstverstandlich, wenn es nach dem Herzen vieler Zeitgenossen 



ginge, wiirde man vielleicht sagen, es ware gescheiter gewesen, «Wil- 
sonianum» zu sagen, denn das ist ja die Flagge der gegenwartigen 2eit. 
Das ist ja dasjenige, dem sich gegenwartig die Welt beugen will und 
wahrscheinlich audi beugen wird. 

Nun, es mag manchem sonderbar erscheinen, wenn heute einer 
kommt und sagt: Die einzige Hilfe gegen den Wilsonismus ist der 
Goetheanismus. - Dann kommen diejenigen Menschen, die das besser 
wissen wollen und sagen: Das ist ein Ideologe, der so spricht! - Nun, 
wer sind denn jene Menschen, die dieses Wort pragen: Das ist ein 
weltenfremder Mensch - wer sind sie denn? Diese weltenverwandten 
Menschen sind es, welche die heutige Weltordnung herbeigefuhrt ha- 
ben, welche die heutige Weltordnung herbeigeschaffen haben; die sind 
es, welche sich besonders praktisch immer gediinkt haben, die sind es, 
welche sich selbstverstandlich auflehnen gegen das, was aus den Zu- 
sammenhangen gerade tiefster Wirklichkeit heraus gesprochen wer den 
muf5: Die Welt wird krank werden am Wilsonismus, die Welt wird 
auf alien Gebieten des Lebens ein Heilmittel brauchen, und das wird 
der Goetheanismus sein! 

Und wenn ich mit einer personlichen Bemerkung abschliefien darf 
zu dieser Interpretation meines Goethe-Buches, «GoethesWeltanschau- 
ung», das jetzt audi in einer zweiten Auflage erschienen ist: Durch 
eine merkwurdige Verkettung der Umstande ist dieses Buch noch nicht 
da, namlich, man ist ja immer noch, nicht wahr, insbesondere in der 
Gegen wart, ein bifichen zu Konzessionen bereit. Praktische Menschen 
haben uns vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, vor Monaten schon, 
man solle direkt von der Druckerei diese Bucher «Philosophie der Frei- 
heit» und «Goethes Weltanschauung» hierher schicken, damit sie nicht 
erst den Umweg nach Berlin machen und so lange brauchen, bis sie 
hier sind. Und man meint doch, die Praktiker, die kennen sich aus 
in diesen Dingen. Nun, die «Philosophie der Freiheit» wurde als von 
den Praktikern abgesendet gemeldet, kam aber Wochen und Wochen 
und Wochen nicht hier an. Von Berlin konnten die Leute schon langst 
Exemplare bekommen; hier war keines zu haben, weil irgendwo unter- 
wegs von den Praktikern die Sache besorgt worden war, weil wir 
«unpraktischen» Leute nicht eingreifen sollten in die Sache. Aber was 



war mit der «Philosophie der Freiheit» geschehen? Da war namlich 
das Folgende passiert:Die Sendung war von den Praktikern der Firma 
aufgegeben worden, und es war mitgeteilt worden, dafl sie es schicken 
sollen nach Dornach bei Basel. Aber diese Firma, der betreffende Herr, 
der es gemacht hat, der hat sich gesagt: Dornach bei Basel, das ist im 
Elsafi - denn da gibt es auch ein Dornach, und das ist ja auch in der 
Nahe von Basel — , und da braucht man keine Auslandsmarken drauf- 
zukleben, da konnen wir deutsche Inlandspostmarken draufkleben. - 
Nun, so ging denn durch praktische Anordnungen die ganze Sendung 
nach Dornach im Elsafi, wo man natiirlich nicht wuftte, was damit an- 
fangen. Die Sache mufke durch die unpraktischen Menschen reklamiert 
werden, und endlich, nach langen Umwegen, nachdem sich der Prak- 
tiker dazu bequemt hatte, einzusehen, dafi Dornach bei Basel nicht 
Dornach im Elsafi ist, kam die «Philosophie der Freiheit» hier an. Ob 
nun «Goethes Weltanschauung* von irgendeinem Praktiker statt von 
Stuttgart nach Dornach bei Basel nach dem Nordkap herumgeschickt 
worden ist, um vielleicht um die Erde herum in Dornacli einzutreffen, 
das weifi ich nicht. Aber jedenfalls, das sollte nur solch ein Beispiel 
sein, das wir zunachst unmittelbar am eigenen Leibe erlebt haben tiber 
den Anteil der Praktiker am Leben, an der wirklichen Lebenspraxis. 

Das also ist, was ich zunachst personlich als Versuch machen konnte 
auf dem Gebiete, das mir nahelag - nahelag mehr durch die Verhalt- 
nisse als durch meine Neigungen -, der Zeit wirklich zu dienen. Und 
ich glaube schon einmal, wenn ich betrachte, was mich mit meinen ver- 
schiedenen Buchern aus dem Impulse der Zeit heraus verbindet, dafi 
diese Biicher wirklich der Zeit auf den verschiedensten Gebieten dienen. 
Daher haben sie mich auch gelehrt, wieviel in diesen letzten Jahrzehn- 
ten gegen die Zeit eigentlich wirklich getrieben und unternommen 
worden ist. Die Leute mogen in ihrer Brutalitat noch so sehr glauben, 
dafi irgend etwas eben sich durchdriicken lafit: es lafit sich nichts in 
Wahrheit durchdriicken, was gegen die Impulse der Zeit ist. Es lafit 
sich manches, was mit dem Impulse der Zeit ist, zuruckhalten! Nun, 
wenn es zuriickgehalten wird, es wird spater seinen Weg finden, wenn 
auch vielleicht unter ganz anderen Namen und in ganz anderem Zu- 
sammenhange. Aber ich glaube doch, diese Biicher haben neben man- 



cliem anderen vielleicht doch audi dieses, dafi man an ihnen sehen 
kann, wie man aus der Beobachtung der Zeit heraus seiner Zeit selber 
dienen kann. Man kann aber mit allem, mit der kleinsten, mit der ele- 
mentarsten Tatigkeit kann man der Zeit dienen. Man mufi nur den 
Mut haben, zum Goetheanismus iiberzugehen, der sich wie eine Uni- 
versitas liberarum scientiarum hinstellt neben das, was heute alle Men- 
schen anbeten, die radikalsten Sozialisten am allermeisten: die ante- 
diluvianische Universitat. 

Es konnte sehr leicht scheinen, als ob diese Dinge personlich gemeint 
seien; daher zogere ich audi immer, solche Dinge auszusprechen. Wenn 
man natiirlich dem billigen Einwand ausgesetzt ist: Aha, der ist nicht 
Universitatsprofessor geworden, also schimpft er iiber die Universi- 
taten - nun ja, diesen billigen Einwand mufi man sich schon gefallen 
lassen, wenn man eben notwendig hat, darauf hinzuweisen, dafi das 
eigentliche "Obel der Zeit nicht diejenigen treffen, die von irgendeinem 
politischen, irgendeinem spezialwissenschaftlichen, irgendeinem natio- 
nalokonomischen, irgendeinem religiosen oder sonstigen Gesichtspunkte 
das oder jenes vorbringen. Den eigentlichen Gesichtspunkt, der in 
Betracht kommt, den treffen allein diejenigen, die hinweisen auf das 
allerschlimmste Infallibilitatsdogma, auf jenes Infallibilitatsdogma, 
das durch eine verhangnisvolle Obereinstimmung der Menschheit dazu 
gefiihrt hat, dafi alles unterstellt ist dem, was gegenwartig die Mensch- 
heit fiihrt: das, was gegenwartig of fizielle wissenschaftliche Statten sind, 
in denen so viel Unkraut - selbstverstandlich neben ein paar guten 
Pflanzchen - gedeiht. Ich werde durchaus nicht, geradesowenig wie 
ich, wenn ich iiber Staaten oder Nationen spreche, niemals den ein- 
zelnen meine, so niemals den einzelnen Universitatslehrer oder der- 
gleichen meinen. Das konnen ausgezeichnete Leute sein; darauf kommt 
es nicht an: es kommt auf das Wesen der Einrichtung an. 

Und wie schlimm dieses Wesen ist, das zeigt sich heute schon dar- 
innen, dafi diejenigen Schulen, die angefangen haben, ein wenig aus 
dem Naturlichen selbst heraus sich zu entwickeln, die technischen Hoch- 
schulen, nun audi schon universitare Alliiren annehmen und damit 
eigentlich schon einen grofien Schritt in die Versumpfung hinein ge- 
macht haben. 



Betrachten Sie solche Auseinandersetzungen, wie ich sie heute wieder 
gemacht habe, wie eine Art von Episode in unseren anthroposophischen 
Besprechungen. Aber idi denke, die gegenwartige Zeit ist eine so sehr 
unsere Gedanken und unsere Empfindungen nach dieser Richtung her- 
ausfordernde, dafi ja solche Betrachtungen bei uns angestellt werden 
sollten. Sie miissen insbesondere deshalb von uns angestellt werden, 
weil sie ja leider nirgend anderswo angestellt werden. 

Ja, recht weit, weit entfernt vom Goetheanismus, der wahrhaftig 
nicht im Goethe-Studium besteht und nicht im Verfolgen der Goethe- 
schen Werke allein, weit entfernt vom Goetheanismus ist noch unsere 
Gegenwart. Furchtbar notig, auf alien Gebieten des Lebens sich diesem 
Goetheanismus zu nahern, hat es diese unsere Gegenwart. Es scheint 
ideologisch und nicht praktisch zu sein, wenn man dieses sagt, aber es 
ist das Aller-allerpraktischeste in der Gegenwart. Man wird es zu ganz 
anderem bringen als zu diesem rationalisieren, dem einzigen, zu dem es 
in der Gegenwart das Bourgeoistum doch noch bringt, wenn man die ver- 
schiedenen Zweige des Lebens auf den Boden des Goetheanismus stellt. 
Und Geisteswissenschaft, die wird schon derjenige flnden, der auf dem 
Boden des Goetheanismus stent. Das ist etwas, was man heute mit 
flammender Schrift in die Herzen der Menschen hineingiefien mochte. 

Es ist dies von mir versucht worden in der verschiedensten Weise 
seit Jahrzehnten. Aber vieles von dem, was aus dem Herzblut heraus 
geredet worden ist, um der Zeit zu dienen, ist von der Zeit als erbau- 
liche Sonntagnachmittagspredigt genommen worden. Denn im Grunde 
genommen haben die Leute, die so gern den Kulturschlaf schlafen, auch 
nichts anderes gewollt wie Sonntagnachmittagspredigten, nicht wahr? 
Das ware der Menschheit so notwendig, dafi man das konkret fur die 
Zeit Erforderliche, Notwendige sucht! Und das mufite man vor alien 
Dingen in seine Einsicht hereinzubringen suchen, denn auf die Einsicht 
kommt es heute vor alien Dingen an. Es ist doch wiederum trivial, 
wenn man heute in dieser ungeheueren Verwirrung, die bald noch 
grofier sein wird, fragt: Was soli der einzelne tun? - Vor alien Dingen 
notig ist es, sich um Einsicht zu bekummern, damit die Infallibilitat 
namentlich auf dem Gebiete, das ich gerade heute gemeint habe, in ein 
richtiges Fahrwasser gebracht wird. 



Und dieses Biidielchen «Goethes Weltanschauung » ist vorzugsweise 
dazu geschrieben, um zu zeigen, dafi es zwei Stromungen in der Ge- 
genwart auf dem Gebiete alles Erkennens gibt: eine in der Dekadenz 
lebende Strbmung, die alle anbeten, und eine, die die fruchtbarsten 
Keime fur die Zukunft enthalt, und die alle meiden. Mancherlei 
schlechte Erfahrungen haben die Menschen gemacht in den letzten 
Jahrzehnten, gewifi viele durch eigene Schuld. Aber darauf sollten die 
Menschen kommen, dafi sie mit denen, auf die sie am stolzesten sind, 
ihre Schulmeister, doch im Grunde genommen die schlechtesten Er- 
fahrungen schon gemacht haben und noch viel schlechtere machen wer- 
den. Zunachst scheint aber die Menschheit notig zu haben, erst durch 
die Erfahrungen durchzugehen, die sie mit dem Weltenschulmeister zu 
machen hat, denn die Welt hat es dazu gebracht, nun endlich einen 
Schulmeister als Weltenordner hinzustellen.'Zu denjenigen Schwatzern, 
die iiberall aus universitarem Zeug heraus die Welt beschwatzt haben, 
tritt nun auch noch derjenige, der die ganze Welt ordnen soli aus uni- 
versitarem Geschwatze heraus. 

Nicht um zum Pessimismus, sondern um zu denjenigen Impulsen 
anzuregen, die den Goetheanismus dem Wilsonismus gegemiberstellen, 
sind diese Worte gesprochen. Auch nicht aus irgend etwas Nationalem 
heraus, denn Goethe ist selber wahrhaftig kein nationaler Geist, son- 
dern ein recht sehr internationaler. Die Welt sollte davor behiitet wer- 
den, sich den Schaden anzutun, an die Stelle des Goetheanismus den 
Wilsonismus zu setzen. 



ACHTER VORTRAG 



Dornach, 2. November 1918 



Wir haben jetzt von den verschiedensten Gesichtspunkten her versucht, 
einiges Licht zu werfen auf die besonderen Eigentiimlichkeiten der 
Zeitepoche, welche wir eben diarakterisieren miissen als den funften 
nachatlantischen Zeitraum, der mit dem Beginne des 15. Jahrhunderts 
seinen Anfang genommen hat, in dem wir jetzt drinnen stehen, und 
der in der Mitte des vierten Jahrtausends sein Ende finden wird. Nun 
ist in unserer gegenwartigen Zeit sehr vieles in den symptomatischen 
Geschehnissen der Geschichte, das innig zusammenhangt mit den Ge- 
schehnissen im Beginne dieses Zeitraumes. Aus Griinden, die, wenn wir 
noch langer Zeit haben, in den folgenden Vortragen herauskommen 
werden, und die in der Entwickelung der ganzen Menschheit liegen, 
kann man diesen funften nachatlantischen Zeitraum im wesentlichen 
in Fiinftel teilen, und wir stehen in einem besonders wichtigen Punkte, 
wo die Wende des ersten und des zweiten Fiinftels dieses Zeitraumes 
zur Entscheidung kommen mufi. 

Indem ich Ihnen eine Art Uberblick gewissermafien vor das geistige 
Auge fuhren will iiber die religionsgeschichtlichen Impulse, insoferne 
sie symptomatisch sind in diesem funften nachatlantischen Zeitraume, 
werde ich genotigt sein, mancherlei, was ich gerade bei dieser Betrach- 
tung sage, hindeutend, andeutend zu sagen. Denn sobald man im Ernste 
eingeht auf die Evolution der religiosen Impulse der Menschheit, in 
dem Augenblicke werden die Wirklichkeiten, die man dabei im Auge 
haben mufi, so schwierig gegeniiber dem Ausdrucke, der einem zur 
Verfiigung stehen kann in der menschlichen Sprache, dafi eben nur eine 
annaherungsweise, andeutungsweise Aussprache iiber die Dinge mog- 
lich ist. Daher werden Sie mancherlei von dem, was ich heute und mor- 
gen sagen werde, so zu nehmen haben, dafi Sie wirklich versuchen, 
auch hinter den Worten und in den Worten noch mancherlei zu sehen, 
nicht aus dem Grunde, weil ich Geheimniskramerei treiben will, son- 
dern aus dem Grunde, weil die Sprache zu ohnmachtig ist, um die Viel- 
gestaltigkeit der Impulse der Wirklichkeit tatsachlich zum Ausdrucke 



zu bringen. Vor alien Dingen aber mufi ich Sie heute darauf aufmerk- 
sam machen, dafi derjenige, der soldhie Dinge geisteswissenschaftlich 
betrachtet, sich schon einmal darauf einlassen rnufi, wirklidi zu den- 
ken. Das Denken hat sich ja die heutige Menschheit melir oder weniger 
abgewohnt. Ich meine natiirlich nicht jenes Denken, welches den Hoch- 
mut begriindet der heutigen sogenannten Wissenschaft, sondern ich 
meine jenes Denken, das auf genaue Wirklichkeitsunterscheidungen 
einzugehen vermag. Ich mufi, um das betrachten zu konnen, was uns 
jetzt zu betrachten obliegen wird, Sie vor alien Dingen aufmerksam 
darauf machen, dafi ich zwei Stromungen innerhalb der Menschheits- 
entwickelung Ihnen vorgefiihrt habe. Ich weilS nicht, ob alle diejenigen, 
die hier sitzen, so genau auf meine Satzpragungen im Laufe der Zeit 
wahrend dieser Betrachtungen werden hingehorcht haben, dafi sie das 
schon bemerkt haben, was ich aber heute besonders herausheben will, 
damit in den folgenden Betrachtungen kein Miftverstandnis entsteht. 

Ich habe zunachst eines hervorgehoben mit Bezug auf die Evolution, 
auf die Entwickelung der nachatlantischen Menschheit. Ich habe auf- 
merksam gemacht, dafi die Menschheit der nachatlantischen Zeit, wenn 
man so sagen darf, immer jiinger und jiinger wird. Das heifk, dafi in 
der ersten Epoche dieser nachatlantischen Zeit, in der sogenannten 
urindischen Zeit, die Menschen korperlich entwickelungsf ahig geblieben 
sind bis in die fiinfziger Jahrehinauf, dafi sie also Entwickelungsstadien 
durchgemacht haben bis in die fiinfziger Jahre, dann bis in ein weniger 
hohes Alter in der urpersischen Zeit, wieder bis in ein weniger hohes 
Alter in der agyptisch-chaldaischen Zeit. Dann, in der griechisch-latei- 
nischen Zeit, kam die Menschheit an in einer Epoche, in welcher sie nur 
entwickelungsf ahig war bis zu den Jahren vom 28. bis 35. Jahre. Und 
jetzt stehen wir in der Epoche, in der die Menschheit entwickelungs- 
fahig bleiben wird bis zum 27. bis 28.Lebensjahr; jetzt eben - ich habe 
das ofter hervorgehoben - stehen wir darinnen in der Zeit, wo die 
Menschen durch das, was ihnen die Welt gibt, nur entwickelungsfahig 
bleiben bis zum 27. Lebensjahre. Dasjenige, was ihnen eine weitere Ent- 
wickelung geben kann, mussen sie sich aus den spirituellen Impulsen 
herausholen. Dann wird eine Menschheit kommen, die gar nur ent- 
wickelungsfahig bleiben wird bis in das Lebensalter von 14 bis 21 Jah- 



ren. Es wird dann der sechste nadiatlantisdie Zeitraum sein. Und so 
wird es weiter gehen. Die Mensdiheit wird, indem sie alter wird, in 
diesem Sinne immer jiinger und jiinger werden. Das ist die eine Evo- 
lution der Mensdiheit. 

Nun ist besonders ins Auge zu fassen - wie gesagt, ich weifl nicht, 
ob Sie alle das bemerkt haben ~, dafi diese Evolution, die ich jetzt aus- 
einandergesetzt habe, die ganze Menschheit betrifft. Die Mensdiheit 
also madit diese Evolution durch. So dafi wir sagen konnen: Mit Bezug 
auf diese - ich will sie die erste Evolution nennen -, mit Bezug auf 
diese erste Evolution steht die Menschheit in einer Phase darinnen, die 
zwischen dem 28. und 21. Jahre liegt. Das sind aber die Jahre, in denen 
die Empfindungsseele besonders zur Entwickelung kommt. Also wir 
stehen heute in einer Entwickelungsepoche drinnen, in der die ganze 
Menschheit die Empfindungsseele besonders zur Entwickelung bringt. 
Das ist die eine Evolution. 

Nun habe ich Ihnen aber audi von einer anderen Evolution erzahlt. 
Diese andere Evolution besteht darinnen, daiR in der ersten nachatlan- 
tischen Epoche, in der urindischen, die Menschheit durchgemacht hat 
diejenige Zeit, in welcher der einzelne Mensch sich entwickelte durch 
den Xtherleib durch. In der zweiten nachatlantischen Zeit, in der ur- 
persischen, entwickelte sich der einzelne Mensch durch den Empfin- 
dungsleib durch, in der agyptisch-chaldaischen Zeit der einzelne Mensch 
durch die Empfindungsseele durch, in der griechisch-lateinischen Zeit 
der einzelne Mensch durch die Verstandes- oder Gemiitsseele, und im 
jetzigen Zeitraume der einzelne Mensch durch die Bewufitseinsseele. 
Das ist also die zweite Evolution. Wahrend eine Evolution lauft, die 
die ganze Menschheit betrifft, lauft die andere Evolution einher, welche 
den einzelnen Menschen in der ganzen Menschheit betrifft. Der einzelne 
Mensch, wenn ich wieder unseren Zeitraum in Betracht ziehe, der Ein- 
zelmensch in der Menschheit bringt die Bewufkseinsseele zur Ent- 
wickelung. 

Die dritte Evolutionsstromung, die in Betracht kommen wiirde, das 
ist jene, die ich audi ofter erwahnt habe, welche die einzelnen Volks- 
elemente iiber die Erde hin in Entwickelung zeigt. Mit Bezug darauf 
habe ich Ihnen ausgefuhrt, wie das einzelne Volk, wie zum Beispiel das 



italienische Volk, sich so entwickelt, dafi, was durch das Volk kommt, 
gerade besonders die Empfindungsseele anregt, das franzosische Volk 
so sich entwickelt, dafi besonders die Verstandes- oder Gemiitsseele an- 
geregt wird, die englischsprechenden Volker dasjenige, was besonders 
dieBewufitseinsseele anregt, und so weiter.Das ist die dritte Evolution. 
Sie sehen, das geht durcheinander, da kann ich nicht fur unseren beson- 
deren Zeitraum einen einzelnen Satz herausheben. 

Erste Evolution: Die ganze Menschheit bringt die Empfindungs- 
seele zur Entwickelung. 

Zweite Evolution: Der einzelne Mensch in der Menschheit bringt 
die Bewufitseinsseele zur Entwickelung. 

Dritte Evolution: die der Volker. 

Diese drei Evolutionen aber, die kreuzen sich in jedem Menschen, 
die greifen in die Seele eines jeden Menschen ein. Ja, meine lieben 
Freunde, einfach ist die Weltenordnung wahrhaftig nicht! Wenn Sie 
wollen, da£ fiir Sie die Weltenordnung sich in den allereinfachsten 
Gedanken ausdriickt, dann miissen Sie entweder Professor oder spani- 
scher Konig werden. Denn man braucht nur zu erinnern an jene Sage 
von dem spanischen Konig, der da meinte, als man ihm eine viel weni- 
ger komplizierte Weltenordnung auseinandersetzte als diejenige ist, 
die bier in Betracht kommt: wenn Gott es ihm iiberlassen hatte, die 
Welt einzurichten, so wiirde er sie so kompliziert nicht eingerichtet 
haben, sondern viel einfacher. Und gewisse Lehrbiicher oder audi son- 
stige populare Erkenntnisbiicher haben immer wieder und wiederum 
das Prinzip verfolgt: Oh, die Wahrheit mufi einfach sein! - Dieses 
Prinzip wird selbstverstandlich nicht verfolgt aus irgendeiner Wirk- 
lichkeitsgrundlage heraus, sondern einzig und allein aus der Grund- 
lage der Bequemlichkeit, ich konnte auch sagen, der allgemeinen mensch- 
lichen Faulheit heraus. Mit einem blofien Schematismus, unter dem 
sich alles registrieren lafit, ist der Wirklichkeit gegeniiber wahrhaftig 
nichts getan. Und jene glatten, ich konnte auch sagen, aalglatten Be- 
griffe, welche man heute besonders liebt bei dem Betrieb der offiziellen 
Wissenschaften, die sind, ich konnte wiederum sagen, Lichtjahre weit 
entfernt - um diese astronomische Bezeichnung zu gebrauchen - von 
der wahren Wirklichkeit. 



Das aber, was da eingreift in die Voll-Evolution der Menschheit als 
Teil-Evolution, das mufi man bedenken, wenn man verstehen will, 
was eigentKch alles hereinspielt in die Menschenseelen dieses funften 
nachatlantischen Zeitraums. Denn langsam und allmahlich spielt es 
herein. Und wir werden, wenn wir einen Blick werfen wollen auf die 
religiose Evolution dieses Zeitraumes, notig haben, diese dreifache 
Evolution der Menschheit immer gewissermaflen im Hintergrunde zu 
halten. Es ist ja in der Tat so, dafi um jenen Zeitpunkt herum, in dem 
der fiinfte nachatlantische Zeitraum seinen Anfang nimmt, nicht nur 
vieles andere, sondern audi das religiose Leb en der zivilisier ten Mensch- 
heit in eine tiefgehende, viele Wogen aufwerfende Bewegung kommt, 
in eine Bewegung, die heute keineswegs abgeschlossen ist, die aber ver- 
standen werden mufi in ihren Tiefen, wenn die Menschen wirklich 
zum Gebrauch der Bewulkseinsseele kommen wollen. Denn nur da- 
durch, dafi die Menschen, wie ich gestern gesagt habe, zur Einsicht kom- 
men desjenigen, was geschieht, werden sie fahig werden, an der wei- 
teren Evolution dieser Menschheit auf der Erde wirklich teilzunehmen. 

Um denBeginn des 15. Jahrhunderts herum rumoren eigentlich wirk- 
lich die religiosen Impulse der zivilisierten Menschheit. Wir wollen sie 
zunachst iiber Europa hin betrachten, denn sehen wir sie iiber Europa 
hin, wird sich uns ein Bild, ich mochte sagen, des ganzen Erdenrundes 
ergeben. Das, was da rumor te, es hat sich eigentlich lange vorbereitet; 
es hat sich mehr oder weniger vorbereitet schon seit dem 10. Jahrhun- 
derte, sogar schon seit dem 9. Jahrhundert des europaischen und vor- 
derasiatischen Geisteslebens. Und diese Vorbereitung, sie geschah da- 
durch, dafi in einer ganz besonderen Weise die Nachwirkung des 
Christus-Impulses innerhalb der zivilisierten Welt sich abspielte. Wir 
wissen ja, dieser Christus-Impuls ist etwas Fortwirkendes in der Zeit. 
Aber mit dem abstrakten Satze, dieser Christus-Impuls sei etwas Fort- 
wirkendes, ist eigentlich sehr, sehr wenig gesagt. Man mufi auch durch- 
schauen, in welcher Weise sich dieser Christus-Impuls difTerenziert, in 
welcher Weise er sich in seinen DifFerenzierungen dann in der verschie- 
densten Art modifiziert, besser gesagt, metamorphosiert. 

Betrachtet man, wie dasjenige, was dazumal imBeginne des 15. Jahr- 
hunderts anfing in Bewegung zu geraten, was heute tief s tief nachwirkt 



in den Menschen - vielf ach unbewufit, ohne dafi sie eine Ahnung davon 
haben -, wie das zusammenhangt mit dem gegenwartigen Katastro- 
phalen der Ereignisse, so driickt es sich dadurch aus, dafi vom 9., 
10. Jahrhundert an auf einem Gebiete der zivilisierten Welt die Mog- 
lichkeit geschafFen wurde, dafi das eigentliche Christus-Volk entstand, 
jenes Volk, welches gewissermafien die besondere innere Volksbefahi- 
gung empfing, die Christus-OfFenbarung in die kiinftigen Jahrhunderte 
hineinzutragen. Man redet ganz im ureigentlichsten Sinne, wenn man 
fiir diese Zeit davon spricht, dafi als Vorbereitung spaterer Zeiten ein 
Volk durch die Weltereignisse besonders geeignet gemacht worden ist, 
das Christus-Volk zu werden. 

Das geschah dadurch, dafi schon im 9. Jahrhunderte dasjenige, was 
als Christus-Impuls fortwirkte, sich in Europa gewissermafien diffe- 
renzierte, und jene DifFerenzierung des Christus-Impulses sich dadurch 
darstellt, dafi Seelen sich geeignet erweisen, den Christus-Impuls in 
seiner Offenbarung unmittelbar in sich einflieften zu lassen, und dafi 
dieser Teil, diese Differenzierung des Christus-Impulses nach dem 
Osten Europas abgeschoben worden ist. Was dazumal unter dem Pa- 
triarchen Photius, unter dem Papst Nikolaus I. geleistet worden ist, 
das war ein Zuriickschieben des Christus-Impulses in seiner besonderen 
Intensitat nach dem europaischen Osten hin. 

Sie wissen, das hat ja dann zu der beriihmten Streitigkeit gefuhrt, ob 
man den Heiligen Geist ausgehend denken soli vom Vater und vom 
Sohn, oder sich das anders zu denken hat. Doch auf dogmatische Strei- 
tigkeiten will ich nicht eingehen; auf dasjenige will ich eingehen, was 
eine fortdauernde Wirksamkeit hat. Und so ist diejenige DifFeren- 
zierung gekommen, diejenige Metamorphose des Christus-Impulses, 
welche sich eben dadurch charakterisiert, daft die Angehorigen dieses 
Gebietes, des europaischen Ostens, ihre Seelen ofFen hielten fiir das 
fortdauernde Einfliefien des Christus-Impulses, fiir die immerwah- 
rende, fortdauernde Gegenwart des Christus-Hauches. Es kam eben 
dazu, dafi diese besondere Metamorphose nach dem Osten abgeschoben 
wurde und das russische Volk im weitesten Sinne des Wortes innerhalb 
der europaischen Zivilisation dadurch zu dem Christus-Volk gewor- 
den ist. 



Dies zu wissen, ist ganz besonders wichtig in der heutigen Zeit. Sagen 
Sie ja nicht, dafi eine solche Wahrheit gegeniiber den heutigen Ereig- 
nissen sich merkwiirdig ausnimmt. Sie wiirden, indem Sie so etwas 
sagten, nur verkennen das Allergrundsatzlichste der spirituellen Weis- 
heit: dafi oflmals die aufieren Ereignisse geradezu in paradoxer Weise 
der inneren Wahrheit der Vorgange widersprechen. Es kommt gar 
nicht darauf an, ob da oder dort in der Welt die aufkren Ereignisse 
der inneren Wahrheit der Vorgange widersprechen; darauf kommt es 
an, daft man audi einsehe, welches die inneren Vorgange, die eigentlichen 
geistigen Wirklichkeiten sind. Diese eigentlichen geistigen Wirklich- 
keiten sind so, daft, wenn wir uns hier das Gebiet von Europa denken, 
nach dem Osten hiniiber eine solche Welle (es wird gezeichnet, Pfeil) 
sich schon seit dem 9. Jahrhundert ergiefit, welche dazu gefiihrt hat, 
dafi da das Christus-Volk entstand. 

Was meint man nun eigentlich damit, wenn man davon spricht, daft 
da das Christus-Volk entstand? Damit meint man — Sie konnen das ja 
alles dann mit der aufteren Geschichte in ihren Symptomen nach- 
priifen, Sie werden schon sehen, wenn Sie die inneren Vorgange und 
nicht die aufieren, oflmals gerade der Wirklichkeit widersprechenden 
Tatsachen ins Auge fassen, dafi das vollstandig stimmt; ich habe mich 
ja in der Einleitung des heutigen Vortrages dariiber ausgesprochen, 
was ich vor das Seelenauge stellen will — , man meint damit, dafi da 
ein Territorium geschaffen worden ist in diesem Osten von Europa, auf 
welchem immerzu Menschen lebten, welche mit dem Christus-Impuls 
unmittelbar zusammenhangen, solche Menschen, in deren Seelen in 
einer gewissen Weise der Christus-Impuls fortwahrend hereintraufelt. 
Der Christus bleibt fortwahrend gegenwartig als eine das Denken 
dieses Volkes, das Fiihlen dieses Volkes durchsetzende innere Aura. 

Man kann vielleicht keinen starkeren aufieren Beweis, der aber 
unmittelbar ein Beweis ist, finden fur dieses, was ich eben jetzt gesagt 
habe, als eine solche Personlichkeit wie Solowjow, den grofiten Philo- 
sophen des russischen Volkes in neuerer Zeit. Lesen Sie ihn und fiihlen 
Sie, wie trotz all der Eigenschaften, die ich ja von anderen Gesichts- 
punkten her bei Solowjow besprochen habe, in ihn unmittelbar alles 
einfliefk, was man Christus-Inspiration nennen konnte; wie dieses so 



stark in seiner Seele wirkt, was Christus-Inspiration ist, dafi er sich 
das ganze Gefiige audi des aufieren sozialen Lebens des Menschen so 
angeordnet denkt, dafi Christus der Konig ist, der unsichtbare Christus 
der Konig ist der menschlichen sozialen Gemeinschafl; dafi alles durch- 
christet ist, dafi jede einzelne Handlung, die der Mensch vollfiihrt, 
eigentlich dadurch getan wird, dafi der Christus-Impuls bis in die 
Muskeln herein sich betatigt. Der reinste, der schonste Reprasentant 
des Christus- Volkes ist der Philosoph Solowjow. 

Von daher flofi diese ganze russische Evolution bis zum heutigen 
Tage, bis zur heutigen Stunde. Und gerade wenn man das weifi, dafi 
das russische Volk das Christus- Volk ist, dann wird man, wie wir spa- 
ter sehen werden, auch die heutige Evolution bis zu der gegenwartigen 
Gestalt verstehen konnen. Das ist die eine Metamorphose, die das 
Christus- Volk vorbereitet hat, der Christus-Impuls in der einen DifFe- 
renzierung. 

In einer zweiten DifFerenzierung bildete sich der Christus-Impuls 
so aus, dafi Rom, welches die eigentliche, fortdauernd wirkende Chri- 
stus-Metamorphose nach dem Osten abgeschoben hatte, umgestaltete 
die Geist-Herrschaft des Christus zur weltlichen Herrschaft der Kirche. 
Rom verfuhr so, dafi es dekretierte: Alles das, was mit dem Christus 
zusammenhangt, alles das ist Sache einer einmaligen OfTenbarung im 
Beginne unseres Zeitraums gewesen - einer einmaligen OfFenbarung, 
und der Kirche ist diese OfTenbarung ubergeben, die Kirche hat diese 
OfFenbarung aufierlich fortzutragen. - Mit dem aber wurde zu gleicher 
Zeit die OfFenbarung des Christus zu einer weltlichen MachtFrage, 
wurde einbezogen von der Kirchenverwaltung, der Kirchenherrschaft. 
Das ist wichtig ins Auge zu Fassen. Dadurch wurde nichts Geringeres 
erzeugt, als dafi ein Stuck aus dem Christus-Impuls herausgebrochen 
wurde. Der vollstandige Christus-Impuls ist ja bei dem Christus-Volk, 
welches ihn so Fortpflanzt, dafi der Christus-Impuls tatsachlich in un- 
mittelbarer Gegenwart Fortwirkt. Die romische Kirche hat ausgebro- 
chen dieses Fortwirken, hat den Christus-Impuls konzentriert auF den 
Beginn unserer Zeitrechnung und alles spatere auF die Tradition oder 
die SchrifluberlieFerung gelegt, so dafi das nun Fortgehen soil, ver- 
waltet von der Kirche. 



Dadurch wurde in einer gewissen Weise bei denjenigen Volkern, auf 
welche die romische Kirche ihren Einfluft ausdehnte, der Christus- 
Impuls heruntergeleitet von den spirituellen Hohen, in denen er doch 
immer im Osten geblieben ist, und tibergefiihrt in politische Machi- 
nationen, in jene Konfundierung von Politik und Kirche, die ich Ihnen 
von anderen Gesichtspunkten schon als charakteristisch fiir das Mittel- 
alter dargestellt habe. In Rutland war die Konfundierung, trotzdem 
der Zar Papst der russischen Kirche genannt worden ist, wie wir spater 
sehen werden, doch in Wahrheit nicht vorhanden, nur aufierlich in den 
Scheintatsachen vorhanden. Da verbirgt sich gerade ein bedeutungs- 
volles Geheimnis der europaischen Entwickelung. Die wirkliche Kon- 
fundierung von realen Machtfragen und kirchlichen Verwaltungs- 
fragen, die fand von Rom aus start. 

Diese Konfundierung von politischen Machtfragen und kirchlichen 
Verwaltungsfragen fiir den Christus-Impuls war zu einer gewissen Kri- 
sis gekommen durch inner e Wir klichkeitsgriinde der geschichtlichen Evo- 
lution gerade um den Zeitpunkt des Beginnes der fiinften nachatlan- 
tischen Zeit herum. Wir wissen ja aus dem, was wir in diesen Tagen 
betrachtet haben, dafi dieser fiinfte nachatlantische Zeitraum eben der 
Zeitraum der Bewufitseinsseele ist, dafi da die Personlichkeit sich be- 
sonders geltend macht, dafi die Personlichkeit sich auf sich selbst stellen 
will. Dadurch ist es besonders schwierig, als die Morgendammerung 
dieses Sich-auf-sich-selbst-Stellens der Personlichkeit da war, zurecht- 
zukommen mit der Frage der Personlichkeit des Christus Jesus selber. 
Das Mittelalter hatte bis zum 15. Jahrhundert hindurch seine Dogmen 
uber die Verbindung des GottHch-Geistigen in dem Christus mit dem 
Menschlich-Physischen. Diese Dogmen hatten natiirlich verschiedene 
Formen angenommen. Aber so tiefgehende Wogen innerer Seelen- 
kampfe waren eigentlich gerade friiher nicht da mit Bezug auf diese 
Frage; sie kamen in jenen Gegenden auf, in denen der romische Katho- 
lizismus sich bis dahin ausgebreitet hatte, als die Personlichkeit in sich 
selbst sich erfassen wollte und daher audi Erklarung fordern wo lite 
liber das, was die Personlichkeit des Christus Jesus ist. Und im Grunde 
genommen drehte sich um diese Frage der ganze Streit schon des Hus, 
des Wiclif, der Streit des Luther, des Zwingli, des Calvin, der Streit, 



den dann gefiihrt haben die Wiedertaufer, den gefiihrt haben zum Bei- 
spiel Kaspar Schwenckfeld, Sebastian Franck und viele andere; dieser 
Streit ging immer darum, Aufklarung haben zu wollen, wie die gott- 
lich-geistige Natur des Christus mit der weltlich-menschlichen Natur 
des Jesus im Zusammenhange stent. Um diese Frage drehte es sich. Das 
wirbelte natiirlich vieles auf. Das wirbelte viele Zweifel auf gegen- 
iiber derjenigen Evolutionsstromung, in der abgestumpft war der 
immer fortwirkende Christus-Impuls, so abgestumpft war, dafi er nur 
da sein sollte am Beginne unserer Zeitrechnung, und dafi er dann nur 
fortgepflanzt werden sollte durch die Kirchenverwaltung. So daft man 
sagen kann: Alles dasjenige, was von Rom aus beeinflufit worden 
ist . . . , das wurde zum Kirchenvolk . . v Kirchen, Sekten und so weiter 
wurden begriindet, die eine gewisse Bedeutung haben. [Liicken]. 

Sagen Sie nicht: In Rutland wurden audi Sekten begriindet. - Ge- 
rade mit solchen Begriffen verdirbt man sich alle Wirklichkeitsbetrach- 
tung, wenn man ein Wort anwendet da und dort fur dasjenige, was 
auf einem Gebiete etwas ganz anderes ist als auf dem anderen Gebiete. 
Wer das russische Sektenwesen studiert, wird finden, daft es in Wahr- 
heit nicht die geringste Ahnlichkeit hat mit demjenigen, was das Sek- 
tenvolk in all den Gebieten war, auf welche die romisch-katholische 
Kirche einmal einen Einflufi gehabt hat. Nicht darauf kommt es an, 
ob die Dinge gleich zu benennen sind, sondern darauf kommt es an, 
was in ihnen als Wirklichkeitsf aktor pulsiert. 

Auflehnung aus den Griinden, die ich schon angefiihrt habe, und 
auch aus dem Grunde, den ich jetzt wiederum angefiihrt habe, gegen 
die einheitliche, mit unterbewufken Suggestionen wirkende romisch- 
katholische Kirche, zeichnet gerade das Leben und Streben der Men- 
schen aus um den Beginn des 15. Jahrhunderts herum. 

Und wiederum als Gegenstofi gegen dieses Anstiirmen der Person- 
lichkeit sehen wir etwas anderes: Wir sehen, wie dem Romanismus der 
Kirche zu Hilfe kommt dasjenige, was Jesuitismus wurde, der in 
seiner Urbedeutung, wenn auch heute alles - verzeihen Sie den harten 
Ausdruck - verquatscht wird und von Jesuitismus uberall gesprochen 
wird, eben nur innerhalb des romisch-katholischen Kirchen wesens mog- 
lich ist. Denn worauf beruht er? Der Jesuitismus beruht im wesentlichen 



auf folgendem: Wenn bei dem eigentlichen Christus-Volk jene Offen- 
barung des Christus-Impulses, ich mochte sagen, in der iibersinnlichen 
Wolke drinnenbleibt, nicht herunterdringt in die physisch-sinnliche 
Welt - Solowjow will gewissermafien das weltliche Reich in das Got- 
tesreich hinaufheben, aber er will nicht heruntertragen das Gottesreich 
in das weltliche Reich so beruht der Jesuitismus gerade darauf , dafi 
das Gottesreich in das weltliche Reich heruntergetragen werde und in 
den Seelen Impulse so angeschlagen werden, dal$ innerhalb des physi- 
schen Planes das Gottesreich wirke, wie die Gesetze dieses physischen 
Planes sind. Also der Jesuitismus strebt ein weltliches Herrschaflsreich 
an und will es so einrichten, dafi es erscheint wie ein Konigreich - aber 
ein weltliches Konigreich - des Christus. Das will er vor alien Dingen 
dadurch erreichen, dafi er seine Angehorigen, die Angehorigen des 
Jesuitenordens selber, so prapariert, als ob sie eine Heeres-, eine Sol- 
datengemeinschaft waren. Der einzelne Jesuit fuhlt sich als ein geistiger 
Soldat, und er fuhlt Christus nicht als den geistigen Christus, der mit 
geistigen Mitteln die Welt beeinflufit, sondern er fuhlt und soil in sei- 
nen Gedanken, in seinen Empfindungen alles so richten, dafi er den 
Christus wie einen weltlichen Konig fuhlt, dafi er dem Christus dient, 
wie man einem weltlichen Konig dient, dafi er so dient, wie ein Soldat 
seinem GeneraHssimus dient. Die Kircheneinrichtungen werden natiir- 
lich dadurch, dafi man es mit Geistigem zu tun hat, andere als im welt- 
lichen Militarismus, aber es soil eben in die geistige Ordnung eine 
streng militarische Ordnung hineinkommen. Alles soli so angeordnet 
werden, dafi der echte Christ ein Soldat des GeneraHssimus Jesus ist* 
Dies ist ja im wesentlichen - wenn wir heute eine Sache, die ich einst- 
mals in Karlsruhe schon auseinandergesetzt habe, von einem anderen 
Gesichtspunkte charakterisieren wollen - der Zweck jener Obungen, 
die jeder Jesuit macht, um in sich jene ungeheure Kraft heranzubilden, 
die gerade im Jesuitenorden durch lange Zeit gelegen hat und die in 
ihren Dekadenzerscheinungen schon nachwirken wird in jener Zeit des 
Chaos, in die wir eintreten. Den Jesuiten selber zunachst zu einem 
Soldaten zu machen fiir den GeneraHssimus Jesus Christus, das be- 
zwecken alle die Meditationen, die Ignatius von Loyola vorgeschrieben 
hat, und die getreulich gerade von Jesuiten beobachtet werden. 



Ich will einige Proben dafiir geben. Nehmen Sie zum Beispiel einmal 
unter den geistlichen Cfbungen, die der Jesuit zu pflegen hat, durch die 
er sich seine Kraft erwirbt, diejenige der zweiten Woche, die fiir ihn 
immer damit zu beginnen hat, dafi er in einer Emleitungsbetrachtung 
in Imaginationen sich vorfuhrt das Reich Christi. Aber er hat sich dieses 
Reich Christi so zu denken, dafi Christus vorne als oberster Feldherr 
anfuhrt seine Legionen, welche die Welt zu erobern haben. Darauf 
folgt ein vorbereitendes Gebet. Dann die erste Voriibung. 

«1. Sie besteht in einer anschaulichen Vorstellung des Ortes; hier 
soil ich mit den Augen der Einbildungskraft schauen die Synagogen, 
die Stadte und Flecken, die Christus unser Herr predigend durchzog.» 

Das alles mufi im vollen Bilde vorgestellt werden, so dafi der Zog- 
ling, der Schiiler die Situation und alle einzelnen Vorstellungen dar- 
innen hat wie etwas, was er sinnlich gegenwartig hat. 

«2. Ich bitte um die Gnade, die ich begehre. Hier soil ich unsern 
Herrn um die Gnade anflehen, dafi ich nicht taub sei fiir seinen Ruf, 
sondern bereit und beflissen, seinen heiligsten Willen zu erfullen.» 

Dann der andere Teil, die eigentliche Obung. Das, was ich bis jetzt 
angefiihrt habe, waren Voriibungen. Der erste Teil umfafit wieder 
einige Punkte. Die Seele wird sehr sorgf altig prapariert. 

«Punkt 1 . Ich stelle mir einen irdischen Konig vor Augen, von Gott 
unserem Herrn selbst auserwahlt, dem alle Fiirsten und alle Christen 
Ehrfurcht und Gehorsam erweisen.» 

Das alles mufi er aber so unmittelbar in der Einbildungskraft vor 
sich haben wie eine sinnliche Vorstellung, mit derselben Starke. 

«2. Ich habe acht, wie dieser Konig alle die Seinigen anredet und 
also spricht: <Mein Wille ist es, das ganze Land der Unglaubigen zu 
unterwerfen. Wer deshalb mit mir Ziehen will, mufi mit derselben 
Speise zufrieden sein wie ich, und ebenso mit demselben Trank und 
mit derselben Kleidung und so weiter. Ebenso mufi er gleich mir bei Tag 
sich anstrengen und bei Nacht wachen und so fort, damit er so spater 
mit mir am Siege Anteil habe, wie er an den Miihen Anteil hatte.> » 

Das starkt dann den Willen, indem sinnliche Bilder unmittelbar in 
diesen Willen hineingehen, ihn durchgluhen, ihn durchgeistigen. 

«3. Ich erwage, was die guten Untertanen einem so edelmutigen und 



so leutseligen Konig antworten mussen, und folglich audi, wie sehr 
jemand, der die Aufforderung eines solchen Konigs nidit annehmen 
sollte, verdienen wiirde, von der ganzen Welt getadelt und als schlech- 
ter Soldat angesehen zu werden.» 

Das mufi er sich also ganz fest klarmachen: wenn er nicht ein ordent- 
lidier Soldat, Kriegsmann dieses Generalissimus ist, so mufi er als ein 
entarteter Mensch in der ganzen Welt angesehen werden. 

Nun kommt der zweite Teil der zweiten Wodie. 

«Der zweite Teil dieser Obung besteht in der Anwendung des vorhin 
erwahnten Gleichnisses vom irdischen Konig auf Christus unsern Herrn 
gemafi den drei angef Uhrten Punkten. 

Punkt 1. Wenn wir schon eine derartige Aufforderung des irdischen 
Konigs an seine Untertanen fur beachtenswert ansehen, um wieviel 
mehr ist es dann der Betrachtung wiirdig, Christus unsern Herrn, den 
ewigen Konig, zu sehen und vor ihm die gesamte Welt, wie er diese 
insgesamt und jeden einzelnen im besondern beruft und spricht: <Mein 
Wille ist es, die ganze Welt und alle Feinde zu unterwerfen und so 
in die Herrlichkeit meines Vaters einzugehen. Wer deshalb mit mir 
kommen will, mufi mit mir sich abmiihen, damit er, wie er mir in der 
Muhsal folgte, so audi in der Herrlichkeit folgo 

2. Ich erwage, wie alle, die Urteil und Vernunft haben, sich ganzlich 
zu jenen Miihen anbieten werden. 

3. Jene, die von Verlangen beseelt sind, eine noch grofiere Hingabe 
zu bekunden und sich in jeglichem Dienste ihres ewigen Konigs und 
allerhochsten Herrn auszuzeichnen, werden nicht nur sich ganz zu 
jenen Miihen anbieten, sondern audi gegen ihre eigene Sinnlichkeit 
und gegen ihre Liebe zum Fleische und zur Welt angehen und so An- 
erbieten von hoherem Werte und grofierem Gewicht darbringen, in- 
dem sie sprechen: 

<Ewiger Herr aller Dinge, ich bringe mich selbst zum Opfer dar mit 
deiner Gunst und Hilfe, vor deiner unendlichen Giite und in Gegen- 
wart deiner glorreichen Mutter und aller Heiligen des himmlischen 
Hofes, und beteure, daft ich wiinsche und danach verlange und dafi es 
mein wohliiberlegter Entschlufi ist, wofern es nur zu deinem grofieren 
Dienste und Lobe gereicht, dich nachzuahmen in Ertragung jeglicher 



Unbilden, jeglicher Schmach und jeglicher Armut, der wirklichen so- 
wohl wie der geistlichen, wenn deine heiligste Majestat mida zu sol- 
chem Leben und Stande erwahlen und aufnehmen will.> 

Diese Obung finde zweimal am Tage statt, namlich morgens nach 
dem Aufstehen und eine Stunde vor dem Mittag- oder vor dem 
Abendessen. 

Fiir die zweite Woche und die folgenden ist es sehr forderlich, zu- 
weilen aus den Buchern der Nachfolge Christi oder der Evangelien und 
der Leben der Heiligen zu lesen» 

- zu lesen mit solchen Betrachtungen, die aus der Imagination her- 
aus den Willen besonders schulen. Man mufi wissen, wie der Wille 
wird, wenn diese Imaginationen in ihn hineinwirken, dieser soldatische 
Wille im Geiste, der den Christus Jesus eben zum Generalissimus 
macht! Er spricht vom «himmlischen Hofe, dem gedient wird in alien 
Formen der Unterwiirfigkeit und Untertanigkeit». Verbunden mit sol- 
chen Obungen ist wiederum etwas, was ungeheuer stark wirkt, wenn 
es in immerwahrender Wiederholung in den Willen hineingegossen 
wird. Denn Jesuitenschulung ist vor alien Dingen Willensschulung. 
Es wird empfohlen, die eben dargelegte Betrachtung in den folgenden 
Wochen als eine grundlegende taglich zu wiederholen, womoglich in 
derselben Form, vor der «Wahlbetrachtung» des Tages, der «Beschau- 
ung». Nehmen wir zum Beispiel den vierten Tag. Da haben wir «das 
Vorbereitungsgebet wie gewohnlich», dann eine erste Voriibung. 

«1. Sie bietet den geschichtlichen Vorgang, hier: wie Christus alle 
unter seine Fahne ruft und sammeln will, und Luzifer dagegen unter 
die seinige.» 

Man mufi sich genau die Fahne vorstellen. Und man hat sich zwei 
Heere vorzustellen, welche die zwei Fahnen vorantragen, die Luzifer- 
Fahne und die Christus-Fahne. 

«2. Anschauliche Vorstellung des Ortes; hier schaue man eine Ebene 
der gesamten Gegend von Jerusalem, wo als hochster einziger Ober- 
feldherr der Guten Christus unserHerr steht; eine andere Ebene aber in 
der Gegend von Babylon, wo als Haupt der Feinde Luzifer auftritt.» 

Nun stehen die beiden Heere einander gegeniiber, die Fahne Luzi- 
fers und die Fahne Christi. 



«3. Ich bitte um das, was ich begehre, und zwar werde ich hier bitten 
urn Erkenntnis der Trugwerke des bosen Anfiihrers und um Hilfe, 
damit ich mich davor bewahre, sowie um Erkenntnis des wahren Le- 
bens, das der hochste und wahre Heerftihrer zeigt, und um die Gnade, 
ihn nachzuahmen.» 

Nun kommt der erste Teil der eigentlidien Ubung, die Fahne Luzi- 
fers. Der Ubende richtet also den geistigen Blick der Imagination hin 
auf das Heer, welches unter der Fahne Luzif ers ist. 

«Punkt 1 . Ich stelle mir vor, ich sahe den Anfuhrer aller Feinde in 
jener gro£en Ebene von Babylon gleichsam auf einem hohen Stuhle von 
Feuer und Rauch sitzen in schreckenerregender und f urchtbarer Gestalt. 

2. Man betrachte, wie er unzahlige bose Geister zusammenruft und 
wie er sie aussprengt, die einen in diese Stadt und die andern in eine 
andere und so iiber die ganze Welt hin, ohne irgend ein Land, einen 
Stand oder irgend einen Menschen im einzelnen zu ubergehen.» 

Also dieses Aussenden mufi im einzelnen und konkret vorgestellt 
werden. 

«3. Man betrachte die Ansprache, die er an sie halt und wie er sie 
auffordert, Netze und Ketten auszuwerfen, und zwar sollen sie die 
Menschen zuerst versuchen durch die Begierde nach Reichtumern, wie 
er es selbst bei den meisten zu tun pflegt, auf dafi sie desto leichter zur 
eitlen Ehre der Welt und dann zu einem unbandigen Hochmut ge- 
langen. 

Demnach ergeben sich als erste Stufe die Reichtiimer, als zweite die 
Ehre, als dritte der Hochmut, und von diesen drei Stufen aus verfiihrt 
Luzif er zu alien iibrigen Lastern.» 

Zweiter Teil: Die Fahne Christi. 

«In ahnlicher Weise soil man sich auf der entgegengesetzten Seite 
den hochsten und wahren Heerfiihrer vorstellen, der da ist Christus 
unser Herr. 

Punkt 1. Man betrachte, wie Christus unser Herr auf einer grofien 
Ebene jener Umgegend von Jerusalem an einem einfachen Platze Stel- 
lung nimmt, schon und liebenswiirdig. 



2. Man betrachte, wie der Herr der ganzen Welt so viele Personen 
auserwahlt, Apostel, Jiinger und so weiter, und sie uber die ganze 
Welt hin entsendet, auf dafi sie den Samen seiner heiligen Lehre unter 
den Menschen aller Stande und in alien Lebenslagen ausstreuen. 

3. Man betrachte die Ansprache, die Christus unser Herr an alle 
seine Diener und Freunde halt, die er zu solchem Unternehmen aus- 
sendet; wie er ihnen empfiehlt, sie mochten alien zu helfen suchen, 
indem sie dieselben zuerst zur grofiten geistlichen Armut bewegen und, 
wenn seine gottliche Majestat sich darin gefiele und sie dazu auser- 
wahlen wollte, nicht minder auch zur wirklichen Armut; zweitens zum 
Verlangen nach Schmahungen und Verachtung, weil aus diesen beiden 
Dingen, der Armut und Verachtung, die Demut hervorgeht. 

Es gibt demnach drei Stufen, erstens die Armut gegen den Reichtum, 
zweitens Schmadi und Verachtung gegen die weltliche Ehre, drittens 
die Demut gegen den Hochmut; und von diesen drei Stufen aus sollen 
die Gesandten Christ! die Menschen zu alien iibrigen Tugenden an- 
leiten.» 

In dieser Art werden die Obungen gepflogen. Worauf es ankommt, 
ist das, was ich Ihnen gesagt habe, eigentlich ein weltliches Reich, das 
eben als weltliches Reich organisiert sein soil, aber so vorgestellt sein 
soli, dafi es der Heerbann des Christus Jesus ist. Dieses Jesuitentum 
ist eben nur die konsequenteste, beste, aufierordentlich gut organi- 
sierte Auspragung desjenigen, was ich als zweite Stromung angegeben 
habe: des Impulses des Kirchenvolkes. Im wesentlichen wird man fin- 
den: Der Impuls des Kirchenvolkes besteht also darinnen, dafi hin- 
untergetragen werden soli die einmalige Offenbarung, die zu Jerusa- 
lem geschehen ist, in ein weltliches Reich. Denn die ganzen t)bungen 
laufen darauf hinaus, dafi zur Fahne Christi als Soldat zuletzt sich 
selber wahlt derjenige, der die Ubungen macht, dafi der sich fuhlt als 
einen richtigen Soldaten Christi. Das war ja auch der Sinn, welcher 
durch eine Offenbarung besonderer Art sich dem Ignatius von Loyola 
erschlossen hat, der ja zunachst alle moglichen Taten als Soldat getan 
hat, dann nach seiner Verwundung auf dem Krankenbette durch 
Meditationen in einer solchen Weise gefiihrt wurde - ich will nicht 
sagen von welcher Macht dafi sich in seiner Seele alles das, was f ruher 



als soldatischer Impuls in ihm lebte, umgestaltete zu dem Impuls des 
Christus-Soldaten, des Jesus-Soldaten. Es ist eines der interessantesten 
Phanomene der Weltgeschichte, dafi ein ausgepragt tapferer Soldat 
verwundet wird und durch Meditationen das, was er als Soldat war, 
umgepragt erhalt in den geistlichen Soldaten. 

Da wo der Christus-Impuls so wirkte, dafi ihm abgestumpft war das 
fortdauernde Wirken, welches er innerhalb des Christus-Volkes selbst 
hatte, ist es selbstverstandlich, dafi dieses die aufierste Auspragung des 
Christus-Impulses sein mufite. Man kann sich nun fragen: Gibt es nicht 
auch eine andere, die gegenteilige Auspragung desjenigen, was im 
Jesuitismus da ist? - Dann miifite etwas entstehen auf dem Terri- 
torium, welches durchsetzt ist von dem Kirchenvolk. Es miifite sich aus 
diesen verschiedenen Reaktionen des Luthertums, des Zwinglianismus, 
Calvinismus, Schwenckfeldismus, der Wiedertaufer und so weiter, aus 
diesem Chaos, das ja doch atomisiert wird, etwas ergeben, was nicht 
nur in der Linie des Jesuitismus lauft - denn, nicht wahr, Jesuitismus 
ist die aufierste Auspragung, es lauft vieles in seiner Linie -, es miifite 
sich etwas ergeben, was dem Jesuitismus vollstandig entgegengesetzt 
ist, was gewissermafien, geradeso wie der Jesuitismus immer tiefer und 
tiefer in die Kirchenvolkheit hinein will, heraus will aus dieser Kir- 
chenvolkheit. Der Jesuitismus will den Christus-Impuls umgestalten 
zu einer rein weltlichen Herrschaft, will gewissermafien den Erden- 
staat begrunden, jenen Erdenstaat, der aber zugleich der Jesuitenstaat 
ist und der so regiert wird, wie regiert werden kann, wenn man sich 
zum Soldaten des Generalissimus Christus gemacht hat. Was ware das 
Entgegengesetzte? 

Das Entgegengesetzte ware, wenn man nicht das, was oben ist, her- 
untertragt, sondern wenn man versucht, immerzu das, was hier unten 
ist, hinaufzuheben in die geistige Welt. Beim eigentlichen Christus- 
Volk ist es wie eine Naturanlage da; bei Solowjow kam es, wenn auch 
oft stammelnd, zum Ausdruck. Innerhalb des Gebietes des eigentlichen 
Kirchenvolkes gibt es nun etwas, was diametral entgegengesetzt ist 
dem Jesuitismus, was unmittelbar in aufieren Herrschaftsverhalt- 
nissen, in aufierem Zusammenhange gar nichts haben will von dem 
Spirituellen, was will, dafi der Christus-Impuls immer in die Seelen 



hereinwirkt, und nur auf dem Umwege durch die Seelen in der aufie- 
ren Welt wirkt. Soldi ein Impuls wiirde zwar - weil in der Zeit man- 
dies sich so einstellen wiirde - auftreten innerhalb des Kirchenvolkes; 
aber er wiirde immerzu die Evolution so fuhren wollen, dafi das, was 
spirkueller Christus- Impuls ist, nur in die Seelen hereinwirkt, ge- 
wissermafien esoterisch bleibt, wenn audi im besten, edelsten Sinne 
esoterisch bleibt. Wahrend der Jesuitismus alles in ein weltlidies Konig- 
reidi umwandeln will, wiirde diese Weltenstromung alles weltliche 
Konigreich immer nur betrachten als etwas, was zur Not da sein muS 
auf dem aufieren physischen Plane, was aber die Menschen vereinigt, 
damit sie in ihren Seelen sidi hinaufheben konnen in die hoheren Wel- 
ten. Dieser diametrale Gegensatz, dieses, was sich zum Jesuitismus 
polarisdi entgegengesetzt verhalt, ist nun Goetheanismus. 

Goetheanismus will das genaue Gegenteil von dem, was Jesuitismus 
will, und Sie verstehen wiederum von einem anderen Gesichtspunkte 
aus den Goetheanismus, wenn Sie ihn in dieser polarischen Gegensatz- 
lichkeit zu dem Jesuitismus betrachten, Daher die ewige Feindschaft, 
welche der Jesuitismus geschworen hat und immer mehr schworen 
wird dem Goetheanismus. Die konnen nicht miteinander sein. Das eine 
weifi vom andern gut Bescheid. Der Jesuitismus weifi gut Bescheid bei 
Goethe: der Jesuitenpater Baumgartner hat das beste Buch iiber Goethe 
geschrieben - selbstverstandlich vom jesuitischen Standpunkte aus. 
Was die verschiedenen deutschen Professoren oder der Englander 
Lewes iiber Goethe geschrieben haben, das sind alles die reinsten Stiim- 
pereien gegeniiber dem, was der Jesuitenpater Baumgartner in seinen 
drei Banden iiber Goethe geschrieben hat, denn der weifi, warum er 
schreibt! Es scharft der Blick des Gegners alles dasjenige, was er bei 
Goethe sieht. Er schreibt audi nicht wie ein deutscher Professor mit 
mittlerem Bourgeoisverstand, oder gar wie der Englander Lewes, der 
einen Menschen schildert, der allerdings 1749 in Frankfurt geboren 
ist, dieselben Dinge durchgemacht haben soli, die Goethe durchgemacht 
hat, der aber nicht Goethe ist. Sondern der Jesuit Baumgartner, der 
schildert mit all dem, was sich in seinen Willen hinein ergossen hat von 
seinen Meditationen aus. Und so schliefk sich in diesem einen Punkt 
schon etwas, was in die Zukunft hineinspielen soli, der Goetheanismus, 



mit etwas zusammen, was sich audi unmittelbar an den Zeitpunkt an- 
geschlossen hat, der mit dem 15. Jahrhundert beginnt, der mit der 
Reformation zum Jesuitismus herauffiihrt. 
Das dritte werde ich dann morgen schildern. 

Ich habe Ihnen heute also das Christus-Volk und das Kirchenvolk 
geschildert und das dritte, was da hineinspielt, und dann die Wechsel- 
wirkung davon, um zu einem inneren Einblick in die neuzeitliche Reli- 
gionsentwickelung ihren Symptomen nach zu kommen, das werde ich 
dann morgen schildern. 



NEUNTER VORTRAG 



Dornach, 3. November 1918 



Wir wollen ankniipfen an die Betrachtungen, die wir gestern gepflogen 
haben. Wir haben im wesentlichen darauf hingewiesen, wie durch Tat- 
sachen, die ich ja erwahnt habe, das sogenannte Christus-Volk nadi 
dem Osten gewissermafien hingesdioben worden ist, und wie sich aus 
anderen Tatsachen heraus ergeben hat, dafi aus Europas Mitte, weit 
iibrigens nach Westen hiniiber, das eigentlidie Kirchenvolk, man konnte 
audi sagen, die Kirchenvolker sich entwickelt haben. Ich habe dann 
darauf hingewiesen, wie mit dieser Grundtatsache zusammenhingen 
die verschiedenen Kampfe, die sich entwickelt haben gerade um die 
Wende zu dem fiinften nachatlantischen Zeitraum hin, unmittelbar 
danach. Ich habe aber audi darauf hingewiesen, wie innerhalb des- 
jenigen Gebietes, in dem sich die eigentlichen Kirchenvolker ausgebildet 
haben, dadurch, dafi der Christus-Impuls gewissermaflen nicht fort- 
wirkend, sondern in der Zeit gehalten worden ist, durch Tradition 
und Schriftiiberlieferung fortgepflanzt werden sollte, die Zusammen- 
koppelung, die Konfundierung gekommen ist zwischen dem Christen- 
tum und dem politisch-staatlich organisierten romischen Papsttum, der 
papstlichen Kirche; wie dann sich hineingestellt haben einzelne andere 
Kirchen in diese Papstkirche. Man kann sagen, dafi die anderen Kir- 
chen, die sich hineingestellt haben, gewifi grofie Unterschiede von dem 
Papstkirchentum aufweisen, dafi sie aber audi wiederum vieles ge- 
meinsam haben mit diesem Papstkirchentum, jedenralls doch Dinge, die 
uns jetzt in diesem Zusammenhang inter essier en. Diese Dinge, die sind 
so, dafi sie uns selbst die protestantische Staatskirche naher dem romi- 
schen Katholizismus, der romisch-katholischen Kirche wenigstens er- 
scheinen lassen, als etwa der orthodox-katholische Kirchenstaat, die 
russische sogenannte Staatskirche, bei der aber das Staatskirchentum 
nie das Wesentliche war, sondern die Art und Weise, wie durch das 
russische Volk der Christus-Impuls, fortwahrend sich betatigend, sich 
geltend machte. Ich habe Ihnen dann gezeigt, wie durch dieses Her- 
unterholen des Christus-Impulses in die rein weltlichen Angelegen- 



heiten, in die Angelegenheiten der sinnenfalligen Wirklichkeit, im Ex- 
trem herausgekommen ist die jesuitische Konstitution, Und ich habe 
Ihnen dann gezeigt, wie als das Gegenteil der jesuitisdien Konstitution 
dasjenige auftritt, was man den Goetheanismus nennen kann. 

Dieser Goetheanismus, sagte ich Ihnen, er versucht die gegenteilige 
Bewegung hervorzuruf en, die etwas ahnlich ist dem russischen Christen- 
tum, namlich: hinaufzuheben dasjenige, was hier auf dem physischen 
Plane ist, in die geistigen Welten. So dafi sich trotz aller Verhaltnisse 
auf dem physischen Plane hier die Seele mit den Impulsen verbindet, 
die in der geistigen Welt selber gehalten werden, die nicht, so wie inner- 
halb des Jesuitismus, unmittelbar in die sinnenf allige Wirklichkeit her- 
untergetragen werden, sondern nur durch die Seele heruntergetragen 
werden. Goethe hat sich seiner ganzen Art nach wenig oft iiber seine 
intimsten Gedanken in diesen Angelegenheiten ausgesprochen. Aber 
wenn man ihn nach dieser Richtung kennenlernen will, ihn selbst, dann 
darf man immer wiederum auf jene Stelle im « Wilhelm Meister» ver- 
weisen, auf die ich schon in anderem Zusammenhange hingewiesen 
habe, jene Stelle, wo Wilhelm Meister in das Schlofi eines vornehmen 
Mannes kommt und ihm unter anderen Dingen audi die Bildergalerie 
gezeigt wird. Die Sache ist so eingerichtet, dafi eigentlich diese Bilder- 
galerie darstellt die Welthistorie, und im Grunde genommen innerhalb 
der Weltgeschichte, der Welthistorie darstellt die religiose Entwicke- 
lung der Menschheit. Also Goethe will eigentlich darstellen - es ist 
dichterische Darstellung einer grofien Idee wie Wilhelm Meister 
durch eine Bildergalerie gefuhrt wird, in welcher gezeigt wird der reli- 
giose Entwickelungsgang der Menschheit. Wilhelm Meister wird durch 
den Fiihrer bis zu einem gewissen Punkte gebracht: da war die Ge- 
schichte gegangen bis zu der Zerstorung Jerusalems, und es vermifke 
dann Wilhelm Meister, was er dem Fiihrer bemerklich machte, die 
Darstellung des Lebens, wie er sagt, des gottlichen Mannes, der in 
Palastina unmittelbar vor der ZerstSrung Jerusalems gewirkt hat. Da 
wurde Wilhelm Meister in ein abgesondertes zweites Gemach gefuhrt, 
in dem dann gezeigt werden konnte, was im ersten Gemach nicht ge- 
zeigt wird. Im ersten Gemach war die Entwickelung der Menschheit 
durch die Religionen hindurch bis zu der Zerstorung Jerusalems ge- 



zeigt. Es war also ausgelassen das ganze Leben, wie es dort heifit, des 
gottlichen Mannes, des Christus Jesus. Im zweiten Gemach wird ihra 
gezeigt das Leben des Christus Jesus bis zum Abendmahl. Und nun 
wird ihm auseinandergesetzt: Ja, sieh einmal, alle die verschiedenen 
Religionsimpulse bis zu der Zerstorung Jerusalems, weldie du im ersten 
Gemach gesehen hast, die gehen den Menschen an, msofern der Mensch 
ein Mitglied des Volkes 1st, zu dem er gehort. Das ist Volksreligion 
gewesen, ethnische Religion. Dasjenige aber, was du im zweiten Ge- 
mach gesehen hast, das geht den einzelnen an, das spricht zum einzel- 
nen Menschen. Das ist gewissermafien des Einzelmenschen Privatsache. 
Das kann man nicht anders als an die Individuality des einzelnen 
Menschen heranbringen. Das kann nicht Volksreligion sein, das spricht 
zum Menschen iiberhaupt. 

Dann vermifite Wilhelm Meister noch die Geschichte des Christus 
Jesus vom Abendmahl bis zum Tode und uber den Tod hinaus. Da 
wurde er in ein drittes, ganz geheimes Gemach gefuhrt, wo ihm audi 
dieses gezeigt wurde. Aber zu gleicher Zeit wurde ihm bemerklich ge- 
macht, dafi dies eine so intime Angelegenheit sei, dafi man eigentlich 
kein Recht habe, das so darzustellen, wie es gewohnlich profaniert dar- 
gestellt wird fiir die aufiere Welt. Das musse zum Allerinnersten des 
Menschen sprechen. 

Nun kann man mit Recht bemerken: Was zu Goethes Zeiten noch 
so ist, dafi man die eigentliche Leidensgeschichte des Christus Jesus 
nicht aufierlich darstellen sollte, es gilt heute nicht mehr. Wir sind seit 
jener Zeit durch manche andere Entwickelungsphase gegangen. Aber 
ich mochte sagen: Die ganze Gesinnung Goethes mit Bezug auf diese 
Sache geht aus dem eben Angefuhrten hervor. - Er zeigt ganz klar, 
dieser Goethe, dafi er dasjenige, was Christus-Impuls ist, in das In- 
timste der Seele hereintragen will, dafi er es nicht verquicken will mit 
demjenigen, was aufierlich volksmafiig ist, jedenfalls nicht verquicken 
will mit der aufieren Struktur, die sich auf dem physischen Plane voll- 
zieht, sondern dafi er ein unmittelbares Verhaltnis suchen will zwischen 
der einzelnen individuellen Menschenseele und dem Christus-Impuls. 
Goethe tendiert darauf hin, ein spirituelles Verhaltnis zwischen der 
einzelnen Menschenseele und dem Christus-Impuls zu suchen. Das ist 



von einer grofien Bedeutung fur das Verstandnis nicht nur Goethes, 
sondern audi des Goetheanismus. Denn wenn man so sprechen kann, 
wie ich in diesen Tagen zu Ihnen gesprochen habe: dafi Goethe und 
der ganze Goetheanismus gegeniiber der aufieren Kultur eigentlich iso- 
liert dasteht, so kann man nicht dasselbe sagen mit Bezug auf die fort- 
schreitende Evolution, wenn man die intimeren religiosen Fortschritte 
der zivilisierten Menschheit ins Auge fafit. Da stellt Goethe doch in 
einer gewissen Beziehung auch fiir seine Person dar die Fortsetzung 
von etwas anderem. Aber wir werden das erst verstehen, wie Goethe 
in einer gewissen Beziehung kontrastiert ist mit all dem, was sonst im 
mitteleuropaischen Kirchentum auftritt, wenn wir nun ins Auge fassen 
einen dritten Impuls. 

Ein solcher dritter Impuls liegt mehr nach Westen zu. Also Christus- 
Volk, Kirchenvolk, und nun ein dritter Impuls, der auch die Volker 
in einer gewissen Weise eben impulsiert - man kann nicht gut sagen 
inspiriert, aber impulsiert. Das ist so, meine lieben Freunde. Man mufi 
sagen: Wie eigentlich dasjenige zustandegekommen ist, was dann in 
seiner aufiersten Konsequenz als Jesuitismus, als dieser Heerbann des 
Generalissimus Jesus Christus zutage getreten ist, das hat eine tiefe 
Begriindung im ganzen Wesen der zivilisierten Welt. Man kann dieses 
Wesen nicht verstehen, wenn man nicht auf etwas blickt, was weiter 
zuriickliegt in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit, aber 
dann nachgewirkt hat. Sie wissen ja wohl aus der aufieren Ge- 
schichte und Religionsgeschichte, dafi urspriinglich unter den verschie- 
denen Formen, in denen das Christentum seinen Siegeszug, wenn ich 
so sagen darf, gemacht hat vom Osten nach dem Westen, diejenigen 
des Arianismus und des Athanasianismus waren. Jene Volker, die als 
gotische, auch langobardische, sogar als frankische Volker, zunachst 
in der verschiedensten Weise an dem teilgenommen haben, was man 
mit Unrecht, aber doch eben die Volkerwanderung nennt, diese Volker 
waren urspriinglich Arianer. 

Nun, der dogmatische Unterschied zwischen den Arianern und den 
Bekennern des Glaubens des Athanasius wird Sie heute ja wenig inter- 
essieren, aber er hat eine gewisse Rolle gespielt und man mufi doch auf 
ihn zuriickgehen. Der dogmatische Unterschied ist eben dieser, dafi aus 



einer bestimmten Weltanschauungsrichtung heraus Arius entgegenge- 
treten ist in Alexandrien im besonderen dem Athanasius. Und zwar war 

Athanasius der Ansdiauung, dafi der Christus ein Gott ist wie der 
Vater-Gott, dafi es also den Vater-Gott gabe und vollstandig gleicher 
Natur und Wesenheit mit dem Vater-Gott der Christus-Gott sei, 
von Ewigkeit mit ihm gleicher Natur und Wesenheit. Diese Anschau- 
ung ist dann iibergegangen in den romischen Katholizismus, denn der 
romische Katholizismus bekennt sich heute noch zu dem Glauben des 
Athanasius. So dafi also zu sagen ist mit Bezug auf den romischen 
Katholizismus, dafi dem zugrunde liegt der Glaube, dafi der Sohn 
ewig und gleicher Natur und Wesenheit mit dem Vater ist. 

Arius trat dieser Anschauung entgegen. Arius war der Meinung, 
dafi man nur sagen konne, es gabe einen iiberragenden Gott, den Vater- 
Gott, und der Sohn-Gott, also der Christus, sei von dem Vater zwar 
vor der Zeit, aber doch eben geschaffen. Also er sei nicht gleicher Natur 
und Wesenheit, sondern etwas, was sich aus dem Vater-Gott erst ent- 
wickelt hat, was sich entwickelt hat aus dem Vater-Gott als etwas, das 
der Menschheit naher steht als der Vater-Gott, als etwas, das gewisser- 
mafien die Vermittlung bildet zwischen dem in Hohen schwebenden 
Vater-Gotte, der zunachst fur die menschlichen Erkenntniskrafte nicht 
zu erreichen ist, und dem, was der Mensch in sich selber findet. 

Ja, so sonderbar das klingt, das scheint zunachst ein dogmatischer 
Unterschied zu sein. Es ist ein dogmatischer Unterschied nur fur den 
heutigen Menschen, es war kein blofier dogmatischer Unterschied in 
den ersten Jahrhunderten der christlichenEntwickelung.Denn das aria- 
nische Christentum, das ganz fufite, ganz gebaut war auf der Grund- 
lage, die ich Ihnen eben jetzt auseinandergesetzt habe, von dem Ver- 
haltnis des Sohnes zum Vater, dieses arianische Christentum leuchtete 
instinktiv als etwas Selbstverstandliches den Menschen ein, die ich 
genannt habe, den gotischen, den langobardischen, all den Volkern, 
die ja zunachst die romische Herrschaft ablosten nach dem Untergange 
und beim Untergange des romischen Reiches. Sie waren instinktiv 
Arianer. Sie wissen ja, dafi U If Has die Bibel ubersetzt hat; seine Uber- 
setzung zeigt klar, dafi er selber Arianer war. Die Goten noch, die 
Langobarden und so weiter, als sie nach Italien gekommen waren, sie 



waren Arianer, und erst als Chlodwig zum Christentum gekommen 
ist, traten die Franken zum Christentum iiber. Sie nahmen in einer 
gewissen Beziehung aufierlich — was ihnen innerlich nicht lag, denn sie 
waren innerlich friiher auch Arianer gewesen -, das Glaubensbekennt- 
nis des Athanasius an. Und als dann das Christentum namentlich unter 
jene Flagge gekommen ist, deren hauptsachlicher Trager Karl der 
Grofie war, da wurde alles zum Glaubensbekenntnis des Athanasius 
gebracht und damit die Hinuberleitung besorgt zu der romischen 
Papstkirche. Und ein grofier Teil der urspriinglichen Volker, Barbaren- 
volker, Goten, Langobarden und so weiter, ging ja unter; dasjenige, 
was nicht volksmaftig unterging, wurde dann durch die Athanasianer 
vertrieben, ausgerottet. Der eigentliche Arianismus lebte sektenmafiig 
weiter fort, aber er verschwand in unmittelbarer Wirksamkeit als 
Volksreligion. 

Nun mufi man doch die Frage aufwerfen - zwei Fragen mufi man 
eigentlich aufwerfen. Erstens: Was ist denn das eigentlich, dieser Aria- 
nismus, gegeniiber dem Glaubensbekenntnis des Athanasius? - Und 
die zweite Frage ist diese: Warum ist er denn innerhalb der euro- 
paischen Entwickelung verschwunden, dieser Arianismus, wenigstens 
fur dasjenige, was aufierlich sichtbar in den geschichtlichen Symptomen 
ist? - Das ist eine aufierordentlich interessante Entwickelung. Da kann 
man nur sagen, auf die Frage, was ist eigentlich der Arianismus? - : er 
ist gewissermafien der letzte Auslaufer, die letzte Ranke derjenigen 
Weltanschauungen, die, wenn sie hinaufblicken wollten zum Gott- 
lichen, noch versuchten, einen Zusammenhang zu flnden zwischen der 
aufteren sinnenfalligen Welt und dem Spirituell-Gottlichen, die noch 
ein Bediirfnis hatten, wirklich das Sinnenfallige nach oben anzukniip- 
fen an das Spirituell-Gottliche. Man kann sagen: Im Arianismus lebt 
in etwas abstrakterer Form noch derselbe Impuls - aber nur als Im- 
puls, nicht als Sakramentalismus und nicht als Kultus -, der im russi- 
schen Christus-Impuls lebt. Diese Art des Christus-Impulses, die mufke 
eben gerade aus dem Grunde zuruckgeschoben werden, weil sie nicht 
fur die Volker Europas war. Und sie wurde auch ausgerottet von 
denen, die Athanasianer wurden, aus dem Grunde, weil sie fiir die 
Volker Europas nicht war. 



Wenn man diesen Dingen nahertreten will, mufi man schon einmal 
Riicksicht nehmen auf die urspriinglidien Seelenverfassungen der euro- 
paischen Bevolkerungsteile. Sehen Sie, diese ursprungliche Seelenver- 
fassung derjenigen Bevolkerungsteile, die das romische Reich abgelost 
haben, die, wie man sagt — was nicht wahr ist, aber ich kann jetzt 
nicht die Geschichte rektifizieren -, ins romische Reich eingetreten sind 
und so weiter, also von denen man nur weifi, dafi sie eben das romische 
Reich abgelost haben, diese Seelenverfassung der sogenannten germa- 
nischen Volker ruht eigentlich urspriinglich auf einem anderen Grunde. 
Sie kommen von den verschiedensten Seiten her, diese Volker, und 
vermischen sich mit einer anderen urspriinglichen Bevolkerung Euro- 
pas, mit einer gewissen Bevolkerung, welche man nicht unrichtig be- 
nennt, wenn man sie keltische Bevolkerung nennt. Diese keltische Be- 
volkerung ist ja da und dort in gewissen Volksteilen heute noch in 
Resten vorhanden. Heute, wo man alles volksmafiig konservieren will, 
geht man ja auch darauf aus, das Keltische, wo man es antrifft oder 
wenigstens anzutreffen sich einbildet, zu konservieren in irgendeiner 
Weise. Aber man stellt sich das Volksmafiige in Europa nur dann richtig 
vor, wenn man sich eine Urkultur Europas denkt, die keltisch ist und 
in die sich dann hineinwenden, hineinentwickeln die anderen Kulturen, 
germanische, romanische, angelsachsische Kultur und so weiter. 

Nun, in seiner Ureigenart hat sich das Keltische am langsten erhalten 
auf den britischen Inseln, namentlich in Wales. Da hat es auch seine 
Eigentiimlichkeit am langsten bewahrt. Und geradeso wie eine gewisse 
Art der religiosen Empfindung, mochte ich sagen, nach Osten hiniiber 
abgeschoben worden ist, dafi das russische Volk zum Christus-Volk 
wurde, so geschah es durch gewisse Tatsachen, die Sie in jedem Ge- 
schichtsbuch ja nachlesen konnen, wenigstens in manchen Geschichts- 
biichern, dafi ein gewisser Impuls im Westen, der namentlich von den 
britischen Inseln ausging, als eine Nachwirkung sich darstellt des alten 
Keltentums. Nun, diese Nachwirkung des alten Keltentums, die ist es, 
welche im Westen letzten Endes ebenso die Struktur des religiosen 
Lebens angegeben hat, wie diejenigen Dinge, die ich fur den Osten 
und fur Mitteleuropa angegeben habe. 

Man mufi, wenn man diese Dinge einsehen will, darauf Riicksicht 



nehmen: Was waren eigentlich die Kelten fiir ein Volk? - Sie differen- 
zierten sich in vieler Richtung, aber sie hatten einen gewissen gemein- 
samen Zug. Und dieser gemeinsame Zug war der, dafi sie in ihrem 
Seelenleben wenig Interesse hatten fiir den Zusammenhang zwischen 
Natur und Menschheit. Sie stellten den Menschen in einer gewissen 
Weise isoliert von der Natur vor ihre Seele hin. Sie interessierten sich 
fiir alles Menschliche, aber nicht, wie der Mensch nun vereinigt ist mit 
der Natur, wie der Mensch zusammen ist mit der Natur. Wahrend 
man zum Beispiel im Orient, wo der voile Gegensatz sich entwickelt 
hat gegeniiber dem Keltentum, den Zusammenhang des Menschen mit 
der ganzen Welt, also auch mit der Natur, durch und durch immer 
fiihlt, den Menschen gewissermafien herauskommen fuhlt aus der Na- 
tur, wie ich das bei Goethe auch dargestellt habe, hatte der Kelte wenig 
Sinn fiir den Zusammenhang der menschlichen Natur mit der iibrigen, 
mit der kosmischen Natur. Dagegen hatte er einen gewissen starken 
Sinn fiir das Zusammenleben in der sozialen Gemeinschaft, aber so, dafi 
alles dieses Zusammenleben bei den alten Kelten darauf gestellt war, 
dafi Befehlende und Beherrschte da waren, dafi Fiihrer und Gefiihrte 
da waren. Das ist das Wesentliche, das antidemokratische, das aristo- 
kratische Element. Das ist etwas, was eigentlich zuriickgeht fiir Europa 
bis auf die alte Keltenzeit. Und organisiertes aristokratisches Element, 
das ist da das Wesentliche, organisiertes aristokratisches Element. 

Nun gibt es, ich mochte sagen, eine gewisse Bliite dieses aristokrati- 
schen keltischen Konigstum-Elementes. Der Konig, der der Fiihrer ist, 
der um sich herum organisiert seine Hilfsfiihrer und so weiter, das 
wachst aus dem Keltentum heraus. Und gewissermaften als der letzte 
soldier Fiihrer, der in seinen eigenen Intentionen noch auf die ur- 
sprUnglichen Impulse baute, als der letzte gilt dann der Konig Anus 
mit seiner Tafelrunde in Wales, mit seinen zwolf Rittern, von denen 
erzahlt wird - was ja naturlich nicht buchstablich genommen werden 
darf -, dafi sie Ungeheuer zu erlegen, Damonen zu besiegen hatten. 
All das weist noch hin auf die Zeit alten Zusammenlebens mit der 
geistigen Welt. 

Die ganze Art und Weise, wie man sich die Artus-Sage gebildet hat, 
alles das, was sich legendarisch um den Konig Artus herumgruppiert 



hat, das zeigt, wie das Keltenelement audi in dieser seiner Fortsetzung 
lebte in dem Konigtum. Und von dieser Seite aus gab es Verstandnis 
fiir das Befehlsmafiige, das Anordnende, das Organisierende des Ko- 
nigselementes. 

Nun geschah folgender Vorgang: Der Christus, welcher der Christus 
des Ulfila, der Christus der Goten war, der intensiv gefiihlt wurde im 
Sinne des Arianismus, der war ein Christus fiir alle Mensdien; fur 
Menschen, die sich in einer gewissen Beziehung gleich fiihlten, fiir Men- 
sdien, die nicht aristokratische und aristokratisierende Unterschiede 
machen. Er war zugleich eine Nachwirkung, eine letzte Nachwirkung 
desjenigen, was man im Oriente gefiihlt hat als Zusammenwirkung 
dessen, was der Mensch auf der Erde mit dem ganzen Kosmos und audi 
mit der Natur erlebt. Die Natur war gewissermafien herausgeworfen 
aus jener Konstitution, welche in der sozialen Einrichtung des kelti- 
schen Konigtums lebte. 

Diese zwei Dinge - in den Einzelheiten kann ich das nicht erortern, 
aber im Prinzipe - kamen in Europa zunachst zusammen und trafen 
sich mit einem dritten. Sie stiefien so zusammen, daft zunachst der 
Arianismus vordrang; aber weil er noch eine Nachwirkung war des- 
jenigen, was Natur und Mensch zusammenkoppelt, verstanden ihn 
jene nicht, die unter den rein keltischen Impulsen standen audi in der 
Fortsetzung der germanischen, der frankischen Volker und so weiter; 
sie verstanden ihn nicht, sie verstanden nur dasjenige, was in ihrer 
Konigsstruktur war. Und daher entstand zunachst der Drang, der noch 
nachwirkte in der altsachsischen Evangelien-Dichtung «Heliand»: den 
Christus selber umzudeuten in einen Heerkonig, in einen koniglichen 
Anfuhrer, in einen Fiirsten, der seine Mannen hat. Aus Unverstand 
gegeniiber dem, was vom Orient noch heriiberkam, und aus der Sucht, 
das, was man verehren soil, als Konig zu verehren, als weltlichen 
Konig zu gleicher Zeit, entstand diese Umdeutung des Christus in der 
Form des Heerkonigs. 

Nun kam ein Drittes dazu. Das kam vom Suden, das kam aus dem 
romischen Reich. Das romische Reich, das war ja schon friiher infiziert 
von diesem, man konnte es vielleicht heute nennen staatsmafiigen Ele- 
mente. Das romische Reich - es war kein Staat, es war ein Reich, aber 



man versteht sidi vielleidit heute besser, wenn man sagt «staatsahn- 
liches Gebilde» -, dieses romische Reich, es ist ja in gewisser Beziehung 
sehr ahnlich ~ nur eben so verschieden, wie die verschiedenen Territo- 
rien geographisch auseinanderliegen, verschiedene Bedingungen die so- 
ziale Struktur erzeugen es ist, nur aus anderen Grundlagen hervor- 
gehend, doch gewissermafien recht ahnlich dem, was aus der Konigs- 
Organisation hervorging. Es hat ja dann hingedrangt zur Kaiser- 
Organisation aus der Republik heraus, ist aber eben ein Reich ahnlich 
dem, was im Keltentum, nur mit germanischer Farbung dann, aus den 
verschiedenen Konigstiimern herausgewachsen ist. 

Nun konnte dasjenige, was vom Siiden aus dem romanischen Reich 
als die Denkweise, die Empfindungsweise gegeniiber dem sozialen Le- 
ben heraufkam - weil es eben eine aufierlich auf dem physischen Plane 
befindliche Struktur ins Auge fafite — , sich niemals wirklich innerlich 
mit irgend etwas verbinden, was noch als alter instinktiver Impuls aus 
dem Oriente heriiberkam, wie der Arianismus. Das brauchte etwas - 
verzeihen Sie das paradoxe Wort - was unverstandlich ist, was man 
dekretiert. Wie uberhaupt im Konigtum oder im Kaisertum dekretiert 
wird, so wurde auch im Papsttum dekretiert. Was Arius gelehrt hat, 
das lafit sich an den Menschen heranbringen, indem man an gewisse 
Gefuhle appelliert, die ja am besten in den Volkern waren, von denen 
ich gesprochen habe; verwandte Seiten davon sind schhefilich in alien 
Menschen. Dasjenige, was im Athanasianischen Glaubensbekenntnis 
liegt, das spricht zu dem menschlichen Verstandnis-Empfinden recht 
wenig; das mufi man dekretieren, wenn man es einfugen will der 
Volksgemeinschaft, das mufi man zum Gesetze machen. Wie man welt- 
liche Gesetze macht, so mufi man auch das Athanasianische Glaubens- 
bekenntnis zum Gesetze machen. So ist es ja auch geworden. Das vollig 
Unverstandliche, Sonderbare von der Gleichheit des Sohnes mit dem 
Vater, die beide von Ewigkeit her, beide gleich Gott sind und so weiter, 
das wurde ja auch spater so aufgefafit, dafi man sagte, zu verstehen 
brauche man es nicht, man musse es glauben. Es ist eben etwas, das 
sich dekretieren lafit. Der Athanasianische Glaube liefi sich dekretieren. 
Und er liefi sich - indem er ausgesprochen, indem er unmittelbar an- 
gewiesen war auf das Dekretieren - auch einfuhren in eine politische 



Kirchenorganisation. Der Arianismus sprach zum einzelnen Menschen, 
zum individuellen Menschen. Der liefi sich nicht einfugen in eine Kir- 
dienorganisation. Der Arianismus liefi sich nicht dekretieren. Aber auf 
das Dekretieren kam es an aus jenen Unterlagen heraus, von denen 
ich Ihnen gesprochen habe. 

So wuchs dasjenige, was aus dem Siiden heraufkam, aus dem Atha- 
nasianismus, mit der Tendenz zu dekretieren, zusammen mit dem In- 
stinkt nach einer Organisation, an deren Spitze ein Fuhrer mit zwolf 
Unterfuhrern stand . . . [Liicke] . 

Fur Mitteleuropa hat sich das ineinandergeschoben. Fur das britische 
Westeuropa und spater auch fiir Amerika blieb aber ein gewisser Rest 
der alten Gesinnung, wie sie in dem Fiirstentume, in dem aristokra- 
tischen Elemente war, in dem, was das Gesellschaftliche organisiert, 
das Geistige hineinzieht in das Gesellschaftliche. Dafi das Geistige hin- 
einbezogen gedacht wurde im Gesellschaftlichen, das sehen Sie ja dann 
an der Artus-Sage, indem erzahlt wird, dafi die Ritter der Artus-Taf el- 
runde Ungeheuer zu besiegen, Damonen zu bekriegen hatten und so 
weiter. Das Geistige also spielte da hinein, spielte so hinein, dafi man 
das nur pflegen kann, wenn man nicht dekretiert, sondern wenn man 
es zur Natur macht, wenn man es organisiert. Und so kam es, da£, 
wahrenddem durch Mitteleuropa das Kirchenvolk sich entwickelte, 
gegen Westen hin, namentlich gegen die englischsprechende Bevolke- 
rung hin dasjenige entstand, was man nun nennen kann, um eine dritte 
Benennung fiir diesen Strom zu haben, das Logenvolk, oder die Logen- 
volker, wo ein gewisser Zug dazu ursprunglich vorhanden war, Gesell- 
schaften zu bilden, in den Gesellschaften zu erzeugen die Gesinnung 
der Organisation. Die Organisation hat letzten Endes nur einen Wert, 
wenn sie durch geistige Mittel gemacht wird, ohne dafi der andere sie 
bemerkt; sonst mufi man eben dekretieren. Dekretiert wurde in Mit- 
teleuropa; logenmafiige Herrschaft wurde mehr in dem versucht, was 
sich dann als Fortsetzung des Keltentums in der englischsprechenden 
Bevolkerung ausbildete. So dafi das Logenvolk oder die Logenvolker 
entstanden, die im wesentlichen eigentlich in sich bemerkbar dasjenige 
haben, was nicht die ganze Menschheit organisiert, sondern gesell- 
schaftsmafiig zusammenfafit, ordensmafiig zusammenf afit. Das ordens- 



mafiige Zusammenfassen liegt in dieser Fortsetzung desjenigen, was 
sich an die Artus-Sage ankniipft. Es ist so, dafi im weltgeschichtlichen 
Leben immer die Dinge sich ineinandersdiieben. Niemals kann man 
eine Entwickelung verstehen, wenn man nur sich vorstellt, dafi das 
Folgende aus dem Vorhergehenden auf geradlinigem Wege entsteht. 
Die Dinge schieben sich in der Entwickelung ineinander. Und so ist 
es eine merkwiirdige Tatsache, dafi in bezug auf die menschliche Vor- 
stellungsart, in bezug auf alles dasjenige, was wirkt in der mensch- 
lichen Seele, dieses Logenprinzip - das ja dann in den Freimaurern 
seine affenartige Karikatur erzeugt hat -, dieses Logenartige nun wie- 
derum innerlich verwandt ist mit dem Jesuitismus. So dafi, wie feind- 
lich audi, wie spinnefeind, wenn ich mich des trivialen Ausdrucks be- 
dienen darf, der Jesuitismus diesem Logentum ist - das wissen Sie 
ja, es da doch, in bezug auf die Form des Vorstellens, eine ungeheure 
Ahnlichkeit gibt. Und in Ignatius von Loyola hat ganz gewifi zu dem, 
was er gewirkt hat, was er als Grofiartiges geschaffen hat, ein kelti- 
sches Blutelement mitgewirkt, das in seinen Adern flofi. 

Nun sehen Sie: Im Osten ist das Christus-Volk entstanden; das hat 
den fortlaufenden Christus-Impuls. Fiir den ostlichen Menschen ist 
es ganz selbstverstandlich, indem er lebt, dafi in seine Seele fortwah- 
rend etwas einfliefit, was der Christus-Impuls ist. Fiir das Kirchenvolk 
der mittleren Lander hat sich das abgestumpft oder abgelahmt, indem 
der Christus-Impuls an den Anfang unserer Zeitrechnung verlegt wor- 
den ist und spater an ihn angeschlossen wurde Dekretierung, staatliche 
Dekretierung und traditionelle und prinzipiengemafie Fortpflanzung. 
Im Westen, im Logensystem, wurde der Christus-Impuls iiberhaupt 
fraglich, zunachst ganz fraglich; da wurde er noch weiter abgelahmt. 
Und so entwickelte sich dann aus den Vorstellungsformen, die ur- 
sprunglich wirklich auf diesen Logenimpuls zuriickgehen, der aus dem 
Keltentum kommt, der der letzte Nachziigler des Keltentums ist, das 
heraus, was man die moderne Aufklarung nennt mit dem Deismus. 
Und es ist aufierordentlich interessant zu verfolgen, wie himmelgrofi 
der Unterschied ist zwischen der Art und Weise, wie sich ein Angeho- 
riger eines mitteleuropaischen Kirchenvolkes zu dem Christus-Impuls 
verhalt, und ein Angehoriger des britischen Reiches. Aber ich bitte Sie, 



das nicht nach dem einzelnen Mensdien zu nehmen, denn natiirlich hat 
sidi der Kirchenimpuls audi nach England ausgebreitet, und die Dinge 
mufi man nehmen, wie sie in Wahrheit sind: man mufi diejenigen 
Mensdien nehmen, die zusammenhangen mit dem, was ich jetzt als 
Logenimpuls geschildert habe, was aber namentlich audi in das staat- 
liche Leben hinein im ganzen Westen gegangen ist. Aus diesem hat 
sich ein anderes Verhaltnis zu Christus herausentwickelt. 

Sie konnen fragen: Wie steht der Angehorige des Christus- Volkes 
zu Christus? — Nun, er weifi: Wenn ich mich richtig in meiner Seele 
erlebe, so finde ich den Christus-Impuls - denn er ist da drinnen, er 
wirkt immerfort da drinnen. Der Angehorige des Kirchenvolkes, der 
sagt etwa wie Augustinus, der in seiner Reifezeit auf diese Frage: 
Wie finde ich den Christus? - gesagt hat: So wie die Kirche mir den 
Christus darbietet. Die Kirche sagt mir, wer der Christus ist. Von der 
Kirche kann ich es lernen, denn die Kirche hat aufbewahrt durch ihre 
Tradition, was im Anfange iiber den Christus gesagt war. - Derjenige, 
der Angehoriger des Logenvolkes ist - und es sind wirklich die Ange- 
horigen des Logenvolkes -, der fragt in einer ganz anderen Weise nach 
dem Christus, weder wie das Kirchenvolk noch wie das Christus- Volk, 
sondern er sagt: Ja, die Weltgeschichte spricht von einem Christus, der 
einmal da war. Ist es vernunftig, einen solchen Christus anzunehmen? 
Wie rechtfertigt sich der Einflufi des Christus in der Weltgeschichte 
vor der Vernunft? - Das ist ja im wesentlichen die Christologie der 
Aufklarung, der Aufklarung, die da verlangt fur den Christus, daft 
er sich vor der Vernunft rechtfertige. 

Nun mufi man, um das, was da in Betracht kommt, zu verstehen, 
sich klar sein, dafi man jederzeit, ohne den Christus-Impuls zu haben, 
zu Gott kommen kann. Man braucht blofi irgend etwas nicht richtig zu 
haben - der Atheist ist ja ein Mensch, der irgend etwas auch physisch 
Krankes an sich hat -; aber man kann auf dem Wege der Spekulation, 
auf dem Wege der Mystik, was immer, zu dem Gotte kommen, dazu 
kommen, dafi man einen Gott in der Welt annimmt. Das ist denn auch 
das Urdeistische, der Aufklarungsglaube. Dazu kommt man zunachst 
auf geradem Wege: zu dem Aufklarungsglauben, dafi ein Gott ist. 

Nun aber handelt es sich darum bei denjenigen, die sich aus dem 



Logenvolk heraus entwickelt haben: verniinftig zu finden, neben dem 
allgemeinen Gott audi den Christus anzunehmen. Da kann man ver- 
schiedene Personlichkeiten wahlen, die charakteristisdi sind fur diese 
Dinge. Ich habe gewahlt den im Jahre 1648, gerade im Jahre des West- 
falischen Friedens verstorbenen Herbert Cherbury. Er versuchte, dazu 
zu kommen, den Christus-Impuls verniinftig zu finden. Ein richtiger 
Angehoriger zum Beispiel des russischen Volkes kann sich iiberhaupt 
mchts dabei denken, den Christus-Impuls verniinftig zu finden. Das 
ist fur ihn ungefahr so, wie wenn einer von ihm verlangen wiirde, er 
soil die Anwesenheit des Kopfes auf den beiden Schultern verniinftig 
finden. Man hat den Kopf, so hat man den Christus-Impuls. Aber so 
verschieden ist dasjenige, was durch Leute wie Cherbury verlangt wird, 
dafi da gefragt wird: Ist es verniinftig, neben dem Gott, zu dem also 
das aufgeklarte Nachdenken fiihrt, audi einen Christus anzunehmen? 
Man mufi ja erst die Menschen studieren, verniinftigerweise, um eigent- 
lich das alles berechtigt zu finden. 

Nun konnen Sie sagen: Das macht doch aber natiirlich nicht jeder 
Angehorige dieses Logen volkes! - Selbstverstandlich macht das nicht 
jeder Angehorige des Logen volkes. In ausgesprochenen Begriffen ma- 
chen es die Philosophen; die anderen Leute denken ja nicht so viel, 
aber in ihren Instinkten, in ihren Empfindungen, in den unterbewufi- 
ten Schliissen machen es schon alle Leute, die in irgendeiner Weise im 
Zusammenhange stehen mit dem Impulse des Logenvolkes. Der Mann, 
von dem ich hier rede, der sagte sich zunachst: Betrachten wir alle ein- 
zelnen Religionen, was sie Gemeinsames haben. - Das ist nun iiber- 
haupt so ein Trick der Aufklarung. Weil man selber nicht zum Geisti- 
gen, wenigstens insoferne es den Christus-Impuls betrifft, kommen will, 
sondern nur zu einem abstrakten Gotte des Deismus, so fragt man: Ist 
es dem Menschen natiirlich, das oder jenes aufzufinden? - Da suchte 
zunachst Cherbury, der viel gereist war, sich zu unterrichten iiber das, 
was die verschiedenen Religionen Gemeinsames haben. Er fand da 
sehr vieles Gemeinsame. Dann aber versuchte er das, was er da als 
Gemeinsames der Religionen gefunden hatte, in fiinf Satze zusam- 
menzufassen. Diese fiinf Satze, wir miissen sie besonders ins Auge 
f assen, denn es ist recht wichtig. 



Der erste Satz ist: Es ist ein Gott. - Weil instinktiv die verschie- 
denen Volker der verschiedensten Religionen darauf kommen, einen 
Gott anzunehmen, findet er es im Sinne der Natur, anzunehmen: Es 
ist ein Gott. 

Zweitens: Der Gott verlangt Verehrung. - Wiederum ein gemein- 
samer Zug der Religionen. 

Drittens: Diese Verehrung mufi in Tugend und Frommigkeit be- 
stehen. 

Viertens: Siinden miissen bereut und gesuhnt werden. 
FUnftens: Es gibt eine belohnende und bestrafende Gerechtigkeit im 
Jenseits. 

Sie sehen, da ist nichts drinnen von irgendeinem Christus-Impuls. 
Es ist aber zu gleicher Zeit in diesen funf Satzen alles dasjenige drin- 
nen, wozu man gelangt, wenn man nur auf das baut, worauf man da 
eben aus dem religiosen Impuls, aus dem Logenimpulse heraus bauen 
wollte. Diese Anschauungsform, die bildete sich immer weiter aus als 
Aufklarung. Wir finden dann in Hobbes, Locke, in anderen, dafi sie 
versuchten, immer wieder den Versuch machten, sich zu sagen: Ja, aber 
von Jesus Christus gibt es eine Oberlieferung. Ist es nun verniinftig, 
einen solchen Jesus Christus anzunehmen? - Und schliefilich bequemen 
sie sich dazu, in der Tat zu sagen: Wenn man ins Auge fafit, was in 
den Evangelien stent, was von dem Christus Jesus uberliefert ist, so 
stimmt es iiberein mit dem, was im Grunde genommen als Hauptsatze 
alle Religionen gemeinsam haben. Daher macht es den Eindruck, als 
ob der Christus eben zusammenfassen wollte, was alle Religionen 
gemeinsam haben, als ob also da gewesen ist eine gotterfullte - das 
kann man sich nun mehr oder weniger vorstellen - Personlichkeit, 
welche gelehrt hat das Beste aus alien Religionen. - Das fand man 
zuletzt verniinftig. Und einzelne Leute, zum Beispiel Tmdal, der 1657 
bis 1733 gelebt hat, er hat ein Buch geschrieben: «Das Christentum so 
alt als die Sch6pfung.» Dieses Buch «Das Christentum so alt als die 
Schopfung», das ist gewissermafien sehr wichtig, um das Wesen der 
Aufklarung, das ja dann verflacht worden ist durch den Voltairismus 
und so weiter, kennenzulernen. Es kam Tindal darauf an zu zeigen, 
dafi immer im Grunde genommen alle Menschen, die besseren Men- 



sehen immer Christen waren, dafi der Christus eben nur das Beste der 
Religionen zusammengefafit hat. 

Sie sehen sdion: Der Christus wird da heruntergeholt und zum 
Lehrer gemacht. Der Christus wird Lehrer, ob Sie ihn nun Messias 
nennen oder Meister oder wie Sie wollen: er wird Lehrer. Der Christus 
wird Lehrer. Es kommt nicht auf die Tatsache des Christus so sehr an, 
sondern darauf, dafi er dasteht, und dafi er einen gewissen Religions- 
inhalt lehrt, der das Teuerste, das Gemeinsame an Religionsinhalt der 
iibrigen Menschheit ist. 

Das, was da von mir gezeigt wurde, kann selbstverstandlich die 
verschiedensten Nuancen annehmen, aber es bleibt die Grundfarbung: 
der Christus ist Lehrer. Und nun konnen wir, wenn wir die charakte- 
ristischen Typen - die natiirlich in der mannigfaltigsten Weise dann 
abgeschwacht werden - des Christus-Volkes, des Kirchenvolkes und 
des Logenvolkes ins Auge fassen, wenn wir das Wirkliche hinter dem 
oft sehr, sehr Scheinbaren suchen, dann konnen wir fur das Christus- 
Volk sagen: Christus ist der Geist, hat also im Grunde genommen 
nichts zu tun mit irgendweldien Einrichtungen auf dem physischen 
Plane. Es ist nur das Mysterium vorhanden, dafi er einmal in einer 
menschlichen Gestalt vorhanden war. - Fur das Kirchenvolk: Christus 
ist der Konig. Das kann mehr oder weniger nuanciert werden: Christus 
ist der Konig. - Das lebt zwar audi im Logenvolk weiter, aber indem 
es sich weiterentwickelt, indem es etwas aus sich heraustreibt: Christus 
ist der Lehrer. 

Sehen Sie, diese Nuancierung durch das europaische Bewufitsein hin- 
durch mufi man ins Auge fassen, denn diese Nuancierung lebt tief, 
tief nicht etwa nur in einzelnen Menschen, sondern sie lebt tief, tief 
in demjenigen, was sich in Europa iiberhaupt im fiinften nachatlanti- 
schen Zeitraum seelisch entwickelt hat, und auch in vielem, was sich 
sozial entwickelt hat. Es sind die hauptsachlichsten Nuancen des Chri- 
stus-Impulses. Man konnte noch viel iiber diese Dinge reden, aber ich 
kann Ihnen ja heute zunachst nur eine Skizze geben wegen der Kiirze 
der Zeit. 

Nun konnen wir, wenn wir hinsehen auf die gestrigen drei Formen 
der Evolution der Menschheit, uns erstens sagen: Die ganze Menschheit 



entwickelt sich so, dafi sie jetzt in der Empfindungsseele lebt, 28. bis 
21.Jahr. Jeder einzelne Mensdi als Individuum entwickelt sidi so, 
dafi jetzt die Menschheit in der fiinften nachatlantischen Zeit die Be- 
wufitseinsseele zum Ausdrucke bringt. Und dann ist nodi eine dritte 
Evolution innerhalb der Volksseelen, von der ich Ihnen gestern gesagt 
habe. Nun, im Zusammenhang mit den Volksseelen entwickeln sich 
gerade die eben geschilderten Dinge. Sie haben auf der einen Seite die 
historischen Tatsachen, die aber wirken, und auf der anderen Seite 
die Volksseelen mit ihren Religionsnuancen. Dieses Zusammenwirken 
macht, dafi das Christus-Volk mit dem Impuls: Christus ist der Geist, 
dafi das Kirchenvolk mit dem Impuls: Christus ist der Konig, und daft 
die Logenvolker mit dem Impuls: Christus ist der Lehrer sich entwik- 
keln. Das hangt von der Volksnuancierung ab. Das ist die dritte 
Evolution. 

Nun schlagt in der wirklichen aufieren Entwickelung immer das eine 
in das andere hinein. Natiirlich, in der Wirklichkeit wirkt das eine 
auf das andere, durch die anderen; es schlagt immer das eine in das 
andere hinein. Nicht wahr, wenn Sie mich zum Beispiel jetzt fragen: 
Wer gehort ins Logenvolk hinein, wer gehort diesem Aufklarungs- 
Deismus an? - ja, da ist es merkwiirdigerweise so gekommen, dafi ein 
reinster Typ dieses Aufklarungs-Deismus der Harnack in Berlin ist! 
Der ist ein viel reinerer Typ als irgendeiner, den man jenseits des 
Kanals finden kann. Das mischt sich alles durcheinander im modernen 
Leben. Aber will man die Dinge verstehen, will man sie in ihren Ur- 
sprungen verfolgen, dann darf man eben nicht bei Aufierlichkeiten 
stehenbleiben, sondern dann mufi man sich klar sein dariiber, dafi es 
so zusammenhangt, dafi die dritte Evolutionsstromung, die sich mit 
dem Volkstiimlichen zusammenkoppelt, eben hineingeht in das, was 
ich Ihnen jetzt hier dargestellt habe. Aber es ist immer vorhanden, 
weil ja die anderen Evolutionsstromungen audi da sind, die Reaktion, 
das Ansturmen der Bewufitseinsseele gegen dieses Volksmafiige. Und 
das tritt in den verschiedenstenPunkten zutage.Das stiirmt, ich mochte 
sagen, von diesem oder jenem Zentrum auf. Und ein solches Aufstiir- 
men, das ist audi der Goetheanismus, der eigentlich mit all dem, was 
ich jetzt geschildert habe, nichts zu tun hat, und doch wiederum mit 



allem sehr viel zu tun hat, von der einen oder von der anderen Seite 
betrachtet. Denn es entwickelt sich fnih als eine Parallelstromung zu 
dem, was ich Ihnen als Artus-Stromung geschildert habe, die Grals- 
Stromung; die Grals-Stromung, die der genaue Gegensatz der Artus- 
Stromung ist. Die Grals-Stromung entwickelt sich so, daft derjenige, 
der den Tempel des Gral besuchen will, unzugangliche Wege zu gehen 
hat, sechzig Meilen lang, daft der Tempel ganz im Verborgenen liegt, 
daft man dort iiberhaupt nichts erfahrt, wenn man nicht fragt. Kurz, 
diese ganze Grals-Stimmung ist die des Verbindung-Herstellens zwi- 
schen dem Intimsten der menschlichen Seele, wo die Bewufitseinsseele 
erwacht, mit den spirituellen Welten. Es ist, wenn ich so sagen darf, 
auf kiinstliche Weise angestrebt das Hinauflenken der sinnenfalligen 
Welt in die spirituelle Welt, das auf instinktive Weise im Christus- 
Volk angestrebt ist. 




Wollen wir daher in Form einer Zeichnung dieses merkwiirdige 
Ineinanderwirken der europaischen Religionsimpulse verfolgen, so 
konnen wir sagen: Wir haben einen Impuls, es ist derjenige, der in- 
stinktiv, heute noch keimhaft und unausgebildet, in dem Christus-Volk 
lebt (siehe Zeichnung, rot). Da kommen dann die Geister, wenn sie 
Philosophen werden wie Solowjow, dazu, diesen Christus-Impuls als 
etwas Selbstverstandliches zu nehmen. 



Mitteleuropa ist durch seine ethnographischen und durch seine ethni- 
schen Verhaltnisse nicht dazu angelegt, das so zu nehmen; da mufi es 
auf kiinstliche Weise gemacht werden. Da ist es dann so, dafi in der 
Grals-Stromung nach Europa hereinwirkt dasjenige, was man, ich 
mochte sagen, wie eine Beugung des Wirbels (siehe Zeichnung, rot un- 
ten), als Grals-Stromung hereinwirkend haben kann. Das strahlt liber- 
al! nach Europa hin, aber es mufi dann eben Grals-Stromung sein, ist 
deshalb audi nicht volksmafiig beschrankt. In dieser Grals-Stimmung, 
wenn auch sehr stark in den untersten Kraften seines Bewufitseins, 
lebte Goethe. Suchen Sie sich diese Grals-Stimmung auf; Sie werden 
sie iiberall finden. Da stent er in gewisser Beziehung nicht isoliert da; 
dadurch schliefit er sich an Vorhergehendes an. Mit Luther, mit der 
deutschen Mystik, mit alledem, was da vorangegangen war, hat er 
nichts zu tun. Das wirkt mehr oder weniger auf ihn so, dafi es ihn 
bildet, dafi es ihn zum Weltmenschen macht. Dasjenige, was ihn dazu 
fuhrt, drei Stufen zu unterscheiden - die Stufe der volksmafiigen 
Religion, die Stufe der Religion der Weisen, die dem Einzelnen vor- 
gefiihrt wird im zweiten Gemach, die intimste Religion, die nur in- 
tim, im dritten Gemach, zu der Seele spricht und die Mysterien von 
Tod und Auferstehung enthalt - das, was ihn dazu fuhrt in dieser 
Weise hinaufzuheben, nicht jesuitisch herunterzufiihren, sondern hin- 
aufzuheben das in der Sinnenwelt wirksame Religiose in die spirituel- 
len Hohen: das ist die Grals-Stimmung. Und Grals-Stimmung, so para- 
dox das besonders heute klingt, ist im Russizismus, Grals-Stimmung ist 
durchaus im Russizismus. Und auf dieser im Russizismus vorhandenen 
unbesieglichen Grals-Stimmung beruht eben jene Zukunft des Russen- 
tums fur die sechste nachatlantische Zeit, von der ich so oft habe zu 
sprechen gehabt. 

Das ist es, was man jetzt ins Auge fassen mufi, wenn man die eine 
Seite betrachtet. Und fassen wir die andere Seite ins Auge, so haben 
wir da alles das, was weder den Christus-Impuls so nimmt, nun, wie 
im Osten, gewissermafien wie eine Invasion, noch nimmt als etwas, 
was ein durch Tradition und Schrifl in Fortpflanzung Lebendes ist, 
sondern ihn als das Verniinftige nimmt. Das ist dasjenige, was sich 
innerhalb des Logentums und namentlich innerhalb aller seiner Ver- 



zweigungen, seiner Fortsetzungen zeigt. Ich will es mit einer anderen 
Farbe bezeichnen (grim). Das ist dasjenige, was sich dann verpolitisiert 
im Westen, was der aufierste Auslaufer ist des Artustums, desjenigen, 
was im Konig Artus verkorpert ist. Und ebenso wie der Christus- 
Impuls des Russizismus sidi im Gralstum fortsetzt und, idi mochte 
sagen, in alle guten strebsamen Menschen des Westens einstrahlt, so 
setzt sich audi jenes andere fort und stromt in alle Menschen hinein, 
innerhalb des Kirchenvolkes, und bekommt die Farbung des Jesuitis- 
mus. Wenn audi der Jesuitismus, wie gesagt, dem spinnefeind ist, dar- 
auf kommt es nidit an; etwas kann gerade spinnefeind sein dem, was 
eben jene Vorstellungsform gibt. Es ist geschehen, es ist historisch, dafi 
die Jesuiten niclit nur sich in alle Logen eingeschlichen haben, dafi 
hochgraduierte Jesuiten im Zusammenhange stehen mit Hochgraduier- 
ten der Logen, sondern es ist audi so, dafi beide, wenn audi bei ver- 
schiedenen Volkern, aus dem selben wurzeln, wenn sich audi das eine 
zum Papsttum, das andere zur Freiheit, zur Verniinftigkeit, zur Auf- 
klarung entwickelt hat. Das gibt Ihnen nun eine Art Bild von dem, 
was ich nennen kann das Wirken der Bewufitseinsseelen-Evolution. 
Denn indem ich Ihnen friiher geschildert habe die drei Stufen vom 
Osten nach dem Westen, war das auf Volkstiimliches, auf Ethnisches 
begriindet. Dafi es ineinanderwirkend solche Formen annimmt, dafi 
es im Westen zur Aufklarung wurde, das ist dadurch bewirkt, dafi die 
Evolutionsstromung der Bewufitseinsseele im einzelnen Menschen, im 
Individuum lebt. 

Dann aber haben wir eine dritte Stromung. Das ist diejenige, welche 
der ganzen Menschheit eigen ist, vermoge welcher die ganze Mensch- 
heit in ihrem Entwickelungsalter ist, indem sie immer jiinger und jiinger 
wird, und jetzt in dem Zeitalter der Empflndungsseele ist, vom 28. bis 
zum 21.Jahre. Das geht durch die ganze Menschheit. Wenn wir die 
erste Stromung, die ethnische, schildern, wo Volksreligionen entstehen: 
Christus-Religion, Kirchenreligion, Logenreligion, dann stehen wir 
auf dem Standpunkt der volkstiimlichenEntwickelung, die ich gewohn- 
lich so einteile: italienische Volker = Empflndungsseele, franzosische 
= Verstandes- oder Gemiitsseele und so weiter. Wenn wir dasjenige 
schildern, was als Bewufitseinsseele in jedem einzelnen Menschen seit 



dem fiinften nachatlantischen Zeitraum sidi entwickelt, so haben wir 
da vorzugsweise dasjenige, was in dieser Weise ins Religiose einstromt. 
Aber von da aus geht dann audi das Zusammenwirken mit dem an- 
deren, mit dem, was Evolution in alien Mensdien ist: Empfindungs- 
seelen-Evolution, die ja parallel lauft und viel unbewufiter ist als die 
Bewulkseinsseelen-Evolution. 

Studieren Sie, wie soldi ein Mensch wie Goethe, wenn audi vielfach 
durch Impulse im Unterbewufiten, aber dodi sehr bewufit sich seine 
religiose Richtung gibt, so kommen Sie auf das Walten der Bewufit- 
seinsseele. Doch daneben waltet in der modernen Mensdiheit ein an- 
deres Element, welches sehr stark in Instinkten, in unterbewulken Im- 
pulsen durch diese moderne Mensdiheit wirkt, aber innig verkniipft 
ist mit der Empfindungsseelen-Entwickelung, und das ist dasjenige, 
was man nennen mufi die Entwickelung zum Sozialismus hin, die jetzt 
im Beginne ihres Verlaufes ist, und die in einer gewissen Weise ihren 
Abschlufi finden wird von der Seite, wie ich es erzahlt habe. Gewifi, 
die Anstofie werden immer gegeben, wie ich schon gesagt habe, von 
der Bewufitseinsseele aus; aber dafi der Sozialismus die Mission des 
fiinften nachatlantischen Zeitraums ist und bis zum vierten Jahrtausend 
hin zu einem Abschlusse kommen wird, das riihrt fur die ganze Mensdi- 
heit gewissermaften davon her, dafi sie im Empfindungsseelen-Zeitalter 
lebt vom 28. bis 21.Jahre. Das liegt da drinnen. Der Sozialismus ist 
nicht etwas, was eine Parteirichtung ist, obwohl es innerhalb der sozia- 
len Korperschaften viele Parteien gibt, aber das sind Parteien inner- 
halb der sozialen Stromung. Der Sozialismus ist nicht eine Parteisache 
als solche, sondern der Sozialismus ist etwas, was sich ganz notwendig 
nach und nach im fiinften nachatlantischen Zeitraum in der Mensdi- 
heit ausbildet. So dafi, wenn dieser fiinfte nachatlantische Zeitraum 
abgeschlossen sein wird, im wesentlichen, soweit sie fiir die zivilisierte 
Welt in Betracht kommen, in den Menschen die Instinkte fiir den Sozia- 
lismus vorhanden sein werden. 

Nun konnen Sie sich denken: Das alles, was ich Ihnen gesagt habe, 
wirkt zusammen in diesem fiinften nachatlantischen Zeitraum. Da 
wirken alle die Dinge zusammen, die ich geschildert habe. Da wirkt 
aber audi noch das, was im wesentlichen in unterbewufiten Tiefen ist: 



die Tendenz, bis ins vierte Jahrtausend hinein die richtige sozialistische 
Gestaltung der ganzen Erdenwelt zu fmden. Man braucht sich von 
einem tieferen Gesichtspunkte aus wahrhaflig nicht zu wundern, dafi 
der Sozialismus alle moglichen Blasen aufwirft, die audi sehr schlimm 
sein konnen, wenn man bedenkt, wie er aus unterbewufiten Tiefen her- 
auf seine Impulse hat; wenn man bedenkt, wie das alles brodelt und 
kraflet und der Zeitpunkt noch weit, weit entfernt ist von derjenigen 
Epoche, wo es in sein richtiges Fahrwasser kommen wird. Aber es 
rumort, und zwar jetzt nicht einmal in den menschlichen Seelen, son- 
dern es rumort in den menschlichen Naturen, in den menschlichen Tem- 
peramenten vor alien Dingen. Und fiir dasjenige, was in menschlichen 
Temperamenten rumort, fiir das findet man Theorien. Diese Theorien - 
wenn sie nicht Ausdriicke sind, so wie wir es in der Geisteswissenschaft 
haben, fiir dasjenige, was in den Tiefen der Wirklichkeit vorhanden 
ist -, diese Theorien, ob es Bakuninismus, Marxismus, Lassallismus ist, 
was weifi ich, das 1st ganz einerlei, das sind alles Masken, Verbramun- 
gen, alles Dinge, die sich der Mensch oberflachlich iiber die Wirklich- 
keit zieht. Die Wirklichkeiten sieht man doch erst, wenn man so tief 
hineinschaut in die Menschheitsentwickelung, wie wir es durch diese 
Betrachtungen zu tun versuchen. 

Und auch dasjenige, was jetzt aufierlich geschieht, das sind ja nur 
tumultuarische Vorbereitungen zu dem, was schliefilich in alien - und 
zwar jetzt wirklich, man kann sagen, eben nicht Seelen, sondern in 
den Temperamenten lauert. Sie alle sind sozialistisch. Sie wissen es 
oftmals nicht, wie stark Sie sozialistisch sind, weil es im Temperamente, 
ganz im Unterbewufiten lauert. Aber nur dadurch, dafi man so etwas 
weift, kommt man hinaus iiber jenes nebulose, lacherliche Suchen nach 
Selbsterkenntnis, die hineinschaut in das menschliche Innere und da, 
ich will es nicht schildern, was man da fiir ein wesenloses Caput mor- 
tuum, fiir ein Abstraktum findet. Der Mensch ist ein kompliziertes 
Wesen. Man lernt ihn nur kennen, wenn man die ganze Welt kennen- 
lernt. Das ist es, was dabei beriicksichtigt werden mufi. 

Betrachten Sie einmal von diesem Gesichtspunkte aus die Welt, die 
Menschheit, wie sie sich im fiinften nachatlantischen Zeitraum heran- 
entwickelt hat. Sagen Sie sich nun selbst: Da haben wir im Osten das 



Christus-Volk mit dem wesentlichsten Impuls: Christus ist Geist. - 
Es lebt in der Natur dieses Volkes, dafi dasjenige, was nur als Vor- 
laufer hat geschehen konnen durch die andere europaische Bildung, 
wie mit instinktiver, mit elementarer Gewalt, mit historischer Not- 
wendigkeit durch den Russizismus in die Welt kommt. Es ist dem 
russischen Volke als Volk diese Mission ubertragen, das Gralswesen 
als religioses System bis zum sechsten nachatlantischen Zeitraum so 
auszubilden, dafi es dann ein Kulturferment der ganzen Erde werden 
kann. Kein Wunder, wenn sidi dieser Impuls kreuzt mit den anderen 
Impulsen, die vorhanden sind, dafi die anderen Impulse sonderbare 
Formen annehmen. 

Welches sind die anderen Impulse? Nun: Der Christus ist Konig, 
Christus ist Lehrer. Ja, bis zu dem «der Christus ist Lehrer» kann 
man kaum gehen, denn das versteht eigentlich das russische Gemiit, 
wie ich schon sagte, doch eigentlich nicht, was das heifien soil, dafi man 
das Christentum lehren kann, dafi man das nicht erlebt als etwas, 
was in der eigenen Seele ist. Aber «Christus ist K6nig» - so ist doch 
das Russentum mit dem «Christus ist K6nig» zusammengewachsen. 
Und da sehen wir das Zusammenstofien desjenigen, was am allerwenig- 
sten jemals in der Welt zusammengehort hat: das Zusammenstofien mit 
dem Zarismus, die ostliche Karikatur des Prinzips, irdische Herrschaft 
einzufuhren auf dem Gebiete des Religionswesens. «Christus ist K6nig» 
- und der Zar ist sein Stellvertreter: diese Zusammenkoppelung dieses 
Westlichen, das im Zarismus sich ausspricht, mit dem, was gar nichts 
damit zu tun hat, mit dem, was durch die russische Volksseele im russi- 
schen Gemute lebt! 

In der aufieren physischen Wirklichkeit ist eben gerade das Charak- 
teristische, dafi diejenigen Dinge, die oflmals innerlich am wenigsten 
miteinander zu tun haben, sich aufierlich aneinander abreiben miissen. 
Fremdest waren von jeher Zarismus und Russentum, gehorten nicht 
zusammen. Wer das russische Wesen versteht, namentlich religios, der 
wird daher die Einstellung auf die Ausscheidung des Zarismus immer 
als etwas Selbstverstandliches fiir den wirklichen notigen Zeitpunkt 
haben finden miissen. Aber bedenken Sie, dafi dieses « Christus ist der 
Geist» Innerlichstes ist, dafi es zusammenhangt mit der edelsten Kul- 



tur derBewufitseinsseele, und nun zusammenstoflt, wahrend derSozia- 
lismus rumort, mit dem, was in der Empfindungsseele lebt, so wie idi 
es dargestellt habe. Kein Wunder, dafi die Ausbreitung des Soziaiismus 
in diesem ostlichen Teile von Europa Formen annimmt, die iiberhaupt 
unbegreiflidi sind, ein unorganisches Ineinanderspielen der Bewuflt- 
seinsseelenkultur und der Empfindungsseelenkultur. 

Vieles, was in der aufieren Wirklichkeit geschieht, es wird Ihnen 
klar und verstandlich sein, wenn Sie diese innerlichen Zusammenhange 
ins Auge fassen. Und notwendig ist es schon einmal fiir die gegen- 
wartige Menschheit und fiir ihre Entwickelung in die Zukunft hinein, 
dafi die Menschheit nicht aus Bequemlichkeit und Faulheit vorbeigeht 
an dem, was ja zu ihrem Wesen gehort: Verstandnis zu haben dafiir, in 
welchen Zusammenhangen wir jetzt drinnen stehen. Man hat es nicht 
verstanden, hat es nicht verstehen wollen. Dadurch ist das europaische, 
jetzt mit dem amerikanischen verknupfte Chaos gekommen, die furcht- 
bare Katastrophe. Nicht eher wird man aus der Katastrophe heraus- 
kommen, bis die Menschen sich geneigt zeigen werden, so sich zu ver- 
stehen wie sie sind, aber eben wie sie sind innerhalb der gegenwartigen 
Zeitenentwickelung, innerhalb der gegenwartigen Zeitepoche. Das ist 
es, was man einsehen mufi. 

Daher ist es mir so wichtig, dafi man einsieht, wie das, was ich mir 
denke als anthroposophische Bewegung, wirklich angekniipfl werden 
soil an die Erkenntnis der grofien Evolutionsimpulse der Menschheit, 
angekniipfl werden soil an dasjenige, was die Zeit unmittelbar jetzt 
von den Menschen fordert. Naturlich ist es dann ein grofier Schmerz, 
wenn man sieht, wie wenig eigentlich die Gegenwart geneigt ist, an- 
throposophische Weltanschauung gerade von dieser Seite her zu be- 
greifen und ins Auge zu fassen. 

Sie werden aus dem, was ich gesagt habe, einsehen, wie das, was als 
Soziaiismus heraufsteigt - durch allgemeine Gesichtspunkte mochte ich 
nun erganzen, was ich in der vorigen Woche in Anknupfung an die 
«Philosophie der Freiheit» gesagt habe eine in der Menschennatur 
ganz allgemein begriindete, immer weiter und weiter greifende Er- 
scheinung in der Menschheit ist. Die heutigen Reaktionen, die dagegen 
stattfinden, sind fiir den, der die Dinge durchschaut, einfach furchtbar. 



Fur den, der die Dinge durdbschaut, ist es klar, dafi, wenn es audi noch 
so tumultuarisch, noch so im Rumoren darinnen sich geltend macht, was 
Sozialismus ist iiber die ganze Erde hin, dieses internationale Element, 
dafi das dasjenige ist, was zukunftstrachtig ist, und dafi das, was jetzt 
auftritt, die Konstituierung von alien moglichen National-, Nation- 
chen-Staaten, dasjenige ist, was der Menschheitsevolution entgegen- 
arbeitet. Es ist ein furchtbares Entgegenstemmen gegen den Sinn der 
Entwickelung des fiinften nachatlantischen Zeitraums, was in den Wor- 
ten liegt: Jeder einzelnen Nation einen Staat. - Wo das enden soil, 
weifi man ja ohnedies natiirlich gar nicht, aber es wird halt gesagt; nun, 
es wird halt gesagt! Das ist zu gleicher Zeit ganz durchtrankt von dem, 
was in den Artus-Impuls zuruckfiihrt: ganz durchtrankt von Organi- 
sationsprinzipien. Der Gegensatz dazu ist die Grals-Bestrebung, die so 
innig verwandt ist mit den Goetheschen Prinzipien, wie ich sie Ihnen 
dargestellt habe, diese Grals-Bestrebung, die iiberall auf das Indivi- 
duelle, im Ethischen, im Wissenschaftlichen iiberall auf das Individuelle 
hintendiert, die vor alien Dingen das Individuum in seiner Entwicke- 
lung ins Auge fassen will, nicht Gruppen, die heute keine Bedeutung 
mehr haben und die durch das internationale sozialistische Element 
aus der Welt geschafR: werden miissen, weil da die Richtung der Ent- 
wickelung liegt. 

Auch aus diesem Grunde ist es, dafi man sagen mufi: Im Goetheanis- 
mus, im Goetheanismus mit all seinem Individualismus - wie ich den 
Individualismus hervorgeholt habe aus der Goetheschen Weltanschau- 
ung, sehen Sie in meinen ersten Goethe-Schriften, Sie konnen es auch 
bemerken in meinem Buche «Goethes Weltanschauung*, diesen Indi- 
vidualismus, der schon einmal eine naturgemafie Folge des Goethe- 
anismus ist -, in diesem Individualismus, der nur in einer Philosophic 
der Freiheit gipfeln kann, da liegt dasjenige, was notwendigerweise 
hinzielen mufi zu dem, was als Sozialismus sich bildet, so dafi man in 
einem gewissen Sinne zwei Pole anerkennen kann, auf der einen Seite 
den Individualismus, auf der andern Seite den Sozialismus, nach denen 
die Menschheit hintendiert im fiinften nachatlantischen Zeitraum. Aber 
diese Dinge miissen richtig verstanden werden. Und das richtige Verste- 
hen, das ist notwendig damit verbunden, dafi man sich einen Einblick 



verschafft, was zum Sozialismus hinzukommen mufi, wenn er wirk- 
lich in der Richtung der Mensdiheitsevolution laufen soil. Die heutigen 
Sozialisten haben ja noch keine Ahnung, was notwendigerweise mit 
dem wahren, erst im vierten Jahrtausende einen gewissen Abschlufi 
bekommenden Sozialismus zusammenhangt, zusammenhangen mufi, 
wenn er in seiner Entwickelung richtig geht. Da handelt es sich vor 
alien Dingen darum, dafi dieser Sozialismus sich zusammenentwickeln 
mufi mit einer richtigen Empfindung uber das Wesen des ganzen Men- 
sdien, des leiblichen, des seelischen, des geistigen Menschen. Die Nuan- 
cen, die werden schon die einzelnen ethnischen Religionsimpulse dazu- 
bringen, die werden sdion ihre Beitrage liefern, dafi verstanden wird 
der Mensch nach dieser dreifachen Gliederung, nadi Leib, Seele und 
Geist. Der Orient mit dem Russischen wird dafiir sorgen, dafi der 
Geist begriffen wird. Der Westen wird dafiir sorgen, dafi der Leib 
begriffen wird. Die Mitte wird dafiir sorgen, dafi die Seele begriffen 
wird. Aber das alles geht naturlich durcheinander. Das darf nicht 
schematisiert und nicht kategorisiert werden, aber in all das hinein 
mufi sich eben erst entwickeln das wirkliche Prinzip, der wirkliche Im- 
puls des Sozialismus. 

Was ist dieser Sozialismus? Der wirkliche Impuls des Sozialismus 
besteht namlich darinnen, dafi die Menschen es, so wie ich es neulich 
einmal geschildert habe, wirklich dazu bringen, in der aufieren sozialen 
Struktur die Briiderlichkeit zu verwirklichen im weitesten Smne des 
Wortes. Die wirkliche Briiderlichkeit hat nichts zu tun mit Gleichheit, 
selbstverstandlich. Denn nehmen Sie schon in der Familie Briiderlich- 
keit an: wenn der eine Bruder sieben Jahre alt ist, der andere erst 
geboren ist, so kann man natiirlich nicht von Gleichheit sprechen. Brii- 
derlichkeit wird erst verstanden werden miissen. Aber das ist audi 
alles, was auf dem physischen Plan zu verwirklichen ist: an Stelle der 
heutigen Staatssysteme Organisationen uber die ganze Erde hin, die 
durchtrankt sind von Briiderlichkeit. Dagegen mufi aus der aufief- 
lichen Organisation, aus der Staatsorganisation und aus alien staats- 
ahnlichen Organisationen heraus alles Kirchliche und alles Religiose. 
Das mufi seelische Angelegenheit werden. Das mufi in vollig freiem 
Nebeneinanderleben der Seelen sich entwickeln. Parallel mit der Ent- 



wickelung des Sozialismus mufi absoluteste Gedankenfreiheit in bezug 
auf alle religiosen Dinge gehen. 

Das hat ja der bisherige Sozialismus in Form der Sozialdemokratie, 
nun, nur so hervorgeschmissen, dafi man schon sagen kann: « Religion 
ist Privatsache.» - Aber das halt er ungefahr so ein, wie der wiitende 
Stier die Briiderlidikeit einhalt, wenn er auf irgend jemand losgeht. 
Da ist natiirlidi nicht das geringste Verstandnis dafiir, denn der Sozia- 
lismus in seiner heutigen Gestalt ist selber Religion; er wird in ganz 
sektenmafiiger Weise betrieben und tritt mit ungeheurer Intoleranz 
auf. Also parallel diesem Sozialismus mufi gehen eine wirkliche Bliite 
des religiosen Lebens, das darauf gebaut ist, dafi das religiose Leben 
der Menschheit eine freie Angelegenheit der miteinander auf der Erde 
wirksamen Seelen ist. 

Nun denken Sie einmal, wie unendlich viel dadurch entgegengear- 
beitet worden ist der Evolution. Es mufi immer zuerst entgegen- 
gearbeitet werden, damit dann wieder eine Zeitlang im Sinne der 
Evolution gearbeitet werden kann; dann kommt wiederum der Gegen- 
schlag, und so weiter. Das habe ich Ihnen ja bei den allgemeinen Ge- 
schichtsprinzipien erortert, dafi alles da ist, damit es wiederum stirbt. 
Denken Sie nur, wie gegengearbeitet worden ist diesem Parallelgehen 
der Gedankenfreiheit auf dem Gebiete der Religion und des aufSer- 
lichen briiderlichen sozialen Lebens, das sich, wenn man schon vom 
Staate spricht, nur innerhalb der Staatsgemeinschaft ausbilden kann! 
Innerhalb der Staatsorganisation darf das religiose Leben iiberhaupt 
gar keine Rolle spielen, sondern nur innerhalb der als Seelen zusam- 
menlebenden Menschen in volligster Unabhangigkeit von irgendeiner 
Organisation, wenn Sozialismus herrschen soli. Was ist dagegen ge- 
siindigt worden! «Christus ist der Geist» - daneben diese furchtbare 
Kirchenorganisation des Zarismus! «Christus ist der K6nig» - absolute 
Zusammenkoppelung von Zarismus mit religiosen Uberzeugungen! 
Und nicht nur, dafi die Kirche, die romisch-katholische Kirche selber 
sich konstituiert hat als politisches Reich, sie hat audi den Weg ge- 
funden, namentlich in den letzten Jahrhunderten mit dem Umwege 
iiber den Jesuitismus, in die anderen Reiche sich einzuschleichen und 
die mitzuorganisieren, die mitzudurchtranken. Oder denken Sie, wie 



hat sidi schliefilich das Luthertum entwickelt? Gewifi, Luther ging her- 
vor aus jenem Impulse - so habe ich ihn audi einmal dargestellt -, und 
er ist so recht ein Geist, der mit dem einen Gesicht nach dem vierten, 
mit dem anderen Gesicht nach dem funften Zeitraum weist und inso- 
fern einen zeitgemafien Impuls hat. Er tritt auf, aber was geschieht 
dann? Dann koppelt sich dasjenige, was Luther auf religiosem Gebiete 
gewollt hat, mit den Fiirsteninteressen der einzelnen deutschen Hofe 
zusammen. Ein Fiirst wird Synodale, Episkop, und so weiter; also auch 
da zusammengekoppelt dasjenige, was niemals zusammengekoppelt 
werden darf. Oder Durchtrankung des die aufiere Staatsorganisation 
durchsetzenden Staatsprinzips mit dem katholischen religiosen Prin- 
zip, wie es in Usterreich war, in dem jetzt zugrunde gehenden Oster- 
reich, worauf das ganze Ungluck 'Osterreichs im Grunde genommen 
doch zuriickgeht. Unter anderen Agiden, namentlich unter der Agide 
des Goetheanismus, wiirde es moglich gewesen sein, in Dsterreich sehr 
gut Ordnung zu schaffen. 

Das ist auf der einen Seite. Auf der anderen Seite im Westen in der 
englischsprechenden Bevolkerung iiberall Durchdringung von Logen- 
tum mit Fiirstentum. Das ist gerade das Charakteristische, dafi die 
staatliche Organisation im Westen iiberhaupt nicht zu verstehen ist - 
und Frankreich und Italien sind ja ganz infiziert davon ohne daft 
man da die Durchsetzung mit dem Logentum ebenso ins Auge fafit, wie 
man in Mitteleuropa die Durchsetzung mit dem Jesuitismus oder mit 
anderem ins Auge fassen mufi. Also gegen dasjenige, was notwendig 
parallelgehen mufi dem Sozialismus, ist furchtbar gesiindigt worden, 
und das raufi ins Auge gefafit werden. 

Ein Weiteres, was mit der Entwickelung nach dem Sozialismus 
parallel gehen mufi, ist auf dem Gebiete des geistigen Lebens die 
Emanzipation alles Strebens nach dem Geiste unabhangig von der 
Staatsorganisation. Die absolute Aufhebung aller Kasernierung der 
Wissenschaft und dessen, was mit Wissenschaft zusammenhangt. Das 
ist das Notwendige. Jene tiber die Welt zerstreuten Kasernen der Wis- 
senschaft, die man Universitaten nennt, das sind Dinge, welche am 
allermeisten entgegenstreben dem, was sich im funften nachatlantischen 
Zeitraum entwickeln will. Denn so wie Freiheit herein mufi auf reli- 



giosem Gebiete, so mufi auf dem Gebiete der Erkenntnis die Moglichkeit 
entstehen, dafi ein vollstandig gleiches Zusammengehen entsteht, dafi 
jeder seinen Anteil haben kann an der Fortentwickelung der Mensch- 
heit. Nicht im geringsten diirfen, wenn die sozialistische Bewegung 
gesund sich entwickeln will, Privilegien, Patente, Monopole auf irgend- 
einem Zweig der Erkenntnis liegen. Da wir heute noch sehr weit ent- 
fernt sind von dem, was ich eigentlich meine, so ist es wohl nicht notig, 
dafi ich nach irgendeiner Seite Ihnen zeige, wie es moglich ist, die Kaser- 
nierung der Wissenschaft aufzuheben, urid wie es moglich ist, jeden 
Menschen zu seinem Anteil an der Evolution nach dieser Richtung zu 
bringen. Denn das wird zusammenhangen mit tiefgreifenden Impulsen, 
die im Erziehungswesen, ja in dem ganzen Verhaltnis von Mensch zu 
Mensch sich entwickeln werden. Aber so wird es sein, dafi alle Mono- 
pole, Privilegien, Patente, die sich auf den Besitz geistiger Erkenntnisse 
beziehen, schwinden werden, und nur die Moglichkeit vorhanden sein 
wird, dafi der Mensch den Inhalt des geistigen Lebens nach alien Rich- 
tungen hin, auf alien Gebieten so geltend machen kann, wie er in ihm 
liegt, wie stark er in ihm liegt, wie stark er in ihm zum Ausdrucke 
kommt. In einer Zeit, in der man immer mehr und mehr dahin strebt, 
solche Dinge wie die Medizin zum Beispiel zu monopolisieren durch 
die Universitatsleute, in der man auch auf den verschiedensten anderen 
Gebieten alles, alles durchorganisieren will, in einer solchen Zeit hat 
man es ja nicht notig, iiber Einzelheiten der geistigen Gleichheit zu 
sprechen, - denn wir sind ja natiirlich noch sehr weit davon entfernt, 
und die meisten von uns haben geniigend Zeit, zu warten bis zu ihrer 
nachsten Inkarnation, wenn sie ein vollstandiges Verstandnis anstreben 
dessen, was mit Bezug auf diesen dritten Punkt zu sagen ist. Aber 
natiirlich, Anfange konnten iiberall gebildet werden. 

So ist es nur moglich, wenn man, Anteil nehmend an der modernen 
Menschheit und an unserer Zeit, im Kopfe hat, welche Impulse walten, 
wenn man namentlich diesen Sozialismus, der da waltet, ins Auge 
fassen und ihn zusammenhalten kann mit dem, was parallel gehen 
mufi: Freiheit des religiosen Denkens, Gleichheit auf dem Gebiete der 
Erkenntnis. Die Erkenntnis mufi fiir die Menschen so gleich werden, 
wie nach dem Sprichworte der Tod alle gleich macht, denn sie fiihrt in 



der Zukunft eben in die iibersinnliche Welt hinein, in die der Tod audi 
hineinfuhrt. So wemg man namlich den Tod monopolisieren und paten- 
tieren kann, so wenig kann man in der Wirklichkeit die Erkenntnis 
monopolisieren und patentieren. Und wenn man es doch tut, erzeugt 
man eben nicht Trager der Erkenntnis, sondern diejenigen, die eben 
das geworden sind, was heutige sogenannte Trager der Erkenntnis 
sind. Es betrifft ja naturlich nirgendwo wiederum den einzelnen, ge- 
radesowenig wie das andere den einzelnen betrifft, sondern es betrifft 
dasjenige, was ja fur die Zeit bedeutsam ist: die Gestaltung, die soziale 
Gestaltung der Zeit. Unsere Zeit insbesondere, die das allmahlich in 
die Dekadenz kommende Bourgeoistum darlebte, die hat ja gezeigt, 
wie heute immer unwirksamer und unwirksamer ein Aufbaumen wird 
gegen dasjenige, was eigentlich gegen die Evolution geht. Das Papst- 
tum geht ganz entschieden gegen die Evolution. Als der Altkatholizis- 
mus sich in den siebziger Jahren dagegen aufgebaumt hat, nach der 
Aufstellung des Infallibilitatsdogmas, dieser Kronung des papstlichen 
Monarchismus, da wurde es ihm ja schwer und wird ihm bis heute 
schwer gemacht, wahrend er gute Dienste leisten konnte gerade in 
bezug auf dieses Aufbaumen gegen den papstlichen Monarchismus. 

Wenn Sie riickblicken auf dasjenige, was ich gesagt habe, dann 
werden Sie doch finden, dafi gegenwartig hier aufien auf dem 
physischen Plane etwas ist, was eigentlich in die Seelen hineingehort 
und in den Geistesmenschen hineingehort, wahrend auf dem aufie- 
ren physischen Plane eigentlich die Briiderlichkeit heraus will. Es 
hat sich auf dem physischen Plane dasjenige geltend gemacht, 
hat ihn organisiert, diesen physischen Plan, was auf den phy- 
sischen Plan unmittelbar nicht gehort. Natiirlich gehort es auf 
den physischen Plan, insofern die Menschen auf dem physischen 
Plane stehen und es in den Seelen lebt, aber es gehort nicht hinein 
dadurch, dafi man auf dem physischen Plane die Leute organisiert. 
Auf dem physischen Plane miissen zum Beispiel die Religionen absolut 
nur Seelengemeinschaften sein konnen, nicht aufkrlich organisiert sein, 
miissen die Schulen als solche ganz anders organisiert sein; vor alien 
Dingen diirfen nicht Staatsschulen sein und so weiter. Das alles mufi 
aus der Freiheit des Gedankens, aus der Individuality des mensch- 



lichen Wesens herausgehen konnen. Dadurch, dafi sidi in der Wirklich- 
keit die Dinge ineinanderschieben, dadurch kann so etwas kommen, 
wie zum Beispiel, dafi heute der Sozialismus vielf ach das Gegenteil dessen 
ist, was ich Ihnen heute als sein Prinzip dargestellt habe. Er ist tyran- 
nisch, er ist machtliistern, er ist dasjenige, was am liebsten alles andere 
auch in die Hand nehmen mochte. Innerlich ist er in Wirklichkeit die 
Bekampfung des widerrechtlichen FUrsten dieser Welt, denn der wider- 
rechtliche Fiirst dieser Welt tritt dann auf, wenn man den Christus- 
Impuls oder das Geistige aufierlich nach Staatsprinzipien organisiert, 
wenn man die aufiere Organisation nicht bei der blofien sozialen Bru- 
derlichkeit lafit. 

Sie sehen, man tippt gar sehr an Dinge, die heute der Menschheit 
noch unbequem sind, wenn man an wichtigste, wesentlichste Fragen 
der Gegenwart tippt. Es ist aber notwendig, daft solche Dinge ein- 
gesehen werden, daft solche Dinge erkenntnismafiig durchdrungen 
werden. Denn nur dadurch, dafi man solche Dinge seiner Einsicht ein- 
verleibt, nur dadurch kann man herauskommen aus der gegenwar- 
tigen Katastrophe. Das mufi ich immer wieder und wiederum wieder- 
holen. Nur dadurch wird es moglich sein, mitzuarbeiten an der wirk- 
lichen Evolution der Menschheit, dafi man sich bekannt macht mit den 
Impulsen, die auf die Weise, wie wir es ja betrachtet haben, gefunden 
werden konnen. 

Als ich meine «Philosophie der Freiheit» hier vor acht Tagen be- 
sprochen habe, da habe ich versucht, Ihnen darzustellen, wie ich mit 
meinem Wirken eigentlich es dahin gebracht habe, iiberall heraus- 
lanciert zu werden. Sie erinnern sich wohl noch an dieses Heraus- 
lancieren auf den verschiedensten Gebieten. Ja, ich darf wohl sagen: 
Auch mit dem Goetheanismus darf ich mich von den verschiedensten 
Seiten her als herauslanciert betrachten, da, wo ich versucht habe in den 
letzten schweren Jahren, die Menschheit auf ihn hinzuweisen. Goethe- 
anismus ist ja nun wirklich nicht, dafi etwas uber Goethe gesagt wird, 
sondern Goetheanismus kann es auch sein, wenn man sich die Frage 
aufwirft: Was geschieht am besten irgendwo an irgendeiner Stelle der 
Welt, jetzt, wo alle Volker der Welt miteinander raufen? - Aber auch 
da fiihlte ich mich iiberall herauslanciert. Das sage ich nicht aus Pessi- 



mismus, denn dazu kenne ich die Konstitution des Karma viel zu gut. 
Das sage ich audi nicht, weil ich nicht morgen doch dasselbe machen 
wiirde, was idi gestern gemacht habe, wenn sich mir die Gelegenheit 
dazu bieten wiirde. Aber idi mufi es sagen, weil es notwendig ist, 
manches zur Kenntnis der Mensdiheit zu bringen, weil die Menschheit 
nur dadurdi, dafi sie in die Wirklidikeit hineinschaut, dazu kommen 
kann, ihrerseits selbst die Impulse zu finden, die dem gegenwartigen 
Zeitalter angemessen sind. 

Mufi es denn durchaus sein, dafi die Mensdien gar nidit dazu kom- 
men konnen, durdi das Regemadien desjenigen, was in ihren Herzen 
und ihren innersten Seelen sitzt, den Weg zu finden zum Lichte? Mufi 
es denn auf dem Wege des aufieren Zwanges sein? Mufi es denn auf 
dem Wege geschehen, dafi erst alles zusammenbricht, damit die Men- 
sdien anfangen zu denken? Soil man nicht diese Frage doch jeden Tag, 
jeden Tag aufs neue aufwerfen? Nicht verlange ich, dafi der einzelne 
dies oder jenes tut, denn ich weifi sehr gut, wie wenig man in der 
Gegenwart tun kann. Aber was notwendig ist, ist Einsicht zu haben, 
nicht immer dieses falsche Urteil und dieses Nichtbemiihen zu haben, 
in die Dinge hineinzuschauen, wie sie ihrer Wirklidikeit nach sind. 

Einen merkwiirdigen Eindruck hat mir eine Bemerkung gemacht, 
die ich heute morgen lesen konnte. Ich las in der «Frankfurter Zei- 
tung», also in einer deutschen Zeitung, die Betrachtung eines Mannes, 
den ich vor achtzehn, zwanzig Jahren gut gekannt habe, mit dem ich 
viele einzelne Dinge besprochen habe. Ich las in der «Frankfurter 
Zeitung» ein Feuilleton von ihm. Ich habe ihn seit sechzehn, achtzehn 
Jahren nicht mehr gesehen. Er ist Dichter und Dramatiker, seine Stucke 
sind aufgefiihrt worden. Paul Ernst heifit er; ich habe ihn seinerzeit 
einmal sehr gut kennengelernt. Heute las ich einen kleinen Artikel von 
ihm liber den sittlichen Mut, darinnen einen Satz - ja, es ist ja sehr 
schon, wenn einer heute einen solchen Satz schreibt, aber man mufi 
immer wieder und wiederum fragen: Mufi denn erst so etwas herein- 
brechen, wie es jetzt hereingebrochen ist, damit soldi ein Satz moglich 
geworden ist? - Da schreibt ein Urdeutscher, ein sehr gebildeter Deut- 
scher: Man hat immer bei uns behauptet, man hasse die Deutschen. Ich 
mochte wissen, sagte er, wer in aller Welt den deutschen Geist wirklich 



gehafit hat? Ja dodi, da erinnert er sich: In den letzten Jahren haben 
den deutschen Geist die Deutschen am allermeisten gehafit! 

Und vor alien Dingen, ein wirklicher innerer Hafi ist schon vor- 
handen in bezug auf den Goetheanismus. Aber das sage ich nicht, um 
nach irgendeiner Seite hin eine Kritik zu iiben, und schon gar nicht, 
um nach irgendeiner Seite hin - das sind Sie alle von mir nicht ge- 
wohnt - etwas Schones zu sagen, um etwa dem Wilson Konzessionen 
zu machen. Aber es macht einen wehmutigen Eindruck, wenn die Dinge 
nur unter Zwang kommen, wahrend sie wahrhaft heilsam doch nur 
sein konnen, wenn sie aus dem freien Menschen heraus kommen. Denn 
es ist audi heute schon notwendig, daft aus den freien Gedanken heraus 
diejenigen Dinge kommen, die Gegenstand der Freiheit sein miissen. 
Immer mufi ich es aber betonen: Nicht um Pessimismus zu erregen, 
sage ich diese Dinge, sondern um zu Ihren Seelen, zu Ihren Herzen zu 
sprechen, damit Sie wiederum zu anderen Seelen, zu anderen Herzen 
sprechen und versuchen, Einsicht zu erwecken, damit Urteil entsteht. 
Denn dasjenige, was am meisten ins Schlimme gekommen ist in der 
letzten Zeit, das ist ja das Urteil, das sich so triiben lafit iiber die ganze 
Welt hin unter der Anbetung von Autoritat. Wie ist die Welt heute 
froh - man mochte sagen, iiber den ganzen Erdkreis hin -, dafi sie 
einen Schulmeister als einen Gotzen anbeten kann; wie ist die Welt 
dariiber froh, dafi sie nicht selbst zu denken braucht! Das ist keine 
nationale Tugend oder Untugend, das ist etwas, was jetzt in der Welt 
liegt und was bekampft werden mufi dadurch, daft der Mensch ver- 
sucht, sich die Unterlage zu einem Urteil zu geben. Aber man kommt 
nicht zu einem Urteil, wenn man sich blofi - verzeihen Sie den harten 
Ausdruck - auf seine Hinterbeine stellt und unter alien Umstanden 
Urteile, Urteile fallt. Man braucht den Willen, einzudringen in die 
Wirklichkeit. Diejenigen Menschen, die heute oft die fiihrenden Men- 
schen sind, ich habe in anderem Zusammenhange hier gesagt: Es ist die 
Auslese der Schlechtesten, durch die besonderen Verhaltnisse der letz- 
ten Zeit herbeigefuhrt. - Dies mufi man durchschauen. Es kommt gar 
nicht darauf an, sich an Schlagworte: Demokratie, Sozialismus und so 
weiter zu klammern, sondern darauf kommt es an, dafi man die Wirk- 
lichkeiten hinter den Worten schaut. 



Das ist es, was einem schon einmal iiber die Seele und audi iiber die 
Lippen kommt in der Gegenwart, wo man so deutlich sieht, dafi die 
wenigen, die sich heute aufgeriittelt fiihlen, es audi nur unter Zwang 
tun, durdi den Zwang es dazu kommen lassen. Das ist es, was einem 
sagt: Auf das Urteil, auf die Einsicht kommt es an. - Einsicht bekommt 
man aber in die Volkerentwickelung nur, wenn man diese tieferen 
Zusammenhange ins Auge fafk. Da mufi man aber den Mut haben, sich 
zu sagen: All diejenige Wissenschaft iiber Volker und all dasjenige, was 
mitspricht in der sozialen Organisation, ohne diese Dinge zu wissen, 
ist inkompetent. - Diesen Mut mufi man aufbringen, und iiber diesen 
Mut, den man haben mull, habe ich eben audi einmal gern sprechen 
wollen. Ich habe heute lange genug gesprochen, aber es schien mir wich- 
tig, einmal tiefere europaische Impulse in unmittelbarem Zusammen- 
hange mit Impulsen der Gegenwart zu zeigen. 

Sie wissen ja, daft man jetzt sozusagen von heute auf morgen nicht 
weifi, wie lange man noch an einem Orte ist, dafi man heute zwangs- 
mafiig hierhin oder dorthin geschoben werden kann. Doch wie die 
Sachen audi kommen werden - vielleicht sprechen wir noch sehr lange 
hier miteinander, vielleicht kurze Zeit -, aber jedenfalls, wenn ich audi 
noch so bald abreisen sollte, der letzte Vortrag, den ich hier halte, ist 
der heutige nicht. Ich werde es einrichten, dafi ich von diesem Orte hier 
noch zu Ihnen sprechen kann. 



HINWEISE 



Textgrundlagen: Die Vortrage wurden von der Berufsstenographin Helene Finckh, die seit 
1916 im Auftrag Rudolf Steiners seine Vortrage mitschrieb, aufgenommen und in Klartext 
iibertragen. Dieser liegt dem Druck zugrunde. Die Original-Stenogramme sind erhalten 
und wurden fur einzelne fragliche Stellen bei der Bearbeitung zugezogen. 

Die Vortragstitel im Inhaltsverzeichnis sind nicht von Rudolf Steiner, sondern gehen 
auf die 1. Auflage (1942 durch Marie Steiner) zuriick. 

Dieser Band wurde fur die 3. Auflage neu durchgesehen und mit zusatzlichen Hinweisen 
versehen. 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Obersicht am SchluG des Bandes. 

Zu Seite 

9 in der vortgen Woche: Siehe «Die Polaritat von Dauer und Entwickelung im Menschen- 
leben. Die kosmische Vorgeschichte der Menschheit», GA Bibl.-Nr. 184. 

in meinem bffentlichen Vortrage in Zurich: Am 17. Oktober 1918, «Die Geschichte der 
Neuzeit im Lichte der geisteswissenschaftlichen Forschung». In «Die Erganzung 
heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie», GA Bibl.-Nr. 73. 

aus friiheren Vortrdgen uber dhnliche Tbemen: Siehe u.a. die Bande «Kosmische und 
menschliche Geschichte», GA Bibl.-Nrn. 17(M74b. 

14 der Papst nach Avignon verset^t wird: Philipp der Schone brachte es dahin, dafi die 
Kardinale einen franzosischen Bischof als Clemens V. zum Papste wahlten und da8 
dieser 1309 seinen Sitz zu Avignon aufschlug. 

der Tempelherren-Orden: Gegriindet 1119 in Akkon. Philipp IV., genannt der Schone, 
1285-1314, lieG die Templer im Oktober 1307 verhaften und Papst Clemens V. hob 
1312 den Orden auf. Der letzte GroBmeister, Jakob von Molay, wurde 1314 in Paris 
verbrannt. 

17 Henry Thomas Buckle, 1822-62, englischer Kulturhistoriker. «History of civilisation 
in England», 1857-61. 

Friedrich Rat^el, 1844-1904, Geograph und Volkerkundler. «Anthropogeographie» 
1882-91, «V6lkerkunde» 1886-88. 

18 die Jungfrau von Orleans: Jeanne d'Arc, 1412-31. 

19 Ernst von Wildenbruch, 1845-1909, Verfasser nationalhistorischer Dramen. 

20 Ottokar II. Pr^emysl, 1253-78 Konig von Bohmen, erwarb Osterreich und Steier- 
mark und erbte Kamten und Krain. Er fiel auf dem Marchfelde im Kampf gegen 
Konig Rudolf von Habsburg, der ihn dreimal vergebens zur Huldigung aufgefor- 
dert hatte. 



20 die Habsburgiscbe Macht: Die Grafen von Habsburg, seit Rudolf I., 1273-1308, 
deutsche Konige. Unter Karl V., Kaiser von 1519-56, Hohepvmkt der Habsbutgi- 
schen Macht durch das osterreichisch-spanische Weltreich. 

21 aus langdauernden Biirgerkriegen: Der Kampf der Roten Rose, Haus Lancaster, und der 
WeiBen Rose, Haus York, 

24 Jobann Hus, 1369-1415, lernte die Schriften Wiclifs kennen und predigte gegen die 
Miftstande der Kirche. Die Heilige Schrift erschien ihm als einzige Quelle des 
Glaubens. Von Papst Johannes XXIII. 1412 mit dem groBen Bann belegt. In der 
15. allgemeinen Sitzung des Konzils von Konstanz, zu dem er sich mit dem 
Geleitsbriefe des Konigs Sigmund eingefunden hatte, von den Vatern zum Feuer- 
tode verurteilt, erlitt er auf dem Scheiterhaufen den qualvollen Flammentod. 

Girolamo Savonarola, 1452-98, italienischer Reformator, Prior des Dominikanerklo- 
sters San Marco zu Florenz, griff das Papsttum und den heidnisch gearteten Huma- 
nismus an. Von Papst Alexander VI. in den Bann getan und dann als Kirchenfeind 
und Ketzer zum Tode verurteilt, wurde er stranguliert und dann verbrannt. 

Martin Luther, 1483-1546, deutscher Reformator, von Leo X. in den Bann getan. 

Johannes Calvin, 1509-64, Reformator in Genf. Der Calvinismus breitete sich vor 
allem in Frankreich, den Niederlanden und den angelsachsischen Landern aus. 

26 Karl der Kiihne, Herzog von Burgund 1467-77, bei Grandson und Murten 1476 von 
den Schweizern geschlagen, fiel bei Nancy. 

27 John Wiclif, um 1325-84, englischer Reformator, Professor der Universitat Oxford, 
griff das ganze System der mittelalterlichen Kirche scharf an, iibersetzte die Bibel 
ins Englische. 

Philipp II., 1527-98, Sohn Karls V., seit 1556 Konig. Unter ihm brach 1566 der 
Aufstand der Niederlande aus. 1588 die Vernichtung der Armada, die England 
niederwerfen sollte, das Philipp vom Papste als Lehen der Kirche zugesprochen 
erhalten hatte. 

28 Martinit% und Slawata, zwei kaiserliche Statthalter zu Prag; Fabricius der Geheim- 
schreiber. Der sog. Fenstersturz zu Prag gilt als Anfang des DreiBigjahrigen Krie- 
ges. 

29 Passat: Moglicherweise fehlerhafte Nachschrift: Der Passat weht von Ost nach West. 

31 Napoleon I. Bonaparte, 1769-1821, seit 1804 Kaiser. Napoleon hatte im Hafen von 
Boulogne eine riesige Transportflotte angesammelt, die eine Armee von 200 000 
Mann nach England bringen sollte. Diese «groBe Armee» war 1805 auf dem 
Festland im dritten Koalitionskrieg gegen RuBland und Osterreich siegreich, die 
vereinigte franzosisch-spanische Flotte aber wurde beim Vorgebirge Trafalgar von 
Nelson vernichtend geschlagen. 

KampJ um die Herrschaft in Amerika: Im Krieg von 1754—63 verlor Frankreich an 
England und Spanien seine Besitzungen in Amerika. Im Kriege von 1773-83 
machten sich die Vereinigten Staaten von England unabhangig. 

34 Jakob I., 1566-1625, Sohn der Maria Stuart, Konig von Schottland, ab 1603 auch 
Konig von England. 



37 Istvan ungarisch = Stephan. Stephan I, der Heilige, 997-1038 erster Konig von Ungarn. 
Papst Silvester II. verlieh ihm die Konigskrone, die « Stephan skrone», und den Titel 
«apostolischer K6nig». 

39 Ludwig XIV., 1638-1715, 1643 Konig, ab 1661 Selbstregent, «le roi soleil». 

bei einer anderen Gelegenheit: im Vortrag vom 2. Oktober 1916, in «Innere Entwik- 
kelungsimpulse der Menschheit. Goethe und die Krisis des 19. Jahrhunderts», GA 
Bibl.-Nr. 171. 

41 ich babe es schon einmal aujge^ahlt: im Vortrag vom 11. Januar 1918, ankniipfend an 
ein Wort Friedrich Schlegels, in «Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse - 
Alte Mythen und ihre Bedeutung», GA Bibl.-Nr. 180. 

42 Novalis' Seek in friiheren Verkorperungen: Von Rudolf Steiner oft dargestelk, zum 
Beispiel im Vortrag vom 2. Mai 1912 in «Der irdische und der kosmische Mensch», 
GA Bibl.-Nr. 133. 

44 Philipp der Schone: Philipp IV, aus dem Haus der Capetinger, 1285-1314. 

von einer anderen Seite her cbarakterisiert: in den Vortragen vom 25. September und 
2. Oktober 1916, in «Innere Entwickelungsimpulse der Menschheit. Goethe und die 
Krisis des 19. Jahrhunderts», GA Bibl.-Nr. 171. Siehe auch Hinweis zu S. 39. 

46 Entwickelung in sieben Zeitrdumen: Siehe Abschnitt III in «Die geistige Fuhrung des 
Menschen und der Menschheit», (1911), GA Bibl.-Nr. 15. 

47 Johannes Kepler, 1571-1630, einer der Begriinder der neuen Astronomic 

Ich bringe herbei: Wortlich'in der Ubertragung durch Max Caspar in « Johannes 
Kepler», Stuttgart: «Ich habe die goldenen GefaCe der Agypter geraubt, um meinem 
Gott daraus eine heilige Hiille einzurichten, weitab von den Grenzen Agyptens.» 

49 Richard Cobden, 1804-65, Vorkampfer des Manchestertums, Fiihrer der Gegner des 
Getreidezolls. 

John Bright, 1811-89, englischer Staatsmann, nach 1843 Haupt der Manchesterbe- 
wegung, des extremen wirtschaftlichen Liberalismus mit der Forderung nach freiem 
Handel und freier Konkurrenz, alle Eingriffe des Staates in die Wirtschaft verwer- 
fend. 

50 Ferdinand Lassalle, 1825-64, deutscher Gelehrter, Sozialist und Agitator, Begriinder 
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. 

Friedrich Engels, 1820-95, Mitverfasser des Kommunistischen Manifests. 

Karl Marx, 1818—83, Begriinder des wissenschaftlichen Sozialismus. Hauptwerk 
«Das Kapital». 

51 Gotthold Ephraim Lessing, 1729—81. 

53 Friedrich Schiller, 1756-1805. 

Heinrich Deinhardt, 1821—1879, Beitrage zur Wiirdigung Schillers. Briefe iiber die 
asthetische Erziehung des Menschen. Neu herausgegeben und eingeleitet von 
Dr. Gunther Wachsmuth, Stuttgart 1922. 

57 das Programm dieses Proletariats: Das Kommunistische Manifest von 1848, verfaBt 
von Karl Marx und Friedrich Engels. 



65 Jean Jacques Rousseau, 1712—78. 

Krieg %wiscben den Nord- und Siidstaaten: 1861—1865 

71 sacro egoismo: Der Ausdruck stammt von Antonio Salandra, italienischer Minister- 
prasident 1914-16. 

Giuseppe Garibaldi, 1807—82, kampfte seit 1856 fur die Einigung Italiens. 
Icb babe Ihnen gesagt: Im ersten Vortrag, siehe Seite 21 f. 

Konstantin Petrowitsch Pobjedonosyew , geb. 1821, Orthodoxer, zentralistischer Alt- 
Moskowite und dem Panslawismus zugeneigt, Erzieher der GroBfursten, hatte auf 
Zar Alexander III., der 1881-94 regierte, maBgebenden EinfluB. Von 1880-1905 war 
er Oberprokureur (Leiter) der heiligen Synode. 

73 Friedrich Jakob Soret, 1795-1865, tibersetzer der botanischen Schriften Goethes ins 
Franzosische. Erzieher des Erbprinzen Karl Alexander in Weimar. Das Gesprach 
mit Goethe fand am 2, August 1830 statt. Siehe Flodoard Frhr. von Biedermann, 
«Goethes Gesprache». 

Baron Georges Cuvier, 1769-1832, Zoologe und Anatom. 

Etienne Geoffroy Saint- Hilaire, 1772-1844, Zoologe. Er schrieb u.a. «Sur le principe 
de Tunite de composition organique», 1828. 

76 Icb babe einmal in einer Stadt Vortrage gehalten: In Colmar im ElsaB am 21 . November 
1905. Siehe «Briefwechsel und Dokumente 1901-1925» (GA 262). 

85 Friedensverhandlungen von Brest- Litowsk: Der FriedensschluB fand am 3. Marz 1918 
statt. 

86 Menscbewiki: Rechter Fliigel der Sozialdemokraten in RuBland, im Gegensatz zu der 
Mehrheitspartei der Bolschewiken, den Anhangern des extremen Kommunismus, 
die 1917 an die Macht gelangte. 

90 der Theologe und das Militar gehbren %usammen: Siehe Vortrag vom 6. September 1918 
in «Die Polaritat von Dauer und Entwickelung im Menschenleben. Die kosmische 
Vorgeschichte der Menschheit», GA Bibl.-Nr. 184. 

94 beim Erscheinen des Er^engels Michael als Zeitgeist: Siehe die Vortrage vom Oktober 
1917: «Die spirituellen Hintergrunde der auBeren Welt - Der Sturz der Geister der 
Finsternis», GA Bibl.-Nr. 177. 

dafl jene Machte: die Geister der Finsternis. Siehe den vorigen Hinweis. 

96 «Wie erlangt man Erkenntnisse der hbberen Welten?» (1904/05), GA Bibl.-Nr. 10. 

97 Oskar Hertmg, 1849-1922. «Das Werden der Organismen», Jena 1916. 

1 03 me icb es Ihnen dargestellt babe: Im Vortrag vom 1 1 . Oktober 1 91 8 in «Das Geschichts- 
leben der Menschheit» (siehe Hinweis zu S. 9), und vom 26. Dezember 1917 in 
«Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulsew, GA Bibl.-Nr. 180. 

104 von dem Mysterium des Bb'sen: Siehe die Vortrage vom 3. und 4. November 1917 und 
28. September 1918 in «Das Faust-Problem. Die romantische und die klassische 
Walpurgisnacht», GA Bibl.-Nr. 273, und die Vortrage vom 11. bis 13. Oktober 
1918. Siehe Hinweis zu S. 9; ferner den Vortrag vom 24. September 1916 in «Innere 
Entwickelungsimpulse der Menschheit. Goethe und die Krisis des 19. Jahrhun- 
derts», GA Bibl.-Nr. 171. 



105 vor jett(t fast ^wei Jahren: Siehe die Vortrage vom 15. und 30. Oktobcr 1916 in 
«Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts», GA Bibl.-Nr. 171, und die 
Vortrage vom 18., 19. und 26. November 1916 in «Das Karma des Berufes in 
Ankniipfung an Goethes Leben», GA Bibl.-Nr. 172. 

115 in den Vortrdgen dieses Herbstes: Siehe die Vortrage vom 31. August bis 2. September 
1918 in «Die Wissenschaft vom Werden des Menschen. Das Walten der kosmischen 
Vernunft im Sprachentstehen», GA Bibl.-Nr. 183. 

bet verschiedenen Anldssen: Zum Beispiel im offentlichen Vortrag vom 14. Marz 1918, 
Berlin, «Das geschichtliche Leben der Menschheit und seine Ratsel», in «Das Ewige 
in der Menschenseele. Unsterblichkeit und Freiheit», GA Bibl.-Nr. 67, und im 
Vortrag vom 30. Marz 1918 in «Erdensterben und Weltenleben. Anthroposophische 
Lebensgaben. BewuBtseinsnotwendigkeiten fur Gegenwart und Zukunft», GA 
Bibl.-Nr. 181, und in dem im Hinweis zu Seite 9 genannten Vortrag. 

Herman Grimm, 1828-1901, Kunsthistoriker. 

Woodrow Wilson, 1856-1924, der von 1912-20 Prasident der USA war. 

121 eine allgemeine Geschichtsbetrachtung: Vortrag in Zurich vom 17. Oktober 1918; siehe 
den Hinweis zu Seite 9. 

123 vor %wei fahren: Siehe den Hinweis zu Seite 105. 

Ernst Horneffer, geb. 1871, Nachfolger von Dr. Fritz Kogel als Herausgeber im 
Nietzsche- Archi v . 

125 «Die Philosophie der Freiheit» (1894), GA Bibl.-Nr. 4. 

126 meine Dissertation: «Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Riicksicht 
auf Fichtes Wissenschaftslehre. Prolegomena zur Verstandigung des philosophieren- 
den BewuBtseins mit sich selbst.» Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Dok- 
torwurde der Philosophischen Fakultat der Universitat Rostock vorgelegt. 1891. 

Pptblikatiomn auf dem Gebiete der Goetheschen Weltanschauung: Unter anderem: «Goethes 
Naturwissenschaftliche Schriften, mit Einleitungen und Anmerkungen», GA Bibl.- 
Nr. 1; «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, mit 
besonderer Riicksicht auf Schiller», (1886), GA Bibl.-Nr. 2; «Goethes Weltanschau- 
ung» (1897), GA Bibl.-Nr. 6. 

Sophie Luise, GrojSher^oging von Sachsen-Weimar, 1824—97, Gemahlin des GroBherzogs 
Karl Alexander, 1818-1901. Durch das Testament des Enkels Goethes, Walter von 
Goethe, gestorben 1885, war die GroBherzogin zur Erbin des Goetheschen Fami- 
lienarchivs bestimmt worden. 

127 Goetheanismus: Rudolf Steiner brauchte diesen Ausdruck schon 1884 in dem Aufsatz 
«Ein freier BHck in die Gegenwart», in «Methodische Grundlagen der Anthroposo- 
phie 1884-1 901 », GA Bibl.-Nr. 30. 

Franz Listy, 1811-86, wirkte von 1848-61 als Hofkapellmeister in Weimar. Durch 
Liszt wurde Weimar zu einem Zentrum der musikalischen Welt. 

Graf Leopold von Kalckreuth, 1855—1928, Landschafts- und Bildnismaler. Er war von 
1885-90 Professor an der Kunstschule in Weimar. 



127 Wilbelm Scherer, 1841-86, Germanist, Literarhistoriker. Er suchte in der literar- 
historischen Philologie die damaligen naturwissenschaftlichen Methoden nachzubil- 
den. Siehe Rudolf Steiner «Mein Lebensgang», Kapitel XIV. 

128 von jenem amerikanischen Professor: Calvin Thomas, Professor of Germanic Languages 
and Literatures an der Universitat von Michigan. 

Heinrich von Treitschke, 1834—96, Historiker. 

Richard StrauS, 1864-1949. Er war von 1889-95 Hofkapellmeister in Weimar. In 
diese Zek fallt die Komposition von Don Juan 1889, Macbeth, Till Eulenspiegel 
1890, Tod und Verklarung 1891. 

129 Woldemar Freiberr von Biedermann, 1817-1903. Er gab von 1889-96 «Goethes Gespra- 
che» in zehn Banden heraus. 

Grojber^pg Karl Alexander von Sachsen-Weimar, 1818-1901. 

Georg Kreu^wendedich Freiberr von Rheinbaben, 1855-1921, 1901-09 preuBischer 
Finanzminister, 1913-21 President der Goethe-Gesellschaft. 

132 «Erst die hierdurch gewonnenen Geset%e»: Aus dem IX. Kapitel «Die Idee der Freiheit». 
«Leben in der Liebe %ttm Handeln»: Ebenda. 

Wir miissen iiber Kant hinaus: wortlich: «Die Philosophic der Gegenwart leidet an 
einem ungesunden Kant-Glauben. Die vorliegende Schrift soil ein Beitrag zu seiner 
Uberwindung sein.» 

mein Aufsat^: «Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die zeitgenossische 
Erkenntnistheorie. Pers6nlich-Unpers6nliches,» Der Aufsatz erschien im Juli 1917 
in der Vierteljahresschrift «Das Reich», in Miinchen herausgegeben von Alexander 
Freiherr von Bernus. Rudolf Steiner hatte seine «Philosophie der Freiheit» 1894 
Eduard von Hartmann zugesandt und von ihm mit eingetragenen Bemerkungen und 
Einwendungen zuruckerhalten. Rudolf Steiner bespricht sie in dem genannten 
Aufsatz in «Philosophie und Anthroposophie 1904-1 91 8», GA Bibl.-Nr. 35. 

133 Eduard von Hartmann, 1842-1906. «Philosophie des UnbewuBten» 1869. 
der jett(t auf Seite 176 steht: In der 14. Auflage auf Seite 170. 

134 ein Mann in der Frankfurter Zeitung: Konnte noch nicht festgestellt werden. 
Niet^sche-Welle: Friedrich Nietzsche 1844-1900; seit 1889 krank. 

Harry Graf Kessler, 1868-1937. 

Niet^sches Schwester: Elisabeth Forster-Nietzsche, 1846-1935. 
Kurt Brejsig, 1866-1940, Geschichtsphilosoph. 
Horneffer: Siehe Hinweis zu S. 123. 

135 Benjamin R. Tucker, gab von 1881 an in Amerika eine Zeitschrift «Liberty. The 
Pioneer Organ of Anarchism» heraus im Sinne eines individualistischen Anar- 
chismus. 



135 John Henry Mackay, 1864-1933, mit Rudolf Steiner befreundet, bedeutender Kenner 
und Herausgeber Max Stirners. Er vertrat, im Gegensatz zum kommunistischen 
Anarchismus, einen «individualistischen Anarchismus». Sein Roman «Die Anarchi- 
sten» 1891 ist im Sinne dieser Lebensauffassung geschrieben. Rudolf Steiner erwahnt 
Tucker und Mackay in «Der Individualismus in der Philosophie», in «Methodische 
Grundlagen der Anthroposophie 1884— 19Q1», GA Bibl.-Nr. 30, und Mackay aus- 
fiihrlich in «Gesammelte Aufsatze zur Kulturgeschichte 1887-1 901 », GA Bibl.-Nr. 
31 und «Gesammelte Aufsatze zur Literatur 1 886-1 902», GA Bibl.-Nr. 32. 

«Das Maga^in fur Literatur»: 1832 begriindet von Joseph Lehmann. Herausgegeben 
von Otto Neumann-Hofer. Vom 1. Juli 1897 bis 6. Oktober 1900 war Rudolf Steiner 
Herausgeber und Redakteur. Siehe Kapitel XXIV «Mein Lebensgang» (1923-25), 
GA Bibl.-Nr. 28. 

136 Otto Neumann-Hofer, 1857-1941, Schriftsteller, 1891-97 Herausgeber des «Magazin 
fur Literatur», 1898-1904 Direktor des Lessing-Theaters in Berlin. 

137 Eitel Eigenlob stinkt: Wortlich: «Man sagt: <Eitles Eigenlob stinket). Das mag sein; 
was aber fremder und ungerechter Tadel fur einen Geruch habe, dafiir hat das 
Publikum keine Nase.» Goethe, «Spriiche in Prosa». 

der Dreyfus- Proofs': Siehe dazu Rudolf Steiner, «Gesammelte Aufsatze zur Kultur- 
und Zeitgeschichte 1887-1901*, GA Bibl.-Nr. 31. 

Emile Zola, 1840-1902. 

Alfred Dreyfus, 1859-1935, jiidischer Offizier im franzosischen Generalstab. 1894 
wegen angeblichen Landesverrats unschuldig verurteilt, 1906 freigesprochen. 

Ich hatte im «Maga%in»,..eine Mitteilung gemacht: in der Nummer vom 11. Dezember 
1897, «Die Instinkte der Franzosen» in «Gesammelte Aufsatze zur Kultur- und 
Zeitgeschichte 1887-1 901 », GA Bibl.-Nr. 31. 

sondern ich war auch eingetreten: in der Nummer vom 19. Februar 1898, «Emile Zola 
an die Jugend», und in den weiteren Aufsatzen «Zolas Schwur und die Wahrheit 
fiber Dreyfus», «Literatenklugheit und Teufelsinseb, «Dreyfus-Briefe», in «Gesam- 
melte Aufsatze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887— 1901», GA Bibl.-Nr. 31. 

138 Wilhelm Bb'lsche, 1861—1939, Verfasser zahlreicher popular-naturwissenschaftlicher 
Schriften wie «Das Liebesleben in der Natur», «Vom Bazillus zum AfTenmenschen», 
und so weiter. 

Otto Erich Hartkben, 1864-1905, Schriftsteller. Siehe «Mein Lebensgang», Kapitel 
XXIV. 

Artikel in der «Vossischen Zeitung»: Von Walter Harlan, «Der letzte Stadtbahnzug. 
Eine Erinnerung an Otto Erich Hartleben». 

Niet^sche-Affdre: Der Konflikt mit Frau Elisabeth Forster-Nietzsche. Siehe Rudolf 
Steiner, «Mein Lebensgang», Kapitel XVIII, und die Aufsatze Rudolf Steiners im 
«Magazin fur Literatur», 1900, sowie in «Die Gesellschaft», 1900, Heft 4, und in 
«Die Zukunft», 1900, Nr. 33 in «Gesammelte Aufsatze zur Kultur- und Zeitge- 
schichte 1887-1901», GA Bibl.-Nr. 31. 



139 Max Martersteig, 1853-1926, Theaterleiter und Schauspieler, Verfasser von «Das 
deutsche Theater im 1 9. Jahrhundert, eine kukurgeschichdiche Darstellung», Leip- 
zig 1904. 

Serenissimus-Anekdote: Serenissimus = «Der Durchlauchtigste» war am Ende des 19. 
Jahrhunderts die Witzfigur eines dummlichen deutschen Duodezfursten. Als Urbild 
gilt offenbar der GroBherzog Karl Alexander von Sachsen- Weimar, 1818-1901. 

Max Ha/be, 1865-1944, Dichter. Drama «Jugend», u.a. 

140 Max Ha/be, «Der Eroberer», Tragodie, Berlin 1899. Die Besprechung Rudolf 
Steiners in «Gesammelte Aufsatze zur Dramaturgie 1 889-1 900», GA Bibl.-Nr. 29. 

141 Berliner Arbeiterbildungsschule: Siehe «Mein Lebensgang», Kapitel XXV1H, und 
Johanna Mvicke/Alwin Alfred Rudolph, «Erinnerungen an Rudolf Steiner und seine 
Wirksamkeit an der Arbeiter-Bildungsschule in Berlin 1899 bis 1904» Basel. 

142 Siegfried Nacht, Pseudonym fur Arnold Roller. Eine Schrift von ihm, «Der General- 
streik und die soziale Revolution* erschien 1902 in deutscher Sprache in London. 

Wissenschaft von der Freiheit: Der erste Teil der «Philosophie der Freiheit» ist iiber- 
schrieben «Wissenschaft der Freiheit», der zweite «Die Wirklichkeit der Freiheit». 

143 Achtes bkumenisches Kon^il von Konstantinopel 869 dekretierte unter Papst Hadrian 
II. gegen Photius, daB der Mensch eine verniinftige und erkennende Seele habe, unam 
animam rationabilem et intellectualem, so daB von einem besonderen Geistprinzip 
im Menschen nicht mehr gesprochen werden durfte. Das Geistige wurde fortan nur 
mehr als Eigenschaft der Seele angesehen. 

tvie ich ge^eigt habe: Im Vortrag vom 25. Oktober 1918, siehe Seite 87. 

144 in der Berliner «Tbeosophischen Gesellschaft»: Siehe «Mein Lebensgang», Kapitel 
XXX. Der erste Vortrag, am 22. September 1900, war iiber Nietzsche, der zweite, 
am 29. September 1900, iiber «Goethes geheime OfFenbarung». Die darauffolgenden 
27 Vortrage im Winter 1900/1901 faBte Rudolf Steiner zum Buche «Die Mystik im 
Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» (1901), GA Bibl.-Nr. 7, zusammen. Uber 
alle diese Vorgange spricht Rudolf Steiner ausfuhrlich im Vortrag vom 1 1 . Oktober 
1915 in «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur 
Weltkultur», GA Bibl.-Nr. 254, und in «Die Geschichte und die Bedingungen der 
anthroposophischen Bewegung im Verhaltnis zur Anthroposophischen Gesell- 
schaft», GA BibL-Nr. 258. 

«Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhaltnis %ur modernen 
Weltanschauung», GA Bibl.-Nr. 7. 

Bertram Keightley, 1860-1949. Er war 1901 Generalsekretar der Indischen Sektion 
der «Theosophischen Gesellschaft» in Benares, zeitweilig auch Generalsekretar der 
Europaischen Sektion mit Sitz in London. 

G.R.S. Mead, 1863-1933, Verfasser von «Fragmente eines verschollenen Glaubens. 
KurzgefaBte Skizzen uber die Gnostiker, besonders wahrend der ersten zwei Jahr- 
hunderte», ins Deutsche iibersetzt von A. v. Ulrich, Berlin 1902. Mead ist spater aus 
der «Theosophischen Gesellschaft» ausgetreten im Zusammenhang mit dem Aus- 
schluB der Deutschen Sektion 1913. 



145 Ich hielt eine gan% kur^e Rede: Am 5. Juli 1902, iiber die Aufgaben der Landessek- 
tionen, besonders der Deutschen Sektion. 

die Entente cordiale: Zwischen England und Frankreich, vertraglich festgelegt 1904. 

Annie Besant, 1847-1933, wurde nach dem Tode des Prasident-Griinders H.S. Olcott 
1907 Prasidentin der «Theosophischen Gesellschaft». 

146 C. Jinarajadasa, geboren 1875, wurde 1953 President der «Theosophischen Gesell- 
schaft». 

149 Rosa Luxemburg, geb. 1870, 1919 erschossen, sozialistische Politikerin, mit Karl 
Liebknecht 1919 Fuhrerin des Spartakistenaufstandes. «Die Wissenschaft und die 
Arbeiter». 

Theodor Hert^ka, 1845-1924, Nationalokonom, war Schriftleiter der «Neuen Freien 
Presse» in Wien, schrieb «Freiland! ein soziales Zukunftsbild», 1890. 

Michael Fliirscheim, 1844-1912, Bodenreformer. 

151 in bffentlichen Vortrdgen: Erstmals in Basel am 18. Oktober 1917: «Ich mochte diese 
Weltanschauung (die Anthroposophie)... nach den Quellen, aus denen sie fur mich 
selber stammt, am liebsten Goetheanismus nennen, so wie ich den Bau in Dornach 
drauBen, der dieser Weltanschauung gewidmet ist, am liebsten Goetheanum nennen 
wiirde.» Der Vortrag ist vorgesehen fur GA Bibl.-Nr. 72. 

dieses Jahr haben sich einige unserer Freunde entschlossen: Am Tage dieses Vortrags (1. 
Nov. 1918) wurde der offizielle BeschluB gefaBt, den Namen Goetheanum zu 
wahlen. 

154 Robert Hamerling, 1830-89, osterreichischer Schriftsteller. 

158 Henri, Her^pg von Bordeaux, Graf von Chambord, 1820-1883, letzter mannlicher 
SproB des Hauses Bourbon und Erbe der Anspriiche desselben auf den Thron von 
Frankreich; von Jesuiten erzogen. Nach Napoleons III. Sturz erlieB er ein Manifest, 
worin er erklarte, daft Frankreich nur unter dem weifien Lilienbanner gedeihen 
konne. Er starb zu Frohsdorf. 

Liguorianer: Der Stifter der Ordenskongregation der Liguorianer oder Redemptori- 
sten ist Alfonso Maria de Liguori, 1696-1787, der diese «Genossenschaft des 
Heiligsten Erlosers — del S. Redentore — zum Dienste der armsten und verlassensten 
Seelen» 1732 stiftete als Verein von Missionspriestern, besonders zur Belehrung des 
unwissenden Landvolkes. 

159 Goetheanismus: Siehe den Hinweis zu Seite 127. 

163 Kronprin% Rudolf, 1858—1889, Sohn Kaiser Franz Josephs und Thronfolger. Die 
Motive seines Selbstmordes in Mayerling bei Wien wurden nie voll aufgeklart. 

1 64 Johann Gottfried von Herder, 1 744-1 803 . 

Karl von Linne, 1707-78, schwedischer Naturforscher. 
Baruch Spinoza, 1632—77. 



165 William Shakespeare, 1564-1616. 



165 nach Goethes eigenem Bekenntnis: In «Geschichte meines botanischen Studiums», 1817, 
1831 : «. . . vorlaufig aber will ich bekennen, daB nach Shakespeare und Spinoza auf mich 
die groBte Wirkung von Linne ausgegangen, und zwar gerade durch den Widerstreit, 
zu welchem er mich aufforderte.» 

166 Gustav Stresemann, 1878-1929, Politiker, grundete die (liberale) Deutsche Volkspar- 
tei, nachdem er wahrend der Kaiserzeit konservativ und deutschnational eingestellt 
gewesen war. 

167 Karl Julius Scbroer, 1825—1900, Dichter, Mundartforscher und Literarhistoriker, 
geboren in PreBburg. 1849-52 Professor an der Universitat zu Pest, 1852-61 Profes- 
sor an der Oberrealschule in PreBburg, darauf Direktor der Wiener Evangelischen 
Schulen, von 1867—95 Professor an der Technischen Hochschule in Wien. «Gedich- 
te», «Geschichte der deutschen Literatur fur Schule und Haus» 1853, «Deutsche 
Weihnachtsspiele aus Ungarn» 1858, «Die deutsche Dichtung des 19. Jahrhunderts» 
1875, «Goethes auBeire Erscheinung» 1877, «Goethes Faust», mit Einleitung und 
Erklarung, 2 Bande, 2. Auflage 1886 f., «Goethe und die Liebe» 1884, «Goethes 
Dramen», 6 Bande, in Kurschners «Deutsche National-Literatur», «Darstellung der 
deutschen Mundarten des ungrischen Berglandes» 1864, «W6rterbuch der Mundart 
von Gottschee» 1870, «Die Deutschen in Osterreich und ihre Bedeutung» 1879, 
«Unterrichtsfragen» 1873, u.a.m. Rudolf Steiner hat ihm eine ausfiihrliche Wiir- 
digung zuteil werden lassen in «Vom Menschenratsel» im Kapitel «Bilder aus dem 
Gedankenleben Osterreichs». 

das schone Buch von Herman Grimm: «Goethe», 1876. Es enthalt die 25 Vorlesungen, 
die Herman Grimm iiber Goethe und seine Zeit an der Universitat Berlin 1874 und 
1875 gehalten hat. 

169 urn sein eigenes Wort gebrauchen: In «Winckelmann und sein Jahrhundert», Kapitel 
«Antikes». 

171 in meinem Buche «Goethes Weltanschauung», GA Bibl.-Nr. 6. 

172 den Vortrag in Basel: Am 31. Oktober 1918, «Die Rechtfertigung der iibersinnlichen 
Erkenntnis durch die Naturwissenschaft», vorgesehen fur GA Bibl.-Nr. 72. 

einen gewesenen Finan^minister: Siehe den Hinweis zu Seite 129. 

173 Rudolf Eucken, 1846-1929, neuidealistischer Philosoph. 
Henri Bergson, 1859—1941, franzosischer Philosoph. 

177 rationalisieren: Das Stenogramm ist an dieser Stelle undeutlich. Korrektur sinngemaB. 

178 mit dem Weltenschulmeister: Woodrow Wilson. 

184 Nikolaus I., Papst von 858-867, sprach 863 iiber Photius, der seit 857 Patriarch von 
Konstantinopel war, Bann und Absetzung aus und veranlaBte dadurch die Trennung 
der griechisch-morgenlandischen von der romisch-abendlandischen Kirche. 

185 Wladimir Solowjew, 1853-1900, russischer Philosoph. 
187 Johann Hus: Siehe Hinweise zu Seite 24. 

John WicliJ: Siehe Hinweise zu Seite 27. 
Martin Luther: Siehe Hinweis zu Seite 24. 



187 Ulrich Zwingli, 1484-1531, Schweizer Reformator, seit 1519 in Zurich, Abendmahls- 
streit mit Luther in Marburg 1529; fiel bei Kappel. 

Johannes Calvin: Siehe Hinweis zu Seite 24. 

1 88 die Wiedertdufer: Religiose Bewegung in der Reformationszeit mit Erwachsenentaufe. 
Kaspar von Schwenckfeld, 1489-1561, evangelischer Mystiker und Sektierer. 
Sebastian Franck, 1499-1543, Mystiker; «Unsichtbare Kirche des Geistes». 

189 einstmals in Karlsruhe: In den elf Vortragen «Von Jesus zu Christus» vom 4.-14. 
Oktober 1911, GA Bibl.-Nr. 131. 

Ignatius von Loyola, um 1491-1556, eigentlich Inigo Lopez de Recalde, stiftete 1543 
die Gesellschaft Jesu, deren erster General er war. 

190 unter den geist lichen Ubungen: Siehe das «Exerzitienbuch des hi. Ignatius von Loyola», 
erklart und in Betrachtungen vorgelegt von Moritz Meschler S.J. Herausgegeben 
von Walter Sierp S.J. Erster Teil, Text und Erklarung des Exerzitienbuches. 

196 Jesuitenpater Baumgartner: Alexander Baumgartner, S.J., «Goethe, sein Leben und 
seine Werke», Freiburg i.B. 1885-1886. 

Der Englander Lewes: George Henry Lewes, 1817—1878, «Life of Goethe», London 
1855, deutsch von Frese, 15. Auflage von Geiger, Stuttgart 1886. 

199 auf die ich schon in anderem Zusammenkang hingewiesen habe: im Vortrag vom 27. Dezem- 
ber 1914 in «Okkultes Lesen und okkultes H6ren», GA Bibl.-Nr. 156. 

202 Alexandrien: In der Nachschrift und in den Vorauflagen stand Antiochien; Verspre- 
chen oder Horfehler des Stenographen. 

Arius, Presbyter aus Alexandria, starb 336 zu Konstantinopel. Am langsten erhielt 
sich der Arianismus unter den Germanen, denen er durch Ulfilas, den Apostel der 
Westgoten, gebracht worden war. 

Athanasius, um 300—373, der «Vater der Orthodoxie», Kirchenvater zu Alexandria. 
Ulfilas, Wulfila, Wolflein, 310-383, der Bischof der Goten. 

203 Chlodwig (Ludwig) I., 466-511, begriindete 486 das frankische Reich durch seinen 
Sieg bei Soissons fiber Syagrius, trat 496 zum Christentum fiber und besiegte die 
Alemannen, 507 die Westgoten. 

Karl der Grofie, 742-814, seit 768 K6nig der Franken, unterwarf die Sachsen, 
Langobarden und Bayern, erneuerte 800 das Romische Kaisertum. 

206 Heliand, altsachsische Form fur Heiland. Diese Evangelien-Harmonie ist in alliterie- 
renden Versen abgefaBt, zwischen 825 und 835, vielleicht auf GeheiB Ludwigs des 
Frommen. Siehe Rudolf Steiner, «Der Baldur-Mythos und das Karfreitag- 
Mysterium», zwei Vortrage vom 2. und 3. April 1915, in «Wege der geistigen 
Erkenntnis und der Erneuerung kfinstlerischer Weltanschauung», GA Bibl.-Nr. 
161. 



21 1 Edward Herbert, Lord Herbert of Cherbury, 1581—1648, der Begrunder des englischen 
Deismus. Er schrieb u.a. «De veritate, prout distinguitur a revelatione, a verisimili, 
a possibili et a falso». Ohne einer iibernaturlichen Offenbarung zu bediirfen — 
obgleich es daneben auch eine geoffenbarte Religion geben konne — , leitet er aus den 
allgemeinen Ausspriichen der Vernunft die natiirliche Religion ab. Seine Nachfolger 
waren die englischen Deisten und Naturalisten: Charles Blount, Clarke, selbst Locke 
und Toland. 

212 Thomas Hobbes, 1588—1679, englischer Philosoph und Publizist. 

John Locke, 1632—1704, englischer Philosoph. Er verfaBte auch eine Abhandlung 
iiber die VernunftmaBigkeit des Christentums: «The reasonableness of Christianity)), 
1695. 

Matthew Tindal, 1657-1733, englischer Deist. Er faBte die Heilige Schrift als Urkun- 
de der natiirlichen Religion auf, so daB ihm die Kirche eine Staatseinrichtung war. 
Seine Schrift «Christianity as old as the creation or the gospel a republication of the 
religion of nature», London 1730, ist eine der Hauptschriften des Deismus. 

214 Adolf von Harnack, 1851-1930, evangelischer liberaler Kirchenhistoriker. «Wesen 
des Christentums», 1900. 

219 Bakuninismus: Michael Alexander Bakunin, 1814-1876, russischer Revolutionar. 
Infolge seiner radikalen anarchistischen Richtung iiberwarf er sich mit Marx und 
Engels. 

Marxismus, Lassallismus: Siehe Hinweise zu S. 50. 

224 Zarismus: In den Vorauflagen stand «Papsttum». Stenogramm unleserlich. Korrek- 
tur sinngemaB. 

225 Luther ist so recht em Geist: siehe die Vortrage vom 11. und 18. September 1917 in 
«Menschliche und menschheitliche Entwickelungswahrheiten - Das Karma des 
Materialismus», GA Bibl.-Nr. 176. 

227 der Altkatholisgsmus: Altkatholiken nennen sich diejenigen Katholiken in Deutsch- 
land, Osterreich und der Schweiz, die sich dem Dogma von der Unfehlbarkeit 
(Infallibilitat) des Papstes, das auf dem Vatikanischen Konzil am 18. Juli 1870 unter 
Pius IX. proklamiert worden war, nicht unterworfen haben. Begriindet 1870 von 
Ignaz von Dollinger, katholischer Theologe und Historiker. 

229 Paul Ernst, 1866-1933, neuklassizistischer Dichter. 

230 einen Schulmeister als einen Gotten anbeten: Woodrow Wilson, der 1918 als Friedenspro- 
gramm die Vierzehn Punkte aufstellte. 



ausfOhrliche inhaltsangaben 



Erster Vortrag, Dornach, 18. Oktober 1918 

Das Heraufkommen des BewuBtseins-Impulses 

Symptomatologie: Das wahre Wirkliche hinter den auBeren 
Ereignissen. Am wichtigsten die Umschwiinge, die groBen 
Wendepunkte. Universalimpuls im Mittelalter: der romische 
Katholizismus. Seine Ausbreitung bei dauerndem Zusammenprallen 
mit dem romisch-germanischen Imperium. Symptomatischer Wen- 
depunkt: Ubersiedelung des Papstes nach Avignon 1309. Der Orden 
der Tempelherren, sein Zusammenhang mit dem Christentum und den 
Papsten. Anderes Symptom: Die Mongolenwanderungen. Aus dem 
Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Macht entstand ein 
Einheitsreich, das sich spater in zwei teilte: Frankreich und England. 
Wendepunkt: Die Erscheinung der Jungfrau von Orleans, zusammen 
mit dem ersten Auftreten nationaler Impulse. Gleichzeitig beginnende 
Auseinandersetzung zwischen Mittel- und Osteuropa. Aufsteigen des 
Hauses Habsburg. Es bilden sich Stadte mit eigener Gesinnung. In 
England Parlamentarismus: Impulse der BewuBtseinsseele. Allmah- 
Hche Herausbildung dessen, was spater russisches Reich wird. In 
England mehr nationale Nuance, in Frankreich mehr Personlichkeits- 
element. Letzteres fiihrt zur Revolution, ersteres zum Liberalismus. 
Impuls der BewuBtseinsseele in England: Jakob I. 

Zweiter Vortrag, 19. Oktober 1918 

Zur Symptomatologie der neueren Zeit 

England und Frankreich. In letzterem auf nationaler Grundlage 
Erstarkung des Staatsgedankens. Hochster Glanz und zugleich Beginn 
des Abstiegs: Ludwig XIV. Franzosische Revolution: Emanzipation 
der Personlichkeit. MiBverstandene Parole «Freihek, Gleichheit, 
Bruderlichkeit» bewirkt Verwirrung. Franzosische Revolution: Seele 
ohne Leib; Napoleon: Leib ohne Seele. Freimaurertum holt Impulse 
des agyptisch-chaldaischen Zeitraums in die BewuBtseinsseele. Zwei 
Stromungen der neueren Geschichte: Freiheit, Gleichheit und Brii- 
derlichkeit auf der einen Seite; das Bestreben einzelner Individuali- 
taten, die Entwicklung fur ihre Zwecke zu benutzen auf der anderen. 
Der Sozialismus: drei charakteristische Elemente: Theorie des Klassen- 
kampfs, volkswirtschaftliche Anschauung des Mehrwerts, materialisti- 
sche Geschichtsauffassung. Der Sozialismus tendiert zum Internatio- 
nalen. Neuzeitliches geschichtliches Symptom: Es werden Tatsachen 
geschaffen, die unlosbare Probleme stellen. 



Drifter Vortrag, 20. Oktober 1918 

Charakteristische Seken neuzeitlicher Geschichtssymptome 

Das Maschinenzeitalter. Wichtigkeit der Kolonisationsbestrebungen 
fur den BewuBtseinszeitraum: althergebrachte Differenzierungen 
zwischen den Menschen werden durch den Impuls der BewuBtseins- 
seele aufgehoben. Unterschied zwischen der Naturbeobachtung und 
dem Erkennen durch das Experiment. Umsetzung des Experimentes 
in die soziale Ordnung: Technik. Technik stellt Totes in das moderne 
Leben. Der Mensch kann durch den Gegenschlag die BewuBtseinsseele 
entwickeln. Parlamentarismus endet mit der Ausloschung der 
Personlichkeit. MaBgebend fur das jetzige Zekalter: Geheimnis von 
Geburt und Tod. Das todbringende Element in der russischen 
Geschichte, weil dort Keime zur Entwicklung des Geistselbstes liegen. 
Sinn des BewuBtseinszeitalters: Aufstieg zu iibersinnlichen Impulsen. 
U.a. muB die Medizin den Weg find en zur Symptomatologie nach 
auBen, nach den kosmischen Zusammenhangen hin. 

Vierter Vortrag, 25. Oktober 1918 

Die historische Bedeutung der naturwissenschaftlichen Denk- 
weise als Symptom 

Unterschied zwischen Natur-Beobachtung und -Forschung durch das 
Experiment. Betrachtung historischer Tatsachen als bildhafte 
Offenbarungen der hinter ihnen liegenden wahren Wirklichkeit fiihrt 
in ein ubersinnliches Element. Russische Revolution: Symptom fur das 
Wirksamwerden neuer Ideen. Jedoch Ideenlosigkeit der Fuhrenden. 
Druck- und Saugproblem. Proletariat bringt sinnenfallige Impulse in 
die Menschheitsentwicklung, sieht das Weltgebaude als groBe 
Maschine an und will auch die soziale Ordnung nach deren Muster 
gestalten. Proletariat hat Interesse fur Weltanschauungsfragen. 
BewuBtseinsseelen-Zeitalter: Absonderung des einen vom anderen. 
Fur die Zukunft reges Interesse von Mensch zu Mensch notwendig. 
Geburt nur erkennbar durch Befruchtung von seken der neuen 
Offenbarung; Tod durch alles, was man schafft. In das soziale Leben 
muB heute bewuBt Geburt und Tod verwoben werden. Im 5. Zeitalter 
entwickelt sich das Bose im Menschen innerlich, im 6. Zeitraum wird 
es nach auBen strahlen. 

Funfter Vortrag, 26. Oktober 1918 

Das ubersinnliche Element in der Geschichtsbetrachtung 

Zusammenhang des Mysteriums des Bosen mit dem des Todes und 
dem Mysterium von Golgatha. Aufgabe der im Weltenall wirkenden 
Krafte, die dem Menschen den Tod bringen: den Menschen mit der 



Fahigkeit der BewuBtseinsseele zu begaben. Die Krafte des Bosen im 
Weltenall bewirken nicht die bosen Handlungen der Menschen; diese 
sind nur Nebenwirkung. Im menschlichen UnterbewuBtsein sind diese 
Krafte vorhanden als Neigung zum Bosen, sie ergreifen nur einen Teil 
des menschlichen Wesens. Gegenseitiges Interesse der Menschen 
fureinander muB auf vier Wegen gefordert werden: 1. Erziehung muB 
aus dem Kunstlerischen entwickelt werden; dadurch innerliches 
Erlebnis im Warmeather. 2. Entwicklung der Fahigkeit, durch die 
Sprache am anderen Menschen dessen Beziehung zur Hierarchie zu 
erfassen. Wenn es gelingt, in der Sprache die Gebarde zu ergreifen, 
wird durch die Sprache die Seek des Menschen gehort werden; 
dadurch wird ein Farbengefuhl ausgelost werden. 3. wird der Mensch 
in Zukunft die Gefuhlskonfiguration des anderen in sich, in seinem 
Atem erleben. 4. werden die Menschen auf dem Gebiete des Wollens 
lernen miissen, einander zu «verdauen». Was jetzt als das Bose 
erscheint, ist eine Nebenwirkung dessen, was in solcher Weise in die 
Entwicklung der Menschheit eingreifen muB. 

Sechster Vortrag, 27. Oktober 1918 

Episodische Betrachtung 2um Erscheinen der Neu-Auflage der 
«Philosophie der Freiheit» 

Durch Erfassung des menschlichen Innersten als etwas Kosmischem 
ist es moglich, zu einer Philosophic der Freiheit zu kommen. Im 
auBeren Leben muB die Freiheit wirklicher Impuls des menschlichen 
Handelns, des sozialen Lebens werden. Letztes Ziel des Menschen- 
Individualismus: der freie Geist. Durch die Erhebung zu Intuitionen 
konnen bose Neigungen in das Gute, in das fur die BewuBtseinsseele 
Menschenwurdige umgewandelt werden. Durch das gegenseitige Ver- 
haltnis der Menschen im sozialen Leben muB die Freiheit als Impuls 
dieses Lebens realisiert werden konnen. Wissenschaft der Freiheit und 
Wirklichkeit der Freiheit fuhren zum ethischen Individualismus. Der 
Versuch Rudolf Steiners, Zukunftsideen durch das «Magazin fur 
Literatur» in die Welt einflieBen zu lassen, scheiterte. Eine andere 
Tribune ergab sich bei der sozialistischen Arbeiterschaft. Ihr Sozia- 
lismus war aber dem Glauben an die Unfehlbarkeit der materialisti- 
schen Wissenschaft verfallen; ein Freiheitsimpuls hatte dort keinen 
Platz. Dann der Versuch mit der Theosophischen Gesellschaft. Baut 
sich der ethische Individualismus auf der Einsicht auf, geistigen Intui- 
tionen gegenuberzustehen, so erfaBt er in sich das freie Denken und 
ergreift die kosmischen Impulse durch das menschliche Innere. 



Sieb enter Vortrag, 1. November 1918 151 

Episodische Betrachtungen anlaBlich der neuen Auflage von 
Rudolf Steiners Schrift «Goethes Weltanschauung» 

Zur Wahl des Namens «Goetheanum» fur den Dornacher Bau. 
«Deutsch sein» im Deutschen Reich und «Deutsch sein» in Osterreich. 
Erfassung des Goetheanismus auf der Grundlage einer naturwissen- 
schaftlichen Gesinnung. Der Goetheanismus kann nicht popular 
werden, obgleich er aus den Impulsen des 5. nachatlantischen Zeit- 
raums herauskristallisiert ist. Der Goetheanismus ist eine der bedeut- 
samsten Krafte unserer Zeit und hatte die katastrophalen Ereignisse 
von heute abwenden konnen, wenn er verstanden worden ware. Es ist 
wichtig, das, was mit den bedeutsamsten Impulsen unserer Zeit zu tun 
haben will, Goetheanum zu nennen. Goethes intuitive Natur- 
anschauung fiihrt zur Kunst; den Menschen stellt er in das ganze Wel- 
tenall als dessen Bliite und Frucht; des Menschen Seele gibt fur ihn den 
Schauplatz ab, auf dem sich der Geist der Natur selber anschaut. 
Goethe ist die «universitas liberarum scientiarum», wahrend das 
Universitatswesen die modernsten Impulse des Erkennens verschlaft. 
Goetheanismus bereitet den Boden vor fur die Aufnahme der Geistes- 
wissenschaft. 



Achter Vortrag, 2. November 1918 179 

Religionsgeschichtliche Impulse des 5. nachatlantischen 
Zeitraums 

Kreuzung dreier Evolutionsstromungen in jedem Menschen. Das 
allmahliche Zuriicktreten der korperlichen Entwicklungsfahigkeit des 
Menschen ergibt die eine, in welcher jetzt die Menschheit als ein 
Ganzes die Empfindungsseele zur Entwicklung bringt. Eine zweite 
Evolutionsstromung ist jene, in welcher der Einzelmensch die 
BewuBtseinsseele entwickelt. Und eine dritte ist jene, welche die 
einzelnen Volkselemente iiber die Erde hin in Entwicklung zeigt. In 
die Seele jedes Menschen greifen diese drei Stromungen ein. 
Differenzierungen des in der Zeit fortwirkenden Christus-Impulses. 
Christusvolk. Kirchenvolk. Auflehnung gegen die romisch- 
katholische Kirche am Beginn des 15. Jahrhunderts. Dem Romanismus 
kommt der Jesuitismus zu Hilfe. Polarische Gegensatzlichkeit zum 
Jesuitismus im Goetheanismus. 



Neunter Vortrag, 3. November 1918 

Der Zusammenhang tieferer europaischer Impulse mit den 
Impulsen der Gegenwart 

Wifkungen drei parallelgehender Evolutionsstromungen: der volks- 
tiimlichen, der bewuBtseinsseelenhaft-individuellen, der allgemein 
menschlich-empfindungsmaBigen. Das Wirken des Christus-Impulses 
auf seinen drei Stufen: im ethnischen Element, dann im Individuum 
durch die BewuBtseinsseele; drittens innerhalb des Entwicklungsalters 
der ganzen Menschheit, in der Empfindungsseele. In Goethes 
Gesinnung wirkt dem Christus-Impuls gegeniiber die BewuBtseins- 
seele. Gralsstimmung im «Wilhelm Meister» (Bildergalerie). Im 
Arianismus und Athanasianismus eine erste, volksmaBige Differen- 
zierung. Der Arianismus setzte sich im Russizismus fort. Weltlicher 
Impuls des Keltenvolkes: organisierendes, aristokratisches Element 
(Fiihrer und Unterfuhrer, Konig Artus und seine Tafelrunde); er lieB 
das Logenvolk entstehen, das den Athanasianismus aufnahm, aber 
durch die Ablahmung des Christus-Impulses zum Theismus, zur Auf- 
klarung fiihrte. Die Gralsstromung, die auch im Russizismus vor- 
handen ist, stellt die Verbindung her zwischen dem Intimsten der 
BewuBtseinsseele und den spirituellen Welten. Das Zusammenwirken 
dieser Elemente mit dem, was in der Entwicklung aller Menschen liegt, 
der unbewuBteren Empfindungsseelen-Evolution, rumort im Unterbe- 
wuBtsein, tendiert zum Sozialismus und lebt sich tumultuarisch aus. Es 
ist das internationale zukunfttrachtige Element, das sich verbinden 
muB mit einer richtigen Empfindung fur das ganze Wesen des 
Menschen. Im Individualismus, der im Goetheanismus liegt und der 
nur in einer Philosophic der Freiheit gipfeln kann, liegt der Keim eines 
richtig verstandenen Sozialismus. Bedingungen einer gesunden 
Entwicklung der sozialistischen Bewegung: es muB mit ihr parallel 
gehen, neben der Bniderlichkeit in der sozialen Struktur, die Freiheit 
des religiosen Denkens und die Gleichheit auf dem Gebiete der 
Erkenntnis. 



OBER die vortragsnachschriften 



Aus Rudolf Steiners Autobiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und ver- 
kauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophi- 
schen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei 
den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - 
wegen mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir 
ware es am liebsten gewesen, wenn miindlich gesprochenes Wort miind- 
lich gesprochenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den 
Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, 
die Dinge zu korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung 
«Nur fur Mitglieder* nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr 
als einem Jahre ja fallen gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in 
das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewulksein der gegenwartigen Zeit verfolgen 
will, der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. 
In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkennt- 
nisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in 
«geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der An- 
throposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - 
wurde. 

Neben diese Forderung, die « Anthroposophie* aufzubauen und da- 
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der 
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat, 
trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der 
Mitgliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich of- 
fenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt zu ho- 



ren, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in 
Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur 
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo- 
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge- 
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser 
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein 
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die 
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an be- 
stimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, 
in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. 
Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir 
rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesell- 
schaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitglied- 
schaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da 
hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von 
irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mit- 
gliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann 
sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen 
hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach die- 
ser Richtung zu drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen 
werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es 
wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht 
nachgesefienen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inbalt eines solchen Privatdruckes wird ja aller- 
dings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als 
Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermei- 
sten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des 
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie 
dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in 
den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.